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Full text of "Kalewipoeg; eine estnische Sage;"

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52. 7 
a272 











Zulewipoeg, 
ine: Efnifde Sagt, 


F. Artatſwald, 


verdeutſcht von 


— — | . 
€. Reinthal und Dr. Bertram, 


Heraudgegeben bon 


der gelehrten Eftnifchen Geſellſchaft 
in Dorpa t. 


—— RE —— — 


&; ; 
Dorpat, I86T. 
Drud von Heinrich Laakmann. 


4 
Pe . 


272 52. 7 


Der Drud wird unter ber Bedingung geftattet, daß nad) Beendigung 
deffeiben der Abgetheilten Cenſur in Dorpat bie vorſchriſtmäßige Anzahl Exem⸗ 
plare zugeftellt werbe. 

Dorpat d. 1. Auguſt 181. 

(Nr. 75). Für den Abgethellten Emfor : Lector Midwitz. 


Borwort. 


J. gelehrte Eſtniſche Geſellſchaft zu Dorpat, die es ſich 
nach ihren Statuten zur Aufgabe gemacht hat, „die Kenntniß der 
Vorzeit und Gegenwart des Eſtniſchen Volkes, ſeiner Sprache und 
Literatur zu fördern”, mußte unter den Gegenſtänden, die ſich 
ihrer Unterfuhung darboten, die Sagen und Lieder der Eſten 
mit befonderem Intereſſe betrachten, da fie das einzige felbft- 
erzeugte xedende Denkmal der Bergangenheit dieſes Volkes 
bilden, deſſen Befreiung aus feiner früheren Leibeigenſchaft 
nichts weniger als günftig zu fein feheint, diefen einft fo blühen, 
den Zweig feiner geiſtigen Productivität, nachdem er Jahrhun⸗ 
derte hindurch mit feinen unbekannten Erzeugern und Pflegern in 
tauchgefchwärzten Hütten ſich frifch erhalten und manchen neuen 
Trieb entwidelt hatte, anzuerkennen und weiterzufördern. Wir 
fönnen in dieſem Verfall der Volkspoeſie Feinen Zortichritt auf 
der Bahn naturgemäßer Entwidelung erbliden, fondern müffen 
ihn entfchieden als einen Rüdfchritt auf derfelben anfehen. Unter 
den mannichfachen Urfachen, die, wie anderwärts gezeigt worden, 
hier lähmend eingewirft haben, verdient befonders hervorgehoben 
zu werden das eitrige Streben unferer Nationalen nach Deutfcher 
Bildung, ein Streben, das fie gegen alles Nationälgefühl voll⸗ 
kommen abgeftumpft zu haben ſcheint. Der Efte hat wie der 
Rabe in der bekannten Zabel fein eigenes glänzend ſchwarzes 
Gefieder ausgerupft und ftolzirt mit fremden bunten Federn ein- 
ber, ohne auch nur eine Ahnung zu haben von der läcdherlichen 
Gimpelhaftigkeit, die er vor aller Welt zur Schau trägt, indem 
er fein koſtbares Eigenthum in aberwigiger Verblendung für nichts 
achtet und das Fremde, bloß weil es fremd ift, für allein fchön 
und preiswürdig hält. Die abfurdeften Machwerfe verdentichter 
Eften, in einer Sprache gefchrieben, die fih in den lächerlichften 

BR 


1V 


naturwidrigen Verrenkungen der eigenen ſchoͤnen Formen gefällt, 
überſchwemmen ſchon ſeit geraumer Zeit den Markt der Eſtniſchen 
Literatur und werden von dem Volke begierig verſchlungen, wenn 
fie nur die lockende Firma „aus dem Deutſchen überſetzt⸗ auf 
dem Aushängefchilde führen. Unter diefen Umftänden wurde es 
aber zugleich dringende Pflicht der gelehrten Eftnifchen Geſellſchaft, 
die vorhandenen Weberbleibfel der nationalen Poeſie der Eften zu 
jammeln und bevor das Völlchen felbft, von zwei mächtigen Polen 
angezogen, völlig abforbirt worden vor dem gänzlichen Unter 
gange zu, fihern, und mehreren Mitgliedern diefer Gefellfchaft, 
die fih der Sache mit anexkennungswerthem Eifer hingaben, vers 
danken wir bereits die Veröffentlichung einzelner Sagen, die man 
auch in weiteren Kreifen fo ſchoͤn gefunden hat, daß einzelne 
Kritifer, die dem Eſtniſchen Genius nicht fo viel Poeſie zutrauen, 
die Acchtheit derfelben in Zweifel ziehen. Sie vergeflen dabei 3. 
Grimm's treffendes Wort, das er in feiner Deutihen Mythos 
logie ausfpriht: „Jede Kritik Lähmt und zerftört fi, die damit 
anhebt, zu läugnen oder zu bezweifeln, was in einer unter dem 
Bol Tebendig gebornen und fortgepflanzten Sage enthalten ift 
und vor Augen liegt.“ | | 

Die großartigfte Schöpfung in der Eſtniſchen Vollspoeſie 
bildet aber die Sage vom Kalewipoeg, dem „Sohn des Kalew.“ 
Selbft der verfümmerten, fagenfeindlichen Gegenwart ſchwebt noch 
Manches von den Thaten Ddiefes Nationalhelden im Gedachtniß. 
Es exiſtiren im Munde des Volkes freilich nur zertruͤmmerte 
Ruinen der ganzen Heldenſage, Ruinen, die die Herrlichkeit des 
Ganzen mehr ahnen, als deutlich erfennen laſſen; die zerftreuten 
lieder deuten aber jedenfalls auf eine hohe, majeftätifche Geftalt 
bin. Nachdem der legte Laut der Sage in des Volles Munde 
längft verflungen fein wird, werden noch Steine, Hügel, Flüſſe 
und Seeen unferer heimiſchen Flur auf die tiefen Spuren hinweis 
fen, die der Fräftige Gang. des Helden zurüdgelafien hat, und 
Diejenigen anflagen, die eifrigft bemüht waren, fein Gedächtniß 





v 


mit allen Erinnerungen an die heidniſche Vorzeit ans dem Her⸗ 
zen jener Enkel zu verwifchen. . Jeder Zug des Helden in .den 
vorhandenen Brucftüden trägt das unverlennbare Gepräge des 
wumündigen, Tindifchen Zeitalterd feiner Dichter an fi, fo ſicht⸗ 
bar, daß wahrlid nur ein von Vorurtheilen verbiendetes Auge 
bier die Züge einer fäljchenden Hand zu erbliden glaubt und an 
„Macpberfonfchen Zug und Trug“ erinnert wird. Der Kalewide 
it fein Held des Tlaffifchen Alterthums, aus dem unfere Dichter 
ihre Ideale borgen. Unſere aus der Schule der Alten hervorge⸗ 
gangene Zeit wäre gar nicht im Stande, ein ſolch unbeholfenes, 
antediluvianifches Ungeheuer zu zeichnen, wie die Volksſage den 
Efinifyen Rationalhelden darftellt, deſſen Körperfraft jedes Maag 
überfchreitet und die Wahrſcheinlichkeit weit überbietet, während 
feine aeiftigen Faͤhigkeiten jo beſchränkt find, dag er z. B. Vögel‘ 
und fleine vierfüßige Thiere in den allereinfadhften Dingen, die 
fid) von felbft verfichen, um Rath fragt und ihrem Rathe folgen 
za müfjen glaubt. Seine die Gränzen des Möglichen überſchrei⸗ 
tenden Thaten finden wir hie und da nur noch in der Kalewala 
der Finnen überboten. Während aber die Finnifhe Sage einen 
völlig organifirten, von zahlreichen Geftalten belebten heidniſchen 
Götterftant vor unferen Augen aufichließt, verftattet die Eftnifche 
Kalewifage auch nicht einen Blick in die heidnifche Götterlehre 
der alten Eften, da nur gelegentlid) ein paar anflingende Namen 
eingeflochten find. Die in der Eftnifchen Poeſie überhaupt vor 
herrſchende elegifhe Richtung ift auch in der Kalewidenfage vers 
treten, und zwar in marlirteren Zügen, als die Träftige Riefenges 
falt des Helden erwarten läßt, deflen ‚Charakter durch und Durch 
ein tragifcher ift. Eine höhere Nothwendigkeit regiert alle Ereig⸗ 
niffe, die ſich auf ihn beziehen und mit feinen Handlungen im 
Zufammenhange ftehen, und läßt endlich den auf ihm laftenden 
Fluch an ihm in Erfüllung gehen, da die göttliche Gerechtigkeit 
die blutige That des Helden an einem Unjchuldigen nur durch 
des Thäters eigenes Blut fühnen kann. Der fonft überall uns 


vi 


befiegbare Held gebt im Kampfe mit den Mächten des Schick⸗ 
ſals unter. | 
Bereits in. einer der erften Sitzungen der damals eben erft 
in's Leben getretenen gelehrten Eſtniſchen Gefellfhaft im 3. 1838 - 
war die Kalewifage zur Sprache. gefommen, und namentlich hatte 
mein verewigter Freund Dr. Fählmann eine Reihe Fragmente 
aus derfelben zum Beten gegeben, die fpäter in Dr. Kruſe's 
„Urgefchichte übergegangen ift, ohne daß hier die Quelle genannt 
wird, ans der der DBerfafter feine Mittheilungen gefchöpft hat. 
Diefe Fragmente machten damals großes Aufiehen und man war 
fehr gefpaunt, mehr davon zu hören. Die größte Begeifterung 
aber für diefen Fund legte der Dr. Georg Schulg aus St. Pers 
teröburg an den Zag, der über dieſen Gegenftand in einer [päs 
teren Sitzung derfelben Geſellſchaft einen eben fo geifireichen als 
warmen Bortrag hielt, in weldhem er der Kalewiſage noch 
eine große Zukunft prognofticirte. „Denken Sie ſich,“ fagte er 
unter andern, „denken Sie fih, wel erhebenden Einfluß auf 
ein Bolt das erwachte Bewußtfein gefchichtliher Exiſtenz und 
Größe haben muß! Ginge es ihm nicht wie jenem Bettler, 
dem man, plößlich jagt: Du bift ein Königsfohn! Denn beweift 
wohl irgend Etwas unwiderfprechlicher die geihichtliche Bedeutung 
eines Volles, als der Beſitz einer_Epopde? Uns aber, als den 
Beförderern der geiftigen Wiedergeburt diefes Volkes, und, den 
Phileſthonen, gebührt es, dieſen Torfo, der verftümmelt und von 
fpätern Zufäßen verunftaltet in den entlegenften Winkeln der 
Provinz einer Anerkennung entgegenharrt, diefen in abgelegenen 
Thälern und tiefen Wäldern verhallenden Gefang auf eine feiner 
würdige Art in die Reihen der glänjenden Erzeugniſſe des 
menſchlichen Geifted einzuführen. Dadurch Fönnte es vielleicht 
gelingen, das Volk zum Bewußtfein zu bringen, ihm Selbfigefühl 
einzuflößen. und indem man ihm die Erbſchaft einer großen Ver⸗ 
gangenheit übergiebt es von der erbärmlichen Tendenz zurüdzus 
bringen, in ein copirtes Zwittergeſchlecht auszuarten.“ — Ich 





vn 


muß gefiehen, diefe Fühnen Hoffnungen des Redners nicht theilen 
zu können. In meinen Augen hat das Eftenvolf feine Fähigkeit 
mehr zur felbftändigen nationalen Productivität, fein Ohr mehr 
für einfache, ungefünftelte Raturpoefie, nachdem es durch die ihm 
aufgedrungenen Erzeugniffe der Schulmeifters und Küfterfchrifte 
fellerei verſchroben und verdorben ift. Ueber den Inhalt der 
Kalewifage fpricht Dr. Schulg weiter: „Sie fchließt ſich einerfeite 
an die düſteren Götterfagen in den nordiſchen ungeheuerlichen 
Sagas, amderjeit3 an die afintifhen Phantasmagorieen an. Gie 
iſt über unſere europäifchen Begriffe hinaus koloſſal, ohne Dimen⸗ 
fion, phautaſtiſch, wie die Erzeugniſſe jener erſten Schöpfung ſelbſt. 
Das Finnifhe Rordroß, von deffen einem Ohr, zum andern das 
Eihhörnchen einen Monat lang fpringen mußte, das unterixdifche 
Mammuth der Zungufen, dem die Gebirge wie Maulwurfshügel 
- ihre Entſtehung verdanfen, das taufendgliedrige Ungeheuer der 
Kalmüdenfage, deflen verblichene Gebeine den Himalaya bilden, 
und Kalew's Sohn, der die Welt umpflügt, find Gefchwifterfinder 
einer afiatiſch⸗phantaſtiſchen Gefühlsweife und Aeußerungen eines 
vorgeichichtlihen, und unverftändlichen Kraftgefühls u. |. w. — 
Sämmtliche Anwejende, die dieſen Vortrag gehört hatten, waren 
für die Sache electrifirt worden, unter ihnen befonders Dr. Hueck 
nud Dr. Faͤhlmann. Beide fhrieben mir damals begeifterte 
Epifteln über den Vorſchlag des Dr. Schul, indem fie mich zus 
glei aufforderten, die mir befannten Einzelheiten der Salewifage 
niederzufchreiben und gleichzeitig durd) Freunde und Belannte in 
ERland neue Beiträge fammeln zu lafien. Dr. Zählmann ſchloß 
einen feiner Briefe mit der Erklärung, er habe ſich's „zur Le⸗ 
beusaufgabe gemacht, Die zerfirenten heile in ein Ganzes zu 
vereinigen.“ Der Tod vexeitelte befanntlich die Ausführung feis 
nes Vorhabens und manches intereffante Sagenbruchfläd, Das er nur 
im treuen Gedächtniß bewahrte, ging mit ihm für immer verloren. 

Rad Dr. Fählmann's Tode machte die gelehrte Eſtniſche 
Geſellſchaft mir den Antrag, die Ausführung des Zählmannjchen 


VIII 


Projects zu übernehmen, da fie mit Grund vorausſetzte, daß ich 
in den Plan, den ſich der Verewigte vorgezeichnet hatte, vollkom⸗ 
men eingeweiht fein müfle, und mir binlänglihe Keuntniß der 
Sprache und Sitten des Volkes zutraute, um eine Arbeit zu Stande zu 
bringen, Die mid) ftet3 lebhaft intereffirt hatte und zu deren Gunften ih - 
Jahre lang ſchon als Schüler der Hochſchule auf meinen Ferienreiſen 
und bei andern Gelegenheiten, die mich mit den Nationalen in nähere 
Berührung brachten, unaufhörlich bemüht gewefen war, Materias 
lien zu fammeln und zur gelegentlichen Benugung aufzufhichten 
und zu ordnen. Ich durfte den ehrenvollen. Antrag nicht zurüd, 
weifen, um der guten Sache willen ſchon, deren Förderung mir 
gewiß nicht weniger am Herzen lag, als irgend einem andern 
Mitgliede der gel. Eftnifchen Gefelihaft, dann aber auch, weil 
ih mir bewußt war, manche unverdiente Auszeichnung von Seiten 
der Geſellſchaft empfangen zu haben, für deren Zwede ic) Bisher 
nicht fo viel geleiftet Hatte,. als man von mir zu erwarten bes 
rechtigt war; ich erklärte Daher meine Bereitwilligfeit, mid den 
Wünſchen der Gefellfchaft zu fügen, babe aber weder bei der 
Zuſage, noch im DBerfolg der Arbeit felbft jemals das Gefühl 
unterdrüden Tönnen, wie wenig meine Kräfte hinreichten, um die 
fhwere Aufgabe auch nur den befcheidenften Anforderungen gemäß 
zu löfen. Alles im Archiv der gelehrten Eſtniſchen Gefellfchaft 
angefammelte den Gegenftand betreffende Material ward mir auf 
meine Bitte nebft den bezüglihen Papieren aus Dr. Fählmann's 
Rachlaß fofort zugeftellt und id) begann meine Arbeit, ohne den 
Erfolg abzuwarten von der mittlerweile an das Publikum ergans 
genen Aufforderung, durch geneigte Mittheilungen das Unterneh? 
men fördern zu helfen. Diefe Aufforderung ift denn aud wirklich, 
wie ich ſchon hätte vorausfehen können, nicht allein erfolglos ges 
weſen, fondern hat auch noch in öffentlihen Blättern Aeußerun⸗ 
gen hervorgetodt, die das ganze Unternehmen und die dabei 
Betheiligten von verfchiedenen Seiten in ein ungünftiges Licht zu 
fiellen verfuchten ; aber dieſe Theilnahmlofigkeit und beziehungs« 





IX 
weife Ungunft des Publikums bat den Fortgang der Arbeit nicht 
hindern Tönnen, da ich einerfeits fo reichen Stoff zur Benußung 
befaß, als ich vorläufig nur wünſchen konnte, anderſeits zu tief 
in die Sade eingedrungen war, um durch Tleine, wenn aud) 
mitunter recht boshafte, fo doch in der That nicht zutreffende 
Stidheleien mich weiter ftören zu laflen. 

Alles, was mir feit meiner Jugend von der Ralewifage im 
Gedähtniß zurüdgeblieben war und was ih in fpäteren uhren 
von Kımdigeren gehört hatte, war ſchon vor dem Pact mit der 
gel. Eftnifchen Geſellſchaft vollftändig zu Papier gebracht worden. 
Nachher wurde diefe Sammlung durch manches wichtige Sagens 
bruchſtück vermehrt von dem verewigten Paftor Kolbe in Werro, 
der ans dem Bartholomäifchen SKirchfpiele, wo er geboren war, 
Bieles mitzutheilen wußte, und von einem in Werro anfäffigen 
Nationalen aus dem Laisſchen Kirchfpiele, der mir auch in ſprach⸗ 
fiher Hinfiht von großem Nutzen gewefen if. Raͤchſt Dielen 
beiden Quellen boten die Pleskauſchen Eften das reichhaltigfte 
Material zu meiner fehon vorhandenen Sammlung, namentlid an 
Liedern. Die Pleskowiter hüteten fi aber, dieſe Lieder als 
ſolche zu bezeichnen, die vom Kalewipoeg handeln, als ob es 
ſtreng verpoͤnt geweſen waͤre, dergleichen zu beſitzen oder zu ver⸗ 
breiten. Auch der Herr Reviſor Roſenpflanzer machte dieſe Er⸗ 
fahrung an einem Pleskauſchen Eſten, der ihm Mittheilung von 
Kalewiliedern nur unter der Bedingung verſprach, daß Niemand 
von dieſer Mittheilung erführe, und namentlich der Ortsgeiſtliche 
uud der Bezirksverwalter nicht. Ungeachtet ihm die Bedingung 
zugefagt worden war, ließ fih der Pleskowiter doch nicht wieder 
ſehen. Manchen interefianten Beitrag erbielt ih auch Tpäterhin 
aus Lais, Torma und Tarwaſt. Die Tarwaſtſchen waren meiſt 
kurze Bruchſtücke, die aber oft ſo genau zu Pleskauſchen Eſten⸗ 
liedern paßten, daß dieſe erſt durch jene ihre Ergänzung zu er- 
halten ſchienen, als wenn ſie von ihnen abgebrochen geweſen und 
durch irgend ein Ereigniß weitweg fortgeſchleudert worden wären. 


x 


Die Sichtung des aufgeipeicherten Materiald war feine 
leichte Arbeit.” Es boten fi dabei manchmal Schwierigkeiten dar, 
die erſt nach langem Befinnen und Erwägen einen Entſchluß reis 
fen ließen. Diele Bruchſtücke z. B. wollten weder unter fi, 

noch mit irgend einem Gliede des projectirten Ganzen zufammens 
paſſen, da die bindenden Mittelglieder entweder ganz fehlten, oder, 
durch Vermiſchung mit fremdartigen Stoffen verunftaltet, fo uns 
fenntlich geworden waren, daß man fie im erften Augenblid für 
nichts weniger als Brucdftüde der Kalewifage erkannte. Go 
famen, namentlich in den Beiträgen aus dem Kellinfchen, Deutfche 
Märchen und Teufelsgeſchichten, chriſtliche Legenden und anderes 
nicht Hierhergehoͤrige oft genug vor, mit Merkmalen indeſſen ver⸗ 
miſcht, Die bei genauerer Prüfung fie unverkennbar für die Ka⸗ 
iewifage in Anfpruch nahmen. Thaten 3. B., die fonft überall 
dem Kalewipoeg zugefchrieben werden, läßt man in einem Bruch⸗ 
ſtücke der bezeichneten Herkunft den Teufel verrichten. In einer 
andern Mittheilung derfelben Kategorie wird der Kalewsfohn mit 
feinem berühmten Roſſe identificirt, defien befannte Hufsfpuren 
man für die Zußftapfen des Helden erklärt. Wittheilungen aus 
der jüngften Zeit waren natürlich am meiften verunftaltet. Nächſt 
‚Wierland und Jerwen haben die Kicchfpiele Lais, Bartholomäi, 
Torma und Koddafer und der Pleskauer Eftenfreis die von den 
Borfahren überfommenen Sagen am reinften bewahrt. Hier fans 
den fich wenigftens feine fremdartigen Elemente mit hineingemifcht, 
wenn es ſich auch traf, daß eine und diefelbe That des Helden 
einmal fo, ein andermal anders erzählt wird, während eine andere 
gar nicht an die vorhandenen Glieder anzureihen war. In dem 
erfteren Kalle machte ich zuweilen Plab für beide Lesarten hinter 
einander, im zweiten Kalle venoncirte id) ganz auf die Benutzung. 
Bon den mir zugegangenen und zur Einflehtung in das Ganze 
fi nur theilweife eignenden Liedern wählte ich, wenn mehrere 
Lesarten dawaren, natürlih nur Die befferen aus und warf die 
ſchwächeren über Bord. 


xi 


Auch bei den Ortsbeſtimmungen für die einzelnen Begeben⸗ 
heiten kam ich nicht ſelten in Verlegenheit, da ich einzelne Thaten 
des Kalewiden, die im ganzen Volke bekannt ſind, bald an ver⸗ 
ſchiedene Localitäten angeknüpft, bald ohne ‚allen Anhaltspunkt 
gelaffen gleichſam in der Luft ſchwebend antraf, bald ſogar mit 
Orten in Verbindung geſetzt fand, deren Lage zu der Begeben⸗ 
heit ſelbſt nicht pafien wollte. Am haufigſten werden Orte mit 
einander verwechfelt, die von dem Wohnorte des Erzählenden ent 
fernt find, da dann oft fchon Der kurze Zwifchenraum von zwei 
oder drei Kirchipielen hinreicht, um die wunderlichften Fehlgriffe 
in dieſer Hinficht zu begehen. Erzählt der Wierländer oder ers 
‚wenfer von Begebenheiten, die er in die Nähe von Dorpat oder 
wohl gar hinter Dorpat verlegt, dann iſt's vollends aus mit ſei⸗ 
ner Geographie, und der Dorpater Efte ift fchon deshalb nicht 
im Stande die nöthige Aufklärung zu geben, da er den Kalewi⸗ 
poeg faum dem Namen nad Fennt und von defjen Thaten 'gar 
nichts weiß. Hier gab es für mich nur zwei Auswege, entweder 
die erzählte Begebenheit ganz ohne fpecielle Iocale Unterlage zu 
laſſen, oder aber fle mit einer Localität zu verfnüpfen,, deren 
natürlihe Beichaffenheit mit derfelben in Webereinflimmung zu 
bringen war. Erftere Maxime beobachtete ich bei den in Finland, 
letztere bei den zwifchen Dorpat und Werro fpielenden Abenteuern 
unferes Helden. So z. B., wo die BWierländifche Sage eines 
Bächleins » hinter -Dorpat« erwähnt, das fie rafusvja (Blafens 
baͤchlein) nennt und das feine Entftehung angeblich einer natürs 
lihen Ausleerung des Kalewipoeg verdankt, übereinitimmend mit 
der Pleskauſchen Sage, in welcher dieſes Bachlein pufira » jüfe 
Cwahrfcheintich aus dem Kuſſiſchen myasaps gebildet) heißt, wäh. 
zend in Dörptihen Landen Fein Flüßchen dieſes Namens anzus 
treffen ift, erlaubte ich mir, dem Flüßchen, welches die Thalſchlucht 
Tilli⸗ orn bei Warbus durchfließt, die ehrenvolle Abſtammung 
von dem Eſtniſchen Nationalhelden zu vindiciren, da der Name 
der Thalſchlucht an den Ausdruck tilli-oja erinnert, wie man in 


xu 


Eftland ſcherzweiſe die kleinen Ueberſchwemmungen nennt, mit 
denen Knäblein das Bett oder den Fußboden zu beſchenken pfle⸗ 
gen, auch in der Nähe dieſer Schlucht ſich ein Durſtſee (janu⸗ 
järw) befindet nebft einigen alten Eftengräbern, was ſich alles uns 
gezwungen in Die bezeichnete Babel der Kalewifage mit verwehen 
lieg. Hoffentlich wird auch die ftrengfte Kritif, wenn fie nur 
gerecht fein will, mir ein ſolches Verfahren bei der Ausführung 
der mis übertragenen Arbeit nicht als eine abfichtliche Entſtellung 


der Sage oder wohl gar als eine willfürlihe Fiction anrechnen! 


Derfelden Marime folgend nahm id) das Factum der Gage, 
daß der Kalewide eine Brücke über den „heiligen Fluß“ (püha⸗ 
jögi) gebaut haben ſoll, um mit ſeinem Heere auf das jenſeitige 
Ufer zu gelangen, für den Woo⸗Fluß, der in früheren Zeiten 
Wöhanda hieß, in Anſpruch, da unter dieſem heiligen Fluß 
weder der Embach, noch die Aa gemeint fein ann, aus dem eins 
fahen Grunde nicht, weil beide Zlüffe in der Sage überall unter 


ihren eigenthümlichen Namen vorgeführt werden und der Woo⸗ 


Fluß wirklich den heidnifhen Eften heilig war und noch im 
chriſtlichen Zeitalter, ja bis auf unfere Tage hinab, die Eften 
diefem Fluſſe heimlih Opfer brachten. Beiläufig erwähne ich 
bier einer diefen Brückenbau betreffenden Bariante, die ich nicht 
babe benugen können, da fie mir nicht zeitig genug eingeliefert 
worden war. Hiernach war der Sohn des Kalew jo eben im 
Begriff, den Bau“einer fleinernen Brüde zu beginnen, wozu er 
fhon einige Schooßvoll Feldfteine zufammengebradht hatte, als 
ihm ein Üuger Vogel in's Ohr flüfterte: „puu on fergem, Tui 
fimi® (Holz ift leichter, ald Stein). Schnell befann er fi, lieg 
die Steine unbenugt liegen, ging auf der Stelle in den. nächften 
Wald und brachte Balken zur Brüde herbei. 

Unferes Helden berühmte Schwimmpartie über den Finnis 
fhen Meerbufeu habe ich genau nad) den Umriffen der Sage ge- 
zeichnet. Weder bei der ungenannten kleinen Infel, wo er aus, 
ruhte und ein Liebesabenteuer beftand, noch bei dem Tode der 


— 





Zr 


v 


Injelmaid, deſſen Motive die Sage nicht weiter aufflärt, habe 
ich irgend eine Gonjectur geltend gemacht ımd darum Die in 
den Liedern gebrauchte Bezeichnung der Ertrunkenen als „fdfar« 
(Schweſter) beibehalten, obzwar dadurch die Identität der betrefs 
fenden PBerfon in Zweifel gezogen werden könnte, wenn man nicht 
annehmen wollte, daß die Inſelmaid wirklich die unbekannte Schwer 
fter des Helden gewefen fei und über ihr verwandtichaftliches Vers 
haͤltniß zu ihm unterrichtet den Tod in den Wellen gefucht habe. 
In den vorhandenen Sagen und Xiedern ift Diefes legtere Mos 
ment in feiner Weife betont, und Dr. Loͤnnrot, den ih am ges 
fälligen Aufſchluß aus der verwandten Finnifchen Sage befragte, 
hat auf meinen Brief bis jegt nicht geantwortet; ich bin aber 
fehr geneigt, gerade das Gtillihweigen der Sage über diefen 
Gegenſtand ald eine zarte Schonung, der unwiffentlich Irrenden 
und ald eine heilige Scheu vor der Entfchleierung der furchtbar⸗ 
ften aller Berirrungen anzufehen und in diefer Meinung noch ber 
Kärkt worden durch Schiefner's „Kullerwo Epifode des Finniſchen 
Epos Kalewala“, die mir vom Berf. freundlichft in einem Sons 
derabdrud aus der St. Petersb. Zeitung 1852 mitgetheilt wurde. 

Die Gründe, die mich beftimmten, den Namen Linda für 
die Mutter unferes Helden in Anfpruch zu nehmen, waren für 
mich zu gewichtig, als dag ich auf die abweichende Meinung der 
oben erwähnten Kritifer hätte Rüdfiht nehmen können, die ſich 
über diefen Gegenftand mit mehr Aufwand von Witz als Gelehr⸗ 
ſamkeit ausgeſprochen haben. Der Name, offenbar der Kalewi⸗ 
ſage angehörend, kommt allerdings ſelten vor; aber wo er er⸗ 
fhent, bleibt mir wenigftens fein Zweifel übrig, wen man dar⸗ 
unter zu verftehen habe.*) Ich muß es mir verfagen, bier eine 
ausführliche Rechtfertigung meiner Auflcht zu verſuchen, da id 


2) Schon im 3. 1821 fie mir ber Name Linda in einem Meinen 
Boftstiede im Haggersfchen Kirchſpiel auf; damals uber freitidy hatte Ich nod) 
keine Ahnung davon, daß berfelbe irgendwie mit der Kalewiſage in Verbindung 
ſtehen könne. Erft 26 Jahre fpäter gelangte ein Sagenbrudyftüd zu meiner Kennt- 
nig, twortn der bon der Wittwe geweinte „Dberefee bei Reval „Linda pifarate 


xıv 


für wohlmollende Freunde meines Unternehmens ſchon genug ges 
fagt habe, die Wegner. aber zu überzeugen, vergeblihe Mühe 
fein würde. : Dem Helden felbft laſſe ich die Bezeichnung Kalewi 
poeg, Kalewi noorem poeg, Kalew's Sohn, Kalew's jüngfter 


Sohn, wie fie die gangbarften Lieder haben, obzwar er in einer 


Aufzeichnung von Dr. Zählmann Sohni, in einer andern von 
Dr. ©. Schultz Soini genannt wird. : Beide letztere Namen find 
aber im Volle unbefannt geblieben. 

Ueber die Darftellungsform, die ich gewählt habe, ift in der 
vorläufigen Ankündigung des verewigten Präftdenten der gelehrten 
Eſtniſchen Gefellfhaft, Oberlehrer Santo, in dem hier unten in 
Der Anmerkung citirten Heft der Verhandlungen bereits das Nöthige 
gefagt worden und ich darf hier nur hinzufeßen, daß die Form des 
genuinen Volksliedes fi mir ſchon deswegen als die geeignetfte 
empfahl, weil erftli fo vieles für die Sage von mir Benußte 
in diefer Form ſchon fertig dalag, und wir zweitens bis jept 
noch feine genuine Eftnifche Profa befigen und, fo wib die Sachen 
ſtehen, auch wohl in Zukunft nie befigen werden. Auf Santo’s 
Rath habe ich die felbfteigenen Liederworte des Bolles mit einem 
Sterndien zu Anfang und am Ende bezeichnet. Die vielen Res 


järw‘ genannt wird. Unter den Mittheilungen,, bie aus dem Urchiv ber gelehrten 
Eftnifdyen Geſellſchaft mir zugingen, fand id; nur ein einzigesmal unfere® Hel- 
den Mutter mit dieſem Gigennamen bezeichnet, und zwar von Herm Dr. G. 
Schul mit den Worten: „Kalew, der Niefentönig bed Nordens, und Linda 
erzeugen 12 Söhne“ Drei Monate fpäter, als meine Arbeit in ihrer erften 
Faſſung der gelehrten Eſtniſchen Geſellſchaft abgeliefert worden war, erhielt Id) 
and dem Piedfaufchen das Lied, worin Salme und Linda ald Pflegeſchweſtern 
neben einander auftreten. Diefer wichtige Yund mar bie nädyfte Veranlaf- 
fung dazu, die ganze Sage fpäter umzuarbeiten. Durch freundfihe Mittheilun⸗ 
gen meined verehrten Freundes‘ und Kollegen, des Hm. Dr. Wold. Schul 
In Dorpat, waren unterbeffen Beiträge aus dem Kobbaferfchen, fo wie durch Hru. 
2agod dergleichen aus dem Tarwaſtſchen Kirchſpiele eingelaufen, melde bad 
Wert fchr erweiterten. Aus den 12 Befängen der erften Bearbeitung wurden 
nun 20 Gefänge, und die Vorgabe in 4 Befängen, von denen drei ausſchließlich 
Dr. Fählmann's Eigenthum enthalten, mußte wegen zu beengten Raumes weg⸗ 
fallen. Vergl. den Yufjag von G. M. Santo im 1. Heft deb 3. Bande der 
Verhandlungen ©. 79 u. folgg. 


xV 


miniicenzen aus Volksliedern, die außerdem noch vorfommen, 
haben diefe Marke nicht erhalten, weil die Häufung derfelben für 
den Leſer ftörend geweſen fein würde, da ich fie an vielen Stellen 
auch dort eigentlich. hätte anbringen müſſen, wo die Verfification 
mir gehört. Denn id; habe es mir ſtets angelegen fein laflen, 
die in Profa dem erzählenden Eften wörtlich nachgefchriebenen 
Sagenbruchſtücke nicht bloß in einzelnen Wörtern, fendern auch in 
ganzen Redensarten möglichft treu wiederzugeben, fo daß ich mit 
wohlbegründetem Rechte fagen kann: der Salewipoeg, mie er 
in dieſer Bearbeitung erfcheint, ift durch und durch nad) Form 
und Inhalt Mar, Knothen, Fleifh und Blut des Eftnifchen 
Volks und nicht bloß „in fo fern ein Eftnifches Erzeugniß zu 
nennen, weil der Herausgeber ein Efte ift. « 

Den vielen Freunden und Beförderern des Werkes, die mir 
durch Mittheilungen aller Art fo fleißig in die Hände arbeiteten, 
indbefondere dem Herrn Dr. Wold. Schultz in Dorpat für feine 
Beiträge aus dem Koddaferfehen Kirchſpiele, fage ich meinen 
innigfien Dank. Denn id Tann nicht läugnen, daß mir das 
Wühlen in den Echäßen unferes Volles wahrhaftes Vergnügen | 
gewährt hat und dag die mofaifartige Zufammenftellung von vielen 
zerftreuten und äußerlich wenig zufammenhängenden Bruchſtücken 
der Kalewiſage zu einem größeren Bilde, in weldem der Lebens⸗ 
lauf und die Abenteuer des Efinifhen Nationalhelden in der 
Sprade und dem Rhythmus des genuinen VBolfsliedes in nmrlirs 
ten Zügen zur Anfchauung kommen und durch angemeffene Staf- 
fage ausgefhmüdt und abgerundet werden follten, für mich eine 
Arbeit war, bei der ich ſtets Erholung fand und zu der id) fo 
gern flüchtete, wenn das Herz in ſchweren und trüben Zeiten 
nad Troft und Beruhigung verlaugte. Seht, da die Arbeit fertig 
vor mir liegt und ihr Anfang fo eben in die Welt treten foll, 
erfläre ich, daß die Eoncurrenz zur Abfaffung eines Eftnifchen Nas 
tionalepos, wie es Dr. ©. Schulg im Geifte fih abgebildet hatte, 
für Sedermann offen bleibt. Mein Kalewipoeg wenigftens macht 


VI 


nicht den geringiten Anſpruch an fo hochtrabenden Titel und will 
fein poetiſches Kunſtwerk fein, ſondern nur eine Sammlung von 
wirklich im Munde des Volles lebenden Sagen, die ich verſucht 
habe in einer gewiffen Ordnung an einander anzureiben. 

Die Deutſche Ueberfeßung, die hier neben dem Eſtniſchen 
Original erfcheint, gehört dem Heren Paftor Earl Reinthal an. 
Bon der gelehrten Eftnifhen Geſellſchaft dazu aufgefordert, hat 
er fich der Arbeit, deren Schwierigkeit jeder Sachkenner zu würs 
digen wiffen wird, mit Luft und Liebe bingegeben und es ſich 
eifrigft angelegen fein laffen, ein treue Konterfei des Originals 
zu liefern. Seine Arbeit ift fozufagen unter meinen Augen ent 
ftanden, da er mir die nach und nad fertig gewordenen Gefänge 
einzeln in der Reinfchrift mittheifte und erft meine Billigung abs 
wartete oder. meine Ausftellungen daran berüdfichtigte, che fie 
dem Drud übergeben wurden, defien letzte Gorrectur ih aud 
noch zum Weberfluß beforgte. Der Hautpgrundfaß, den er bei 
der Ueberſetzung befolgt hat, nämlid den Inhalt des Originals 
in deffen eigenthümlichem Versmaaß fo wiederzugeben, daß fein 
Gedanke verloren ging, den der Genius der Deutfchen Sprache 
wiedergeben konnte, ohne fih eine Zwangsjade anzulegen, bie 
feine freie Bewegung hinderte*), hat allerdings den Umstand zur 
Folge gehabt, dag eine fogenannte wörtliche Werereinftimmäng 
zwiſchen Original und Ueberfegung nur felten ftattfindet; dafür 
tieft fi) aber die Ueberſetzung felbft faft durchgängig als Original, 
und wo Das nicht der Fall ift, da hat der Ueberfeger augenfcheins 
lich darnach gerungen, den Gedanken des Tertes, es koſte was 
ed wolle, zu retten. 


Werro, im März 1857. 
F. R. Arentzwalb. 


— — — — 


7) So hat ſich der Neberſetzer es auch einſtweilen verſagen müffen, bier 
die der Eſtniſchen Poeſte eigenthümliche Alliteration wiederzugeben. Vielleicht 
gelingt ed einem ſpäteren Ueberſetzer, dab Verſäumte nachzuholen. 














Der Kalewsſohn. 


B — Ru 





Anruf. 


a mir deine Harfe, Wannemuine! 
Herrliche Mühr? beweget das Herz mir, 
Und aus dem Schag der alten Zeiten 
Treibt's mich mächtig ein Lied zu fingen. 

Grauer Borwelt Stimmen, erwachet ! 
Regt euch, geheime Zauberfagen, 

Die ihr von befleren Zeiten finget 
Und von dem Reize fchönerer Tage ! 

Komme, du kundige Tochter des Sängers ! 
Eilig entfteige den Wogen des Endla ’); 
Biel zu lang’ fchon im filbernen Spiegel 
Haft du das feidene Haar dir geglättet. 

Helfet mir malen, ihr grauen Schatten, 
Malen die längft entfchwundenen Züge 
Kräftiger Helden, mächtiger Zauberer 
Und die Fahrten des Kalewsſohnes. 

Schweift mit mir in den beiteren Süden, 
Dann zurüd in den trüberen Norden, i 
Wo in des Haidefrauts heimlichem Weben 
Herrlihe Sagen dem Boden entiprießen. 

Was ih auf heimifhen Fluren gefammelt, 
Anfgepflügt aus dem Boden ter Fremde, 
Was mir die Winde zugemehet, 

Zuftig die Wellen an’d Ufer geſpület; 

Was ich lange im Herzen getragen, 
Heimlih im Bufen mir verborgen, 

Ach ! und worauf ich jo mandyes Jahr fchon 
Einfam gene im Belfenborfte : 

Bill ich verkünden im fcehallenden Liede 
Zaut vor den Ohren fremder Hörer, 

Da meines Frühlings theure Gefpielen 
Längſt fhon unter dem Rafen fchlummern, 

Wo nicht des Sängers fröhliche Lieder, 
Nicht feined Kummers Schmerzendlaute, 
Noch feiner Sehnfuht heißes Flehen 
Zu der Schlummernden Obr gelangen. 

Einfam fing’ ich in Zreudentönen, 
Einfam verhallen meine KHlagen®9, _ 
Einfam fchwelg’ ich in füßer Sehnſucht, 

Bis ih dahinwell' auf dem Felde. 


BT 





10 


Bum Verſtandniß 


Reget euch, ihr alten Sagen, 
Sagen von dem Salewiden, 
Kalma’d Hügeln zu entfteigen, 

Aus dem Nebel euch zu formen, 
Aus dem Morgengran zu fchwellen, 
Aus dem Haidelraut zu fprießen, 
Aus dem Sumpfmoor aufzudampfen, 
Wo die Schatten in der Stille 
Zange Kummerjahre bergen 

Und der Zeiten ſchwere Drangfal 
Sn des Staubes Bufen deden, 
Wo in Uffo’8 Schooß fie träumen , 
An Maria’d Bufen fchlummern ! 

Nicht der Mittangsfonne Strahlen, 
Nicht des goldnen Kuckuks Rufen, 
Noch der Böglein Neftgezmwitfcher 
Dringet nedend durch den Raſen. 

Aus der Höhe fcheint das Mondlicht, 
Schau’n des Himmeld Sterne nieder ; 
Doc beleuchten ihre Etrahlen 
Nur die Hüter dieſer Geifter, 

Nur die Schatten ihrer Gräber, 
Die ald weite Todtenfittel, 

Als ein Schmud der legten Ruhſtatt 
Sanft umhüllen jene Todten, 

Die ein ew’ger Schlaf umfangen. 

Kommt der Sturm herangezogen, 
Zreibt das Meer zu wilden Aufruhr: 
D fo bring’ er Grüffe mit fich, 


Zum Verſtändniß. 


Kunde von dem Allertheuerften, 
Das vergeffen fhläft im Grabe, 
Defien Niemand fih erinnert 

Und das faum am Abendhiminel 
Aufbligt nach des Tages Schwüle 
Und fih mit.den Dünften mifchend 
Nur in Nebelbildern auffteigt. 
Spüte Geifterflinge ziehen 

Eid zurüd in diefes Düfter, - 
Miſchen fi mit Regenwolfen 

An dem Saum des Abendhimmels, 
Wo fie in der nächt'gen Kühle 
Epielend ihre Blüthen treiben, 
Goldne Fäden träumend fpinnen. 

Sieh dem Spiele zu, o Knabe, 
Laufch? dem Weben, holde Sungfrau, 
Laßt fein Wort verloren geben, 
Jedes ift dem Sänger heilig ! 

Ah, fo wie die Dämmerftunde, 
Bor dem Morgenroth gewebet, 

Dir entführt den fügen Nachttraum : 
Alfo bringt der frühen Lerche, 
Bringt der Nachtigall Begrüßung 
Und des goldnen Kuckuks Rufen 
Mit fih fort die nächt'gen Bilder. 

Schnell entfliehen unfre Tage, 
Schnell wie Roffe unfre Stunden. 
Eilig ſtreben fie dem Grabe, 

Eilig zu der Ruhſtatt Kalma's 
In dem graufgen Zodtenbette. _ 
Keine Heimath bat der Wandrer, 
Kein Aſyl der Erdenpilger 

Zu begrüßen, als das Grab nur! 

* Dft erregt der Sturm die Harfe 
Wie das Rauſchen in den Wipfeln, 
Wenn die Windsbraut Maften brechend 
Durch die Wälder heult und wüthet; 
Dod am linden Sommerabend 


70 


100 


Zum Verſtändniß. 


Rührt ein fanfter Weſt die Saiten, 
Wie er in den Birken lispelt, 

Mit der Espe Blättern fpielet, 

Daß fie wie des Diebes Krallen, 
Wie des Mörders Glieder zittern. 
Leif’ ertönen dann die Klänge 

Wie im Zlugeder Bremfen Summen, 


Wie der Fliegen leichtes Schwirren 


Oder wie das Spiel der Müden, 
Dem der Käfer brummend zufliegt. * 
Nur die luſt'gen Schmetterlinge 
Flattern durch die Luft geräuſchlos. 

Alle Töne weiß der Kund’ge, 
Weiß der Kenner ſich zu deuten, 

Hört die Freuden, hört die Schmerzen, 
Hört die Klagen des Bedrängten 

Aus der Vorzeit Liedern tönen, 

Die mit ihren fremden Weifen, 

Shren Bildern ihn entzücken. — 

Freud’ und Trauer, Zwillingsſchweſtern, 

Gleich berechtigt feit der Schöpfung, 
Wandern Hand in Hand durch's Leben, 
Eilen gleihen Schritte fürder 5; 
Eines Vaters Kinder Beide, 
Lagen fie an Einem Bufen, 
Schlummerten in Einer Wiege. 

Wenn der Abendfonne Glühroth 


Wolkenſchleier dicht umfäumen 


Und an ihren PBurpurrändern 

Goldne Seidenfranzen wallen : 

Ahnſt du, Sohn, was in der Wollen 
Tief verborgnem Schooß fich reget? 
Feur'ge Blitze, Donnerkrachen, 
Hagelſturm und Schlofſſenwetter, 
Wirbelwinde, Schneegeſtoͤber, 
Morgenfroſt im Blüthenmonat 
Schlummerten im Schooß der Wollen, 
Wo fle tüdifch ſich verborgen. 


Yun Verſtaͤndniß. 7 


Kennft du wohl den Thau der Augen, 
Zropfen, die die Wimper netzen? 
Ob die Wonne dich beraufchte, 
Ob der Schmerz dich niederdrüdte: 
Zhränen waren ſtets die Zeugen 
Deiner Wonne, deines Schmerzes. 110 
Geht das Herz dir auf vor Freude ; 
Brich''s im Kummer dir zufammen : 
Oeffnen fih der Thränen Quellen 
Und benegen deine Wangen 
Deines Herzens Sturm bezeichnend. 
Greift der Sänger in die Saiten, 
Lieder zu den Tönen fingend : 
Bietet bald das Reich der Träume — 
Bald die Wirklichkeit den Stoff ihm, 
Leiht er hier ſein Ohr der Sage, 120 
Knüpfet dort an's Selbfterlebte 
Die Gedanken ſeiner Seele. 
Rauſcht ſein Lied in goldnen Strömen 
Wohllaut tönend, Wahrheit firablend, . 
Wahrheit, die den Weifen feffelt : 
Dann befränzt die Welt den Sänger, 
Bil nur feine Lieder hören. 
* Einftmald hört’ ich Mardus jammern, 
Hört ihn fchluchzen in dem Walde ; 
Hörte tief im Forſt ihn Hagen. 130 
Was bewegt fein Herz zum Jammern, 
Bas entlodt ihm bittre Thränen, 
Zwingt ihm ab die Klagelaute, 
Preßt ihm aus die ſchweren Seufzer ? 
Er beweinet feiner Brüder 
Blut'gen Tod nach bittern Leiden, 
Nah dem thränenreichen Sammer 
In dem ſchweren Sklavenjoche. 
Mardus lieſt's im Wolkenſaume, 
Sieht's am Himmel abgebildet. * 140 


— — — — 





Anm. Die mit Sternchen ein eſchlofſſenen Stellen find bier wie überall 
im Buche feibfteigene Worte auß Eftnffchen ra — 





Aum Rerftändniß. 


Kummer birgt ſich gern im Zinftern, 
Schmerz Tiebt tief fi zu veriteden, — 
Und der Sänger ſucht mit Mühe 
Licht, wo dunfle Schatten walten. 

Doch die trüben Wolkengeifter, 
Eingehüllt in Nebelfchleier,, 

Nah’n in ungewiffen Schritten 

* Und verkünden blut'ge Kämpfe, 

Schwerterfpiel im Handgemenge, 
150 Keulentanz im Mordgewühle 

Und der gier’gen Flamme Wüthen 

Sn den Wohnungen des Hungers, 

In den peftverheerten Dörfern, 

Singen nur in Zrauerliedern 

Bon der Kummertage Seufjern, 

Bon der Marterzeiten Thränen. * 

Für des Vaterlandes Freiheit 
Kämpfend mit den Unterdrüdern 
Wurden ‘ganze Heldenftämme, 

160. Die Bewohner ganzer Gauen 
Hingemäht in grauer Vorzeit. 
“ Welches Elend fie erlitten, 
Welchen Qualen fie erlagen, 
D das bleibt uns ewig heilig, 
Bleibt und ewig unvergeßlich. * 

Dben in Attvaters Wohnung 
In Gefellfhaft weifer Götter 
Sagen fräffige Männer einftmals, 

170 Helden, die zu Gaſt gekommen, 
Um den Zeuerherd gelagert 
Und gedachten alter Zeiten. 
Kalew's Sohn, der Starken Stärffter, 
Weltberühmter Königsfprößling, 
Saß in diefer Männer Mitte 
Auf die Hand geftüßt die Wange 
Und vernahm der Sänger Lieder 
Und der Harfenfpieler Weifen, 
Die von feinen Heldenthaten, 


Zum Verſtaͤndniß. 


Eeinen Abenteuern jangen, 

. eine Wunderkämpfe priefen 

Und die rief’ge Kraft des Leibes, 
Die er bis zur leßten Etunde 
Seines Lebens ſich bemahret — 
Alles, wie fies einit vernommen 
Aus den längſt verfiung’nen Sagen, 
Ward mit goldnen Dichterworten 
Dort beim Feuerſchein befungen. 
*O ſchon werd ih Worte finden, 
Werde goldne Fäden fpinnen, 
Dazu Silberfiten dıeben 

Und auf Kupferipuhlen winden, 
Die fih zum Gewebe fügen, 

Bo Geftalten fih bewegen, 
Abenteuer fihhtbur werden, 
Große Thaten fich verkörpern. * 


Sieb’, im dunfeln Schooß des Waldes, 


In dem Echatten dichter Büſche, 

Unterm Schug von Thränenerlen 

Meberragt ven Trauerbirken 

Heben fieben Zodtenhügel, 

Sieben moo8bededte Gräber 

Sidy empor von wüſtem Anſehn, 

Nicht von Enfeln unterhalten, 

Nicht geſchmückt von Freundeshänden, 

Nicht bewacht von treuer Sorgfalt, 

Noch gepflegt von zarter Liebe. 

* Eines birgt des Kummers Thränen, 

Eines dedt der Knechtſchaft Feſſeln, 

Eines die gefall’nen Krieger. 

In dem vierten ſchlaͤft der Hunger, 

In dem fünften die Entehrung, 

In dem fehsten und im leßten 

Ruh'n der Peſt und Seuchen Opfer. * 
Bor dem Sammer feiner Vorzeit 

Fand der Ehſte endlich Rettung 

Unter Rußlands Adlerfittig. — 


180 


190 


210 


10 


220 


30 


240 


Zum Berftändnig. 


Führt dich einft des Glüdes Zufall 
Dder zarter Elfen Lodung 

Oder Mardus' Hilferufen 

Zu den ſieben Todtenhügeln, 

Dieſen dichtbemoosten Gräbern: 

»O fo pflanze, Sohn, zu Ehren 
Deines Baters dort ein Bäumchen, 
Deiner Mutter eine Blume, 

Einen Rofenftrand der Schweiter, 
Für den Bruder einen Kirſchbaum, 
Einen Faulbaum für den Nachbar. 
Leo? die Pflanzung an mit Eorgfalt, 
Laß die Wurzeln Nahrung finden 
In der angemeßnen Tiefe, 

Dap die Pflänzchen fröhlich wachjen 
Und mit ihrer Blürhenfülle 

Eine Zierde fein der Gräber 

Und ein Schmuck der Schlummerftätten, 
Der fie frifch und neu erhalte 

Als ein Denkmal theurer Zodten.* 

Pen bedeckt der NRafenhügel, 
Weſſen Rubftatt ift Das Grab dort? 

Rafenhügel, Grabes Ruhſtatt, 
Modergruft im Schooß der Erde 
Birgt die theuren Zeugen alle 
Unſrer laͤngſt entſchwundnen Vorzeit, 
Unfres einſtgen Glückes Blüthen, 
Unſre alten reichen Sagen, 

Unſrer ſchönen Vorzeit Lieder. 

In dem Mutterſchooß der Zeiten 
Birgt die Decke des Vergeſſens, 
Huͤllt der Mantel des Betruges 
Und verſteckt der Wahn der Blindheit 
Alles, was die Peſt gewürget, 

Was die Graufamfeit gemordet, 
Was das biut’ge Schwert erichlagen, 
Hingeftredt aufs Bett des Todes, 
Wo es in der Tiefe fhlummert. 


Zum Verftändniß. 


Einf in meinen jungen Zahren - 


Als ich noch mit Knabenſinne 

Munter unfrer Heerde nadlief, 

Auf dem Anger Kurni fpielte, 

Mid als kecken Schaufler zeigte — 

Traf ſich's, daß ich fohlummermüde 

An. dem Feuer einer Nachthut 

Eingeſchlafen war im Buſche 

Unmweit unferd SanisStädtchens. 

Unter fügen Bonnefchauern 

Sah ich lebende Seftalten 

Sich im Zraumgefiht bewegen, 

Das in wunderbaren Bildern 

Bor des Schläfers Augen aufging. 
Kräft'ge Krieger, edle Greife, 

Heitre jugendliche Sänger, 

Kunſtgeübte Harfenfpieler, 

Schoͤne goldgelodte Jungfraun 

Schwebten von den Todtenhügeln, 

Um am mitternächt’gen Feſte 

Einen Reigen aufzuführen. 

Kaum berührten ihre Füße 

Schüchtern leifen Tritts den Nufen, 

AlS fie immer näher famen 

Und mit Winfen und Gebertden 

In mich drangen, mid) bejtürmten, 

Daß ich in.den Schlaf fie fünge. 


Schlummert denn, vergeßne Wefen, 


Schlaft, verwitterte Geftulten ! 
Schlafet einen goldnen Echlummer, 
Bis eudy einft in beffern Tagen 
Eine fhön’re Morgenröthe 
Auferwedt in Taara's Hallen ! 


*Sünglinge, mannhafte Sproffen, 


Bierlands und Jerwens Erzeugte, 
Harrien’s Tieblihe Schweitern, 
Pernau's zierliche Mägdlein, 
Strand» und Inſelbewohner, 


U 


11 





12 


310 


gum Verſtaͤndniß. 


Hoͤret, o hört meine Worte! 
Aelterer Jahre Geſtalten, 
Schatten verklungener Vorzeit, 
Frühere glückliche Tage, 
Längſt getrocknete Thränen, 
Einſtige goldene Sagen, 
Lieder verſchollener Sänger 
Zauchen auf in meiner Seele 


“ Und entflanmen meine Blide.* 


Höret mich begeiftert fingen 

Bon des Salewiden Eagen, 

Bon des Alewiden Thaten, 

Bon des Olewiden Werfen, 

Bon des Sulewiden Schidjal : 

*Wie mir’ bald die Eberefche, 

Bald des Faulbaums Blüthendolden, 
Bald der Stamm der Taaraeiche, 
Wie mir’d manche Zauberformel, 


Manches Wort aus grauer Vorzeit, 


Sept der Leibgurt Wannemuinens, 

Jutta's Haar jeßt zugeflüftert.* 
Alles, was ich aufgelanmelt, 

Oft der Wind mir zugetragen, 

Spann id) aus in zurte Fäden 

Und verwebte fie zum Bilde, 

Das den Kalewiden darftellt. 


Erſter Gefang. 


Sr, du beredter Eänger, 
Lenke des Geſanges Schifflein, 
Deiner Lieder ſchlankes Fahrzeug, 
Ken?’ es dorthin an das Ufer, 
Wo die Adler goldne Worte, 
Wo die Raben Silbermährchen, 
Schwäne kupferne Gefänge 

Alter Zeit verborgen haben, 
Ausgeftreut in frühern Zagen. - 
Zhuet fund, ihr Flugen Vögel, 
Saget's laut, ihr Meereswogen, 
Winde, theure, offenbaret’s : 

Wo der Kalewiden Wiege, 

Wo der Helden Yugendftätte, 
Ihre Heimath ift zu finden ? 
Singe, Sänger, ei fo finge ! 
Barum fingft du niht? Du fehweigeft ! 

Singen foll ih Trauervogel! 
Kann ich's — mit gebrochnem Herzen ? 
Meine Jugend ift gefchwunden, 
Liegt umraufcht von Zrauerbirfen 
Hingewelkt im Haidefraute ! 

Als ich mit der MWeidenflöte 
Sauchzend noch durchftrich die Auen, 
Meiner Lieder Silberfüden 
Sich zu Goldgeweben fügten, 

Wuß! ich fcherzhaft mir zu deuten 
Die geheimen Wunderfräfte 
In der Elemente WBalten. 

Windesmutter regt die Flügel: 
Und der Sturm bricht durch die Wälder, 
Zwingt die Wogen aufzubraufen 
Und das weite Meer zu peitfchen, 
Zreibt mit Blig und Donnerfhhlägen 
Bor fich her die fcheuen Wolten.* 


13 


40 


70 


Erſter Geſang. 


Sah ich von beblümten Hügeln 
In der lieben Sonne Antlig, 

Gleich ermahten in der Seele - 
Mir die Bilder alter Zeiten. 

“Nicht fo ſchweigſam, muntre Bächlein, 
Kommt, erzählt mir, traute Hügel, 
Wälder, müßt ja Vieles wiflen, _ 

Habt fo viel gefehn, ihr Haine !* 

Glänzend bricht das Lied die Bahn fid, 
Wie die Sonne dringt durch Wolfen, 
Dringt durh Mark und Bein erwärmend, 
Führt die Seele zur Begeif’rung. 

In der Ferne fieht mein Geift fhon 
Dort die Burg der Kalewiden, 

"Rund umpflanzt mit mädt’gen Eichen, 
Die ſich an die Mauer fhmiegen 
Untermiſcht mit Baulbaumbüfchen.* 

Ich vernehme fhon das Rauſchen 
Don den breiten Meeredwogen, 

Die fih an dem Felſen brechen, 
Den fein Sturm nody je erfchüttert, 
Kein Orkan zum Weichen bradte, 
Keine Springfluth je zum Wanfen. 

Laßt uns denn die Worte wenden 
Auf den Pfad der alten Sage, 

Auf der Eifenzeiten Fußfteg ! 

In dem Land der Kalewiden 
Fand man fonft vom Götterftamme 
Sproffen bier und da in Dörfern 
Und in Einzeihöfen fprießen, 

Die als Pflänzchen höh’rer Weſen, 


Als die Nachzucht kräft'ger Helden 


Aus dem Schooß von Landestoͤchtern 

In die Welt getreten waren. 
Weitberühmte Götterföhne, 

Große Meiſter in den Künſten 

Und Vollbringer großer Thaten 

Ließen zu der Menſchen Töchtern 


Erſter Belang. 


Sich herab mit ihrer Kiebe, 

Und der Leib der ſchlanken Mägdlein 
Wölbte fih zum Mutterfchooße. 
Solcher Goͤtterlieb' entiproß auch 
Das Gefchlecht der Kalewiden, 
Diefer riefgen Eifenmänner, 


*H0h im Norden bob ein Hausftand 
Sich empor aus Felfentrünmern 
Dicht an Taara's Eichenhaine, 

Halb verftedt im Waldesdunfel, 
Halb begränzt von offner Fläche. 

Hier entfprang ein Knabendreiblatt, 
Kräft'ge Brut aus Götterfumen. 
Einer wanderte nah Rußland, 

Nach dem Nordland zog der andre, 
Auf den Rüden eines Adlers 
Schwang der dritte fid) der Brüder. 

Der nad) Rußland ausgewandert, 
Buchs heran zum tücht’gen Kaufmann 
Und gefchidten Bortenweber ; 

Der nad) Nordland war gezogen, 
Ward ein Krieger, der die Streitart 
Kräftiglich zu führen wußte. 

Der ſich auf des Adlers Rüden 
Zum Emporflug aufgefhwungen, 
Führt' ein vielbewegtes Leben, 
Drang nah Süden und nad Oſten 
Bor auf feinem Adlerfluge, 
Kreuzte die Gewäſſer Finlands 
Und durchſtrich der Wiek und Wierlands 
Unwirtbbare Meeresfluthen, 
Bis fih fein Geſchick erfüllte 
Und nad) Gottes weifer Fügung 
Ihn fein Aar am Felfenftrande 
Wierlands unfanft niederfegte.* 

Kaum in unfer Land getragen 


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Erfter Geſang. 


Map er feines Reiches Gränzen 
Corgfam aus in weitem Umfang 
Und erbaute fih den Wohnfig, 
Wo die Zügel der Regierung 
Eid) in fräftger Hand vereinten. 
- Mehr berichten unfre Auen, 
Mehr auch unfre weiten Moore 
Nichts in alten Liederfagen 
Ueber Vater Kalew's Walten, 
ALS den Anfang feiner Herrfchaft. 
Wie er um die Braut geworben, 
Um als Weib fie heimzuführen, 
Davon fingt nur eine Sage: 
Aus den Ehftendörfern Plesfau’s, 
Und. wir geben, was wir hörten, 
Mit den überfommnen Worten. 


“In der Wiek lebt' eine Wittwe, 
Jugendlich, doch ftil und einjam 
Wie ein unbewohntes Stübchen, 

Wie ein Hüttchen ohne Schirmdach. 

Auf der Viehtrift ſchritt fie Sonntags 
Und, wie es ſich fügte, fonft auch 
Sorgſam felbft der Heerde folgend. 

Und was fand fie einft am Wege, 
Auf der Trift in Rinderfpuren, - 
Auf den Schaukelplatz des Dorfes ? 
Fand das Küchlein an dem Wege, 
Fand das Birkhuhnei im Huftritt, 
Bor dem Dorf die junge Strähe. 

Und die Wittwe nahm das Küchlein 

Und verbarg das Ei im Bufen, 
Nahın fie, um die Wittwentrauer 
Und den langen Echmerz zu fühnen, 
Mit nah Haufe zum Erxziehen, 

Und die junge Krähe warf fie 
Auch nod mit in ihre Schürze. 


Erſter Geſang 


Alle Drei brach' fie nah Haufe, 
Zrug fie in die nahe Kleete, 

Die von Steinen aufgebaut war, 
Und ergriff den Korb mit Wolle, 
Machte drin zurecht ein Brutneft 
Für das Ei und .für das Hühnchen 
Und verfchloß fodann den Dede. 


. Und nachdem fie diefen Brutforb 


Auf des Kaſtens Rand gehoben, 
Warf fie auch die junge Kraͤhe 
An den Binfel hinterm SKaften. 

Brütend ward das Hühndyen größer, 
Bald erreicht? es fchon den Dedel 
Eipend auf dem Ei des Birfhuhns. 
Und es wuchs, ward immer größer, 
Wuchs Bis in den dritten Monat, 
Wuchs auch noch vom vierten Monat 
Ein’ge Tage in die Höhe. 

Muß doch in die Kleete gehen 
Meine Pfleglinge zu ſchauen! 
Ei, was fand fie unterm Dedel? 

Statt des Huhns ein ſchönes Mägdlein, 
Statt des Ei's ein zweites Mägdlein. 
So war Salme aus dem Küchlein, 
Linda aus dem Ei entftanden. 

Was war aus der jungen Krähe 
Hinterm Kaften denn geworden ? 

Ah, ein armes Waiſenmädchen, 
Cclavin für des Tages Mühen, 
Bränder auf dem Herd zu fehüren, 
Unterm Eimerjoch zu Feuchen ! 

Salme ward beftürmt von Freiern. 
Fünf und fechs, die brachten Branntwein, 
Sieben fandten Werbeboten, 

Acht geheime Kundfchaftsboten. 
Endlich famen hohe Freier : 

Erft der Mond und dann die Sonne, 
Endlih auch der Sternenknabe. 


170 


18 


1% 


210 


Erfter Belang. 


Mondesfreier, noch ein Züngling, 
Schmädtig, zart, von bleicher Farbe, 
Kam heran mit funfzig Roffen 
Und mit fechzig Roffelenfern. 

Salme wünfcht er fih zum Weibe, 
Will die Sungfrau fich verloben. 

Salme hörte fein Begehren 
Nur von Kerne aus der Kleete, 

Rief von dort ihm zu die Antwort : 
„Wünſch' den Mond mir nicht zum Gatten, 
Mag ihn nicht, den Nachtbeleuchter ! 
Er hat mir zu viel der Aemter, 

Biel noch nebenher zu fchaffen. 

Bald erfcheint er noch vor Tage, 

Bald des Abends fpät am Himmel, 
Bald erft wenn die Sonne aufgeht. 
Bald ermüdet er ſchon Morgens, 

Eh’ der Tag noch angebrochen, 
Manchmal hält bei Zag’ er Wache, 
Zauert am Himmel bis zum Mittag.“ 

Zraurig ging der Mond nad) Haufe, 
Sah fo bleich herab beim Weggehn. 

Drauf erfchien der Eonnenfreier 
Als ein Jüngling feur’gen Blickes, 

Kam heran mit funfzig Roffen 
Und mit ſechzig Roffelenfern. 
Salme wünſcht er fih zum Weibe, 
Wil die Jungfrau fid) verloben. 

Salme hört e8 und ermwidert : 
„Wollt' den Mond ich nicht zum Gatten, 
Mag noch wen’ger ich die Sonne ! 

Viel zu unbeftändig ift fie, 
Immerfort verändert fie fich. 

Menn fie manchmal heiß gefihienen, 
Wechſelt plöglich fie das Wetter. 
Mitten in der fchönften Heuzeit 
Meberrafcht fie und mit Regen ; 
Will man eben Hafer fäeı, 


Erſter Geſang⸗ 19 


Dann gerade bringt ſie Duͤrre, 
Läßt die Haferſaat verfommen, 
Dörrt die Gerſte in der Erde, 
Beugt den Flachs im Halm darnieder, 
Drückt die Erbſen in die Furchen, 
Läßt das Haidekorn nicht wachſen, 
Schoten nicht die Linſen bringen. 
Wenn der Roggen weiß zur Ernte, 
Glüht fie und verſagt den Nebel 20 
Dder laßt den Regen ftrömen.* 
Tief gefränft verſchwand die Sonne, 
Glühte feurigroth im Abgehn 
Und erzitterte vor Zornwuth. . 
Endlih kam der dritte Freier, 
Nahte fi) der Sternenfnabe, 
Des PVolarfterns ältftes Söhnen, 
Auch mit funfzig feur'gen Roffen 
Und mit ſechzig Roffelenkern. 
Salme wünfht aud er zum Weibe, 20 
Bill die Jungfrau fi) vermählen, 
Schnell rief Salme aus der Kleete, 
Eprad aus ihrer Kleiderkammer: 
„Führt das Roß des Sternenknaben 
In den Stall zur beſten Raufe, 
Wo der Milchtrank ſchon bereitet, 
Wo die Waͤnde, ſchoͤn geglättet, 
Nicht das Thier verletzen können. 
Werft ihm reichlich dufl'ges Heu vor, 
Bringt ihm von dem beſten Hafer, 230 
Zräntt es mit dem reinſten Tranfe, 
Miſchet reichlich Mehl darunter, 
Quirlt e8 af zu weißem Schneefhaum. 
Bettet es im feinften Linnen, 
- Gebt ihm ein bequemes Lager 
Und bededP3 mit feidner Dede. 
Ruhen muß fein Kopf in Sammet 
Und in Haferfpreu die Hufen. 
Diefen Freier will ich nehmen, 
3* 


20 


270 


Erſter Gefand. 


Meine Hand den Sterne reichen, 
Wil ihm treue Gattin werden. 
Sternenauge blinft fo heiter, 
Steriienfinn ift fo beftändig ! 
Sterne thun der Saat fein Xeides 
Und verderben feine Ernte. 

„Sept den Sternenfreier gaftlich 
An die reingewafchne Tafel, 
Daß er an die Wand den Rüden, 


- Auf die Bank die Füße ftüße, 


Und bededt die breite Tufel 
Mit noch nie gebrauchtem Tiſchtuch. 
Tragt dann auf die beiten Fifche, 
Stellt dem Gaft das Fleiſch recht nahe, 
Bietet ihm die zartften Palten, 
Auch recht oft von Hochzeitäfuchen 
Und den beften Lindenhenig. 
Bier im Kruge darf nicht fehlen, 
Noch: der füße Meth in Becher.” 
Und man Ind den Stern in's Zimmer, 
Bat am Tiſch ihn Plag zu nehmen 
Und es ſprach die Wittwe alfo : 
„Sb, mein Sterndyen, trink, mein Sternchen, 
Sei, mein Sternchen, heitern Sinnes!“ 
Heftig aufgeregt, daß rafſelnd 
Schmuck und Waffen ſich berührten 
Und die mächt'gen Sporen klirrten, 
Sprach der Stern Ten Boden flampfend : 
„Mütterchen, ich will nicht eflen, 
Mag, o Mütterchen, nicht trinfen, 
Kann nicht heitern Sinnes werden, 
Wenn ihr nicht mein Liebchen herbringt, 
Salme nicht bei mir erſcheinet.“ 
Salme höret fein Begehren, 
Hört den Wunfc des Sternenfreierd 
Und erwidert aus der Kleete, 
Aus der Ferne alfo fprehend: — 
„Zrauter mein, du füßer Knabe, 


Erſter Befang. 21 


Lieber Gaſt aus weiter Ferne, 
Gabft du Zeit mir aufzuwachfen, 
Zeit mir groß und fchön zu werden, — 300 
Ei fo gieb der Salme Zeit auch 
Sich zu kleiden, fih zu fchmüden ! 
„Eile, Linda, raſchen Laufes, 
Fliege, Schwefterchen, zur Sammer, 
Zu dem Koffer mit dem Brautfhmud ! 
Bringe mir die wollnen Röcke 
Und die zarten Seidenhemdchen 
Mit den goldgewirkten Nerneln, 
Strümpfe mit den bunten Zwideln, 
Linnentücher goldgeflittert, 310 
Seidentücher buntgewürfelt !« 
Nochmals bat aus ihrer Ede, 
Aus der Kammer ihn die Wirthin: 
„36, mein Sternchen, trink, mein Sternchen, 
Sei, mein Sternchen, heitern Sinnes, 
Frohe Zage ftehn bevor Dir!“ 
Sternenfreier hört’ die Worte 
Und erwiderte befänftigt :- 
„Kann nicht efien, Tann nicht trinken, 
Kann nicht heitern Sinnes werden 329 
Ob der künft'gen frohen Tage, 
Bis mein Liebchen ich geſehen.“ 
Darauf bat die Wirthin wieder: 
„Willſt, mein Sternchen, etwa ſchlafen, 
Dich vielleicht zur Ruh' begeben?“ 
Ohne Jaudern ſprach der Freier, 
Sprach der Stern die klugen Worte: 
„Bill, o Muͤtterchen, nicht ſchlafen, = 
Bill und kann der Ruh? nicht pflegen. 
Sternenauge fchlummert nimmer, 3% 
Schließet nie die müden Lider, 
Senkt die Wimpern nie zum Schlafe. 
Bringt mein Liebchen her in's Zimmer, 
Laßt mir Salme hier erfcheinen, 
Will mein liebes Hühnchen fehen !“ 


370 


Grfter Geſang. 


Darauf brachte man die Brant ihm, 
Führte Salme in das Zimmer. 

Und die Wittwe fannte fie nicht, 
Kannte nicht das eigne Pflegkind, 
Das in der verborg’nen Sammer 
Einft der Hansgeift umgebildet, 
Aufgefhmüct die Waldesnymphen. 
Drum die Wittwe zweifelnd fragte: 
„ft der Mond es, iſt's die Sonne, 


Iſt es eine Nebeljungfrau ? 


Ausgerüftet ward die Hodjzeit 
Und man [ud der Gäfte viele 
An dem Feſte theilzunehmen. 
Denn die Eiche auf der Gränze 
Und die Erle in dem Städtchen 
Fanden fih mit ihren Wurzeln, 
Mit den Gipfeln bier zufammen. 
Und fie fehwenkten fih im Kreuztanz, 
Taumelten im Wierſchen Wirbel, 
Daß der Kiesſand Funfen ſprühte 
Und der Aeſtrich ächzend dröhnte ! 
Sternentna$ und Jungfrau Salme 
Hielten luſtig ihre Hochzeit! 
Kam der Mond zum zweitenmale 
Auf den lauten Hochzeitsjubel 
An das Haus der Wiekſchen Wirthin, 
Kam heran mit funfzig Roſſen 
Und mit fechzig Roſſelenkern, 
Wollte nun die Birkhuhnsjungfrau, 
Linda, fih zur Braut gewinnen. 
Und die Hochzeitsburſche priefen 
Und auch Salme diefen Freier ; 
Aber Linda mocht' den Mond nicht 
Und ließ alfo aus der Baditub, 
Bon dem Lager, wo fie ruhte, 


Bon dem Flanme fl) vernehmen : 


„Nicht den Mond will id) zum Gatten, 
Nicht der Nächte König mag ih ! 


Erfter Geſang. 


Sechs der Nemter muß er pflegen, 
Außerdem noch fünf befondre 

Und ein Dugend Nebenämter; 
Manchmal ficht er früh am Himmel, 


Manchmal wenn’s fhon Tag geworden. 


Bald verfinft er in dem Nebel, 
Hüllt fih in des Thaues Schleier, 
Bald verbirgt er fih in Wolfen. 


Einmal kommt er mit der Dämm’rung, 


Einmal wenn fie fhon begonnen, 


Sa er kommt auch manchmal garnicht, 


Läßt das Reich ganz ohne Wächter.“ 


Traurig ging der Mond von dannen. 


Kummer fprach aus feinen Zügen, 
Ziefer Schmerz aus feinen Bliden. 


Und fie fchwenkten fih im Kreuztanz, 


Zaumelten im Wierſchen Wirbel, 


Naften in dem Harrifhen Hopfer, 
Das der Kiesfand Funken ſpruͤhte 
Und der Aeftrich ächzend dröhnte. 


Sternenfnab’ und Sungfrau Salme 
Hielten Iuftig ihre Hochzeit! 

Da kam auch der zweite Freier 
Auf den lauten Hochzeitsjubel 
Noch einmal fein Glück zu proben, 
Kam die Sonne zu dem Feſte, 
Kam mit funfzig muth’gen Roffen 
Und mit fechzig Roſſelenkern, 
Selbft zu Roß auf feurtgem Hengſte, 
Wünſchte Linda zu gewinnen, 
Birkhuhnsjungfrau fi zum Weibe; 
Und die Hochzeitsburſche priefen 
Und auch Salme diefen Freier; 
Aber Linda dachte anders 
Und ließ aus der Badftub? alfo 
Bon dem Lager, wo fie rubte, 
Bon dem Flaume fi) vernehmen : 
„Mag die Sonne nicht zum Wanne, 


410 





24 


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Erfter @efang. 


- Mag ihn nicht, den Herrn des Tages ! 


Biel des Böfen thut die Eonne: 
Hemmt den lache in feinem Wachsthum, 
Bringt der Haferfaat Berderben, 


 KXäßt die Gerfte nicht gedeihen, 


Läßt das MWeizenfeld verdorren 
Und das Noggenfeld verfümmern ; 
Brennt den ganzen langen Sommer, 
Heizt im Winter nicht die Stube.« 
Schnaufend wand fih ab die Sonne, 
Sprühte zornig Feuergluthen. 
Und fie ſchwenkten fich im. Kreuztanz, 
Zaumelten im Wierſchen Wirbel, - 
Raften in dem Harrifchen Hopfer, 
‚Wütheten im Wiekſchen Walzer, 
Daß der Kiesfand Funken fprüfte 
Und der Aeſtrich ächzend dröhnte. 
Sternenfnab’ und Jungfrau Salme 
Hielten Iuftig ihre Hochzeit ! 
Da erfchien der dritte Freier 
Auf den lauten Hochzeitsjubel, 
Wogt’ heran der Wafferfreier, 
Kam mit funfzig glatten Roffen 
Und mit fechzig Roſſelenkern 
Hoch zu Roß auf einen Schimmel, 
Wünfchte Linda zu gewinnen, 
Birkhuhnsjungfrau fih zum Weibe. 
Salme und die Hochzeitsburſche 
Priefen laut den Wogenfönig; 
Aber Linda war dem Waſſer 
Nicht fo hold; drum aus der Badftub’ 
Bon dem weichen Lager ſprach' fie, 
Bon dem Pfüble diefe Worte: 
„Waſſerfreier mag nur gehen, 
Will ihn nicht zu meinem Gatten ! 
Schrediih ift der Wogen Rauſchen, 
Furchtbar ift des Meeres Tiefe, 


Erſter Geſabu 


Sparſam rieſelt nur die Quelle 
Und der Strom ſchwelgt im Verſchwenden.“ 450 
Waſſerfreier, nah dem Weinen, 
Wälzte ſich betrübt nach Hauſe, 
Rauſchte traurig durch die Pforte. 
Und fie ſchwenkten ſich im Kreuztanz, 
Taumelten im Wierſchen Wirbel, 
Raften in dem Harriſchen Hopſer, 
Wütheten im Wiekſchen Walzer, 
Tobten in dem Jerwſchen Juchzer, 
Daß der Hiesfand Funken fprühte 
Und der Aeſtrich ächzend dröhnte! 400 
Sternenknab' und Jungfrau Salme 
Hielten luſtig ihre Hochzeit! 
Kam heran der vierte Freier 
Auf den lauten Hochzeitsjubel, 
Kam der Wind herangewirbelt. 
Mit fih führt er funfzig Roſſe, 
Rofjelenter waren fechzig, 
Und den Sturmhengft ritt er felber. 
Wünſchte Linda zu gewinnen, 
Birfhuhnstöchterhen zum Weibe. 470 
Alle Hoczeitöburfche priefen 
Und auch Salme diefen Freier ; 
Aber Linda dachte anders, 
Wollte nicht den Wind zum Manne, 
Darum rief fie aus der Badftub?, 
Rief ihm zu von ihrem Lager, 
Sprad von ihrem meirhen Pfühle: 
„Mag mich nicht dem Wind vermähfen, 
Bil den Luffgen nicht zum Manne ! 
D wie kann des Windes Heulen, 480 
Wie das Toben der Orkane 
Zarten Frauen je gefallen !« 
Zifhend zog der Wind von dannen, 
Doch der Kummer nagt? nicht fange 
An des wind’gen Freiers Herzen. 
Und fie fhwentten fih im Kreuztanz, 


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4% 


510 


520 


Erſter Geſang. 


Taumelten im Wierſchen Wirbel, 
Raſſten in dem Harriſchen Hopſer, 
Wütheten im Wiekſchen Walzer, 
Tobten in dem Jerwſchen Juchzer, 
Drehten fich im Dörptſchen Dreitakt, 
Daß der Kiesſand Funken ſprühte 
Und der Aecſtrich ächzend droöͤhnte! 
Sternenknab' und Jungfrau Salme 
Hielten luſtig ihre Hochzeit! 
Kam heran der fünfte Freier 
Auf den lauten Hochzeitsjubel 
An der Wiekſchen Wirthin Pforte, 
Kam des Kunglakönigs Erbe, 
Kam mit funfzig ſchmucken Roſſen 
Und mit ſechzig Roſſelenkern, 
Selber einen Goldhengſt reitend, 
Wollte Linda ſich gewinnen, 
Birkhuhnstöchterhen zum Weibe. 
Ale Hochzeitögäfte ſtimmten, 
Auch die Schweſter, für den Freier. 
Linda felbft verſchmaͤht' auch diefen 
Und erwidert' aus der Badſtub', 
Bon dem Lager, mo fie ruhte, 
Don dem weichen Pfühle alfo : 
„Nein, ich nehme feinen König, 
Mag des Kunglakönigs Sohn nicht: 
Boͤſe Töchter hat der König, | 
Die den Fremdling haflen würden.” 
Kunglakönigs Sohn erbofte 
Und ging flubend aus der Pforte. 
Und fie ſchwenkten fih im Kreuztanz, 
Zaumelten im Wierfhen Wirbel, 
Naften in dem Harriſchen Hopfer, 
MWütheten im Wiekſchen Walzer, 
Tobten in dem Jerwſchen Juchzer, 
Drehten fi im Doͤrptſchen Dreitakt, 
Jeder zeigte, was er konnte, 


Erfter Befang. 


Daß der Kiesfand Funken fprühte 
Und der Aeftrih ächzend Dröhnte ! 
Sternenfnab’ und Jungfrau Salme 
Hielten luſtig ihre Hochzeit ! 
Da erfchien der ſechste Freier 
Auf den lauten Hochzeitsjubel, 
Kam der riefenfräfttge Kalew, 
Auch mit funfzig tücht'gen Kleppern 
Und mit fehzig Pferdefnechten, 
Ritt heran auf feur’gem Hengfte 
Und bewarb um Linda's Hand fi, 


Wünfht das Birkhuhnskind zum Weide, 


Alle Hochzeitsgäfte murrten, 

Auch die Wittwe war dawider ; 

Aber Linda fühlte anders ! 

Linda rief aus ihrer Badſtub', 

Sprach herab von ihrem Lager, 

Von dem weichen Pfühle alſo: 
„Dieſer tft nach meinem Sinue, 

Diefen nehm? ich gern zum Manne !« 
Kalew ward nun eingeladen 

An dem Tifche Plag zu nehmen, 

An dem reingewafchnen Tiſche 

Auf dem Sige an der Holzwand, 

Die mit Linnen weiß behängt war; 

Bor ihm ftand die Silberkanne 

Und der blanfe goldne Becher 

Angefüllt mit füßem Trante, 

Dben Schaum und unten Honig, 

Bier, fo roth wie Blut, dazwiſchen. 
Brot zu nehmen, bat Die Wittwe, 

Salme, feinen Mund zu negen: 

„Gfiet, Kalew, trinfet, Kalew, 

 Raft’8 an unſerm Tifch euch ſchmecken, 

Trinft aus unferm Hochzeitsguge, 

Aus der bunten Branntweinsfanne ! 

Freut euch, Kalew, frent euch mit uns 

An dem frohen Hochzeitöfefte !« 


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Erſter Geſang. 


Kalew, innerlich erbebend, 

Daß das Schwert in ſeiner Scheide 
Und die Kette und die Sporen, 

Ja das Gold im Beutel, klirrten, 
Sprach doch mit Bedacht die Worte: 
„Mütterchen, ich mag nicht eſſen, 
Mag nicht trinken, junges Weibchen, 
Mag nicht koſten eure Speiſen, 

Euren Branntwein nicht verfuchen, 
Kann nicht froh fein mit den Frohen; 
Bringt mein Liebchen erft in's Zimmer, 
Zafjet Linda hier erjcheinen, 

Hier im frohen Hochzeitäfreife !« 

Linda hört’ e8 und erwidert : 
„Trauter mein, du holder Züngling, 
Gabſt du Zeit mir groß zu werden, 
Ließt geduldig mich zur Jungfrau, : 
Mich, dein braunes Mädchen, aufblühn: 
Sieb auch Zeit jegt, mich zu fchmüden ! 
Baterlofe ſchmückt fih langſam, 
Mutterloje darf wicht eilen, 

Brauchet Zeit, um fid) zu gürten, 

Zeit, die Aermel aufzufraufen; 

Keine Mutter hilft mich ſchmücken, 

Stehet rathend mir zur Geite, 
Kleinen Glückwunſch bringt ein Blutsfreund, 
Keine Schwefter theilt die Sorgen. 

Weiber feh’ ich aus dem Dorfe, 

Alte Frauen mich bedienen. 

Lau ift nur des Dorfes Glückwunſch, 
Fremde Herzen find von Eifen.“ 

Kalew trank nicht einen Tropfen, 
Gtärfte fi mit feinem Biffen, 

Nahm nicht Theil am Hochzeitäjubel. 

Linda's Stimme aus der Kleete 
Ließ jebt bittend fi) vernehmen : 
„Komm, o Krähe, arme Waife, 
Unbemerftes Sclavenmädchen, 


Erſter Gefang. 


Aufgewachſen hinterm Kaſten, — 600 
Flieg' in Teichtbefchwingten Schritten 
Hin zu meinem Kleiderfaften ! 
Bring’ das nene Nebelhemd mir, 
Um den fchlanfen Leib zu deden, 
Hemdchen, weiß wie Birfenginde, 
Weißer, ald der fchlunfe Leib noch; 
Bringe den Befag von Perlen, 
Um des Hemdchens Saum zu frängen; 
Aud den buntgeblünten bringe, 
Für den Saum des Unterrödchens ; 610 
Und den abornblüthnen Gürtel, 
Daß id meine Lenden gürte 
Oberhalb der Schwanenhüften ; 
Und das ausgenähte Mieder, 
Um den Bufen zu verhüllen; 
Und das fchuppenfarbne Tüchlein, 
Daß ich's übern Saum des Mieders 
Um den zarten Hals mir fchlinge 5 
Und den Rod, den goldgewirkten, 
Und den goldbetreßten Kopfſchmuck!“ 620 
Aus der Kammer bat die Wirthin, 
Bat die Pflegemutter freundlich: 
„Eſſet, Kalew, trinket, Kalew, 
Nehmet, Kalew, frohen Antheil 
An dem heitern Hochzeitsfeſte; 
Sternenknab' und Jungfrau Salme 
Halten lange frohe Hochzeit!“ 
Kalew hört' es und erwidernd 
Sprach der ſtarke Mann mit Nachdruck: 
„Mag nicht eſſen, mag nicht trinken, 630 
Kann nicht frohen Antheil nehmen. 
An dem heitern Hochzeitsfefte. 
Bringt mein Liebchen in das Zimmer, 
Her zur Stelle bringt mir Linda 
Zu den frohen Hochzeitsgäften !- 
Darauf brachte man das Mädchen, 
Birkhuhnsjungfrau in das Zimmer * 





30 


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Erſter Belang. 


Zu den frohen Hochzeitsgäften. 
Doch die Wirthin Fannte fie nicht, 
Nicht die eigne Pflegetochter, 

Die im Stillen in der Kammer 
Einft der Hausgeift umgewandelt, 
Waldesnymphen aroß gezogen. 

Denn fie fragte voll VBerwundrung : 
„Iſt der Mond es, iſt's die Sonne, 
Iſt's des Abendſternes Tochter %- 

Linda hört es und erwidert: 
„Richt der Mond ifl’8, nicht die Sonne, 
Nicht des Abendfternes Tochter, 

ESift das Kind, das du erzogen, 
Das dem Birkhuhnsei entfprungen.“ 

Kalew nahm das Kind zum Weibe, 
Macht's zu feines Haufes Hühnchen, 
Trug es ftet3 auf feinen Händen, 
Kofrte zärtlich mit dem Liebling. 

Ausgerüftet ward die Hochzeit 
Und man Iud der Gäfte viele 
An dem Feſte theilzunehmen ; 

Denn die Eiche auf der Feldmark 
Und die Erle in dem Städtchen 
Fanden fi mit ihren Wurzeln, 
Mit den Gipfeln bier zufammen. 

Gebt im Kreuztanz euch die Hand, 

Wirbelt Wieriſch luſtig fort, 

Rapt im Harrifchen Hopfer zu, 

Zliegt im Wielihen Walzer bin, 

Laßt den Jerwſchen Juchzer fort, 

Tanzt den eignen Dorfestanz, 

Bis der Aeſtrich zum Moraſt wird, 

Den die Heerde kaum durchwatet, 

Und die Preißelbeeren kniehoch 

Durch der Tänzer Zeh'n gewachſen! 
Kalew hielt mit Sungfrau Linda 
Unter Jubeln feine Hochzeit ! 

Sternenfnab’, zum Abzug fertig, 





Erſter Befang. 


Muß mit Salme von dem Kelle, 
Bon dem Brautgemach fih trennen, 
Das von alten Stügen eiligft 

Und von dürren Erbienftangen 


Man zur Hochzeit hergerichtet. 680 


Und fo trat er vor die Wirthin, 
Dankte für das Felt und fngte: 
„Lebet wohl nun, liebe Mutter ! 
Lebet wohl, ihr Hochzeitsgüfte ! 
Lebe wohl, mein Schwager Salem ! 
Lebe wohl, du junge Schwefter ! 
Eure Salme nehm’ ich mit mir, 
Mit mir fort das junge Wieſel: 
Nie wird ihre Pflegemutter, 
Nimmer fie die Schwefter fehen. 690 
Weinet, Wierlands junge Männer, 
Weinet, Wierlands junge Mädchen, 
Sulme muß nun von euc fheiden, 
Wird fich hinter Wolfen, bergen, 
Wird, zum Sterne umgewandelt, 
An dem Abendhimmel ſchimmern.“ 
Salme rief mit naffen Augen 
Aus dem Schlitten noch die Worte: 
„Mutter, Mutter, liebe Mutter, . 
Muß für immer von dir fheiden 2700 
Wie das Gaͤnschen aus der Heerde, 
Wie das Birkhuhn aus der Kelte, 
Wie der Schwan von den Geſpielen. 
Deine Ente folgt dem Strome, 
Tort bringt deinen Schwan der Schlitten, 
Fort ſchwimmt längs dem Fluß dein Herzblatt, 
Fort dein Herzblatt lingd dem Moore; 
Nur ein Windhaud kommt zurüd dir, 
Um dir Hilfe zuzufächeln!“ 
Aus dem Hofe rief die Schwefter, 710 
Mütterlein aus ihrer Kammer 
Und die Hausmagd von der Ede: 


81 


32 


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750 


Erſter Geſang. 
„Wohin bringt man unſre Salme, 


Trägt der Habicht unſer Hühnchen ?* 


Nur der Windhauch brachte Grüffe, 
Sreudenthränen nur der Regen, 
Zrauerfunde ach ! der Thau nur. 
Nimmer kam fonft andre Botfchaft. — 

Kalew's Hochzeit nahm indeffen 
Munter ihren weitern Fortgang. 

Gebt im Kreuztanz euch die Hand, 

Wirbelt Wieriſch luſtig fort, 

Raſſt im Harriſchen Hopſer zu, 

Fliegt im Wiekſchen Walzer hin, 

Laßt den Jerwſchen Juchzer fort, 

Tanzt den eignen Dorfestanz, 

Bis der Aeſtrich zum Moraſt wird, 

Den die Heerde kaum durchwatet, 

Und die Preißelbeeren kniehoch 

Durch der Tänzer Zeh'n gewachſen! 
Kalew hielt mit Jungfrau Linda 
Unter Jubeln ſeine Hochzeit! 

Während, Mägdlein, du hier ſchwaͤrmeſt, 
Suchten Freier dich zu Haufe, 

Fünf und ſechs mit Branntweinsfrügen, 
Gieben fandten Werbeboten, 
Acht geheime Kundfchaftsboten. 

„Ei was kümmern mich die Freier ! 
Meines Bruders Pfoften werden 
An der Pforte und am Brunnen 
Müde nicht, das Pferd des Freiers 
An dem Kupferzaum zu halten. 

Und wenn auch noch mehr als einer, 

Wenn and) fünf und fechje fämen, 

Sieben Werbeboten ſchickten, 

Acht geheime Kundſchaftsboten, — 

Laßt fie alle, alle gehen, 

Darf id) länger bier nur weilen!“ 
Gebt im Kreuztanz euch die Hand, - 
Wirbelt Wierifch luſtig fort, j 


⸗ 


Erſter Geſang. 


Raſ't im Harriſchen Hopſer zu, 

Fliegt im Wiekſchen Walzer hin, 

Laßt den Jerwſchen Juchzer fort, 

Tanzt den eignen Dorfestanz, 

Bis der Aeſtrich zum Moraſt wird, 

Den die Heerde kaum durchwatet, 

Und die Preißelbeeren knieyoch 

Durch der Tänzer Zeh'n gewachſen! 

Kalew hielt mit Jungfrau Linda 

Unter Jubeln ſeine Hochzeit! 760 
„Komm, o Krähe, Waiſenmädchen, 

Sclavin für des Tages Mühen, 

Nur zur Arbeit auferzogen, ne 

. Bring’ das Eimerjody zur Stelle, 

Häng’ daran die Waſſereimer 

Und bring’ Waffer aus dem Meere, 

Schoͤpf' auch Waſſer aus dem Kiuffe 

Und auch aus der Quelle hurtig ! 

Während fih die Eimer füllten, 

Blieb gedanfenvoll ich fiben, 770 
Schaute zu dem Spiel der Zifche, 

Sah die Quappen flink fih wenden, 

Für die Brut die Hechte forgen 

Und die Bleierweibchen tändeln, 

Und verweilte wohl ein Stündchen 

Selbſtvergeſſen bei dem Spiele. 

Endlich trieben mich die Töne 
Aus dem Hochzeitsſaal zur Rückkehr, 

Und die Wirthin, mir begegnend, 
Sragte, wo die lange Nacht ich, 780 
Wo den halben Tag vermeilet ? 

„Ach du liebe, theure Mutter, 
Kennft du denn der Jugend Art nicht, 
Richt die Luft der Waifenfinder ? 
Fünfmal fäumt man ohne Urſach, 
Sechsmal fühlt man ſich gefeſſelt, 
Siebenmal gehemmt die Schritte! 
Sieh, ſo blieb ich träumend fißen, 





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Erfter @efang. 


Sah gedanfenlos in's Wafler, 
Scaute zu dem Spiel der Fifche, 
Sah die Quappen flink fi wenden, 
Für die Brut die Hechte forgen 
Und die Bleierweibchen tändeln, 
Und verweilte wohl ein Stündehen 
Selbſtvergeſſen bei dem Spiele.” 
Gebt im Streuztung euch die Hand, 
Tanzt den eignen Dorfestanz, 
Bis der Aeftrih zum Moraft wird, 
Den die Heerde faum durchwatet, 
Und die Preißelbeeren kniehoch 
Durch der Tänzer Zehn gewachfen ! 
Kalew ſchickt fih an zur Rückkehr, 
Mahnet Linda aufzubredyen, 
Birkhuhnstöchterchen an's Scheiden, 
Seinen Schwan, die Luſt zu enden. 
Linda rief auch von der Schwelle: 
„Laufburſch, tränfe rafch Die Roſſe, 
Hausknecht, lege das Gefchirr auf, 


‚ Herold, wende du den Schlitten z 


Mit den Fiemern unter’d Fenfter, 

Mit den Seiten an die Schwelle, 

Mit dem Rüden gegen Often!« 
Darauf trat fie bin zur Wittwe, 

Ahr den Abfchiedsgruß zu fagen: 

„Lebe wohl, du theure Mutter, 

Muß auf immer dich verluffen, 

Muß ein Echwan von den Gefyielen, 

Aus dem Horft ein Adler fcheiden. 

Ah mir wird fo fehwer die Trennung 

Don den Menfchen, die ich liebe, 

Bon den trauten Plägchen allen, 

Bon den liebgewordnen Höfen! 

Muß mid von dem frohen Streije, 

Bon dem Hochzeitöfeite trennen, 

Darf nicht mehr mit euch die Mahlzeit 

An der lauten Zufel theilen.” 





Erfter Geſang. 


Darauf fprang fie in den Schlüten, 
In den Schlitten zu dem Gatteı, 
Der mit feiner linfen Eeite 
Warm ſich an fern Weibchen fihmiegte, 
Mit dem rechten Zuße fteuernd., 
Kalew, mit den Sporen raffelnd, 
Mit der golduen Kette klirrend 
Sprach: „O Linda, meine Theure, 
Was haft du zu Hauf’ vergeffen ? 
Dreierlei haft du vergeflen : 
Erft den Mond vor eurem Haufe, 
-Und das ift dein alter Bater ; 
Dann die Sonne vor der Kleete, 
Und das ift dein alter Oheim; 
Dann die Birken vor dem Zenfter, 
Und das find die blüh’nden Brüder 
Und die Bettern aus dem Wäldchen.” — 
„Mag ich fie vergeflen haben, 
Ufo wird mir fle erſetzen; 
Bo ein Weg ift zum Betreten, 
Bo ein Fußſteg an das Ziel führt, 
Bird fich auch der Führer finden !- 
Zraurig fah der Mond hernieder, 
Trüben Blickes ſchien die Sonne, 
Sahn die Birfen in das Fenſter. 
Linda’ Herz ward wieder ruhig 
Und vergaß die Trennungdfchmerzen, 
Flog im Arme des Geliebten, 
Unterm Schutz des theuren Gatten 
Ueber weite Schneegefilde 
Und durch Dichte Nadelwälder, 
Zags im hellen Schein der Sonne, 
Nahts vom Silbermond beleuchtet 
Immer zu der Wohnung Kalew’s, 
Ro in fliller feidner Kammer 
. Ihr ein nettes Bettchen winkte 
Ruh’ im weichen Flaum verfprechend. * 


. 





4* 





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- Bieriter Geſang. 


Wen mich's treibt ein Lied zu fingen, 

Zreien Kauf dem Strom zu Taffen, 

Der in alten Weiſen hinbrauft: 

D dann hält mich feine Leine, 

Hält mich feine, hemmt mich feine, 

Sliegen nicht die Wolfenfegler, 

Noch die Strahlenpfeile fehneller. 

Dörfer laufchen meinen Worten, 

Sinnend ſchaun mir nady.die Schlöffer, 

Deutſche herchen gruppenweife 

Und mit Mißgunſt ſelbſt die Städte. * 
Um des Lebens jungen Mittag 

Bor dem Wendepunkt der Jugend 

War das Weib des edlen Kalem 

Schon mit Früchten reich gefegnet, 

Und es hatte Linda dann fchon 

An der nimmer leeren Wiege 

Kräftae Knaben eingefungen, 

Kalew's treue Ebenbilder. 

Als die Knaben an den Brüften 

Ihrer liebereihen Mutter 

Satt getrunken, rankten fuftig 

Sie hinauf, den Hals der Mutter 

Zu umklammern, an des Vaters 

Breiter Bruft hinanzullettern, 

Und errangen ſchnell die Freude, 

Sicher auf den eignen Füßen, 

Ihren Eltern ſchon zu dienen. 

Von den Söhnen waren zwei noch 


An des Vaters Lebensabend 


Kleine Knäbchen bei den Eltern. 
Alle andern waren längſt ſchon 
Bald des Windes Führung folgend, 


Zweiter Geſang. 


Bald dem Pfad von Vöoͤgelſpuren 
In die Fremde ausgewandert, 
Einen Plag fih zu erfümpfen, 
Eine Heimath fih zu gründen. 
Denn das eingefchränkte Laͤndchen 
Bot mit feinem magern Boden 
Nicht für ale Raum zum Leben, 
Konnte alle nicht ernähren. 

Und was fonft das Leben heifchet 
Für fo viele nicht‘ erzeugen. 

Vater Kalew's Wille war es, 
Wie er deutlich ausgeſprochen: 
Sein erworbenes Beſitzthum 
Einem Sohne nur als Erbe 
Ungetheilt zu hinterlaſſen. 

Ob auch Kalew's Soͤhne ſämmllich, 
Hochgewachſen wie der Vater, 
Sich durch ihre Leibesſtaäͤrke 
Frühe ſchon bemerklich machten; 
Einer doch vor allen andern 
War das Ebenbild des Vaters, 
Ueberragte alle Brüder 
Bie an Wuchs und Kraft und Schönheit, 
So an geiftiger Begabung : 
Kalew's letztes zarte Neftlind, 
Jener vaterlofe Spätling, 

Welcher nad) des Vaters Zode 
Erft das Licht der Welt erblidte. 

Bon dem jüngften Sohne Kalew’s 
Finden fih aud) jebt noch Spuren 
In dem-Lande feiner Vaͤter, 

Die fein Angedenfen fichern. 

Eine von den vielen Sagen, 

Die von diefem Riefenhelden 

In dem Ehftenvolfe leben, 
Nennt ihn unterfcheidend Sohni, 
Während diefer Name nirgend 
Sonft in alten Sagen vorkonmt. 


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—— 


100 


Zweiter Geſang. 


Ueberall pflegt man den Helden 
Nur den Kalewsſohn zu nennen. 

* Auf den Spuren diefes Sohnes 
Werden muntre Bächlein murmeln, 
Meereswogen leuchtend rauſchen, 
Wolken vor dem Sturmwind fliehen, 
Werden duf'ge Blumen ſprießen, 
Voͤglein in den Zweigen ſingen 
Und der goldne Kuckuk rufen. * 
Diefen jüngften Sohn des Haufes, 
Der das Ehftenyolf beberrichte, 
Preift das Lied der alten Sänger 
Und verherrlichet die Enge. 
Schwerlich giebt e8 wohl ein Dörfchen 
Dder ein entleg’ned Häuschen, 

Wo fid, Ehftenfnaben finden, 

Muntre Ehftenmädchen blühen, 

Die nicht aus der Eltern Munde 

Se gehört von alten Sagen, 

Die vom Kalewsſohn erzählen. 

Seh’, mein Cohn, hinab nach Pernan, 
Zieh’ von dort hinauf nach Jerwen, 
Wende dich alsdann nad Harrien 
Und betritt die Wieffhen Moore, 
Sp wie Wierlands Ecegeftude ; 

Seh? dann quer durchs Land nach Plestan 
Hinter Taara's Cichenhaine, 

Dann zurüd durch Allentacken 

Bis zur fernen Gränze Finland’s : 
Aller Orten wirft du Eagen 

Bon dem Kalewsſohne finden. 

*Mit dem Than dem Haidefraute 
Und dem Nebelreich entiirömend ä 
Dringt die Kalewidenſage 

Durch die engſten Dedenwege, 

Setzet über eh’rne Pforten, 
Ueberfpringt aus Felſenkeſſeln 


Auch die breiteften der Mauern 


Zweiter Befang. 


Und die hochſten Eifenthürme, * - 
Nur in Dörptfhen Landen fchweigen 
Alter Zeit Erinnerungen. 

Einſt an einem felgen Adend 
In des Lebens Dämmerftunde 
Sußen beide Eltern traufich 
Auf der Ofenbank zufanımen, 
Und da ſprach der alte Salem 


"Reife flüfternd zu dem Weibe : 


„Linda, meine füge Blume, 
Meine goldne Wiefenzierde, 
Die du in den Frühlingstagen 
Und im Sommer unſrer Xiebe 
Kräfttge Söhne mir geboren, 
Sie gefäugt an deinen Brüften, 
Auf den Armen fie geſchaukelt: 
Noch im Herbfte unfrer Liebe 
Wird fi) deinem Mutterfchooße 
Eine junge Frucht entwinden. 
Sieh nun, Linda, theure Gattin, 
Blümchen aus dem Wierjchen Haine, 
Süßes eientfproffnes Birkhuhn: 
Haft fhon wiederum die Tage, 
Bo fih an die fehwerern Tritte 
Theure Hoffnungsträume hängen, 
Freud'gen Muthes angetreten, 
Biſt ſchon wieder jeden Morgen 


Schlau bedacht die Schuh zu wechſeln, 


Um den Böſen zu verwirren, 


Der dir etwa tüdifch nachſchleicht; 


Und nicht lang' nach dieſen Tagen 
Wirſt ein wunderholdes Knaͤblein 
Du an deinen Buſen drücken 

Und in ſüßen Schlummer wiegen. 

„Dieſes Söhnchen, unſer Neſtei, 

Unſer letztgebornes Lämmchen, 

Wird dein Liebeswerk beſchließen. 
Nach der ew'gen Götter weiſem, 


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Zweiter Gefung. 


Längft vorher beftimmtem Rathſchluß 

Wird mein Auge diefes Söhnchen 

Nicht mehr fehn vor meinem Hingang; 

Doc wird diefer legte Sprößling, 

Diefes letzte Ei im Korbe, 

Diefer Spätling unfrer Liebe 

Mehr, als unfre andern Kinder, 

Seinem Bater Ehre maden. 

Und es werden fpäte Enkel 

Heilig halten das Gedächtniß 

Seines Namens, feiner Thaten. 

Hat er mit dem Mannesalter 

Seine Herrſchaft angetreten, 

Dann wird eine Zeit der Blüthe, 

Eine goldne Zeit des Zriedens 

In dem Ehftenlande aufgehn. 

Durch des Reiches Theilung will ich 

Unfer Ländchen nicht zerftüdeln 

Und die Macht des Königs fchwächen: 

Darum ſei's in feinen Gränzen 

Unverfehrt nur Eines Sohnes 

Sich'res ungetheiltes Erbtheil.“ 
Diefen Gegenftand befprechend‘ 

Fügte noch hinzu der Alte: 

„Bleibet ungetheilt da8 Ganze 

Eines einz’gen Sohnes Erbtheil, 

So behält es feine Wehrkraft 

Wie der unverfehrte Felſen, 

Der zertheilt in viele Splitter 

Nichts mehr ift, ale eben Splitter. 

Iſt der jüngſte Sohn erwachfen, 

Mögen alle Brüder loofen, 

Wer von ihnen fei zur Herrſchaft 

Ueber unfer Fleines Ländchen 

Bor den übrigen berufen. 

Wie die Götter 's mögen lenken, 

Die in ihrer ew’gen Weisheit 

Unfere Gefchide fügen, 


Zweiter Belang. - 


Wird's am beiten fein für alle. 

* Und die andern Brüder mögen 
In der Fremde fid) verfuchen, 
Sich auf Zelfen niederlaffen, 
Stuben auf dem Winde bauen, 
Wohnungen am Saum der Erde, 
Häufer auf den Beerenfträuchern, 
Hütten auf den Klettenblättern, 
Badeftuben in den Wolfen, 
Schwitzgerüſte unterm Regen. 

Land giebt's überall auf Erden, 
Jedes hat zum Dach den Himmel, 
Und der fräft’ge Mann bereitet 

An der Noth fein Neit aus Wolfen 
Wie der Aar in Felfenflüften. 
Stride binden nicht den Starfen, 
Zefleln hindern feinen Gang nicht.“ * 


Ber lag in der falten Kammer 

In den Tod erflarıt am Boden, 

Hingeftredt auf reinem Langſtroh? 

Bater Kalew's Niefenkörper, 

Der lag in der falten Kammer 

In den Tod erflarıt am Boden, 

Hingeftredt auf reinem LZungftroh. * 
Bald nad) jenem Zwiegefpräche, 

Das die Eltern leife flüfternd 

Einft gepflogen ob des Landes 

Künft’ger Wohlfahrt, mußte Kalew 

Sich aufs Krankenlager werfen, 

Das der fieggewohnte Kämpfer 

Auch nad langem fchweren Kampfe 

Siegreich nicht beftehen ſollte. 
*Wohl ließ Linda ihre Spange 

Schwebend fih am Zaden dreben 

Und den Erlenfäfer fliegen: 

„Dreh? dich, Spange, fliege, Käfer, 


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/ 


Iweiter Sc ang. 


Zummelt euch umd bringet Hilfe ! 
Schafft den Windarzt her zur Stelle, z 
Laßt den Sprucharzt eilig kommen!“ 
Spange wirbelt’ fieben Zage, 
Erlentüfer flog gehorfam 
Ueber Länder, über Meere, 
Flog durch dreier Könige Neiche 
Und noch weiter hin nach Norden. 
Und wer fam ihm da entgegen ? 
Nur der Mond, der eben aufging 
Raſch den nächſten Sternen folgend. 
„Grüß dich, Mond, du Quell des Wohlſeins, 
Defien fanfte, bleiche Strahlen 
Kraft, Geduld und Muth verleihen ! 
Sprid), wird BVäterchen gefunden, 
Wird er bald das Bett verlaffen % 
Ernfthaft Schaut’ der Mond bernieder 
Und ging ohne Antwort weiter. 
Spange wirbelt fieben Tage, 
Erlentäfer flog gehorfam 
Ueber Länder, über Meere, 
Ueber dreier Könige Reiche 
Und noch weiter bin nad) Norden ; 
Flog durch viele dichte Wälder 


Und berührte auch den Goldberg, 


Ob ihm Jemand möcht’ begegnen. 

Kam ihm Niemand fonft entgegen, 
Als der Abendftern am Himmel. 

„Grüß dich,“ ſprach der Erlenkäfer, 
„Grüß dich, Stern, du Weithinſchau'nder! 
Gieb, o Sohn des Himmels, Runde: 
Wird das PVäterchen gefunden, 

Wird der Held das Bett verlaffen ?« 

Blinzelnd hört? der Stern die Bitte, 
Doc verjag® er ihm die Antwort 
Und erlofdy am Himmelsrande. 

Spange wirbelt’ fieben Tage, 
Erlenkaͤfer flog gehorſam 


Zweiter Befang. 


Ueber Länder, über Meere, 

Ueber dreier Könige Reiche 

Und noch weiter hin nach Norden, 

Ueber weite Haideflichen, 

Ueber dunfle Kiefernwälder 

Und berührte anch den Goldberg, 

Ob ihm Jemand möcht? begegnen. 
Nur die Sonne fah er aufgehn, 

Sah das Licht der Welt erfcheinen. 
„Grüß dich, Eonne, Allgeliebte! 

Gieb mit Kunde, Strahlenauge, 

Laß mich willen, Himmelsleuchte : 

Bird das Bäterchen gefunden, 

Wird ter Held Das Bett verlaffen?« 
Gtäh’nden Blickes hört's die Sonne, 

Hört es und ging fchweigend weiter. 
Linda ließ die Spange wirbeln 

Und den Erlenfäfer fliegen : 

„Dreh? dich, Spange, wirble, Spange, 

Zliege, fliege, Erienfäfer ! 

Zummelt euch und bringet Hilfe! 

Schafft den Windarzt her zur Stelle, ° 

Laßt den Sprucdarzt eilig fommen 

° Und gewinnt den Manaweiſen!“ 
Spange wirbelt' fieben Tage, 

Erienfäfer flog gehorfam 

Ueber LXünder, über Meere, 

Ueber dreier Könige Reiche 

Und noch weiter hin nad Norden, 

Ueber weite Haidefldchen, 

Ueber dunkle Kiefernwälder 

Und berührte auch den Goldberg. 
Und wer fam ihm da entgegen ? 
Kam der Windarzt ihm entgegen 

Und aus Finland auch der Sprucharzt 

Und der Manameife felber. 
„Seid willkommen, weiſe Meifter! 

Gebet Antwort meiner Frage, 


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Zweiter Gefang 


Laßt mich nicht vergebens bitten : 
Sprecht, wird Bäterchen gefunden, 
Wird der Held das Bett verlaffen? 
Schon hab’ ih den Mond gebeten, 
Schon die Sonne angerufen, 
Auch den Abenditern befragt ſchon, — 
Niemand gab mir eine Antwort.“ 
Drauf erwiderten die Weifen, 
Sprachen wie aus Einem Munde: 
„Was der glüh’nde Haud) der Dürre 
Auf dem Felde ſchon verfengte, . 
Was das Mondlicht weiß gebleicht fchon 
Und verwelkt gefehn die Sterne, — 
Das erhebt fi nicht mehr wieder, . 
Kann nicht mehr als Pflänzchen grünen.“ * 
Eh die Spange ausgewirbelt 
Und der Käfer noch vom Ausflug 


Mit der Antwort beimgefehret, 


Bar für immer Bater Kalew 
In den Zodesfchlaf gefunfen. 

Seine Linda war nun Wittwe, 
Fühlte für den theuren Gatten ' 
Schmerz nur noch und bittres Wehe 
Und beneßte unter Schluchzen 
Seine kalte Schlummerftätte 
Mit den Thränen, die fie weinte. 


"Ihrer Zrauer hingegeben 


Saß fie fchlaflos fieben Nächte, 

Sieben Tage ohne Speife, . 

Sah nur durch den Thränenfchleier 

Siebenmal die Sonne aufgehn, 

Und es fenkte ſich fein Schlummer 

Auf Die rothgeweinten Augen, 

Deren offne Thränenquelle 

Tief im Herzen nicht verfiegte. * 
Linda, die verlaffne Wittwe, 


Wuſch den flarren Leib des Todten 


Mit den eignen Schmerzensthränen, 


Zweiter Belang. 


Mit der Salzfluth aus dem Meere, 
Mit den Strömen aus den Wolken, 
Mit dem Wafler aus der Quelle. _ 
* Strich fein Haar mit zarten Fingern, 
Glättet' es mit Silberbürften, 
KHämmt es mit dem goldnen Kamme, 
Deſſen einft die Waſſernixe 

Sid bedient ihr Haar zu glätten. 
Zog ihm an ein Seidenhemde 

Und ein Todtenkfleid von Sammet 
Ueber den betresten Leibrod 

Bon dem Silbergurt umfchlungen. 
Nebelflor bededt? fein Lager, 


‚Mebelflor fein bleiches Antlig. * 


Linda, die verlaffne Wittwe, 
Grub dem Todten felbft die Gruft nun 
Und bereitete das Bett ihm 
Dreißig Ellen unterm Rafen. 
als fie fo auf kühlem Lager 
An der ftillen Schlummerftätte 
Ihren Gatten wohl gebettet, 
Schüttete fie Grant und Kiefel 
In die Gruft, bis fie gefüllt war, 
Bis zur grünen Rafendede. 

*Und der Rafen auf dem Grabe 
Grünte bald von ſammtnen Gräfern ; 
Nur des Todten Hals trieb Thaugras, 
Seine Wangen rotbe Blumen, 

Seine Augen blaue Glödchen, 
Engelblumen feine Xider. *- 

Zinda, die verlafftne Wittwe, 

Zrauerte um ihren Gatten, 

Beinte um den Hingefchiedien 

* Einen Monat und den zweiten, “ 
Einen Theil vom dritten Monat, 
Auch vom vierten manchen Tag noch, 
Sühnte ihren Schmerz mit Thränen, 


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46 


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Zweiter Geſang. 


Ihren Kummer mit den Perlen, 

Die aus ihren Augen tropften. * 
Täglich trug die arme Wittwe 

Steine auf das Grab zufammen, 

Um ein Denfmal aufzurichten, 

Das den Söhnen und. den Töchtern 

Aller fommenden Gefchlechter 

Noch den Ort bezeichnen follte, 


Bo der Held begraben worden, 


Wo der alte Kalew ruhte. 

Wer in Reval je geweſen 
Und die Stadt ſich recht beſehen, 
Sah gewiß auch Kalew's Grabmal, 
Das ein jüng'res Menſchenalter 


RKunſtvoll mit Paläften ſchmückte 


Und mit einem ſtolzen Dome. 

Unſre Zeitgenoſſen nennen 

Diefen Ort jetzt Reva's Domberg. 

Dort ruht noch der alte Kalew, 

Schlaͤft dort feinen ew'gen Schlummer. 
Linda, die betruͤbte Wittwe, 

Die, des Mannes Grab zu ſchmücken, 

Steine emfig ſelbſt herantrug, 

Hatte einſtmals in der Ferne 

Einen gar gewaltigen Felsblock 

Für das Grab ſich aufgeladen. 

Diefer drüdte ſchwer die Schulter, 

Daß fie feuchend ſich bewegte 

Und die Kräfte ſchon verfagten, 

Als fie kaum den Weg begonuen 

Und zum fernen Grabeshügel 

Noch fehr weit zu gehen hatte. 

Und da flieg mit müdem Zuße 

Wankend fie an einen Baumftumpf, 

Daß das Gleichgewicht verlierend 

Ihr der Stein aus feinen Banden, 

Die bisher ihn feftgehalten, 

Krachend vor die Füße hinflel. 


Zweiter Geſang. 


— 


Bon dem langen Schmerz entfräftet, 
Der die Trauernde verzehrte, 

Die dem Kindbett nicht mehr fern war, 
Konnte fie den Stein nicht heben, 

Um ihn weiter fortzutragen. 

* Und fie feßte auf den Stein ſich, 

Um ein wenig audzuruhen. 

Und da füllten ſich die Augen 
Wiederum mit bittern Thränen. 

„Bin ich,“ fprad) die Arme fchluchzend, 


„Richt am Strauch ein fpätes Beerlein, 


Nicht ein Stübchen ohne Grundftein, 
Eine Hütte ohne Schirmdadı, 
Nicht ein Ader ohne Feldzaun, 
Allen Stürmen, allen Fluthen 
Btoßgeftellt und preisgegeben! 
Niemand auf der weiten Erde 
Steht mir bei in meinem Elend ! 
Wie der Herbſt die folge Erle 
Und den duft’gen Faulbaum plündert, 
Wie der Sturm die Apfelblüthen 
Und die Birfenfigchen wegführt, 
Wie er bier die ſchlanke Espe, 
Dort die breitgezweigte Eiche 
Und die Ulmen und die Eſchen 
Bis auf ihre nadten Zweige 
Sraufam ihres Schmuds berauhet — 
Alfo hat auch ohn' Erbarnen 
Alles mir der Tod entriffen, 
Was mich ftolz und felig machte, 
Und den Schmerz mir nur gelaffen !« * 
Linda, die verlaff’ne Wittwe, 
Beinte bittre Wittwenthränen, 
Thränen nie gefannten Schmerzes, 
AS fie einſam auf dem Felsblod 
Ihre Lage überdachte. 

Und der Thränenftrom der Augen 
Kann zu ihren Züßen nieder 


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Zweiter Befang. 


Und erzeugte eine Lache, 
Floß zu einem See zufammen. — 
Diefen See aus Linda's Thränen, 
Die fie auf dem Felsblock weinte, 
Könnt noch heutzutag ihr fehen, 
Wenn den Dberfee ihr anfchaut, 
Deflen Wellen auf dem Laaksberg 
Rauſchend an die Ufer fehlagen. 
Auch der Zelsblod fteht anı fer, 
Wo fie fchluchzend faß, die Arme, 
Als fie ihre Thränen weinte. 
Alfo war in grauer Vorzeit 
Aus den Thränenftrömen Linda’s, 
Aus der Wittwe Schmerzenszähren 
Einft der Oberfee entftanden. = 
* Wenn der Zufall dich, mein Bruder, 
Auf den Weg bringt, der am See hin 
Nah der Stadt fid) heiter fchlängelt, 
Und du haft erreicht das Ufer: 
Laß daſelbſt dein Pferdchen grafen 
Und fi laben an dem Waſſer, 
Während du am Zeldblod rafteft 
Denfend an die graue Vorzeit, 


An des alten Kaley 3 Fahrten ! ‚ 


Sieh dir an das ew’ge Denkmal, 
Welches die verlaffne Wittwe 
Ihrem Kummer ausgegoflen, 
Daß fih drin die ew'ge Sonne 
In den ew’gen Zluthen fpiegle ! 


* Schon erfüllten fi) die Tage, 
Neigten bald ſich fchon zum Abend ; 


Linda fühlte ſchon die Stunde 


Angftvoll immer näher kommen, 
Schonungsloſer ſich beeilen, 
Groͤßere Gefahren drohen; 
Und ſie ließ die Badſtub' heizen, 


Zweiter Gefang. 49 


Einen Platz fürs Lager räumen, 
Sid das Wochenbett bereiten, 
Eine Ruhebank beforgen 
Und den Nothſtuhl fertig machen. 
Weiber nus dem Dorfe heizen, 
Mägde tragen Waflereimer, 490 
Andre find beim Bett befchäftigt, 
Andre beffern an dem Notbftuhl. 
Arme- Kreißende, du gehft wohl 
Zaufendmal durch alle Zimmer, 
Hundertmal den Weg zur Badftub?, 
Wanderft zehnmal wohl zum Brunnen, 
Um die Zunge Dir zu neben ! 
Auf dem Gange haft vor Schmerzen 
Du den Gürtel losgebunden, 
Deine Haube abgeriffen, 600 
Schickeſt Seufzer auf zu Ukko, 
Und befhwörft den Röugutaja : 
„Komm, o fomm, du Gott der Winde, 
Eine Kranke fomm’ zu baden, 
Einer Leidenden zu helfen, 
Eine Jammernde zu tröften !« 
Ale Winkel deines Zimmers 
Nebteft du mit deinen Thränen, 
Ale Wände deiner Kammer | 
Griffft du ab in deinen Schmerzen ; 610 


. Sahft mit Neid die Ofenfimfe 


Und die Bänfe an mit Scheelfucht, 
Knieteft Gruben in den Aeſtrich, 
Riefft verzweifelnd auf zu Uffo 
Und beſchwurſt den Röugutaja : 
„Gott der Binde, fomm’, o komme, 
Eine Kranke komm' zu baden, 
Einer Leidenden zu helfen, 
Eine Jammernde zu tröften ! 
Komme, komme zu der Armen, 620 
Sie vom Knäblein zu befreien 1« 
Alles meinte in dem Haufe, 





50 


Zweiter Befang. 


Alt und Yung in allen Winkeln 
Und die Weiber aus dem Dorfe. 
Nur der bingefchiedne Gatte 
Hörte nicht der Gattin Jammern. 
Und die Kreißende, die Arme, 
Rannte rafend durch die Wälder, 
Ihrer Schmerzen 108 zu werden. 
Faulbaum wuchs im erften' Walde,, 
Ahorn wuchs im zweiten Walde, 
Kreuzdorn wuchs im dritten Walde, 
Ebereſche in dem vierten 


‚Und der Kirſchbanm in dem fünften. 


Faulbaum nimmt den Sram vom Herzen, 
Heft’ge Schmerzen lindert Ahorn, 
Stiche bleiben an dem Kreuzdorn, 
Kopfſchmerz an der Eberefche, 
Schwindel an dem Kirſchbaum haften. 
Doch die Leiden famen wieder, 
Um das arme Weib zu foltern, 
Kehrten heftiger nur wieder, 
Mohr fie jammern auf dem Stuble 
Oder feufzen vor dem Dfen 
Dder auf dem Bette wimmern. 
Und fie feufzte ſchwer zu Uffo, 
Flehte zu dem Röugutaja : 
„Gott der Winde, tritt in's Zimmer, 
Eine Kranke komm' zu baden, 
Einer LZeidenden zu helfen, 
Eine Jammernde zu tröflen! 
Komme, fomme zu der Armen, 
Sie vom Knäblein zu befreien !« 
Alles in dem Haufe weinte, 
Alt und Yung in allen Winkeln, 
Weiber aus dem Dorfe fchluchzten. 
Nur der hingefchiedne Gatte 
Hörte nicht der Gattin Jammern. 
Arme Kreißende, wer hilft dir, 
Hilft Dir tragen deine Schmerzen ! 


Zweiter Geſang. 


Ah ſchon wanfft du, Schwergeprüfte, 
Müde deiner Gruft entgegen, 

Der du nicht mehr zu entrinnen, 
Richt mehr auszuweichen hoffeſt! 

Doc kann Uffo dir noch helfen, 
Röugutaja dich noch retten! 

Diefe himmlifchen Gewalten 
Hören auf des Kranken Bitten! 

Und fhon war fie da, die Stunde, 
Traf die Hreißende am Ofen, 670 
Solgt’ ihr bald auc auf das Lager. 
Dorthin ſchwankte fie, die Arme, 

Halb befinnungslos in Thränen 

Und ſank zitternd dann zufammen. 

Seufzer fandte fie zu Ufo | 

Und befhwor den Röugutaja: 

„Bott der Winde, komm' hernieder, 

Eine Kranfe komm’ zu baden, 

Einer Leidenden zu helfen, 

Eine Jammernde zu tröften! 680 
Komme, komme zu der Armen, 

Ihr im Kindbett beizuftchen !« 

Ukko Hört’ es in der Kammer, 
Röugutaja in der Niege, 

Beide hörten ihren Wehruf 
Und vernahmen ihre Bitten. 

Da trat Ukko in das Zimmer, 
Nöugutaja in die Kammer, 
Zraten Beide an den Ofen, 
Beide an das Kranfenbette. 580 
Einer trug ein Bündel Langftroh, 
Kiffen unterm Arm der Andre. 
Daraus machten fie ein Lager 
Für die fchwererfrantte Wittwe, 
Legten fanft fie auf die Kiffen 
Und bededten fie mit Linnen 
Und mit weichen wolnen Deden. 

Und es regten bald im Bette 

5* 


bi 





62 


610 


620 


Zweiter Befang. 


Sich zwei Köpfe auf dem Kiffen 
Und vier Arme und vier Schenkel 
Schmiegten warm fid) an einander. 
Uffo öffnete die Thür dann 
Und es riefen Beide fröhlich: 
„Werft in's Schloß des Grabes Thore 
Und vermacht des Sarges Dedel ! 
Unfre Stranfe in dem Bette 
Liegt auf zarten weißen Linnen 
Mit zwei Köpfen auf dem Kiffen, 
Und vier Arme und vier Schenkel 
Schmiegen unter warmer Dede 
Sanft und warm fid) an einander.“ 
Danf dem Bäterchen im Himmel, 
Danf den gnadenreichen Göttern, 
Dank den Helfern in den Nöthen ! 
Eine Stunde waren Beide, 
Utko und der Röugutaja, 
Nur am Kranfenbett gewefen. 
Biſt gerettet, liebe Kranke! 
Darum bebe deine Hände, 
Hebe dankend fie gen Himmel, 
Daß den Kampf du überftanden ! * 


Als ein Troſt in ihrer Trauer, 
Trocknend ihre Schmerzensthränen 
Uud verfiheuchend ihren Kummer, 
Wuchs heran das theure Söhnchen. 
Kräftig fog der kräft'ge Knabe 
An den mütterlichen Brüften, 

Trank am Quell der Mutterliebe 
Kräftgen Balfam, der den Säugling 
Förderte in Kraft und Wahsthum. 

*Merket auf, ihre jungen Männer, 
Gebet Acht, ihr frifchen Buben, 
Praͤgt's euch ein, ihr klugen Frauen, 
Mer in jener Wiege jchlummert, 


Zweiter Befang. 53 


Wer, wenn ihn die Windeln drüden, 
Schreiend feinen Aerger kundthut! 
Linda’ Trauerknabe ift es, 
Der den Bater nie gefehen, 
Den die Winde gehen lehren, 2 
Regenfchauer wachfen machen, 640 
Kalter Morgenthau erquidet, 
Nebelwolken unterftüßen. 
Einft ſaß Linda an der Wiege 
Und verfuchte emfig ſchaukelnd 
Und ein Liedchen dazu fummend 


Ihren Buben einzufchläfern. 


Doch vergebens, denn der Knabe 

Sperrte fih, gewalfig freifchend. 

Und fo fuhr er fort zu fhreien 

Tag und Nacht durch viele Wochen, 650 
Daß das Licht in Linda’s Kammer 

Nicht erloſch an feiner Wiege. 
Aengſtlich forfchte in dem Dorfe 

Linda nach dem Thränenftiller, 

Der mit fräft’gen Zaubermitteln 

Ihren aufgeregten Säugling 
Zu beſchwichtigen vermöchte. 

Erft nach mondelangem Schreien 

Ward der Stnabe endlich ftille, 

Sprengte feine engen Windeln, 080 
Riß das Windelband in Fepen 

Und zertrümmerte Die Wiege, 

Um den Neftrich zu erreichen, 

Bo er rafch auf allen vieren 

Zortzufriechen ſich bemühte. 

Und nachdem er cin’ge Monden 

Auf dem Aeftrich ſich getummelt, 

Konnt' er aufrecht flehn und gehen. 

Kräftig fog der kraͤft'ge Knabe 

An den Brüften feiner Mutter, 670 
Ward ihr Stolz und ihre Freude, 





700 


Zweiter @efang: 


Ward ihr Troft in Kummertagen 
Und ihr Beiftand in Gefahren. * 
Bis zum dritten Lebensjahre 
Säugte Linda felbft den Knaben, 
Eh’ fie ihn der Bruft entwöhnte, 
Und das Snäblein ward zum Buben, 
Der fehr bald in allen Stüden 
Seinem Namen Ehre machte 
Und des alten Kalew's Ausfprud 
Slänzend einft erfüllen follte. 
Täglih übt er feine Kräfte, 
Täglich ward er größer, flärker. 
Bater Kalew's edler Sprößling 
Ward ein flinfer Hüterfnabe, 
Dann ein tücht’ger Pflügerbube, 


Schoß wie eine junge Eiche 


Schlanf und fräftig in die Höhe 

Und verhieß des Vaters Ausſpruch 

Glänzend einſtmals zu erfüllen. 

Täglich bt? er feine Kräfte, 

Zäglidy ward er größer, ftärfer. 

* Auf dem Hofplag fpielt? er Kurni, 

Radfpiel auf dem weiten Anger. 

Wenn cr feine Kurniflöße 

Aufgeftelt am untern Rande 

Und vom obern Rand fein Knittel 

Saufend durch den weiten Hofraum 

Traf die aufgeftellten Kloͤtze, 

Hei wie flogen längs dem Anger . 

Bis zur fernen -Kälberfoppel 

Dann die aufgeftörten Klötze 

Weit und breit bin aus einander ! 

In den Wäldern, an den Hügeln 

Und zerſtreut auf weiter Zlähe — 

Ja im Meere fand man mandje. * 
Seine Kurnmikloͤtze find noch 

Heutzutage anzutreffen 

Auf dem Spielplag feiner Jugend, 


Zwelter Befang. 


Die man Yungferniteine nennet, 110 
Kloͤtze, die der Riefenfnabe 
Selbſt fih aus Granit gehauen. 
Kalew's jüngfter Riefenfprößling 
Warf aus ſelbſtgemachter Schleuder 
Steine in die fernfte Weite. 
Gern verweill’ er auch am Strande, 
Wo er flache Steinchen fuchte, 
Die er längs den Waſſerſpiegel 
Weithin fortzufchleudern liebte. 
Seine Steinchen waren freilicd) 720 
Große dide Fliefentafeln ; 
Aber feiner Hand entflogen 
Hüpften fie wohl eine Werft weit 
Luftig längs dem Meeresſpiegel. 
Auf dem Kopfe ftehend fehaute 
Er dann felber nach dem Steine, 
Bis er unterfanf im Meere. 
Dftmals fah man auch den Knaben 
Auf dem Hofplag feiner. Mutter 
Sich aus hohen ſchlanken Birken, 70 
Die er aus der Erde rupfte, 
Als wenn’s dünne Halme wären, 
Kleine nette Cchlittchen machen 
Dder Kapenkörbihen flechten. 
Es verfloffen unter Spielen 
Rafch die Jahre feiner Kindheit 
Und der junge Kalewide 
Steuerte mit vollen Segeln, 
Die die Mutterliebe blühte, 
In das Meer der reifern Jahre. 740 
Bater Kalew’s jüngfter Sprößling 
Map bald volle Manneslänge, 
Schritt vorbei den ältern Brüdern 
Und erreichte bald den Bater. 
Alfo wuchs im ftillen Hofe 
Seines väterlihen Hauſes 
Kalew's jüngftgeborner Spröfling 


56 


750 


700 


770 


70 


Zweiter Befang. 


In der Mutter Wittwenjahren 
Still heran zum roſ'gen Blünyhen 
Und zugleich zum ftarfen Eihbaum 
Und zum Feld in Ungewittern, 
MWeit die Brüder überragend, 

Und verhieß des Vaters Ausfprud 
Glänzend einftmals zu erfüllen. 


Laßt und jet den Strom des Liedes 
Nur auf furze Augenblide 
An vergangne Zeiten lenken, 

Wo den Lebenstag des Helden, 
Deſſen Thaten wir befingen, 
Morgennebel noch umhüllten. 

* In dem Hof der Wittme Kalew's 
Früh noch vor dem Morgengrauen 
Wogt's von dichten Menfchenmaffen, 
Die zum Abzug fich bereiten. 

Abgewiefne Freier find es, 

Die wohl zehnmal vor der Dämn’rung, 
Funfzigmal vor Zagesanbruch, 
Hundertmal im Lauf des Morgens 
Sich ſchon leife abgewedhfelt, 

Freier, die nach Kalew's Tode 

Seine Bittwe frech umfchwärmten, 
Ihre Liebe zu gewinnen. 

Denn faum war er abgefchieden, 
Kaum fein treues Herz erfaltet, 

Seines Xebens Licht erlofchen, 
Drängten ſich zur reichen Wittwe 
Freier fchon in hellen Haufen, 

Die mit Flaſchen und mit Krügen 
Theils für ſich und theils für Andre 
Um die Hand der Wittwe warben. 
Alle diefe Leute lodte 

Nur der reichen Wittme Habe, 

Hier die Angel auszuwerfen 

Und ihr Gluͤck einmal zu proben. 


Zwelter Geſang. 


Doch die Wittwe ſprach entſchieden: 


„Nie wird Linda fich vermählen, 

Nie das Hühnchen, nie das Birfhuhn 
Einen zweiten Gatten wählen, 
Schwälbchen fi) fein Neft mehr bauen, 
Schwanenweibrhen feinen Schwan mehr, 
Täubchen feinen Tauber fuchen. 

as ich liebte, nahm der Tod mir, 
Und mein Schap liegt tief im Grabe, 
Schlummert unterm Rafenhügel.“ 

Darum fchleichen dort vom Hofe 
Still fid) fort die jungen Männer ; 
Denn verftummt find ihre Bitten, 
Ihre Hoffnungen zertriimmert. 

Keine Hochzeit winft den Buben 
Und fein frober Tanz den Mädchen. * 

ALS der dichte Schwarm der Freier 

Endlich ſich verlaufen hatte, 
Linda Ruh? zu finden hoffte, 
Ham aus weit entleg’nen Landen 
Unerwartet noch ein Freier, 
Finland's windefund’ger Zaubrer, 
Der ſich Kalew's Vetter nannte 
Und mit reihen Gaftgefchenfen 
Seine Werbung unterftüßte. 

Ohne fi nur zu bedenken, 
Wies die fchwergeprüfte Wittwe, 
Die als Wittwe fterben wollte, 
Ernft zunid des Vetters Antrag. 

Das verdroß den Zaubrer alfo, 
Daß er Flüche murmelnd drohte: 
„Weib, die Schmad) vergeff ich nimmer, 
Die dein Hochmuth heut’ mir zufügt. 
Glaube mir, die Zeit wird fommen, 

Wo ich dir's vergelten werde !« 

Auf des Windefund’gen Drohung 
Sagte lächelnd Wittwe Linda: 

„Deine Rache, Windekund'ger, 


\ 


810 


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68 


Zeiler Befang. _ 


Hab’ ich wahrlich nicht zu fürchten, 
Denn es wachen mir im Haufe 
Noch drei Söhne, junge Adler, 
Wohl verfeh’n mit fcharfen Krallen ! 
Diefe werden ſchon die Wittwe, 
Werden fchon die Mutter fügen ! 

Jahre waren hingegangen 
Unaufhaltfam fehnellen Zluges 
Und die Gluth der Freier wurde 
Immer Fühler mit den Jahren, 
Bis fie ganz erloſch am Ende, 
Roß und Reiter Ruhe fanden. 

Doc wer einft, fein Glüd zu proben, 
Sih um Linda’8 Hand beworben, 
Der verfäumte nicht, den Freunden 
Etwa alfo vorzufingen : 

* „Lieben Freunde, lieben Brüder, 
Freiet nicht nad) einer Wittwe, 

Nehmt fein Weib aus Kalew's Haufe ! 
Schwere Spangen, Münzen, Berlen, 
Alles von dem reinften Silber, 
Klappern ihr am welfen Bufen; 

Doch find eifern ihre Zaͤhne, 

Ihre Worte Feuerzungen. 

Nehmt fein Weib aus Kalew's Haufe ! 
Mit der reihen Gattin bringt ihr 
Einen Feuerbrand in's Haus euch ! 

Baut zur Werbung lieber Schiffe, 
Baut euch lieber Brautfahrtöboote, _ 
Reich umfpannt von feidnen Segeln, 
Seidnen Segeln, goldnen Tauen. 

Geht mit folhem Schiffe werben, 
Laßt's von tücht'gen Männern lenken ! 

Steuert, Männer, rudert, Buben, - 
Segelt nach dem Strande Kinlands, 
Lenkt das ftolze Schiff nad) Norden ! 

Dort ftehn an dem Zelfenufer 
Aufgeftellt in Reih'n die Mädchen; 


Zweiter Belang. 


In der erſten Perlenmädchen, 
In der zweiten Thalermädchen, 
Links die reihen Ringelmädchen, 
Rechts die goldnen Bändermädchen, 
Hie und da verftedt die Waifen, 
Die nur Glasforallen ſchmücken. 

Geht vorbei den PBerlenmädchen, 
Achtet nicht der Thalermädchen 
Und verfhmäht die Ringelmädchen; 
Auch die goldnen Bändermädchen 870 
Laſſet unbeachtet ſtehen, 
Und erwählt die arme Waiſe, 
Die nur Glaskorallen fhmüden : 
Dann befommt ihr eine Hausfrau, 
Die euch Ehre bringt und Freude ! 

Freiet nicht nach einer Wittwe, 
Nehmt kein Weib aus Kalew's Haufe ! 
Bittwen werden fchlechte Frauen. 
Ausgefogen find die Brüfte: 
Eines leeren Brunnens Dedel - 880 
Iſt des Hemdes ſchwere Spange. 
Sie verlangt nad) ihrem Todten, 
Ihr nad einem jungen Weibchen. 
Freiet nicht nach einer Wittwe!“* 





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10 


Dritter Grfang. 


En an einem heißen Tage 

Saß am hohen Meeresufer 

Bater Kalew's jüngfter Sprößling 

Und verfolgte mit den Augen 

Sehnfuchtsvoll das Spiel der Wellen 

Bor dem leifen Haud des Windes. 

Ploͤtzlich hüllte fi der Himmel 

Ein in ſchwarze Wetterwolfen 

Und ein Sturm brach 108, der heulend 

Sich in's Spiel der Wellen mifchte, 

Daß fie ſcheu ſich überftürzten. 

* Raſſelnd fuhr der Gott des Donners 

Mit den erzbefchlagnen Rädern 

Ueber hohe Eifenbrüden, 

Daß die Zunfen graufig fprühten, 

Und entfandte, mit den Sturme 

Unaufhaltfam fürder eilend, 

Big auf Bliß aus feiner Rechten. * 
Böfe Geifter hörten zitternd 

Ihres NRichterd Donnerftimme 

Und entwichen feinen Bligen 

In die aufgethürmten Wogen ; 

Aber fliehend noch verhöhnten 

Sie den Gott mit feden Worten, 

Als fie von dem hohen Ufer 

Kopflings in die Tiefe ftürzten 

Und im Schaume fich verbargen. 
Ueber ihre feige Keckheit 

Tief ergrimmt warf Kalew's Sohn ſich 

Ihnen nad mit Blipesfchnelle 

In das Meer, das fie geborgen. 

Und nachdem er fie wie Krebſe 

Aus den Höhlen eingefangen, 


Dritter Gefang. 


Bracht' er einen ganzen Sad voll 

Mit fih an die Oberfläche 

Und dem Ufer näher fchwimmend 

Warf er aus dem Sad die Wichte 
Mächtigen Schwunges auf den Feldrand, 
Bo des Donnergotted Race 
Sie zerdrofch zu eller Speile, 

Die die Wölfe felbft verfchmähten. 


Einftmald waren Kalew’s Söhne 
Alle drei hinausgegangen, 

Um im Wald umberzufchlendern. 
Nur die Mutter blieb zu Haufe 
Als die Wiächterin der Truhen 
Und der vollen Vorrathskammern 
Und der ftraffen Thalerfäde. 

Als die Mittagszeit heranfam, 
Hob den Kefjel fie aufs Feuer, 
Schürte fleißig felbft die Bränder 
Und bewachte, wie's der Hausfrau, 
Diefer Königin des Herdes, 

Wohl geziemt, die Flamme forgfam, 
Daß fie nicht dem rothen Hahne 
Einen Beg zum Dache weile. 

* interdeflen ftreiften rüſtig 
Ihre Söhne durch die Wilder 
Achtend auf des Wildes Spuren. 
Eifrig ſuchten fie den Bären 
Und die Spur des Elenthieres, 
Sahn fi aud nad Auerochjen 
Und nah Wölfen um im Walde. 

Kürzlich war der Bär im Hafer 
Und beim Bienenftod gewefen, 

Und man hatte au) das Elen 
Nah?” beim Noggenfeld geſehen. 
Bolf und Fuchs und Hafe hatten 
Sich gezeigt an vielen Orten. 


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100 


Dritter Geſang. 


Mit fih führten unfre Jäger 
Drei der ftärkiten Bärenhunde: 
Irmi, Armi und den Würger. 

In des Waldes Dickicht fanden 
Sie mit Hilfe ihrer Hunde 
Nach der Spur des Bären Lager. 
Irmi zerrt' ihn, Armi zauft ihn, 
Würger brach ihn vollends nieder, 
Und den todten Bären band nun 
Sich der Züngfte auf die Schulter, 
Daß er mit den Hinterbeinen 
Längs dem Rüden ihm herabhing. 
Unzerlegt wollt’ er die Beute - 
Ganz allein nad) Haufe tragen. 

Als fie auf die Fläche famen, 
Wo Das Roggenfeld zu fehn war, 
Trabt' mit breiten Schaufelhörnern 
Auf fie zu ein ftolzes Elen. 

Kaum gewahrten es die Hunde, 
AS fie ihm am Naden hingen. 
Irmi zerrt’ es, Armi zaufl es, 
Würger brach es vollends nieder, 
Und das todte Elen band nun 
Sich der Jüngſte auf die Schulter, 
Daß es neben feinem Bären 
Längs den Nüden ihm herabhing. 
Unzerlegt wollt?’ er die Beute 

Ganz allein nad Haufe tragen. 

Sn dem nächften Föhrenwalde 

Fanden fie den Auerochfen, 

Deflen Spuren ihre Hunde 

Auf der Haide ausgewittert. 

Irmi zerrt’ ihn, Armi zauft ihn, 
Würger brach ihn vollends nieder, 
Und den todten Ochfen band nun 
Sich der Züngfte auf die Schulter, 
Daß das Thier in ganzer Xänge 
Auf dem Rüden ihm berabhing. 


” nn Pe 


Dritter Belang. 


Unzerlegt wollP er die Beute 
Ganz allein nach Haufe tragen. 
Kalew’s ftarfe Söhne fchweiften 
Aus dem Walde auf die Flaͤche 
Und erreichten ein Geftrüppe, 
Wo fie ganze Rudel Wölfe, 
Diefer Wüſtenhunde, trafen. 
Ihre Meute flürzte wüthend 
In die Heerde diefer Räuber. 
Irmi zerrt' fie, Armi zauſt' fie, 
Würger brach fie vollend's nieder, 
Toͤdtete fie dutzendweiſe. 
Und der jüngfte Bruder eitte, 
Alle Wölfe abzuhäuten, 
Deren er fünf Dubend zählte, 
Und als er fein Werk vollendet, 
Band er, eh’ fie weiter gingen, 
Ale Baͤlge an den Köpfen 
Rafch in einen Bund zufammen. 
Diefen ſchnürt' er auf den Bären 
Und begleitete die Brüder. 


Auf dem Wege, der durd) Hochwald 


Und durch niedre Büſche führte, 
Sahn fie eine Heerde Füchſe 
Scheu ſich auf die Seite ſchleichen. 
Dieſe ſollten nicht entkommen. 
Irmi, Armi und der Würger 
Stürzten heulend auf die Füchſe 
Und nach kurzer blut'ger Ardeit 
War nicht Einer mehr am Leben. 
Auch die Füchſe abzuhäuten 

War bereit der jüngſte Bruder. 
Und als mit dem fünften Dutzend 
Raſch Die Arbeit er beendet 

Und die Brüder Eile hatten, 
Band im Gehn er feine Bälge 
In ein Ränzdyen nett zufammen, 
Womit er fein Elen ſchmückte. 


110 


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Drikter Btfang. 


Kalew's ftarfe Söhne gingen 
Immer weiter durch die Wälder, 
Bis fie auf die Fläche kamen, 
Bo fie auf dem Roggengrafe 

10 Eine Menge Hafen funden. 
Da ging's wieder an ein Megeln 
Unter diefen Espenwäldlern. 
Irmi zaufte, Armi zerrte, 
Würger würgte unermüdlich, 
Daß wohl Dupende von Hafen, 
Hunderte das Feld bededten. 
Auch die Hafen abzuhäuten 
War der jüngfte Bruder willig, 
Und als bis zum fünften Dutzend 
100 _ Mit der Arbeit er gefonmen 
Und die Brüder Eile hatten, 
Band im Gehen er die Zelle 
In ein’ Eättelchen zufammen, 
Womit er den Ochſen fchmücdte. 

Alle drei beeilten fih nun 

Bald nad) Haufe zu gelangen. * 


—— - 


*O du ſchlauer, liſt'ger Freier, 

Du verſchmitzter Wittwenjäger! 
Was hat Dich hieher gezogen? 

170 Was bewog dich, über Felſen, 
Ueber die bewegte Meerfluth, 
Ueber unwegſame Berge 
Und durch dicht verwachſ'ne Thaͤler 
Dich in's Haus hineinzuſchleichen, 
Wo der Thalerſchatz verſteckt war? 
Biſt wohl ein recht ſchlauer Freier, 
Ein recht liſt'ger Wittwenjäger! 
O ich weiß wohl, was dich lockte, 
Daß du überſtiegſt die Felſen, 

1800 Ueber's breite Meer dich wagteſt! 
Darum ward der Weg fo leicht dir, 


> 





Dritter Belang. 


Drangft du durch verwachſ'ne — 
Ueberkletterteſt die Berge 
Hieher in das Haus des Kalew, 
Wo die Pfennige aufgeſchüttet, 
Eingeſackt die Thaler liegen: 
Weil des Hauſes Silberfnäufe, 
Die die Dächer und die Pforten, 
Wohnhaus, Kleeten, Vorrathskammern, 
Hof und Kälberkoppel zierten, 
Glänzend dir in's Ange flachen. 
Darum fand den Weg der Zreier, 
Wußte ſich der Fuchs zu fchleichen 
In das Neſt, aus dem die jungen 
Adler mit den fcharfen Krallen 
Ausgeflogen und die Mutter 
Unbefchügt zurückgelaſſen.* 
Finlands windefund’ger Zaubrer ! , 
Wohl haft mit geheimen Plänen 
Und mit fhändlihen Entwürfen 
Du den Kopf dir lang’ zerbrochen, 
Wie die Wittwe zu berüden ! 
Wohl haft du nicht weit vom Ufer ,. 
Hinter einem Zelfenvorfprung 
Jeden Schritt in Ralew’s Haufe 
Ausgefpäht und ftill belauert! 
Wohl haft, ſchlauer, liſt'ger Freier 
Und verfchmigter Wittwenjäger, 
Du den Zeitpunkt abgemartet, 
Der am günftigften dir dünkte, 
Kalew's Wittwe wie ein Räuber 
Anzufallen und das ſchwache 
. Weib gewaltfan zu beftriden ! 
Auf der Lauer lag dein Fahrzeug 
Wohl verftedt nicht weit vom Ufer, 
Und du felber fpähteft gierig 
Aus dem Fahrzeug nad) der Bente. . 
Zinlands windekund'ger Zaubrer 
Freute fi auf feiner Lauer, 


— 


190 


210 





Dritter Gefang. 


Daß die Söhne aus dem Haufe 
Nah dem fernen Walde gingen, 
Denn er wußte num ganz ficher, 
Daß jetzt unbewacht die Wittwe, 
Ohne Schutz und ohne Beiftand 
- Ganz allein zu Hau gebfieben 
Und auf bald’ge Hilfe nimmer 
Bon den Söhnen rechnen fonnte. 
Dieje hatten weit vom Hanfe 
In den Wäldern ſich zerftreuet, 
So daß fie der Mutter Schreien, 
Ihren Hilferuf in Nöthen 
Und ihr Flehn in Räuber Krallen 
Wohl nicht hätten hören fönnen. 
Sept ift, fügte fih der Zunbrer, 
Jetzt ift mein die ganze Habe! 
* Ohne Stüße war das Stübchen, 
Ohne Dad) das leere Häuschen, 
Jedem Winde preisgegeben, 
Ohne Schu vor Schnee und Regen. 
Ausgeflogen aus dem Nele . 
Sind die Krallen und die Schnäbel, 
So daß leichtes Spiel die Diebe, 
Freie Hand die Räuber haben. * 
Finlands windefund’ger Zaubrer 
Stieß fein Boot jekt ab vom Kelfen, 
In das offne Meer das Fahrzeug, 
Band die Ruder an die Dullen, 
Um das Fahrzeug zu regieren 
Und e8 ficher fortzutreiben, 
Und beſpannt' e8 mit dem Segel, 
Daß e8 rafcher fich bewege. 
Und das Schifflein luſtig tangend 
Auf den fraufen Meereswellen 
Kam dem Ufer immer näher, 
Wo die Kalewiden hauften. 
Finlands windefund’ger Zaubrer 
Landete nun ganz geräufchlos 


Dritter Geſang. 


Unter Kalew's Kälberfoppel 

Und verbarg fein Boot am Strande, 

Ro fih Kalew's Grab befindet, 

Sprang dann aus dem Boot behende 

Und betrat das Felfenfifer. 

Auf geheimen Diebeswegen 

Und auf Räuberfpuren fchlidh er, 

Bald im hohen Graſe Friechend, 

Bald fich bergend Hinter Steinen — 

Bie die Kage auf der Lauer — 

Seinem Ziele immer näher. 
Ungefehen fchlih der Zaubrer 

An des Hofes niedre Pforte, 

Meberfietterte fie Seife 

Und gelangte auf den Hofplag. 

Diefen überfchritt er eilig - 

Und betrat des Haufes Schwelle, 

Wo er fih noch einmal umfah, 

Eh’ er in das Zimmer flürmte. 
Kalew's Wittwe fand. am Feuer 

Emfig ihre Suppe kochend, 

Als der Gaft fie überrafchte, 

Der einft Rache ihr gefhworen 

Und vor dem fie in der Angſt fich 

Jetzt nicht mehr zu retten wußte. 

Ohne nur ein Wort zu reden, 

Krallte ſich mit ſcharfen Klauen 

Frech der Gaſt an ihren Guͤrtel, 

Um das Weib als gute Beute 
In ſein Fahrzeug abzufuͤhren. 

Ob nun zwar die keuſche Wittwe 
Kräft'gen Widerſtand verſuchte 
Und am Räuber bald die Fäufte, 
Bald die fcharfen Nägel prüfte 
- Und die wohlerhaftnen Zähne, . 
Fuͤhlte fie doch bald die Kräfte 
In dem ungewohnten Rampfe 
Mit dem frechen Unhold fchwinden, _ 


6* 


= 


270 


67 





310 


Dritter Geſang. 


Der mit feinen Zauberſprüchen 

Shren Biderftand befämpfte, 

Ihre Leibeskraͤfte lähmte 

Und ſie gänzlich wehrlos machte. 
Finlands windekund'ger Zaubrer 

War ein mächtiger Beſchwoͤrer 

Und der Zuuberformeln fundig, 

Wußte hundert Murmelfprüche, 

Andre hundert kräft'ge Wörter, 

Noch dazu ein Drittes hundert, 

Die die eigne Kraft erhielten, 

Sie im nöth’gen Zall vermehrten 

Und ihm ſtets den Sieg. verichafften. 

Andre taufend Wörter wuß® er, 

Die des Gegners Kräfte ſchwaͤchten, 

Seine Macht gefangen nahmen, 

Seine Stärke heimlich brachen, 


- Und mit diefen Mitteln konnt’ er 


Stets den Gegner überwinden. 
Linda’, diefer armen Wittwe, 
Helles Angftgefchrei und Weinen 
Und ihr lautes Hilferufen 
Brachen fi, ein Spiel der Binde, 
An des Meeres Wogenbergen, 
Drangen machtlos in's Geſtrüppe, 
Zönten aus den Hainen wieder 
Und erlofchen an den Felſen; 

Aber in das Ohr der Söhne ; 
Schlug auch nicht ein Ton der Klage. 
Linda flehte fo beweglich, 

Bat den Zaubrer um Erbarmen, 
Rief die Thiere felbft des Waldes, 
Alte Menfchen, die fie Fannte, 
Freund und Zeind rief fie zu Hilfe, 
Nief zu Hülfe alle Geifter 

Und den Schatten ihres Mannes, 
Bat um Schuß die guten Götter, 


Dritter Geſang. 


Und rief Uffo an mit Indbrunft - 
Und des Donnergottes Schatten ! 
Zinlands windelund’ger Zaubrer, 
Reich an mächt'gen Hegenformeln, 
Mußte fih das Ohr verfchließen, 
Daß der Wittwe kläglich Ziehen 
Und ihr herzzerreißend Jammern 
Ihn nicht wanfend machen möchten. 
Doch die Götter, die zu helfen 
Richt den Willen bloß bewahren, 
Sondern auch die Macht befiken, 
Hörten Linda's Hilferufen, 
Das Geſchrei der armen Wittwe 
Und ihr flehentliches Bitten. 
Und der alte Göttervater 
Kam ihr felber aus den Wolfen, 
Aus des Himmeld Höh’n zu Hilfe. 
Finlands windefund’ger Zaubrer 
Hatte faum mit feiner Beute 
Erft den Iruberg beitiegen 
Und war im Begriff, von dort aus 
Grade an den Strand zu geben, 
Bo das Boot für ihn bereit lag, 
Als der Donnergott dem Räuber 
Plöglich Frachend aus den Wolfen 
Einen Bligftrahl in den Weg warf. 
Raſſelnd über Eifenbrüden 
Polterte der Donnerwagen 
Feuerflammen um ſich jprübend. 
Finlands windefund’ger Zaubrer 
Wurde von dem Bliß getroffen, 
Daß die Glieder ihm erftarrten 
Und ihm alle Sinne fchwanden. 
In die Nacht der Ohnmacht finfend 
Stürzt' beſinnungslos er nieder 
Und blieb liegen wie ein Todter. 


Und der Schug der maͤcht'gen Götter 


Und des Himmels kraͤft'ger Beiſtand 


— 


370 


70 


Dritter Geſang⸗ 


Metteten das arme Hühnchen 
Aus des Habichts feharfen Krallen. 
Auf der Flucht vor dem Berfolger 


Ward die feufhe Wittwe Kalew's 


Sach in einen hohen Felsblod 

Auf dem Sruberg verwandelt. 

Ihres Lebens zarte Fäden 

Löften fih von einem Dafein, 

Das nur Schmerz und Trauer kannte, 
Thränen nur des Kummers weinte. 
Und der böfe Zaubrer durfte 


Nicht ihr keufſches Bett befleden. 


Zinlands Zauberer erwachte 
Erft nad einer langen Weile 
Aus den Fefleln feiner Ohnmacht, 
Seines Todtenfchlafes Banden. 


Lange rieb er fid) die Augen, 


Eh’ er fi befinnen -Fonnte, 

Um fich forfchend umzufehen, 

Wo fein theurer Schaß geblieben, 

Wohin Linda fi geflüchtet, 

Wo fein. Hühnchen ſich verborgen. 

Doch er fonnte nichts entdeden, 

Birkhuhns Töchterchen nicht finden. 
Kalew's treue Hausfrau Linda 

In den Zeljenblod verwandelt 

Könnt ihr heute noch erkennen, 

Könnt fie fehen und betaften. 

Auf dem Jruberge figt fie, 

Die dem Birfhuhnei Entfproßne, 

Sipet Linda nah am Wege, 

Wie die Neifenden wohl wiffen, 

Wenn auch unfre Zeitgenoſſen, 

Unbefümmert um die Vorzeit, 

Kaum den Namen Linda hörten. 

Iru's Schwiegermutter hört man 

Meiftentheils den Felsblock nennen. 

Leder, der nach Reval wandert, 


Dritter Geſang. 


Muß auf feiner erften Reife 
Irn's Schwiegermutter grüßen 
Und zum Zeichen feiner Achtung 
Sie mit feinem Hut bededen. 


Obwohl Niemand ar dem Felsblod 


Lebenszeichen je gefunden 
Dder ihn fi regen fehen, 
Ging doch, wie noch alte Leute 
Sich aus früh’rer Zeit erinnern, 
Sonft von Mund zu Mund die Sage, 
Der man guten Glauben fchentte, 
Daß im Innern dieſes Felsblocks 
Eine Lebenskraft fid) vege, 
Die auf feinen Urfprung hinwies. 
Wer, fo hieß es, von dem Berge 
Abends in das Thal ihn rollte, 
Fand’ am nächften Morgen ficher 
Ihn an feinem alten Plage 
Ruhig unverändert ftehen. 

Darum ſäume nicht, o Wandrer, 
Iru's Schwiegermutter freundlich 
Und mit Achtung zu begrüßen ! 
Sep? ihr höflich deinen Hut auf 
Und umbalfe fie mit Ehrfurcht: 
Niemand wird zur Schmach dir's rechnen, 
Nie ein Menſch darob dich tadeln! 


2 
— — — — 


* Kalew’8 Söhne trabten munter 
Alle Drei des Weges. fürder 
Bald auf ausgetretnen Pfaden 
Dder über Flächen fchreitend, 
Bald im tiefen Sande watend 
Dder dur) bemooste Sümpfe. 
Drauf beraten fie die Wälder, 
Bier gehegte lichte Wälder. 
Hohe Zannen trug der erfte 
Und Der zweite kräftige Eichen, 


410 


40 


ni. 


12 


470 


480 


Dritter Gefang. 


Schlanke Birken trug der dritte 
Und der vierte Trauererlen. 

Der Bezirk des Tannenwaldes 
Ward der Königswald geheißen ; 
Zaara war der Boden heilig, 

Den der Eichenwald bededte; 
Aungfernwald hieß man das Wäldchen, 
Bo die ſchlanken Birken ftanden ; 
Und das Erlenwäldchen endlich 
War den Trauernden geheiligt, 
War der Wald der armen Waiſen. 

In dem hohen Tannenwalde, 
Der der Königswald geheißen, 
Setzte ſich der Altfte Bruder 
Unter einem Baume nieder 
Und begann ein Lied zu fingen 
Kräftiglih aus voller Kehle: 

Daß die Blätter an dem Laubholz 
Herrlicher al8 je erglänzten 

Und die Nadeln an den Foͤhren 
Sich zu Geidenbüfcheln formten, 
Und die Zapfen an den Tannen 
Purpurn in der Sonne glühten, 
Eicheln an dem Eichbaum fproßten, 
Zarte Kätzchen an der Rirfe, 
Andre Bänme fih mit füßem, 
Duffgem Blüthenfchnee bededten, 
Der in Eonnenfcheine glänzte 
Und die helle Mondnacht würzte, 
Daß die Wülder wiederhallten 
Und die Anen und die Wiefen 
Seine Töne in fih fogen 

Und des SKunglafönigs Töchter 
Thränen des Entzückens weinten. 

In dem Birfenwäldchen ſetzte 
Sid; der zweite Bruder nieder 
Unter einer Trauerbirke 
Und begann ein Lied zu fingen 


Dritter Oeſung. 


Kräftiglich aus voller Kehle 

Und aus tief bewegtem Herzen, 
Daß die Blüthen ſich erfchisfien 
Und die Blumen weich ergfühten, 
"Daß die goldnen Achren quollen 
Und fich rötheten die Aepfel, 
Nüffe fih mit Kernen füllen, 
Kirfchen ſüßes Zleifch gewannen, 
Rothe Beeren an den Hägeln, 
Biaue auf dem Moore fproffen, 


Schwarze an des Sumpfes Rändern, 


Gelbe auf bemooften Himpeln, 
Und mit glüh’nden Purpurtrauben. 
Sid die Ebereſchen fhmüdten, — 
Daß die Wälder wiederhallten: 
Und die Auen und die. Wiefen 
Seine Töne in fih fogen 
Und die zarten Baffernigen 
Thränen des Entzückens weinten. 
In dem Eichenwalde fehte 
Sid der jüngfte Bruder nieder, 
In dem heilgen Haine Taara's 
Unter einem edlen: Eichbaum 


Und begann ein Lied zu fingen 


Kräftiglich aus voller Kehle 

Und aus tiefbewegtem Herzen 
Und mit jugendlichen Feuer, 
Daß das Wild im Erlenwalde, 
Weibchen in dem Birkenhnine, 
Männchen in dem Zaunenforfte, 
Scheues Wild im Foͤhrenwalde, 
Liſtiges im Eichenwalde 

Sich verſammelten zum Horchen. 
Auch der Kuckuk ließ ſich hin 
Und die Tauben girrten i ‚ «, 
Und die bunten Elſtern ſth.Atzten. 
Bögel in dem Neſtern piepten, 
Lerchen trillerten im- Beide, 


510 


23 





Dritter Gefang. 


Süßer. zwitfcherten die Schwalben. 
Schwäne kamen angefhwommen, 
Enten fohnatterten am Prahme, 
Gänſe an dem Queflenrande. 
Auch die Nachtigallen lernten 
Erft von ihm mit Flötentönen 
Süße Nächte, ftile Morgen, 
Spätes Abendroth ergögen. 
Wenn er fang, fo fehlugen lauter 
An den Zeld die Meereswogen, 
Beugten fit der Binme Wipfel, 
Zitterten die grünen Hügel, 

Und es theilten fich die Wolfen, 
Weil der Himmel laufchen wollte. 
Und des Eifenkönigs Tochter 
Und die zarten Waldesnymphen 
Und die goldgelodten Nigen 
Beinten Zhränen des Entzückens, 
Glühten für den fehönen Sänger, 
Sehnten fih nad feiner Xiebe. * 


Ziefer neigte fi) die Sonne 
Und der Windhauch wurde frifcher, 
Fühlbar ſchon Die Abendfühle. 
Mit dem Zuge ging’ zu Ende 
Und die Jagdluſt war befriedigt, 
Darum fäumten nicht die Brüder, 
Ihren Rüdweg anzutreten. 

Alles Wild, das fie erbeutet, 
Trug allein der jüngfle Bruder 
Unverdrofien auf den Schultern, 
Die die fchwere Laſt nicht fühlten. 

Raſch nach Haufe zu gelangen, 
Eilten alle drei im Sturme 
Ueber weite Haideflächen 
Immer nach dem Rauche fpähend, 
Als dem ficherften Beweife, 


Dritter Geſang. 


Daß zu Haufe unterm Keffel i 
Zuftig ſchon das Ferner brenne; | 
Doc, fie konnten nichts entdeden. 

Raſch dem Haufe fih zu nähern, 560 
Eilten alle drei im Sturme | 
Durch den tiefen Sand der Haide, 

Darauf nur den Blid gerichtet, 
Rauch vom Kochherd zu entdeden, 
Dampf vom Keflel zu erjpähen. 
Doch e8 ließ fein Rauch fich fehen, 
Ward fein Dampf vom Suppenteffel 
Auch dem fehärfften Sinn bemerkbar. 
Schon erreichten fie den Anger, 
Stürzten durch die öffne Pforte, 670 
Flogen durch den weiten Hofraum ' 
Unaufhaltfam Dis zum Eingang 
Und betraten raſch die Schwelle. 
Laͤngſt erlofchen ſchien das Feuer, 
Längſt erfaltet ſchon der Kochherd ; 
Sichres Zeichen für Die Brüder: 
Daß die Königin des Herdes, 
Daß des Feuers treufter Wächter 
Zängre Zeit ſchon nicht daheim fet. 
Sprach der jüngfte von den Brüdern: 680 - 
„Diefer Fluß führt ab vom Wege, 
Diefer Pfad gebt in die Fichten ! 
Hier im Hauſe iſt's nicht richtig ! 
Offen fteht Die Angerpforte, 
Dffen auch die Thür des Haufes. 
Fremde Spuren auf dem Hofe. 
Hier ift etwas vorgefallen, 
Hat ein Unglük ſich ereignet.“ 
* Und es ſchlugen Lärm die Söhne 
Und erhoben ihre Stimmen, 6500 
Daß ihr Ruf in weite Kernen | 
Durch des Abends Stille tönte : 
„Bieb uns Antwort, liebe Mutter! 
Nur ein Wort, 9 füßes Herzchen, 





76 


610 


* 


Einen Ton nur, liebes Voglein! 


Sprich, wo bift du, theures Birkhubhn ?- 
Aber ftumm blieb ihre Mutter, 

Ließ Fein Wörtchen von: ſich hören. 

Nur das Echo gab die Antwort, 

Nur die Haiden hallten wieder 

Und die Wälder nah und ferne 

Und die Infeln in dem Meere 

Bis nad) Defel hin und Dagö. 
Nochmals ſchlagen Lärın die Söhne 

Und erhoben ihre Stimmen, 

Daß ihr Ruf in weite Fernen | 

Dur die ſtille Nacht erfchallte: 

„Gieb und Antwort, liche Mutter, 

Nufe, rufe, füßer Kuduf, | 

Zheurer Schwan, o finge, finge ! 

Sprich, wo bift du, liebes Birkhuhn 9 
Aber ftumm blieb ihre Mutter, 

Keine Antwort gab das Birkhuhn. 

Nur das Raufchen von dem Strande, 

Wo fih an den fteilen Felfen 

Tag und Nacht die Wogen brechen, 


Unterbrach die tiefe Stille. 


Und zum dDrittenmal erhoben 
Zaut die Söhne ihre Stimmen, 
Daß ihr Ruf in weite Fernen 
Durch die ftile Nacht erfchallte :- 
„Sieb uns Antwort, liebe Mutter, 
Glucke, glude, füße Henne, 

Nur ein Wörtchen, du Berlorne, 
Gieb zur Antwort unferm Rufen, 
Deiner Kinder lautem Flehen!“ 

Keine Antwort gab die Mutter, 
Keinen Laut das Birkhuhn von fich. 
Hühnchen hatte ausgegackert, 
Schwanenweibhen ausgefungen ! 

Wo der Söhne Rufen hindrang, 
Barften Felfen aus. einander; . 


a 


Dritter: Geſang. 


Bo es durch die Wälder halkte, 
Streckten fi) die Baͤume nieder; 
Wo es über's Meer dahinflog, 
Hoben ſich die ſcheuen Wellen, 
Krachten dunkle Wetterwollen.* 
Mütterchen war nicht zu finden, 
Nicht der Henne trantes Glucken, 
Nicht des Birkhuhns füßes Kullern, 
Nicht des Kuckuks helles Rufen 
War zu hoͤren von den Auen, 
Bon den weitgefireifen Mooren 
Dder aus den Meaereswellen, 


„Riht aus Dichten Waldgeflrünpe, 


Noch von offneng Hatdeflägen. 
* immer ftiller ward’s und ftiller 
An des Abends Schlinnmerfktunde. 
Da begaben ſich die Brüder 
Durch die Pforte auf den ‚Anger 
Und von dort zur Kuͤlberboppel, 
Um der Mutter Spar zu- fuchen 
Und den Räuber zu entdedfen. 
Einer ging hinab den Anger, 
In die Koppel trat der zweite 
Und der jüngfte fhritt zum Strande. 
Und ber ältee der Brübder, 
Der den Angermeg gegangen, 
Konnte nichts von feiner Mutter, 
Nicht das Meinfte Merkmal finden. 
Auch der zweite von den Brüdern 
Fand auf feinem Stoppelmege 
Weder eine Spur der Mutter, ' 
Noch des Feindes, der fie raubte, 
Nichts was ihm verrathen hätte, 
Wo das Hühnchen war geblieben, 
Bo das Böglein Hingeflogen 
Doch der jüngfte von den Brüdern, 
‚Der fi) an den Strand begeben, 
Fand Dort Spuren vor.und Zeichen, 


670 


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Dritter Gefang. 


Die ihm zu verratben fhienen, - 
Bo das Mütterchen geblieben, 
Wie das .Hühnchen fich verloren. 
Finlands liſt'ger Zaubrer nämfih 
Hatte fih vom offnen Waſſer 
Hinter einen Feld geflächtet 
Und mit eingetrener Rüdfluth 
Heimlich den Verſteck verlaffen, 
Erft nahdem er viele Tage, 
Diele lange dunkle Nächte 
Dort im tief verborgnen Winkel 
Wie ein Dieb gelauert hatte. * 
Dies beftärkte noch die Brüder 
In dem fchnell erwachten Argwohn, 
Daß der abgewieſ'ne Freier, 
Der ihr Rache einſt geſchworen, 
Seine Drohung jetzt erfüllet 
Und geraubt die theure Mutter. 
Da fie deshalb noch beriethen, 
Sprach der älteſte der Brüder: 
„Laßt und einen Biffen Brotes 
Unverweilt zum Abend nehmen, 
Um den müden Leib zu flärken, 
Und uns dann zur Ruhe legen. 
Möglich, dag uns noch ein Zraumbild 
Auf die Spur der Mutter leitet. 
Morgen gehn wir dann fle fuchen.“ 
Diefen Vorſchlag unterftühend 
Sprach der zweite Bruder alſo: 
„Während wir im Schlummer ruhen, 


Kann ja wohl des Himmels Weisheit, - 


Kann uns Uffo offenbaren, 

Wie wir -im bethauten Graje 

Eh? die Sonne aufgegangen 

Der Berlornen Spur entdeden, 
Wie wir unfer theures Hühnchen, 
Wie wir das geraubte Vöglein 
Aus des Näubers Krallen retten.“ 


Dritter Gefang. 


Als fie lange ſich berathen 
Und das Klügſte ausgefunden, - 
-Debnten ſich die beiden Brüder 
Und begaben fid) zur Rube. 

Dod der jüngfte von den Brüdern 
Und der Stolz der Kalewiden, 
Der der Mutter Wittwenthränen 
Dft als guter Sohn getrodnet, ' 
Fühlte anders, als die Brüder 
Und gedachte für die Mutter 
Raſcher, kräft'ger aufzutreten. 

Er, der kräftigſte der Brüder, 
Dachte ſo in ſeinem Sinne: 
„Was du heute kannſt verrichten, 
Wirf auf morgen nicht bei Seite! 
Jeder Tag bat feine Nechte, 
Jede Stunde ihre Pflichten, 
Ihrer Sorgen-eigne Bürde, 
Ihres Strebens eigne Wege. 
Soll dir eine Stunde nüthen, 
Einen reihen Fung dir bringen, 
Mußt du keine Zeit verfäumen, 
Did nicht lang' erft vorbereiten. 
Ber das Glück fucht, darf nicht weilen. 
* Zunf Verlufte hat der Säum'ge, 
Der Bedächt’ge ſechs Gefahren, 
Sieben Kämpfe zu beftehen.« * 

Der Berluft der theuren Mutter 
Ging dem Sohne an die Seele, 
Ließ ihn feine Ruhe finden. 

Als nun feine ältern Brüder 

Sich auf ihrem Lager dehnten, 
Draͤngt' es ihn hinaus in's Freie, 
Eilig trat er aus dem Haufe, 
Veberfchritt den Hof im Zuge 

Und gelangte auf den Anger. 

Hier die eigen Schritte hemmend . 
Zrat er an das Grab des Vaters. 


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Dritter Belang. 


* Kalew's jüngfigeborner Sprößling_ 
Angelommen an dem Grabmal 
Warf fih auf den Zodteuhügel 
Mit gepreßtem Herzen nieder. 
Fragt der Vater aus der Ziefe: 
„Wer bewegt fi) auf dem Sande, 
Tritt das Grab wit feinen Füßen ? 
In das Auge rinnt der Sand mir, 
Grus mir auf die Augenlider. “ 


. Hört’8 der Sohn und giebt zur Antwort: 


„Ich, dein jüngfter Sohn, ein Knabe, 
Liege weinend hier im Sande, 

Lieg' auf meined Vaters "Grabe, 

Troft mir in der ſchwerſten Drangjal 
Für's gepteßte Herz zu fuchen. 

Ach, fteh” auf, mein lieber Vater ! 
Komm, o komm’, mein Bater, komme ! 
Komme mir den Weg zu zeigen, 

Daß ich meine Mutter finde !“ 

Sprach der Vater unterm Rafen, 
Ließ fi) aus der Grabedtiefe, 
Alfo aus der Gruft vernehmen: 
„Kann nicht aufitehn, junges Söhnen, 
Kann nicht aufftehn, kann nicht kommen! 
Sieh, es laften auf der Bruft mir, 

Auf den Gliedern ſchwere Zellen, 
Engelblumen auf den Xidern, 

Blaue Glörfchen auf den Augen, 
Rothe Blumen auf den Wangen ! 
Mög’ der Wind den Weg dir zeigen, 
Mög’ ein fanfter Weft dic) leiten, 
Dich der Sternenhimmel führen !« * 

Bon dem Grabe Ienfr? er’ eilig 
Nah dem Meere feine Schritte 
Und betrat das Felfenufer, 


Um von dort der Mutter Spuren, 


Der verborgmen, aufzujuchen. 
Bon dem Räuber war am Zellen, 


Dritter Befang. 


Wo noch jüngft fein Fabrzeug ſchwanlte, 


Keine Spur mehr zu entdecken. 

Kalew's jüngſtgeborner Sprößling 
Schaute von dem hohen Felsrand 
Bei dem letzten Abendſchimmer 
Auf das Meer zu ſeinen Füßen, 
Ließ den Blick, ſo weit er reichte, 
In die weitſte Ferne ſchweifen, 
Ob er auf dem Meeresrücken, 
Den ein leiſer Weſt bewegte, 
Nicht den Dieb entdecken könnte; 
Ob nicht irgendwo ein Zeichen, 
Wär's auch noch ſo unbedeutend, 
Ihm des Räubers Spur verrathe; 
Ob von der verlornen Mutter 
Nicht der Abdruck ihres Fußes 
Irgendwo zurückgeblieben! 

Eine Welle treibt die andre 
Vor ſich her und wälzet ſchäumend 
Sich zuletzt an's ſteile Ufer, 

Wo ſie an dem harten Felſen 
Machtlos anfchlägt und zerſchellet. 
Aber keine bringet Nachricht, 

Keine giebt auch nur ein Zeichen, 
Wer ſich durch das Spiel der Wellen 


Heute auf dem Meeresrücken 


Mit dem Raube fortgeſchlichen. 
Auch die Sterne ſchauen heiter 
Auf das Wellenſpiel hernieder, 
Aber keine Zunge regt ſich, 
Um den Räuber zu verrathen. 
Alſo wogt das Spiel der Wellen 
Auf der weiten Meeresfläche 
Immer ruhig auf und nieder, 
Nie und nimmer darnach fragend, 
Wer in ihren feuchten Armen, 
Ihrem Schooß den Tod gefunden ! 
Nein, der Wogen Schaufeljpielen 


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- Dritter Geſang. 


Und der Waſſer füßes Raufchen “ 
Und des Sternenbimmels Blinfen 
Fragen nichts nach unfern Freuden, 
Nichts nach unfern Seelenſchmerzen! — 
Eine Welle treibt die andre 
Bor fi her und mwälzet ſchäumend 
Sic, zulegt an's fteile Ufer, 
Wo fie an dem harten Felſen 
Machtlos anfchlägt und zerfchellet 
Und in feuchten Staub fi auflöft; 
Aber feiner unfrer Kragen 
Bringt fie jemals eine Antwort. 
Eine Welle treibt die andre 
Vor fi) her und wälzet fhäunend 
Sich zuletzt an's Felfenufer, 
Wo fie an dem Stein zerfhellt! 
Alfo treiben unfers Lebens 
Wogen fpielend an das Ufer, 
Wo im kühlen Abendrothe 
Srabeshügel einfam glühen, 
Und des Himmels heitre Sterne 
Und des Mondes bleiches Antlig 
Und der Sonne goldne Strahlen 
Schauen auf die Rafenhügel. 
Doc find ſtumm und fill die Gräber 
Und die Sterne fohweigen ewig 
Und der Mond hat feine Zunge, 
Keinen Mund die liebe Sonne, 
Cine Antwort und zu geben. 


Anmerkungen. 


Anruf. 


1) Wanemuinens, des Gefangesvaters, Pflegetochter Jutta fand, 
über ihres Geliebten Endel Hinfcheiden trauernd, in dem nad ihm 
benannten @udla = Eee ihren Tod. Ihr Geiſt dirigiert Die Reife der 
anfommenden und abziehenden Bugvögıl und wird bisweilen in ber 
Johannisnacht gemweihten Augen in den aufiteigenden Nebeln des 
See's ſichtbar. 


2 Der Kuckuk ſpielt die Rolle eines Leihen: und Trauervogels. 
Sein omindjes Rufen im Frühling, zum eritenmal gehört, beitimmt 
die Bahl der noch übrigen Lebensjahre, während feine Annäherung an 
die Wohnſtaätten als firhere Todesbotfchaft gilt. Selbſt fein Erſchei⸗ 
wen im Traum foll bevorfkehenden Schmerz und Kummer anbeuten. 
Wenn er im Früblingsconcert und anderweitig kuldne kägu (golduer 
Kuduf) genannt oder angeredet wird, jo will man damit nicht ſowohl 
feine Verehrung für ihn ausdrücken, als vielmehr ihm ſchmeicheln nnd 
feine Gunſt zu gewinnen fuchen. 


Zum Verſtandniß. 


V. 3. Die Finniſche Gottheit Kalma muß den Eſten bekannt 
geweſen ſein, dafür ſpricht die Reval⸗Eſtniſche Benennung „Kalm u⸗ 
bauad«, Kalma's Gräber, für Begräbnißſtätten aus dem Heiden⸗ 
thum, während die chriſtlichen Gräber ſchlechtweg hauad oder ſurnu 
hauad genannt werden. Vergl. Caſtren Vorleſungen über die Fin⸗ 
niſche Mythologie p. 109, 127 und 174. 


V. T2. Unter dem Namen Ukko ſcheint man den Xitvater, 
wana iſa, als einen die Ernten und die Fruchtbarkeit beſchuͤtzenden 
Bott verehrt zu Haben. Auch befchügte Ukko mit feinem Fittig oder 
in feinem Exhooße (Beides mit Dim bezeichnet) die in den Grüf- 
ten Schlummernden. 


2. 69. Aaw, die Espe, heißt auh warga puu, Diebe: 
baum. Es foll der Sage nach einft ein arger Dieb, als er in der 
Klemme war und zu Kreuz kroch, von fchügenden Göttern in die 


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Espe verwandelt worden fein. Das hörbare Bittern der Blätter auch 
beim geringiten Zufthauche giebt ein Bild Davon, wie der Arme bei 
ber Entdeckung feiner Uebelthat gezittert und gebebt hat. 


2.102. Kite war eine Gemwittergottheit, denn Aike ſe wihm 
und Aikeſe pilwed werden noch heutige Tages Gemwitterregen und 
@ewitterwolfen genannt. ‚Dem Donnergotte, Kdu, Pilne, Pik— 
fer, wird eine Armbruft zur Waffe gegeben, vermittelt deren er feine 
Pfeile abſchießt. Bismweilen fchlägt er aber auh raud nuiaga (mit 
eijerner Keule) auf die böfen Geifter lo, Nah Eaftren bieß Ukko 
bei den Lappen Aija, Aije, Aijeke (Legtered Diminutivum von 
Aije), verwandt mit dem Finniihen Aija, Großvater. Bergl. 
Caſtreén Vorlefungen über die Finniſche Mythologie. p. 47 seqq. 

Wegen Köou ebendafelbft p. 12 seqq. j 


V. 128. Mardus ift eine Geilterftimme im Walde, die ber 
Morzeit Leid und Sammer am ftillen Abenden beflagt. Vergl. Boec⸗ 
ler p. 146 segg. 


V. 213. Nah der gegenwärtig vorkommenden Beggnnung 
taud, eine böſe Seuche, möchte ich in dem Tauts, wie er fich in 
Volksliedern erhalten Hat, einen Beberrfcher der Seuchen erfennen. 


V. 218. Hallifad in Verbindung mit mets find Waldniren, 
mit wefi Wailerniren. Die jungen Töchter der erfteren fommen ges 
wöhnlih in Schaaren vor, während die eigentlihe Waflerfungfrau, 
nat, mur einzeln erfcheint. Die Embachsnixe mar früher häufig 
fihtbar. Wielleiht haben die Mufenföhne Dorpat’s fie eingefchüchtert, - 
daß fie jeßt zurüdhaltender geworden ift. 


V. 263. Saanislin ift eine alte Eitenburg tief im Walde 
und von Morälten umgeben innerhalb der Gränzen ded Gutes Poll 
im Niſſiſchen Kirchipiel. Ich babe fie im Jahre 1819 beſucht. 


Erfter Gefang. 


DB. 15. Wiker, nah Sfjögren mit Piker, dem Donnerer, 
identifh. Wikerlane und Wilerlafe poeg wird nicht felten als 
ebrender Beiname von Helden gebraudt. 


. 82. 30. Zuule ema, Wintesmutter, Beherrſcherin der Winde. 
Zuule ema nutab, vergl. Boecler p. 147. Die windefundigen 
Bauberer, die Windfahrer, die mit Stürmen und Wirbelwinden reifen, 
beißen tuule ema poead, Edhne der Windesmutter, fonft auch 
tuulestargad, die Windweifen, die Windefundigen. 


2.62. Kalewallas, von Kalewald, das Heimathsland 
der Riefen. 


86 


V. 90. Pöohia kotkas, deb Nordens Kar, Häufig in Sagen 
and Xiedern vorfommend, wird als eine unheilbringende böfe Macht. 

gedacht. 

V. 126. Die Wiekſchen Eften rühmen ſich heutiges Tages noch: 
meie oleme ema poolt Kalewi poea fugulafed, wir find 
von mütterlicher Seite ber mit dem Kalewsſohn verwandt. Daraus 
fiebt man, wie beitimmt die Meinung im Molfe wurzelt, Daß die 
Mutter unferes Helden in der Wiek ihre Heimath Hatte. 


8.170. Sula neitfi, wörtlid die ‚Hüffige Jungfrau, wie 
libe neitfi, die glatte Jungfrau, können im weit hervorgefuchten 
mythologiſchen Einne als Beherrfcherinnen oder- Perfonificationen des 
Waſſers und des @ifes, des Flüffigen und des Starren, aufgefaßt 
werden. 


DB. 341. Muru eit, die Rafenmutter, eine Schutzgöttin des 
Hauſes, deren Obhut befonders der Hofraum und Garten anvertraut 
war. Ihre Töchter, muru eide tütred, dürfen nicht mit merfa 
piigad, Baldjungfrauen, verwechſelt werden, welche Letztere den 
Mets⸗hallifjas, den Waſſernix, zum Vater hatten. 


V. 499. Kungla kuningas, ber König von Kungla, von 
deiien Reichthum und Schaͤtzen in Sagen und Liedern viel Aufhebens 
gemacht wird, ſcheint ein Maͤchtiger des Nordens geweſen zu ſein; 
ob in der Wirklichkeit, oder bloß in einem fabelhaften Eldorado, das 
laßt ſich nicht mit Eicherheit beftimmen. In einem Liede wird er 
ſpeciell als SIufellönig angeführt. Vergl. Mythiſche und magijche 
Lieder p. 30. 


V. 843. Daß die noch kurz vorher ald Freier aufgeführten 
Sonne und Mond jept als Oheim und Pater der Linda 
auftreten, gehört wieder einmal zu den räthielhaften Wunderlichkeiten 
und Sneonfequenzen, zu denen der Eftnifche Eanger ſich hinreißen laßt. 
Mielleicht fol dadurch die höhere Abitammung der dem Birfhuhngei 
Entſproſſ enen angedentet werden, wobei man freilich wieder nicht be⸗ 
greift, in welchem Sinne die Birken Brüder und Bettern der Linda 
genannt werden 


Zweiter Geſang. 


B. 26. Der an eines ſtarken Mannes Bruſt gelegte Säug⸗ 
ling ſoll beſonders ſtark werden. Vergl. Boecler p. 54. 


V. 66. Dieſer Name (Sohni) unſeres Helden findet ſich in 
ten von Dr. Fählmann aufgezeichneten Sagenbruchſtücken; im Munde 
bes Volkes ift er mir nie vorgefommen. 


3.136. Tühi und wana Tühi, wörtlih : der Leere, ber 
alte Leere, Nichtsbedeutende, ift eine Bezeichnung des Böfen, namlich 


86 


des perfonifieicten Böfen, des chriftlihen Teufels. Vergl. Mythiſche 
und magiſche Lieder der Eften. p. 88. Das Wehfeln der Schuhe 
Echmwangerer findet fih in Boecler p. 4b. 


V. 218. Eit pani fdle ſdudemaie, die Mutter lieh die 
Epange rudern, war eine dem Krpuslöma verwandte Wahrjagerei. Cine 
Beuftfpange wird an einem Zwirnfaden aufgebangt und in ?reifende 
Bewegung geſetzt. Während der langiamer werdenden Bewegung 
ftellt man die Frage, deren Beantwortung man wünſcht und die ent 
weder bejahend oder verneinend verlangt wird. Hört nad) der geſtell⸗ 
ten Sage die Bewegung auf, fo it die Antwort eine nerneinende, 
dauert fie noch fort, eine bejahende. Des Erlenkäfers Flug prädteirt 
einen günftigen Erfolg, fobald er nah Süden gerichtet iſt, nad) Nor⸗ 
ben gerichtet einen ungünftigen. 


V. 295. Targad, Heillünitler, Zauberer und Weiſe, werden 
je nach ihrer Macht in verjchiedene Klaijen getbeilt. Ihre Reiben: 
folge ift bier im Driginal unrichtig zufammengeftelt. Auf der un: 
teriten Stufe ftehen namlih die Söna⸗, Soola⸗ und Tühfa⸗ 
Targad, die vermittelft ihrer Zauberſprüche Krankheiten hindern, 
aber auch Menſchen und Vieh böjen Schabernad fpielen fünnen. 
Ihnen folgen in der Rangorduung die Tuule-Targad, die Wind: 
weißen, deren oben in der Anmerkung zu V. 3U des erften Befanges 
bereit8 Erwähnung gefhehen. Sie find in Allem mächtiger, als ‘Die 
Eöna:Fargad und können mit der Schnellpoft des Windes Läns 
der und Meere durchfliegen. Die dritte Klaſſe, Mana⸗Targad, 
bilden die Häupter der ganzen Bunft. Ihnen ijt gegeben alle Macht, 
fie können jeglichen Bauber binden und löfen. Nach Caſtren ift ihre 
Benennung verwandt mit der der Finnifchen Gottheit Mana. Ders 
gleihe über Mana Eaftren p. 23, 61, 127 segq. 


V. 505. Zuulejumal, astu tupa, Windesgott, tritt in 
die Etube! Ganz übereinftimmend mit der bei den Eften herrſchenden 
Vorftellung, daß die Winde in allen Krankheiten und Schmerzen Hei⸗ 
lung und Xinderung bringen. Vergl. Boecler p. 106—109. Der 
Röugutafa im vorigen Verſe und an verfchiedenen anderen Stellen 
ift eine die Kreißenden, Wöchnerinnen und Neugeborenen fehügende 
Gottheit. Vergl. Boecler pp. 18, 42, 43, 53 und 104. 


B. 539. Der Gang durch die verfhiedenen Haine ſteht im 
Bufammenhange mit der Vorſtellung der Eſten, daß man gewöhnliche 
Schmerzen, Zahnweh und dergl., Durch Anwendung von Bauberfprüchen 
‚in die Bäume ableiten und bannen könne. Die Schmerzen der 
freißenden Lin da waren aber ganz anderer Art, fie waren natürliche 
Wehen, und darum half die bier angewandte Procedur nichts. 


B. 655.  Rutumdtjad, auch lapfe raugutajad, von 
rauguma, befänftigen, flillen, befchwichtigen, wurden Weiber ger 


87 
nannt, Die es verftanden, fchreiende Kinder mit Anmenbung von Bauber: 
ſprüchen zu beruhigen. 

V. 659. Kifasfun, GSchreimonat, und nutunädalad, 
Ahränenwochen, nennt man des Kindes erſtes Säuglingsalter, mo 
das Kind gewöhnlid am Zage ſchläft und in der Nacht fchreit. 

V. 727. Tamme faswatama, die Eiche wachlen laſſen, 
ein befanntes Bubenfpiel, bei dem man fich mit Kopf und Händen 
auf den Boden ftügt und die Beine nad oben Fehrt. 

V. 734. Sakſa faanid, zierlihe Meine Schlittchen, umd 
fasfi märsſikeſed, Katzenkörbchen, find aus Grashalmen und 
Beidenrinde geflochtene Kinderfpielfahen. Det Kalewi Knabe bedient 
fh dazu ganzer Bäume ſammt den Wurzeln. 


4 


Der Drud wird unter ber Bedingung geftattet, daß nad) Beendigung 
beffelben ber Abgetheilten Cenſur In Dorpat die vorferiftmäßige Anzahl Egem- 
plare zugeftellt werde. 

Dorpat, ben 29. März 1857. . 

(Rr. 30.) Mbgetheilter Genfor de la Croix. 


Vierter Geſang. 


Mur „Kuckuk, goldner Vogel, 
Laß dich hören, Silberjchnabel, 
Kupferzunge, wel’ das Echo! 
Bring’ aus alfer Zeit und Nachricht, 
Laß es durch die Wälder jchallen, 
Bas du birgft in deiner Stehle 


Don dem Schaß der heil'gen Vorzeit! 


Rufſt du nicht, fo ruf! ich felber, 
Wenn auch nur mit heiter Stimme, 
Und verfünde, was die Schwäne 
Mir in fiebenfachen Weiſen 
Aus der alten Zeit gefungen, 
Wie fle felbft e8 einit vernommen 
Bon den Robben auf den Schollen, 
Bon den Zellen an dem Strande, 
Bon den ſchmucken Waflernigen, 
Bon der Königin der Fluthen, 
Aus des Mondes bleihen Mienen, 
Aus des Infelvaters Klagen, 
Aus der Inſelmutter Thränen. 
Deutlich hörten es die Felſen 
Und die breiten Wogen jahen’s 
Und die Sterne waren Zeugen, 
Wie der jüngfte Sohn des Kalew 
Seiner Mutter Spur zu fuchen, 
Birkhuhns Wegen nachzufpüren, 
Nie betretne Pfade einjchlug, 
Nicht von feinem Hengft getragen, 
Nicht vom Sattel um ſich fpähend. 
(11) 


10 





Bierter Geſang. 


Mancher würde drob erfchreden, 
Manches Mütterhen wohl feufzen, 
Manche Jungfrau Thränen weinen, 
Benn den Kalewidenfprößling 

Sie auf weiten wüften Meere 
Unter den empörten Wogen 

Und umfäumt von ihrem Schwalle 
Einfam dur die Nacht auf ödem 
Meeresweg gewahren würden. * 

Als er fih am fleilen Ufer 
Scharfen Blicks noch umgefehen, 
Aber nirgend von der Theuren 
Eine Spur entdecken konnte, 

Warf der Jüngling von dem Glintrand 
Sich hinunter in die Bogen, 

Die in ihrem breiten Bette 

Mächtig raufhend ihn empfingen. 
*Mit den Händen kräftig rudernd 
Steuert er mit feinen Füßen, 

Läßt das Haar als Segel wehen 

Und beginnt der Käfte Finland's 
Nördlich haltend zuzuſtreben; 

Denn im Norden hofft er ſicher 

Seine Mutter aufzufinden, 

Birkhuhn aus dem Garn zu Töfen, 
Linda fiher zu befreien. 

Sehnlihft wünfhht er, Finland's Zaubrer, 
Diefen windelund’gen Schurken, 
Diefen Gauner abzuprügeln, 

Zu zerwalken feinen Rüden, 

Um der Brut der Weiberdiebe 

Eine wohl verdiente Lehre - 

Für die Zukunft einzublänen.*® 

Bon dem Himmelddome blinkten 
Schon der alte Sternenwagen 
Und der fchwed’ihe Bär hernieder 
Und der helle Stern des Nordpols, 
Feſt an einen Punkt gebeftet. 


Merter Belang. 91 


Alle wieſen ihm die Richtung 
Auf der naſſen Bahn nach Finland, 
Nach dem hohen Kelfenufer. 70 
Denn der Schwimmer auf dem Meere 
Findet feinen andern WBeifer, 
Keine Dörfer, feine Krüge, 
Keines Aderwächters Hütte, 
Bo er nad dem Wege fragen, 
Einen Führer miethen fönnte. 

Er durchſchnitt mit kräft'gen Armen 
Die bewegte Oberfläche, 
Und der Wellen Schaufelwiege 
Wälzte die gewalt’gen Glieder 80 
Des entichloffnen, fihern Schwimmers 
Woge aufs und Woge abwärts 
Immer weiter hin nah Norden, 
Seinem Ziele immer näher. 

D du ftarfer Sohn des Kalew, 
Seiner Wittwe Troft und Stüße! 
Nichts vermochte deinen Eifer, 
Nichts dein Streben zu ermüden 
Dder deine Kraft zu lähmen, 
ALS dein Tiebend Herz dich antrieb, 90 
Deiner Mutter Spur zu fuchen, 
Der Berlornen nachzufpüren. 
Sterne kamen, Sterne gingen; 
Nur der glänzende Polarftern 
Und der alte Wagen hielten 
Unverändert Wacht am Himmel. 

Deine ſtarken Arme peitfchten 
Fort und fort des Meeres Rücken 
Und der Bellen Schaufelwiege 
Trug dafür den ftarfen Jüngling, 100 
Trug den nimmermüden Schwimmer 
Woge aufs und Woge abwärts 
Immer weiter hin nah Norden, 
Zinland’3 Ufern immer näher. 

Kalew's bochgepriefner Sprößling 

g* 


rn 


110 


120 


130 


140 


Vierter Geſang. 


Strebte immer rüfl’ger vorwärts, 
Um die Mutter bald zu finden 
Und am Räuber file zu rächen. 
*An des Herzens Liebesgluthen 
Kochten feine Rachepläne, * 
Wuchſen feine Riefenkräfte, 

Auf der weiten WBaflerreife 
Unermüdet auszubarren. 

*Die Plejaden ſanken tiefer 
Und Orion war fohon fihtbar,* 

Um die Mitternaht war’3 etwa, 
Dbwohl nirgendwo ein Weder 
Dder fonft ein Stundenweifer 
Zeichen auf dem Meere angiebty 
Um die Zeit danach zu meſſen. 
Keinen Hahn hörft du bier frähen, 
Keine Henne traulich gadern. 
Fiſche haben Feine Stimme, 

Ihre Zungen feine Sprade. 

Endlih taucht aus Fraufen Wellen 
Hüpfend auf ein fehwarzes Pünktchen, 
Das ſich vor dem rüftgen Schwimmer 
Bald zu einer Infel ausdehnt 
Und im Angeficht der Inſel 


Rührt er rafcher noch die Glieder. 


Er durchſchnitt mit kräft'gen Armen 
Die bewegte Meeresfläche, 
Und der Wellen Schaufelwiege 
Wälzte die gewalt’gen Glieder 
Des entfchloffnen, fihern Schwimmers 
Woge aufs und Woge abwärts 
Immer weiter bin nad Norden, 
Immer näher zu der Inſel. 

Kalew's hochgeprief’ner Sprößling 
Wollte fih ein Rubeplägchen 
Auf der Meinen Inſel fuchen, . 
Um ein wenig zu verfchnaufen. 

Er durchſchnitt mit fräftigen Armen 


Vierter Befang. 


Die bewegte Meeresfläche, 
Und der Bellen Schaufelwiege 
Wälgzte den gewalt’gen Schwimmer 
An des Eifands Feljenufer. 
Kalew's Träftger Niefenfprößling 
Lehnte bald den müden Rüden 
Und die Hüften waflertriefend 
An den Borfprung eines Felfens, 
Deſſen untre flache Moosbant 
Ihm in ihrem weichen Schooße 
Einen Ruhefeflel darbot, 
* Seine Füße wohlbehaglich 
Noch den Wellen überlafjend, 
Die um feine Zehen Eoften 
Und mit weihen Schaum die Sohlen 
Und die Sinöchel fpielend Füpten. * 
Er verfuchte nun ein wenig, 
Seine müden Augen fchließend, 
Sei's auch nur ein Viertelſtuͤndchen, 
Sich dem Schlummer hinzugeben. 
Aber eh' des Traumes Feſſeln, 
Die Begleiter fügen Schlummers, 
Ihm den Geift gefangen nahmen, 
Seine Sinne jedem äußern 
Eindruf unempfindlih machten, 
Ziegen aus der nächt’gen Stille, 
Die die Finfterniß beherrfchte, 
Aus dem Schooß des tiefften Friedens 
Liedertöne fich vernehmen, 
Die durch's Ohr in's Herz ihm drangen. 
* Eines Mägdleins reine Stimme, 
Angehaucht vom Schmelz der Jugend, 
Sang in füßen Flötentönen, 
Sang fo kunſtlos wie ein Voͤglein, 
Wie der Kuduf im Gehege, 
Wie die Nachtigall im Wäldchen. 
Kalew's hochgewalt'ger Sprößling 
Horchte athemlos dem Liede, 


160 


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Vierter Befang. 


Um vom Sinn der goldnen Worte 
Und vom Silberton der Stimme, 
Die fo mächtig an fein Herz ſchlug, 
Keinen Laut zu überhören. E 
Aus des Mägdleind Kehle Drangen 
In des Laufhers Obr die Worte: 
„Weit entfernt ift mein Geliebter, 
Hinterm Wafler mein Erforner, 
Unerreichbar meinen Bliden. 
Zwifchen mir uud meinem Zrauten 
Thürmen fi) des Meeres Wogen, 
Liegen weitgeftredte Seeen 
Und unzähl’ge Haideflächen, 
Dehnen Aecker fih und Wiefen, 
Zriften fih und Angerpläße, 
Wälzen Ströme ihre Zluthen 
Und entfpringen taufend Quellen. 
Ad, wer nennt die Dinge alle, 
Die mich nicht zu ihm gelangen, 
Ihn zu mir nicht kommen laffen! 
Nicht in Monden, nicht in Jahren 
Hör ich feine traute Stimme, 


Seh’ ich in fein treue Auge, 


Darf ich mich in feinen Armen 
Seiner Liebesgluth erfreuen. 

„Weit entfernt ift mein Geliebter, 
Hinterm Waſſer mein Erforner, 
Unerreichbar meinen Bliden, 

Gegen mich und meinen Zrauten 
Hat fih Meer und Land verfehiworen. 
Bring’ ihm, Lüftchen, meine Grüfle, 
Flüſtr' ihm zu, Daß ich ihm liebe! 
Ah ihr Wolken, ſchützt fein Leben! ' 
Meereswogen, Regenſtroͤme, 

Rauſcht ihm Wonne zu und Freude! 
Lehr' ihn weile fein, o Himmel, 

La ihn ohne Sorgen leben, 

Seine Pflichten freudig üben! 


Vierter Befang. 


Bring’ ihm von mir fo viel Grüſſe, 

Als wie oft ich an ihn denle; 

Bring' ihm von mir fo viel Grüße, 

Als ich Wünfche für ihn hege; 

Bring’ ihm von mir fo viel Grüßle, 

Als das Erlenwaͤldchen Biätter, 

Käpchen zählt das Birlenwäldchen, 

Radeln unfre Zaupen wiegen; 

So viel, fo viel, fo viel Gräfe, 

Als du Wellen ſiehſt um Meere, 

Sternlein an dem Himmelsbogen !« * 
Athemlos dem Liede lauſchend 

“Hatte ſich der Sohn des Kalew 

Abgemüht mit dem Verſuche, 

Auch die Saͤngerin zu ſehen. 

Ihn verlangte feine Blicke 

In des liederreichen Voͤgleins 

Braunes Auge zu verſenken. 

Tiefe Nacht war's und das Dunkel 

Lag gedrückt von dichtem Nebel 

Undurchdringlich auf den Eiland. 

Nur ein weithin ſchimmernd Zlammchen 

Loderte auf einem Punlte, 

Einen Eichbaum ſchwach beleuchtend, 

Deſſen Fuß der Fenerherd war. 

In dem Scheine dieſes Feuers 

Saß das liebe Sangesvoͤglein, 

Eine Jungfrau zart und lieblich. 

Reiche Locken deckten ringelnd 

Ahr den Nacken und den Bufen. 

* Sie war’s, die in Flötentänen 

Wie die Nachtigal im Wäldchen 

Die Gefühle ihres Herzens, 

Ihre Sehnſucht kundgegeben. 

An dem Feuer ſaß das Mägdlein, 

Hielt gewiffenhaft die Nachthut, 

Hütete der Mutter Linnen, 

Das in langen weißen Streifen 





Vierter Belang. 


Auf dem Rafen Tags die Sonne, 
Nachts des Thaues Perlen bleichten. 
Dazu hatte fie im Winter 
Selbſt das feine Garn gefponnen, 
Das fih fpäterhin am Webſtuhl 
Unter ihren fleiß’gen Händen 
In Die Leinwand umgewandelt. 
* Während fle die Leinwand webte, 
Fäden ordnnend mit den Fingern, 
Mit den Fuͤßchen dazıı tretend, 
Sang fle ftet6 mit heller Stimme. 
Kalew's hoher Sprößling fühlte 
Sich zum Wettlampf aufgefordert 
Und begaun ein Lied zu fingen, 
Das des Mägdleins Herz beftridend 
Sich im fehallenden Geſange 
Alfo an fie felber wandte: 
„Traure nicht um den Entfernten, 
Den die Meerfluth von Dir trennet! 
Sag’ dich 108 von dem Verlornen ! 
Barum willft du, feines Mägdlein, 
Einen naben Freund verfchmähen? 
Einen Freund, den du jebt höreft, 
Einen Freund, in defien Armen 
Sanft und warm fih’3 ruht, o Theure? 
Nichts ift, was dich von ihm feheidet, 
Was dic hindert, ihn au lieben; 
Nicht die unbegränzte Meerfluth, 
Keine ausgedehnten Seeen, 
Keine Haiden, feine Wüften, 
Keine Zriften, keine Aecker 
Trennen Dich von feinem Herzen, 
‚ Keine ſchnellen Strudelbaͤche, 
Steine Quellen, falt und fumpfig. 
Nah’, dag du ihn fehen könnteſt, 
If der Jüngling wärmern Herzens; 
Heiß’te Liebe fühlt fein Bufen, 
Süß’re Freuden bietet er dir. 


Bierter Geſang. 97 


Ganz in deiner Nähe ift er, 
Dieſer zärtlichere Buhle, 
Und ein Mann aus edlem Stamme, 
Seines Hauſes einz'ger Erbe. | 
Nerv’ge Schenkel, Träft’ge Floſſen 300 
Trugen über's weite Meer ihn, 
Deſſen fhaumgefrönte Wogen 
Sanft ihn an dies Eiland mwälzten, 
Eilands Mägdlein eine Freude, 
Eilands Töchtern eine Wonne.“ 
Eilands zartes, feines Mägdlein, 
‚ Zaufchteft fo geipannt dem Schmeichler, 
Seinen trügerifchen Worten, 
Muͤhteſt dich, du Feiner Heuchler, 310 
Wie von ungefähr den Sänger | 
Halben Blides zu entdeden, 
Deflen Lied fo nah? dich anging. 
Armes Kind, du tratft fo fchlichtern 
Lauſchend einen Schritt ihm näher, 
Zhatft gang unverſehn's den zweiten, 
Merkteft gar nicht, da das Herzen 
Dir fo laut im Bufen pochte, 
Daß du zu den erften Schritten 
Noch zehn andre, ja noch hundert 
Und wohl mehr noch Ängftlich fügteft. 3% 
Ah, du wollteft ja nur fehen, 
Ob aus Finland ein Verwandter, 
Dder auch ein Wierfcher Freier 
Mit Gefchenfen angekommen! 
Fliehe, zartes Eilandsmaͤdchen, 
Such' dich eilig zu verbergen, 
Eh’ der Blick aus fchönen Augen 
Feſt did bannt mit feinem Zauber, 
Daß du nicht mehr von der Stelle 
Weichen fannft, du armes Hühnchen !* 330 
Eilands Mägdlein, zart und Tieblich, 
Burde bald gewahr den Jungling, 
Wie er dalag auf der. Moosbank, 





370 


. Mierter Befeng. 


Ad, und floh — night feine NEpe | 
Eh’ der Morgen angebtochen, 

Wurden Worte ſchon gewechſelt, 

War im,Gange das Geſpräch fen, 

Und es webten fich die Fäden 

Unfihtbar, Doch ſchnell und ſicher, 

Die die jungen Herzen Beider 

Wie mit Zaupermacht umfkridten. 

Eilandsmägdlein felbftvergefien 

Sant in füßer Unbewußtheit 

Und in findli reiner Unſchuld 

Abfichtölos und ohne Bangen 

An die Bruft des ſchoͤnen Fremdlings. 
Mägdleia mit ben braunen Augen, 

Kind, was ift dir widerfahren, 

Daß ein Schrei ſich Dir entwindet, 

Daß du bittre Thräuen weinend, 

Jammernd laut um Hilfe zufeft ? 

Iſt im Arm des SKalewiden, 

Wo du warm und felig ruhteſt, 

*Dir ein ſchweres Leid begegnet? 

Ward die Schulter dir verrenfet, 

Dir verlegt die zarte Hüfte? 

Hat er Streit wit Dir begonnen, 

Dir ein Weh gethan, der Fremdling 9 * 
Bater hört den Schrei der Tochter, 

Mutter ihres Kindes Wehruf, 

Wachten auf aus ihrem Schlummer 

Und ermunterten fi) völlig, 

Jedes bei ſich felber meinend, 

Daß ein böfes Traumgeſicht 

Ihr Gehör im Schlaf geäffet. 

Doch des Mägdleins Klagelaute 

Und. ihr Weinen und ihre Schluchzen 

Trafen au Die wachen Ohren. 
Juſelvater fpraug vom Lager 

Raſch die Dee von ſich werfend, 


Nahm zur Hand die ſchwere Keule 


Vierter Belang. 


Und begab fih aus ber Hätte, 
Um au fehen, was dem Kinde 
Kür ein Unglüd widerfahren, 
Und, ob nicht ein boͤſer Bube 
Freventlich der Mutter Erbe 
Bei der Nachthut ihr enirifien 7 
ALS des Inſelvaters Augen 
Nun den riefgen Jüngling trafen, 
Sant ihm aus der Hayd die Keule 
Und erftarb dad Wort im Munde. 
Blei und flarr bei feinem Aublick 
Blieb er ſprachlos vor ihm. fliehen. 
Einfam wie am Prahm die Ente 
Stand fein Kind ihm gegenüber 
Und vermochte nicht das Auge, 
Bon dem Boden zu erheben, 
Nicht die thränenfchweren Wiypern 


“ Bor dem Bater aufjufählagen 


Dder nur ein Wort zu Sprechen. 
Doch der flarfe Sohn des Kalew, 
Auf der Moosbank hingegofien, 


Schaut ihm ruhig in das Auge 


Und erkundigte ſich arglos, 


Ob nicht geſtern ſpät am Abend 


Finland's windekund'ger Zaubrer 
Von dem Wierſchen Strande kommend 
Auf dem Wege nach der Heimath 
Hier vorbeigeſegelt wäre? 

„Nein,“ erwiderte der Alte, 
„Finland's windelund’gen Zaubrer 
Hab’ ich ſchon feit vielen Tagen, 
Schon feit Wochen nicht gejehen. 
Doch vergieb mir, edler Fremdling, 
Daß id) das Berlangen fühle, 
Etwas über deine Herkunft, 

Deine Heimath zu erfahren ! 
Welchem Stamm bift du entiproffen ? 
Welches Weib hat dich geboren, 


100 


410 


420 


Bierter Befang. 


Dih im Mutterfhooß gefchaufelt, 
Did gefäugt an ihren Brüften 
Und zum Helden auferzogen ? 
Daß die Götter Dich erzeugten, 
Taara's Erbtheil dir verliehen, 
Iſt aufs Antlitz Dir gezeichnet, 
Strahlt aus deinem Feuerblide, 
Sprit aus jedem deiner Züge. 
*Auf des Infelvaters Frage 
Gab ihm Kalew's Sohn zur Antwort : 
„In dem buchtenreichen Wierland 
Und an Harrien’s Felsgeftaden 
Und im Sand des Wiekſchen Strandes 
Wurde mancher Weg befchritten, 
Mancher Fußſteg ausgetreten, 
Manche Spur zurückgelaſſen. 
Einer dieſer vielen Wege, 
Den ich ſchon als Bübchen kannte, 
Iſt der liebſte mir von allen, 
Iſt der Weg in meine Heimath, 
Führt auf meines Vaters Hofplatz, 
In die Koppel meiner Mutter, 
An die Pforte meines Bruders. 
Dort entſproß ich einem Eichſtamm, 
Wuchert' aus des Stubbens Wurzeln, 
Wuchs heran zum Einzelbäumchen. 
Dort ſtand meiner Kindheit Wiege, 
Dort mein Neſt in Fels gehauen. 
Dort blieb meiner Kinderjahre 
Schöner Traum am Raſen haften. 
Der im Ebbett mich erzeugte, 
Der in's Dafein mich gerufen, 
War der Bater ftarfer Männer ; 
Meine kinderreihe Mutter, 
Deren volle Bruft mich fäugte, 
Ward in Wiefland’s Erlenbüfchen 
Aus dem Birkhuhnsei geboren. 
Findeſt du an mir ein Zeichen, 


Vierter Befang. 101 
J 


Daß ich von den Goͤttern ſtamme, 
Könnte ja wohl Taara's Sproͤßling, 
Sener ftarfe Bater Kalew, _ 450 
Einen Sohn gezeuget haben, 
Der hierher verfchlagen worden ! 
Wär's nit möglich, dag der Spätling, 
Jenes legte Neftlind Linda’s, 
Hier fi) deinen Bliden zeigte ?" * 
Eilandsmägdlein, zart und lieblich, 
Die des Fremdlings Rede hörte, 
Schrak zufammen und erbleichte, 
Als er Kalew feinen Vater, 
Linda feine Mutter nannte. 400 
* Das erfchro’ne holde Weſen, 
Eilandsmägdlein, zart und Tieblich, 
Schwankte an den nahen Abgrund, 
Bo der Fels in's Meer hinabfällt, 
Und ihr Fuß that einen Fehltritt, 
Und das Gleichgewicht verlierend 
Stürzte fie vom hohen Felsrand 
In die dunkle Wogenbrandung 
Und verfanf im Schooß des Meeres. 
Eine Welle raufchte ſchaͤumend 470 
Ueber das verfunfne Mägdlein 
Und begrub ihr junges Xeben ! 
Bellen raufchten und begruben 
Inſelmutter einz’ges Kindlein, 
Inſelvaters kleines Taͤubchen! 
Lautes Wehgeſchrei erhebend 
Rang der Vater ſeine Hände. 
Aber ſtumm warf ſich der Jüngling, 
Kalew's Sohn ihr nach vom Felsrand, 
Die Verſunkne aufzufiſchen, 480 
Die ertrunkne Maid zu retten, 
Sie den Wogen zu entreißen. 
Doch der weite Grund des Meeres 
Und das kuͤhle Bett der Fluthen 
Und der Tiefe Schlummerſtaͤtte 


162 


610 


Bierter Belang. 


Hielt das Kind bei fich gefangen, 
Gab fie nicht Heraus, die Kleine, 
Aus dem falten, feuchten Schooße.* 
Ah allein nur kehrt' er wieder, 
Taucht' er auf, der Sohn des Kalew, 
Doc betrat er nit die Infel, 
Sondern rief hinauf zum Felfen : 
„Eilandsvater, muß nun feheiden ! 


Lebe wohl, du armer Bater ! 


Dir entriß das Meer die Tochter, 
Mir der Dieb die liebe Mutter, 
Unglüdsbrüder find wir Beide, 
Gleiches Loos hat ung getroffen! — 

Sprachs und mit den ftarfen Armen 
Weite Bogen um fich greifend 
Rückt' er weiter vor nach Norden, 
Seine Reife fortzufegen. 

Bon der Anfel fi entfernend 
Schwand der Sohn des flarfen Helden 
Mit den Wogen vor dem Winde 

Aus des Anfelvaters Augen. 

Er durchſchnitt mit Eräfttgen Armen 
Die bewegte Oberfläche, e 
Und der Wellen Sthaufelwiege 
Wälzte die gewalt'gen Glieder 
Des entfchloffnen, fihern Schwimmers 
Woge aufs und Woge abwärts 
Immer fort in grader Richtung, 

Dem Geftade immer näher. 

Auf's Gefchrei des Infelvaters 
Seinem Hilferufe folgend 
Sprang die Mutter auf vom Lager 
Und begab fih aus der Hütte, 

Um zu fehn, was ſich begeben. 

*O du liebe alte Mutter ! 
Sprangft aus deinem warmen Bette, 
Warfit Die weiche Dede von dir, 

Um die ſchaurigkalte Botfchaft, 


Bierter Geſaug. 


Um die eifge Trauerkunde, 

Um die hagelfroft’ge Nachricht 

Aufzunehmen, die im Herzen 

Dir das Blut erflarren machte ! 

In den Wogen fhläft dein Liebling, 

Hat dein Kind fein Meines Bettchen, 

Das die Fifchlein jeßt umfpielen, 

Auf dem Meeredgrund fein Stäbchen. 

Schlechte Wärter find die Wellen, 

Wiegen ungefchieft und unfanft, 

Und die Zifchlein viel zu flüchtig 

Und zum Spiel zu ernſt die Waſſer! 
Arme, arme alte Mutter ! 

Kamft fo früh ſchon aus dem Bette, 

Aus dem Bett’, noch eh? es graute, 

Todesbotſchaft zu empfangen ! 

Ad, die deine- Mutterliebe 

Sanft und zärtlid auferzogen, 

Eingelult am warmen Munde, 

An der treuen Bruft gefäuget, 

Sorglich auf dem Schooß gegängelt, 

Und gewiegt auf beiden Händen: 

Schlummert unter kalten Wogen, 

In dem feuchten Bett der Tiefe! 
Eile, eife, alte Mutter, 

Nimm den kanggeftielten Rechen 

Mit dem längften Stiel von Kupfer, 

Mit den allerhöchften Zinken, 

Die zu Stahl gehärtet worden, 

Geh’ damit das Meer zu rechen 

Und die Wellen umzuwenden 

Und den Schlammgrund aufzuharfen ! 

Infelvater, nimm die Rebe, 

Nimm die neuften, nimm die flärfften 

Und verfuche einen Glückszug! 

Könnteft Spuren deines Kindes, 

Könnteft es wohl jelder finden 

Auf des Meeres tiefem Grunde !* 


103 





104 Wierter Befang. 


* Singft hinaus das Meer zu fegen 
Und den Meergrund umzuwühlen 
Und die Wogen aufzuharken. 

Zrugft in deiner Hand den Rechen, 
Langgeftielt mit hoben Zinken. 
Kupfern war. der Stiel des Rechens, 
Stählern feine blanfen Zinfen 
‚Und fein Griff von fehweren Eifen. 
670 Sieh doch, was du aufgeharft, 
Was der Rechen dir gewonnen! 
Schau, ed wird ein Eichbaum fichtbar ! 
Ei, auch noch ein Föhrenbäumchen! 
Bring’ die Eiche und die Föhre 
Flugs nach Haufe in Die Koppel! 

Gingſt hinaus das Meer zu fegen 
Und den Meergrund umzumühlen 
Und die Uſtr aufzuharken. 

Sührteft in der Hand den Rechen 
680 Mit den hohen blanfen Zinken 

Und dem Griff von fohwerem Eifen. 

Und was fandft du in dem Kehricht, 

Was im aufgeharkten Schlamme ? 

Fandſt das Adlerei im Kehricht, 
Und den Eiſenhnt im Schlamme. . 
Gluͤcklich eilteft du nach Haufe, 

Bargft den Fund in deiner Kammer. 

Gingft hinaus das Meer zn fegen - 
Und den Meergrund umzuwühlen, 

690 Meeresufer aufzuharken, 
Meereögruben zu durchfuchen. 

Und was fandft du in dem Kehricht, 
Was im aufgeharkten Schlamme ? 
Einen Fiſch fandft du im Kehricht, 

In dem Schlamm die Sitberfchale. 
Und das Fifehlein mit der Schale 
Hobft du forgfam auf im Keller. 

Gingft hinaus das Meer zu fegen 

Und den Meergrund umzuwühlen 


Vierter Befang. 105 


Und die Bogen aufzuharken 600 
Und die Gruben auszufehren 
Und im Uferfchlamm zu fuchen : 
Ob du nicht dein Hühnchen fändeft, 
Nicht dein Mägdlein in den Wellen ? 
Hört doch, hört, ihre Trauerleute ! 
. Hört e8 fingen aus den Wogen! - 
Hört doch, hört, ihr Schwerbetrübten, 
Ihr vom Schmerz zerfchlagnen Herzen, 
Hoͤrt's vom Meere ber ertönen, 
Wie es fingt im WBogenfchwalle, 610 
Zlötet in. dem Waflerwirbel ! 
Dort, wo fih die Wogen bäumen, 
Dort wird der Gefang geboren, 
Dort ans tiefem Meeresbette 
Läßt es alfo fich vernehmen: 
Maäͤgdlein wol im Meere fchaufeln, 
Wollt' im Wellenfpiele fingen ; 
Ließ die Schuhe auf dem Steine 
Und den Roſenkranz am Baume 
Und die Bänder auf dem Sande 620 
Und die Ringe auf dem Felſen 
Und begann im Meer zu fehaufeln, 
Wogenlieder anzuflimmen. 
Was erblidte fie im Meere, 
Sah fie glänzen in den Wellen? 
Goldſchwert blinfte aus dem Meere, 
Silberfpeer im Wellenfpiele, 
Kupferarmbruft aus dem Grunde. 
Zrat heran, das Schwert zu faflen, 
Nach dem Silberfpeer zu langen, 630 
Kupferarmbruft aufzuheben. 
Kam ein Männchen ihr entgegen, 
Altes Männchen, Kupfermännchen, 
Kupferhütchen auf dem Kopfe, 
Kupferhemdchen auf dem Leibe, 
Kupfergürtel um die Hüften, 
Kupferhandfhuh an den Händen, 
(1) 9 





106 


670 


Vierter Geſang. 


Kupferſtiefel an den Füßen, 
Kupferſporen an den Stiefeln, 
Kupferbuckeln auf dem Guͤrtel, 
Kupferzierat auf den Buckeln. 
Kupfern war ſein Leib, ſein Nacken, 
Kupfern auch Geſicht und Augen. 
Fragt der Kupfermann das Mägdlein: 
„Ei was ſucht im Meer das Mägdlein, 
Was die Kleine in den Wellen, 
Was das Hühnchen unter Fifchen Fr 
Mägdlein hört’ es und erwidernd 
Sprach die Fleme Ente alfo: 
„„Ging zu fchaufeln in dem Meere, 
In dem Wellenfpiel zu fingen, 
Und ich ſah das Goldfchwert funfeln, 
Sah die Silberlange leuchten 
Und die Kupferarmbruft fhimmern. 
Wollte nach dem Schwerte langen, 
Nah dem Schaft der Lanze greifen 
Und die Armbruft mir erwerben.”« 
Sprach der Kupfermann entgegen, 
Sprach mit feiner Supferzunge : 
„Soldichwert wird dem Salewiden, 
©Silberfpeer dem: Dlewiden, 
Armbruft wird dem Sulewiden 
Aufbemahrt im Meereösgrunde. 
Kupfermann bewacht die EChäße, 
Iſt des goldnen Echwerts Bewahrer, 
Sft der Silberlanzge Wächter 
Und der Kupferarmbruft Hüter. 
Nimm den Kupfermann zum Gatten, 
Sei des Schwertbewahrers Weibchen, 
Cei des Lanzenwächters Gattin, 
Sei des Armbrufthüterd Liebchen: 
Dann foll Goldfchwert dir gehören, 
Dein fein Olew's Silberlanze, 
Dann folft du die Armbruſt haben, 
Sollft den ganzen Schatz befigen.« 


Vierter Geſang 


Mägdlein hört’ e8 und erwidernd 
Sprach die Meine Ente alfo, 
Sang ihm zu die Liederworte : 
„„Feldbebauers junge Tochter, 
Dorfbewohners Fleines Lämmchen 
Nimmt den Mann vom feften Lande, 
Den Geliebten aus den Pflügern, 

. Den Gefährten aus dem Dorfe.“" 

Kupfermännkhen lachte höhnifch. 
Mägdlein that mit ihren Züßchen 
Einen Fehltritt unverfeheng, 

Glitt ein wenig aus am Boden 

Und gerieth in eine Grube, 

Sant hinab in's Reich der Filche, 

In die düftre Meeresgrotte, 

In der Wogen weite Kammer. 

Und das Meer empfing das Mägdlein, 
Dedt’ es zu mit feinen Wogen 

Und begrub’3 in feinen Tiefen. 

Kommt der Vater, grambeladen, 
Kommt die Mutter, fie zu fuchen, 
Forfchen nach auf ihren Spuren, 

Wo ihre Hühnchen fei geblieben, 
Ihres Hofes nettes Gänschen. 
Hat der Habicht, diefer Räuber, 
Hat die Krähe, diefe Diebin, 
Hat etwa ein frecher Bube 
Hühnchen aus dem Neft geftohlen, 
Gänshen aus dem ftillen Weiher, 
Mägdlein aus dem trauten Stübchen ? — 
Auf dem Stein fand man die Schuhe, 
Fand den Rofenfranz am Baume 
Und die Bänder auf dem Sande 
Und die Ringe auf dem Selfen, 
Alen Schmuck zerftreut am Strande : 
Mägdlein felber fand man nirgend, 
Konnte nirgend fie erfpähen. 
Niemals fah’n fie ihre Tochter, 

9 % 


700 


710 


107 





108 


720 


740 


750 


Vierter Geſang. 


Nie das liebe Kind mehr wieder. 
Sie verfan? im Meeresgrunde, 
Hühnchen fchläft im Echlamm der Tiefe, 
Schlummert in dem Wogenbette. 

Und fie riefen fie beim Namen, 
Riefen angftvoll ihrem Hühnchen : 
„Komm nach Haufe, liebe Tochter, 
Kehre wieder in dein Stübdhen, 
Komm’ nad) Haufe, füße Kleine !« 

Tochter hört es, und erwidert‘, 
Ließ fich geifterhaft vom Meere, 
Klagend alfo fi) vernehmen : 

„Kann nicht fommen, lieber Vater, 
Mich nicht retten, theure Mutter ! 
Meerestaft liegt auf den Xidern, 
Wogenwucht mir auf den Wimpern, 
Auf der Bruft die ganze Tiefe. 

ALS ich ging im Meer zu fehaufeln 
Und zu fingen in den Wellen 

Und zu plaudern mit den Waflern, 
Ließ ich auf dem Stein die Schuhe, 
Meinen Rofenfranz am Baume, 
Meine Bänder auf dem Sande, 

Auf dem Felfen meine Ringe, 
Meinen Halsfhmud an den Zweigen. 


. Kieß mich. dann vom Meere wiegen 


Laute Wellenlieder fingend 

Nach den alten Meercsweifen. 

Sah im Meer das Goldfhwert bligen 
Und die Silberlanze glänzen 

Und die Kupferarmbruft fchimmern. 
Und ich langte nad) dem Schwerte, 
Miühte mich den Speer zu faflen 
Und die Armbruſt zu ergreifen. 
Tauch' hervor ein altes Männchen, 
Altes Männchen, Kupfermännden, 
Kupferhütchen auf dem Kopfe, 
Kupferhemdchen auf dem Leibe, 


Vierter Befang. 109 


Kupferhandfchuh an den Händen, 
KHupferftiefel an den Füßen, 
Kupferfporen an den Stiefeln, 
Kupfergürtel um die Lenden, 
Kupferſchilder auf dem Gürtel, 
Kupferzierat auf den Schildern. 
Supfern war fein Leib, fein Naden, 
Kupfern, das Gefiht die Augen. i 
Fragte mich das Kupfermännchen: 700 
Ei was fuht im Meer das Mägdlein, 
Bas die Kleine in den Wellen, 
Bas das Hühnchen unter Fifchen, 
Bas das Gänschen in den Schluchten ? 
Ich verftand ihn und erwidernd 
Sprach ich keck wie eine Ente, 
Sang ihm gadernd wie ein Hühnchen, 
Laut ihm zu die Liederworte : 
„Sing zum Meere, um zu fchaufeln, 
Um im Wellenfpiel zu fingen, . 770 
Zu dem Wogentanz zu pfeifen. 
Sah des goldnen Schwertes Bligen 
Und der Silberlanze FZunfeln 
Und der Kupferarmbruft Schimmern. 
Wollte nad) dem Schwerte langen, 
Nach dem Silberfpeere greifen, 
Mir die Kupferarmbruft Holen. « 

Sprach der Kupfermann erwidernd, 


Eprach mit feiner Kupferzunge : 


Goldfhwert wird dem Salewiden 780 
Silberfpeer dem Olewiden 

Armbruft wird dem Sulewiden 

Sorgfam aufbewahrt im Meere. 

Kupfermann bewacht die Schäge, 

Iſt des Goldfchwerts treuer Hüter, 

Iſt des GSilberfpeers Bewahrr . 


‚ Und der Supferarmbruft Wächter. 


Altes Männchen, Kupfermännchen, 
Bollte mid zum Weibe nehmen, 


110 Vierter Gefang. 


790 Mich zu feiner Hausfrau wählen, 
Mid zum Spielzeug ſich erwerben, 
Bot als Brautfhag mir das Goldfchwert, 
Mir den Silberfpeer als Löfung 
Und zum Liebespfand die Armbruſt, 
Wenn id) feiner Werbung folgte, 
Ihm die Hand zum Bunde reihte. — 
Und ich fperrte mich nach Kräften, 
Gab den Sünglingen des Landes, 
Meines Dörfchens jungen Burfchen 
800 Ohne Hehl vor ihm den Vorzug. 
Kupfermann, der lachte höhniſch. 
Und da that ich einen Fehltritt, 
Glitt ein wenig aus am Boden 
Und gerieth in die Vertiefung 
Und verſank in's Reich der Fiſche, 
In des Meeres finſtern Abgrund. 
Mägdlein ward der Wellen Beute, 
Hühnchen von dem Meer verſchlungen. 
Hier ließ ich mein junges Leben 
810 Wie ein Hühnchen in der Wildniß, 
Wie das Böglein in der Schlinge, 
Wie das Fifchlein in der Reufe. 
Ging zum Meere um zu fchaufeln, 
Um im Wellenfpiel zu fingen, | 
Um zum Wogentanz zu pfeifen, 
Um das Goldfchwert zu gewinnen, 
Um den Siiberfpeer zu fuchen, 
Kupferarmbruſt zu erwerben. 
Glitt ein wenig aus am Boden 
820 Und gerieht in die Vertiefung, 
Sant hinab in's Reich der Fifche, 
In die ſchaur'ge Meerestiefe. 
Dort verfhwand das arme Hühnchen, 
Haucht' das Voͤglein aus fein Leben, 
Sand fein Grab das junge Mägdlein, 
Welkn es hin, das Meine Blümchen ! 
Meine nicht, du theure Mutter ! 


Vierter Befang. 


Klage nicht, o lieber Vater ! 
In dem Meer hab’ ich ein Häuschen, 
Zief im Grund ein trautes Stäbchen. 
Bing in's Meer um mich zu fchaufeln, 
Um im Bellenfpiel zu fingen, 
Um zum Wogentanz zu pfeifen, 
Und gerieth in eine Grube 
Und verfant in’d Neid) der Kifche, 
An des Meeres dunkle Tiefe. 
Dort verfhwand ich armes Hühnchen, 
Mupt’ ich kleines Voͤglein fterben, 
Haucht' ich ans mein junges Leben, 
Wellt' ih bin in meiner Blüthe, 
Schloß ich meine braunen Augen. 
Weine nicht, du liebe Mutter ! 
Klage nicht, du theurer Vater ! 
In dem Meer hab’ ich ein Häuschen, 
Sn dem Grund ein trautes Stübchen, 
Eine Kammer in der Tiefe. 
Ging in's Meer, um mid zu fchaufeln, 
Um im Wellenfpiel zu fingen ; 
Ging das Schwert mir zu gewinnen, 
Silberfpeer und Kupferarmbruft 
‚Aus der Tiefe mir zu holen. 
Als ih Kupfermann verfchmähte, 
Lachte Kupfermann fo höhniſch. 
Da verfant ich in die Tiefe, 
Sn die düſtre Meerestiefe. 
Dort verfhwand das arme Hühnchen, 
Starb es hin, das kleine Voͤglein, 
Haucht' ih aus mein junges Leben, 
Wellkte meine Zugendblüthe, 
Schloſſen fih die braunen Augen, 
Schloſſen fih im Todesfchlafe. 
Meine nicht, du theure Mutter ! 
Klage nicht, mein lieber Vater ! 
An dem Meer hab’ ich ein Häuschen, 
Auf dem Grund ein trautes Stübchen, 


5% 


111 


112 Vierter Befang. 


Eine Kammer in der Tiefe, 
In dem Schlamm ein weiches Nefichen. 
Ging das Goldfchwert aus dem Meere, 

Aus den Wellen mir zu holen, 

870 Silberlanze mir zu fuchen, 
Kupferarmbruft zu gewinnen; 
Da verfehwand ich armes Hühnchen, 
Starb ich armes Feines Voͤglein, 
Haucht' ich aus mein junges Xeben, 
Wellt' ich hin wie eine Blume, 
Schloſſen fid) die braunen Augen, 
Schloffen fi im Todesfhlummer 
Täubchens Augen ach ! für immer. 

„Weine nicht, du theure Mutter! 
8 Klage nicht, mein lieber Pater ! 
| In dem Meer hab’ ich ein Häuschen, 
Auf dem Grund ein traute® Stübchen, 
Eine Kammer in der Tiefe, 
In dem Schlamm ein weiches Neſtchen. 
Kühl fehläft ſich's in meinem Bette 
In der feuchten Wellenwiege, 
Und an meinem Lager fingen 
Alewiden Wiegenlieder, 
Kalewiden Schaukellieder, 
890 Sulewiden Schlummerlieder.« * 


Fünfter Gefang. 


Dion beginnt die Morgenröthe 
Als des jungen Tages Herold 

Hart des Himmeld Saum zu fürben, 
Schon der funfelnden Geftirne: 
Licht ein wenig zu erbleichen, 

* Ind man hörte ſchon den Hahn 
Auf des Morgens Schwelle frahen, 
Sah die Henne traulich gadernd 
Schon ihre Tagewerk beginnen. * 

Und der flarfe Sohn des Kalew 
Zummelt fi noch in den Wellen, 
Die in weitgehöhlten Bogen 
Sich der Küfte Finland's nähern. 
Mährrgen Arms bricht er fih Bahn 
Auf des Meeres fraufem Rüden, 

Und der Wogen Schaufelwiege 

Waͤlzt fih mit dem Eräfttgen Züngling, 
Mit dem nimmermüden Schwimmer, 
Woge aufs und Woge abwärts 
Immer weiter hin nad) Norden, 

Wo die Uferfelfen ftarren. 

Unterm Glühn der Morgenröthe 
Zärbt ringsum das Meer fih purpurn, 
Schimmern leuchtend auf die Wogen. 
Schon erfcheint in weiter Ferne 
Finland's felögefröntes Ufer 
Und erhebt fih immer höher 
Bor des Schwimmers freud'gen Bliden. 


114 


Bünfter Geſang. 


Dieſer peitſcht mit ſtarken Armen 
Die bewegte Meeresfläche, 

Und der Wogen Schaukelwiege 
Schleudert ihn, den kühnen Schwimmer, 
Von der Woge ſchwankem Nacken 

Zu dem Kamm der nächften Woge, 
Dem Geftade immer näher. 

Und als kaum der junge Morgen 
Sich; des Frühroths Arm entwindend 
it den erften Sonnenftrahlen 
Die erwachte Welt begrüßte 
Und die grünen Meereönigen 
Mit den ausgeftreuten Flittern 
Haar und Bänder eilig fhmüdten, 
Faßte ſchon der Sohn des Kalew, 
Diefer edle Riefenfprößling, 

Feſten Fuß an Finland's Strande. 
Etwas müde von der Reife 

Nahmn er Plag auf einem Felſen, 
Um fi) nach der weiten Meerfahrt 
Kurze Ruhe nur zu gönnen. 

Und die frifyen Morgenlüfte, 


Die vom leichtbewegten Meere 


Sanft des Felſens Rand beftrichen, 

Kühtten feine heißen Wangen, 

Und mit jedem Athemzuge, 

Den er auf dem Felfen ruhend 

Aus der kühlen Seeluft fchöpfte, 

Sühle er frifcher fih und flärker. 
Finland's windelund’ger Zaubrer 

Hatte kurz vorher fein Fahrzeug 

Unter einem Zelfenvorfprung 

An dem Ufer feftgefettet, 

Daß das tüf’fche Spiel der Wogen, 

Bon dem Sturme aufgeftapelt 

Zu vernihtungdrohndem: Grimme, 

Ihm den Nachen nicht zerbreihe. 
Schmetternd brachten ſchon die Voͤglein 


Fünfter Geſang. 


Ihren Gruß der Morgenſonne, 
© Stieg die Lerche froͤhlich trillernd 
Auf zum hohen Himmelsdome, 
Schlug die Nachtigall im Wäldchen, 
Nief der Kuduk im Gehege, 
Braten alle Waldesvöglein, 
Jedes laut in feiner Weiſe, 
Shren Dank dem Göttervater, 
Bater Zaara Preis und Ehre. * 
Sonft war auf der mweiten Fläche 
An dem felfenreihen Strande 
Kein Geſchöpf noch in Bewegung, 
Sah man von den Strandbewohnern 
Niemand noch den Pfad betreten, 
Keine Seele noch fich regen. | 
Selbſt die Wälder, Berg’ und Aeder 
Ruhten noch im Morgenfchlunmer 
An des jungen Tages Schwelle. 
Kalew's Sohn erhob das Auge 
Und verfuchte zu erfpähen, 
Ob er nicht von Finland’3 Zaubrer 
Irgendwo ein Lebenszeichen, 
Eine Spur entdeden Fönnte. 
Do im weiten, weiten Umfreis 
War fein Zeichen von ihm fichtbar, 
Keine Spur von ihm zu fehen. 
Stiller Morgenfrieden dedte 
Rings. das Land und die Gewäfler 
Und die Strandbewohner ruhten 
Warn noch unter feinem Fittig. 
Auch der ftarfe Sohn des Kalew 
Fühlte fih) vom Hauch des Friedens 
Angeweht und ſchloß das Auge 
Und verfant in fügen Schlummer, 
Während Luft und Sonne fi 
Wechfeldweife drum bemübhten, 
"Die Gewänder ihm zu trocknen, 
Und der Schlummergott vergebens 


70 


100 


115 


116 Fünfter Befang. 


Faͤden fuchte anzufpinnen, 
Um ein Zraumbild zu geftalten. 
Kalew’3 edler Riefenfprößling ! 
Während du auf hartem Fels 
Deinen müden Augenlidern 
110 Kurzen Schlummer nur gewähreft, 
Weilt im Geift des Sängers Auge 
Auf den heißen Kampfeswegen, 
Die in Finland dir bevorftehn ; 
Sieht den Yüngling, den im Schlummer 
Sanft das Morgenroth befcheinet,, 
Bald des Sturmes Wuth erreichen 
Und im ungeftümen Angriff 
Ale Schreden der Vernichtung 
Gegen ihn in Aufruhr bringen ! 
120 Drohend rollt der Donnerwagen 
| Und die Wolle fchleudert Bliße 
Auf den Pfad, den du betreten; 
MWüfter Waffenlärm ertönt, 
Kampfgefchrei fteigt auf zum Himmel 
Und das Blut auf deinen Spuren 
Riefelt in das Wäldchen Flagend : 
Daß zum Mörder Du geworden. 
Du indeffen ruh' im Frieden ! 
Während deines fanften Schlummers 
10 Hebt auf feines Liedes Schwingen 
Sid der Sänger in die Lüfte, 
Um ein andres Bild zu ſchauen. 
Als der gute Infelvater 
Und die liebe Infelmutter 
Nicht ihr Kind im Meere fanden, 
Aber aus des Mägdleins Liede, 
Jener geifterhaften Stimme, 
Shres Hühnchens Tod erfuhren, 
Sie im Meer geborgen wußten, 
10 Singen weinend fie nach Haufe, 
Um die ausgefifchten Bäume, 





Fänge Gefang. 117 


Eich' und Föhre, zu befchauen. 
»Nahmen von dem Hof die Eiche 
Mit den breitgezweigten Aeſten, 
Zrugen mühfam auf Den Anger 
Sie zur Schaufel, wo noch jüngfl 
Sich ihre Töchterchen ded Abends 
Fröhlich zu vergnügen pflegte, 
Und verpflanzten dort die Eiche 
Zum Gedächtniß ihres Hühnchens. 
„Wachſe, Eihbaum, ftolz und fröhlich 150 
Mit den Zweigen in die Lüfte, 
In die Bolfen mit der Krone!” 
Und die Foͤhre aus der Koppel 
Pit den breitgezweigten Xeften 
Trugen gleichfalld auf den Anger 
Sie zur Schaufel, wo noch jüngft 
Kröhlich fich ihr Kind des Abends 
Und vergnügt zu fchaufeln pflegte, 
Und verpflanzten dort die Zöhre 
Dicht am Pfoften diefer Schaufel 160 
Ihrem Töchterchen zu Ehren, 
Zum Gedächtniß ihres Hühnchens. - 
„Wachſe, Köhre, und gedeihe, 
Wachſ' hinauf zum ſtolzen Baume, 
Mit den Zweigen in die Lüfte, 
Mit dem Wipfel in die Wollen !« 
Als der Eihbaum feinen Plab 
Und die Zöhre ihre Stelle 
Bei der Schaufel eingenommen, 
Sedes auf der andern Seite 170 
Dicht am Schaufelpfoften prungend, 
Bing das Bäterchen in's Zimmer, 
Ging das Mütterchen zur Kammer, 
Nach dem Adlerei zu fehen, 
Ob es ſchon im Eifenhute 
Glücklich ausgebrütet worden. 
Eiſenhut war kalt und feucht, 
Kalt das Ei im kalten Hute: 


118 


180 


190 


210 


Fünfter Bfang. 


Saß dod Niemand da zum Brüten 
Auf dem Ei im Eifenhute ! 

Nahm das Ei die Mutter mit, 
Stellt’ ed an die warme Sonne, 
Nahm's zur Nacht zu fich in's Bette, 
Hegt' es warm im eignen Schooße. 

Bater eilte zu der Eiche, 

Mutter zu dem Zöhrenbaume. 
Beide Bäume fchoffen luſtig, 
Hundert Faden ſchoß die Eiche, 
Zehn die Foͤhre in die Höhe. 

Gingen Beide dann nah Haufe, 
Und der Bater in den Seller, 

Um zu fehn, ob auch fein Fifchlein, 
Fifchlein in der Silberfchale, 

Etwas größer ſchon geworden. 

Und ihm brach fein Vaterherz. 

„Ah, ich hatte, jprach er weinend, 
„Einen Apfel, ſchön und duftend, 
Eine füße, zarte Deere, 

Weiß wie Schnee und roth wie Nofen, 
Und mein Apfel fiel in's Meer, 

Meine Beere in die Fluthen. 

Und ich ging fie aufzufuchen, 

Ging mein Töchterhen zu retten, 
Wühlt' im Schlamm bis an die Kniee, 
Stieg in's Meer bis an die Schultern. 
Und was fühlt ih an dem Knie ? 
Ah, ed war ein Feiner Fiſch nur! 
Was kann mir das Fifchlein werden 9 

Fifchlein hört’ es und erwidert, 
Sprach mit zarten Schmeidhelworten : 
„„Gieb das Fifchlein, gieb's den Wellen, 
Gieb es feinen Spielen wieder ! 

Liebe Eltern, flinfe Brüder, 2 
Zarte Schweftern harten feiner, 

Und das goldgefchuppte Liebchen 

Wartet fehnfuchtsvoll am Strande.““ — 


Fünfter Geſang. 119 


Snfelvater bracht? es fort, 
Gab dem Fifchlein feine Freiheit i 
Und begab fi dann zur Schaufel, 2% 
Um die Bäume zu betrachten. 
Und die Eiche und die Foͤhre 
Strebten mit den folgen Wipfeln 
Himmelan bis in die Wolfen, 
Gleich als. wollten fie den Himmel 
Und die Wolken fühn durchbrechen. 
Aus dem Ei entfprang ein Junges, 
Ward ein fräfger junger Adler, 
Den die Infelmutter pflegte, 
Bis er einftmald ihr entwifchte 230 
Und davonflog in die Weite. 
Gingen dann zu ihrer Eiche. 
Immer mächt'ger ſtrebt die Eiche 
In die Luft hinaufzuklimmen, 
Strebt die Wollen zu zerſtreuen, 
Wil den Himmel felbft zerfpalten. 
Vater ging den Zaubrer fuchen, 
Ging den mächt’gen Zaubrer dingen, 
Der die mädht’ge Eiche fälle 
Mit den weitgezweigten Aeften. . 20 
Mütterhen ging auf die Wiefe, 
Um das Grummet einzuernten 
Und die Lefe aufzuharken, 
Goldnen Reden auf der Schulter, 
Rechen mit dem Supferftiele, 
Rechen mit den Silberzinken 
Und den goidnen Ringelhafen. 
- Und fie nahm fchon eine Schwabe, 
Nahm die zweite auf, die dritte; 
Und was fand fie in der dritten? 250 
Sand den Adler in der Schwabe, 
Den des Tags die Sonnenftrahlen, 
Nachts im Bett ihr warmer Schooß 
Aus dem Eie ausgebrütet. 
Und fie trug ihn froh nach Haufe, 





120 


270 


Yünfter Befang. 


Hielt im Zimmer ihn agfangen. 

Und was barg er unter'm Flügel? 
Barg ein Männchen unter'm Zlügel, 
Barg ein Männchen, defien Höhe 
Kaum zwei Spannen meflen mochte. 
Und was trug der Zwerg in Händen? 
Trug ein Aextlein in den Händen. * 


Kalew's Sohn, du trauter Bruder, 
Wollteft nur ein kurzes Stündlein 
Deine Augenlider fließen 5 
Wollteft, um dich zu erholen, 

Nur im Morgenfchlummer träumen ; 
Doch die Herrfchaft der Ermüdung 
Siegte über deinen Vorſatz, 

Beugte deinen ftarfen Willen. 

Lagſt den ganzen Tag im Schlafe, 
Schliefſt auch fort die ganze Nacht, 
Schliefft bis an den hellen Morgen. 

Nach des zweiten Tages Frühroth, 

Als die Sonne jadenhod) 

Schon am Himmel aufgeftiegen 

Und die Meeresfluth beftrahlte, 

Wand der flarfe Sohn des Kalew 
Sic) erft aus des Schlummers Fefleln. 
Länger ließ es ihm nicht ruhn, 

Länger nicht. dem Schlafe fröhnen. 
Rüftig fprang er auf vom Lager 

Und begann mit fohnellen Schritten 
Sich vom Meere zu entfernen ; 
Schritt auf unbefannten Wegen 

Eilig immer weiter landwärts, 

Immer tiefer in die Berge. 

Auf und nieder wand fein Weg 
Zwiſchen Bergen fih und Felfen 

Bald durch Triften, bald durch Schluchten, 
Ueber weitgeftredte Wiefen 

Und durch finftre Nadelwälder, 


Fünfter Befang. 


Ueber offne Haideflächen 
Und an Zlüffen bin und Seeen 
In das Herz des Felfenlandes. ° 
Kalew's ſtarker Riefenfprößling 
Immer eil'ger fürder ſchreitend 
Sah fich um nad allen Seiten, 
Ob er im bethauten Graſe 
Nicht der Mutter Spuren fände ? 
Smmer höher flieg die Sonne, 
Seit er feinen Weg begonnen, 
Und den Mittag bald erreichend 
Schien fie heiß.auf feinen Rüden, 


Daß es von der Stirn ihm tropfte. 


Aber ruͤſtig fehritt er fort, 
Ohne Ruhe fi) zu gönnen, 
Ueber hohe Bergesrüden 
Und durch tiefe Felfenklüfte, 

Um in's Innre zu gelangen, 
Nicht der Sonne Gluth beachtend, 


Die ihm auf die Schultern brannte. 


Finland's windekund'gen Zaubrer 
Konnt er dennoch nicht erreichen, 
Noch der theuren Mutter Spuren 
Auf der Wanderung entdeden. 
Kalew's ftarker Sohn bedadhte 
Klug die Wege umd die Stege, 
Die ihn fiher anf die Spuren 
Der verlornen. Mutter führten, 
Daß er endlich fie erreiche . 
Und die Theure aus den Klauen 
Des verruchten Mäubers rette. 


Und im Sturmſchritt eilt er fürder, 


Schreitet Kalew's edler Sproͤßling 


Durch die Wieſen, durch die Thaͤler, 


Ueber weite Haideflaͤchen 

Immer tiefer in's Gelände, 

Nicht der Sonne Gluth beachtend, 

Die ihm in's Geſicht ſchon brannte. 
lui] 


e 


310 


121 





122 


Yünfter Befong. 


So erreichte Kalew's Sprößling 
Einen Berg, von deflen Fuß 
Er durch hohe Kelfenblöde 
Sich zum Bipfelpunit hinaufwand, 
Um von dort fi) umgufchauen. 

Als er von dem hoͤchſten Kamm 
Weit umber die Blicke fandte, 
Kiel dem flarfen Sohn des Kalew 
Ein bebautes hal in’d Auge, 
Das ein muntrer Bach durchſtroͤmte. 
Hier an eines Wäldibend Saum 
Zag der Hof des Windekund'gen, 
Ro der Räuber heimlich haufte 
Und ſich wohlgeborgen wähnte. 


Freudig flürmt der Sohn des Salem 


Nun hinab die fteilen Selen, 
Strebt dem Thale zu im Fluge 
Und durchfchreitet raſch den Anger 
Bis zur Pforte des Geböftes. 
An der Leinen Bforte hier 
Hemmt der Eil'ge feine Schritte, 
Um nur einen Blid hinüber 
In des Räubers Hof zu werfen, 
Deflen ftattlihe Gebäude 
Bon des Wirthen Wohlkand zeugen. i 
An dem Schatten feines Hanfes' 
Lag der Zaubrer auf dem Nafen 
Friedlich bingeftredt und ſchnarchte. 
An den Anger ftieß die Koppel 
Und ein faubres Eichenwäldchen. 
In der Koppel angelommen 
Zog der edle Sohn des Salem 
Eine von den ſchlankſten Eichen. 
Mit der Wurzel aus den Boden, _ 
Sie als Keule zu gebrauchen, 
Schnitt die langen Aeſte weg, 
Lieb am Staume nur die Stümpfe 
Einzeln ſtehn und rundete 


Yünfker Gefang. 123 


Dann zum Knauf die knorr'ge Wurzel. 

Schließlich wog er feine Keule, 370 
Sie am Gipfelende faflend, _ 

Prüfend in der Fräft’gen Rechten, 

Ob fie wohl geeignet wäre, 


" Seiner Mutter Raub zu rächen. 


Kalew's Sprößling jo bewaffnet 
Ueberſchreitet rafh den Anger, 
Um in das Gehöft zu dringen. 
Unter feinen Eifentritten 
Drdhnt ringsum die ganze Gegend 
Und der Boden ſcheint zu ſchwanken, 380 
Berg und Thal vor Angft zu beben. 

Finland's windefund’ger Zaubrer 
Aus dem Schläfchen halb erwachend 
Fahrt erfchroden in Die Höhe 
Wie vom Donner aufgerättelt, 
Wenn der Gott auf feinem Wagen 
Ueber ſchwarze Wetterwolfen 
Blige ſchleudernd zornig hinfährt. 
Blinzelnd öffnet er die Angen 
Und erblidt, fat ſtarr vor Schreden, 390 
In der Pforte Linda's Mächer, 
Deſſen fchwere Eifentritte 
Ihn gewedt aus feinem Schlummer. 
Co im Schlafe übereumpelt 
Bar der Zaubrer außer Stande 
Sich in irgend einem Winkel 
Bor dem Feinde zu verfteden 
Dder auf des Windes Flügeln 
Seinem Grimme zu enttommen. 

Denn fchon hat der Sohn des Kalew 400 
Selten Schritts den Sof betreten 
Und mit hochgeſchwungner Keule 
Seine Beute‘ wahrgenonmten. 

Finland's windefund’ger Zaubrer 
Konnte nur in aller Eile 
Eine Handvoll Flaumenfedern 

*10* 


124 


410 


4% 


Bänfter Geſang. 


Aus der Bufentafche holen. 

Diele blied er vor ſich hin, 

Daß in wirbeinder Bewegung 

Und die ganze Luft erfüllend . 

Sie im Schweben fi erhielten. 

Dazu ſprach er Zauberworte, - 

Deren Macht den todten Federn 

Plöglich Ddem gab und Leben: 

Denn fobald der Windekund'ge 

Ceine Sprüche bergemurmelt, 

Wurden aus den Federn Krieger. 
Nur ein Werk des Augenblides 

War es, und auf Windes:Schwingen 

Raffelten im Hagelwetter 

Theild zu Zuß und. theils zu ‘Pferde 

Krieger auf den Plaß hernieder, 

Die zu Zaufenden fich fchaarten, 

Um dem Zauberer zu dienen. 
Maflenweife wälzten fich 

Diefe Iuftgefchaffnen Schaaren 

Als Sukkurs des Windekund'gen 

Auf den Anger jetzt heran, 

Stroͤmten drängend durch die Pforte 

Und dem Helden auf den Hals 

Wie ein Wald im Niederſtürzen. 

Mücken in der Abendſonne, 

Schnacken in der Dämmerung, 

Bienen, die den Stock verlaſſen, 

Stürzten diefe Zauberföldner, 

Eine dichte Wolkenmaffe, 

Die in Strömen ſich ergießt, 

Auf den edlen Sohn des Salem, 

Um den göttergleichen Helden 

Durch die Laſt ſchon zu erdrüden. 
Kalew's hoher Riejenfprößling 

War bereit fie zu empfangen. 

Kluge Einfiht, ſcharfe Sinnen, 

Heldenmuth und Niefenftärke 


Fünfter Befang. 


Gaben auch zu diefem Stampfe 
Ihm des Sieges Zuverficht. 
Seine mächt'ge Keule ſchwingend 
Dringt er in den dichten Haufen 
Und aus feiner Rechten regnet's 
Hiebe hin nach allen Seiten 
Wie beim Drefhen auf der Tenne. 
Ad, wie wurden fie gefuchtelt, 
Wie zerrupft und wie zerdrofchen, 
Diefes geifterhafte Fußvolk, 
Diefe zauberſpuck'gen Reiter ! 
Während feine Keule fehmetternd 
Raſ'te, rief er felbft dazwiſchen: 
*,Zücht euch nicht, ihr Raubgefindel, 
Hexenmeiſters Diebsgenoſſen, 
Luftige Geſpenſterrotten, 
Die ein Zauberſpruch erſchaffen, 
Noch des Teufels Helfershelfer 
Und die Macht der böfen Geiſter; 
Fürchte feinen ſtärkern Meifter, 
Beuge mich vor keinem Höhern ! 
Hab’ noch Mark in meinen Knochen 
Und ein Paar gefunde Fäufte, 
Angeerbt von meinem Vater 
Und genährt von meiner Mutter !«* 
Wo ein Hieb des Riefenjünglings 
Mit der ganzen Wucht der Keule 
Hinftel oder auch nur ftreifte, 
Sanfen Dann und Roß zufammen. 
Seinen hageldichten Streichen 
Konnte Niemand widerftehen. 
Gleich dem Siemann auf dem Ader 
Streut er aus mit jedem Schritte 
Sihre Saat des bleichen Todes 
Und die nimmermüde Keule 
Sauft in feiner kräft'gen Rechten 
Rechts und links und fchmettert nieder, 
Bas nur Ddem bat und Leben. 


470 


126 


126: 


510 


620 


Fünfter Gefang. 


Welcher Eichſtamm hat wohl je, 
Welche fampfbereite Keule, 
Welcher Knittel im Gemepel 
Sp gefauft im Windeswirbel, 
So unzählig viele Opfer 
In das Todtenreich gefendet ! 
* Männer fallen bier im Kampfe 
So wie Tropfen aus den Wolfen, 
Wie der Hagel auf das Saatfeld, 
Wie der Schnee auf die Gefllde. 
Wer beihirmt vom blinden Zufall 
Unbefchädigt niederfiel, 
Nahm die legte Kraft zufammen, 
Um fih duch die Flucht zu retten. * 
Kaum war das Gefecht im Gange, 
Unfer'm Helden nur ein Spiel, 


So erloſch ed auch ſchon wieder, 


Ging der biut’ge Kampf zu Ende, 

War es aus mit dieſem Kriege. 

Denn den weiten Wahlplag deckten 

Leichen nur und Schwerverlekte, 

Die im Todesfampfe lagen. 

+ Bis zum Gürtel flieg der Blutſtrom, 

Sa bis an die Bruft hinan, 

Der fih durch die Pforte wälzte 

Und den Anger überftrömte, 

Bis er in der fernen Koppel 

Sich zu einem See vertiefte. * 

Was nur hatte fliehen Lönnen, 

War geflohen und zerftoben. 
Finland's windefund’ger Zaubrer, 

Der mit feinen Hexenſprüchen 

Sonft ſich ſtets den Sieg erzwang, 

War doch diesmal völlig rathlos 

Und befand ſich in der Klemme. 

Als er feine Söldnerfchaaren 

Aufgerieben fah, entſchwand ihm 

Auch) der lebte Strahl der Hoffnung. 


Fünfter Geſang 137 


Darum trat e Demuth heucheind 

Und mit Honig auf der Zunge 

Bor den Sieger bin und fießte: 
„Theurer Sproß aus Kalew’s Stamm, 
Linda's treuefter Beſchuͤßer! 

Hab’ Erbarmen, fei verfähnlich 

Und vergieb wir, daß ich fehlte ! 

Laß uns Frieden ſchließen, Theurer, 
Und vergiß, daß ich dich kraͤnkte, 

Da ich reuig vor dir ſtehe! 5% 
Ich gefteh’ es, ich vergaß mich 
Ghegeftern und verfuchte 

Einen Schag mir zuzueignen, 

Der mir nicht gehören wollte. 

Bon der böfen Luſt geftachelt 

Schlich ich wich in eure Wohnung 

Un) betrat das Neft des Adlers 

Zu dem günft’gen Augenblicke, 

AS die Jungen ansgeflogen. 

Sa, ih raubte deine Mutter, 540 
Trug fie fort in meinen Armen, 

Trug das Hühnchen mıs der Kammer. 
Ihren Widerfland bezwang ich 

Durch die Macht ven Zauberfprüchen, 
Behrlos fiel das ſchwache Weib 

In die Schlinge meiner Künſte. 

Als mit meinem Schag beladen 

Ich hinab zum Boote eilte, 

Um auf fraufem Meeresrüden 

Ihn nad Finland zu entführen, 650 
Trat mir auf dem Sruberge 

Mit vernichtendem Gepolter 

Der erzürnte Gott des Donners 
Furchtbar drohend in den Weg. 

Dig auf Blitz, dag ich geblendet 

Nicht das Auge öffnen konnte, 

Fuhren feine Wetterſtrahlen 

Ziſchend anf den Schuld'gen nieder, 


128. 


670 


Fünfter Geſang. 


Warfen ſchmetternd mich zu Boden 


Und beraubten mich der Sinne, 

Daß ich einem Zodten gleich 

Eine regungelofe Maſſe 

Auf dem Gipfel liegen blieb. 

Wer des Todes Schritt gemeflen, 
Ihn verfolgt bis zum Entfchlummern, 
Wer dem Todesſchlaf im Brabe 
Seine Dauer nachgerechnet, 

Mag die Dauer meiner Ohnmacht 

Zu beftimmen fich vermeflen. 

Als ich endlich felbft erwachte 

Und die Augen öffnete, 

Schaut ic aus nach allen Eeiten, 
Wo dein Mütterhen geblieben ; 
Forſcht' ich nach des Hühnchens Spuren, 
Nach des theuren Birkhuhns Wegen, 
Um das Böglein zu entdeden, 

Meinen Flüchiling einzufangen. 

Weiß nicht, ob auf Windes Flügeln 
Dder in dem Arm des Lufthauchs 
Unterm Schuß geheimer Mächte 
Kalew's Witwe mir entflohen ! 

Oder barg ein tüd’fcher Kobold 

Sie vor mir im Schooß des. Berges ? 
Weit und breit war nichts zu fehen, 
Keine Spur von ihr zu finden. 
Sehnſucht nah dem theuren Flüchtling, 
Furcht vor ihren Adlerjungen 

Trieben mich vom Iruberge, 

In der Ferne fie zu ſuchen. 

Nicht die Müdigkeit beachtend, 

Die mir in den Bliedern lag, 

Floh ich eilig an's Geftade, 

Um mein Fahrzeug zu befteigen, 

Das am Ufer meiner harrte. 
Doch auch hier die Rache fürchtend 
Führt? ich zitternd nur das Ruder u 


Beier Befang. 129 


Und regierte auf den Waſſern 
Ungeſchickt mein oͤdes Fahrzeug. 
Erft als fchon der Morgen graute, | 
Stieß mein Boot an's heim’fche Ufer”. 600 
Kalew's edler Heldenfprößing 
Hörte nur mit halben Ohren 
Und mit fraufer Stirn die Rede 
Bon der glatten Heuchlerzunge, 
Und den Grimm nicht länger zügelnd 
Brach er 108 in diefe Worte: 
„Du verruchter Weiberdieb, 
Öleißnerifcher, glatter Kügner, . 
Der du einer frommen Wittwe 
Keuſches Lager zu befuden - - 610 
Lift und Ränke aufgeboten ! | 
Hoffeft du, mit Schmeichelworten 
Deine Unthat zu verföhnen, 
Mid mit Lügen abzufinden ? 
Glaube nicht, fo leichten Kaufe 
Deinem Schidfal zu entrinnen ! 
Uebervoll ift längft dein Maaß! 
Nimm, was du verdient, du Räuber, 
Deinen Lohn, du Dieb, empfange !« 
Sprach's und ſchmetternd traf die Keule, 620 
Die er ſchwang in ſtarker Hand, . 
Daß fie wie der Sturmwind faufte, 
Des verrudten Zaubrers Stirnbein 
Zwifchen feinen bufch’gen Brauen ! 
Finland's windefund’ger Zaubrer 
Stürzte wie ein Sack zu Boden, 
Ohne einen Schmerzenslaut PR 
Dder auch nur einen Geufzer . 
Mit dem Leben auszuhauchen. 
Nicht einmal fein Auge zudte, 60 
Als die Seele ihm entfuhr. 
Kalew's ſtarker Sohn betrat 
Eilig jetzt die Wohnung felber, 
Um die Mutter dert zu fuchen. x u 


130 


670 


Günfler Gejeng- 


Er durdftrid das ganze Haus 


Kreuz und quer und unterfudhse 

Mehrmals jeden Raum befonders. 

Jede Ede ward durchſtochert, 

Ausgeftäbert jeder Winkel, 

Aus der Stube ging's zur Kammer, 

Aus der Sammer in den Keller, 

Aus dem Seller auf den Boden. 

Jede Thür ward eingefchlagen, 

Jedes Schloß ward aufgebroden, 

Und was ihr nur widerftand, 

Schlug die Fauſt in tauſend Trümmer ! 

Das Getöfe feiner Schläge 

Und den Schall von feinen Tritten 

Hörten zitternd alle Leute 

Meilenweit um's Haus herum. 

Weithin fchallte das Gepsiter 

Ueber ausgedehnte. Flächen 

In die ferngeleg’nen Wälder, 

Hallte wieder an den Felſen 

Und ertönte bis an’3 Meer, 

Wo's die breiten Wogen hörten. 

Alle Vögel in den Wäldern, 

Alle Thiere in der Wüfte 

Fliehen ſcheu aus ihrer Heimath, 

Ja ſogar die Fiſche ſchlüpfen 

In die tiefern Meeresſchluchten. 

Aengſtlich läuft das Bolk zuſammen, 

Denn ed wähnt des Krieg's Getuͤmmel 

Und der Schlachten blut'ges Toben 

In de Nähe zu vernehmen. 

Doch der theuren Mutter Spuren, 

Des entfloh’nen Birkhuhns Pfade 

Blieben ihrem treuen Sohne, 

Ihrem Rächer noch verborgen. 
Schon beginnt der Sohn des Aalaw 

Seinen Ungeftüm zu fchelten 

Und die Zornwuth zu bereuen, 


Fünfter Gefang. 131 


Die er in der Uebereilung 
An dem Zaubrer ausgelaffen, 
Der auf immer nun verfiummt 
Ihm nicht mehr geftehen Tonnte, 
Wo die Mutter er verborgen, 
Daß ter Sohn fie wiederfände. 
* Hefttger Zorn führt in's Verderben, 
Denn er raubt die Heberlegung, 680 
Giebt auch ſchwachem Gegner Borfprung. 
Lenkt der Zorn des Roſſes Züge, 
Geht e8 durch mit feinem Reiter. * 
Nalew's edler Sohn vermochte 
In dem Zwielpalt der Gefühle 
Sich nicht ruhig zu beſinnen. 
In verwirrter Haft durchlief er 
Nochmals Haus uad Hof und Seller, 
Rannt im Sturme durch die Aleeten, 
Durch die Vieh⸗ und Pferdeftälle 690 
Und ducchfuchte hundertmal 
Jeden Winfel, den er antraf, 
Bis des Abends dunkle Schatten 
Seinem Toben Halt geboten, 
Seine haft’gen Schritte hemmten. 

: Weinend um die theure Mutter, 
Die Berlor’ne, die er fuchte, 
Aber nirgend finden Fonnte, 
Warf der Sohn fih auf das Lager. 
Nichts vermochte feinen Kummer, 700 
Seinen Seelenfchmerz zu flillen. 

Endlih unterlag der Starke 
° Den unzähligen Strapazen 
Und verfant in fügen Schlaf. 
Eines Traumes fanftes Fächeln 
Linderte mit weichen Hauch 
Seinen Schmerz und feine Zrauer. 

* Es erfchien ihm feine Mutter 
In der Blüthe ihrer Jugend, 
Wie fie einft am Hochzeitötifche 710 


132 


720 


740 


\ 


Bänfter Geſang 


Alle Herzen fi) gewann, 
Aus den Zeiten, wo fie heiter 
Wie ein unfchuldsvolles Böglein 
Auf der Schaufel ſich vergnügte 
Dder fröhlid) durch das Wäldchen 
Und durch Hof und Koppel ftreifte 
Bei der Wiekſchen Pflegemutter. 
Birkhuhnstöchterchen zu wiegen 
Flog die Schaufel in die Xüfte, 
Flog mit Luft fo hoc) fie konnte ! 
Dazu fang das muntre Voͤglein 
Heitern Sinnes diefe Worte: 
„Rüft’ge Schaufler, liebe Brüder, 
Laßt die Schaufel höher fehwingen ! 
Herrlich ift e8, aus der Höhe 
Ueber’8 ganze Land zu fehauen ! 
Schwingt fo hoch mich in die Lüfte, 
Daß die Wellen mich erbliden, 
Daß die Wollen meinen Kopfſchmuck 
Mit den Zlatterbändern küfſſen, 
Daß mein Kleid im Kunglalande, 
Sein Befaß dem Donnergotte 
Und den Sternen fichtbar werde. 
Dann verfammeln fih die Freier, 
Werben Sonne, Mond und Sterne 
Um der Birkhuhnstochter Liebe, 
Kommt felbft Kalew mich zu freien.“ * 
Die Geftalt der iheuren Mutter, 
Die der Traum ihm offenbarte 
Aus der Zeit, wo fie als Jungfrau 
Auf der Schaufel ſich vergnügte, 
Schaute nicht aus den Gefllden, 
Wo die Blumen blühn und welfen; 
Nein, fie fam aus fel’gern Höhen, 
Kam herab aus Ulko's Wohnfl, 
Wo die Freude ewig währet. 
Kalew's edler Sohn erwachte 
Früh am Morgen aus dem Schlafe, 


Fünfter Gefang. 133 


Ehe nod die Sonne aufging, 
Und begann des naͤcht'gen Traumes 750 
Tiefer'm Sinne nachzudenken. 
Endlich feinen Sinn erfaflend 
Brad er aus in diefe Worte: 
* „Mütterchen ift heimgegangen, 
Hat auf immer mich verlaffen, 
Böglein ift Davongeflogen, 
Hühnchen feh’ ich nimmer wieder! 
Hühnchen ging nad Heidelbeeren, 
Sucht' im Moor nad) Preißelbeeren, 
Und da fam der böfe Habicht, 700 
Kam die Krähe, diefe Diebin, 
Fielen Hühnchen an wie Räuber, 
Braten Hühnchen in's DVerderben. 
Döglein konnte ſich nicht retten, 
Unterlag den Räuberfrallen ! 
Niemand hörte ihre Klagen, 
Niemand fah ihr letztes Ende.“ * 
Kalew's ſtarker Sohn erlannte 
Sicher aus des Traumes Bildern, 
Daß fein Mütterlein geftorben. 710 


10 


Sehhster Geſang. 


Kliews ſtarker Sohn verbrachte 
Einen Tag in ſchweren Sorgen, 
Auch den zweiten noch im Schmerze 
Ob dem Tode ſeiner Mutter; 
Doch am dritten vor der Sonne, 
Vor des Morgens erſtem Grauen, 
Sah man rüftig auf dem Heimweg 
Ihn dem Meere zu fihon eilen. 
Aus den Winden angeflogen 
Kamen frifchere Gedanken, 

Aus den frifhen Morgenſuͤften 
Ihm aud) frifchere Entichlüffe. 

- Auf den Marken Finland’s lebte 
Ein berühmter Schmiedemeifter, 
Der Erzeuger edler Waffen, 
Blanker Klingen kund’ger Schöpfer. 

„Eh' ich in die Heimath ziehe, 
Sprad der Sohn des Kalew finnend, . 
„Muß ich mir ein Schwert beforgen, 
Eine Waffe mir verichaffen, 

Einen tüht’gen Kampfgenoſſen.“ 

* Augenblids die Richtung wechjelnd 
Ging er eines andern Weges, 
Strich durch weite Wiefenflächen 
Und durch dichtbewachſ'ne Haiden, 
Kam durch moosbedeckte Sümpfe 
Und durch ſchwankende Moräfte 
Und erreichte eine Wildniß, 


Sechtier Befang. 


Die. fein Menfch noch je betreten. 
Kalew’s ſtarker Sohn durchirrte 
Zagelang die Föhrenwälder, 
Kreuzte oft die eignen Spuren 
Und verlor fi in dem Didicht, 
Das ihm feinen Ausweg darbot. 
Kam die lange finftre Nacht 
Mit dem fternenlofen Himmel, 
Mußt' er oft ſich mit den Händen 
Erft den Weg im Dunkel ſuchen. 

Kalew's edler Sohn, der einſt 
Hingeftredt auf feuchten Rafen 
Unter einer Tanne ruhte, 
Sprach ermüdet und verdroflen : 
„Alle Goldnen gehn nad) Haufe, 
Alle Silbernen in’ Hüttchen, 
Obdach finden auch die Andern ; 
Meine Wohnung ift die Wildnig, 
Söhrendidiht meine Kammer, 
Unbegränzter Wald mein Stübchen, 
Mein Kamin it Wind und Wetter, * 
Sturm und Regen ift mein Bad, 
Nebelduft mein Ruheliffen. 
Eh’ die Sonne mich befchaute, 
Ging mein Bater aus dem Leben, 
Auf geheimer Mächte Fügung 
Holgt’ ihm in dag Grab die Matter 
. Ungefehn von meinem Auge, 
Machte mid zum Waifenfnaben ; 
Weit in Wierland Hab’ ich Brüder, 
Andre an der Türkengränge ! 
Wie der Taucher auf dem Meere, 
Wie die Ente an dem Brahme, 
Wie der Aar auf hohem Felſen 
Leb’ ich einfam und verlaffen.“ 

Mit des mächfken Tages Anbruch 
Iſt er wieder anf den Beinen, 
Un aufs nen fein Glück zu proben, 


135 


136 


70 


100 


Sechdter Gefang. 


Einen Ausweg zu verfuchen. 

Aus dem Didicht rief die Drofiel, 
Bon der Tanne rief der Kuduf, 
Aus dem Erlenbufh ein Böglein : 
„Lenke deinen Schritt nach Wehen, 
Wende dic) zur Abendröthel« — 

„Habet Dank, ihr Fugen Bögel, 

Ihr beflederten Piloten !« 

Sprach der edle Sohn des Kalew 

Und begann in langen Schritten 
Weſtwärts durch's Geſtrüpp zu brechen, 
Abendwärts ſich Bahn zu machen. 

Unermüdet drang er vorwärts 
Und gelangte endlich triefend 
Aus dem Dickicht in das Freie. 
Auf der hügelichten Fläche, 
Ueberfäet mit Felſentrümmern, 
Eilte Kalew luſtig weiter. 

Kam ein Mütterchen des Weges, 
Mütterchen mit lahmem Fuße 
Mühfam "an der Krücke humpelnd. 
Und es fprach zu ihm die Alte, 
Septe aljo ihre Worte: 

„Wohin gehft fo leichten Schrittes 
Du, o Sohn der Kalewiden ?« 

Kalew's edler Riefenfprögling 
Merft die Rede, giebt zur Antwort : 
„Mütterchen, mir fam der Einfall 
Ploͤtzlich in den Sinn geflogen, 
Euren weitberühmten Rußbart, 
Finland's Waffenſchmied, zu fuchen, 
Mir ein Schwert von ihm zu holen, 
Ihm das befte abzufaufen. 

Sei nun, Mütterhen, mein Führer, 

Weiſe mir, du goldne Alte, 

Nun den Weg zum Waffenſchmiede, 

Mir zur Eifenhand den Steg !« 
Gleich verftand die gute Alte 


ESektdhoeter Befang. 


Seine Rede und erwidert: 

„Sicher wirft du ohne Führer 

Selbſt den Weg zur Schmiede finden. 

Geh’ zuvörderft durch die Haide, 

Dann durch's ſchmucke Tannenwäldchen 

Und verfolg’ den Lauf des Fluſſes 

Einen Tag und auch den zweiten 

Und vielleicht auch noch den dritten. 

Wendeſt du dich dann gen Abend, 

Wirſt du einen Berg erreichen, 

Einen hohen Berg am Wege. 

Halt’ Dich hart am Fuß des Berges, 

Bis did links ein Fußfteg abführt. 

Dann wirft du ein Flüßchen fehen 

Rechter Hand an deinem Wege. 

Folg' dem Flüßchen bis zum Punkt, 

Wo drei Waflerfälle raufchen. 

Haft du dieſe hinterm Rüden, 

Birft du gleidy ein Thal gewahren 

Und am Ende diefes Thales 

Bon Gebüfchen dicht befchattet 

Liegt am hohen Zelfenabhang 

Tief verftedt in .einer Höhle 

Des berühmten Meifters Schmiede.“ 
Kalew's ſtarker Sohn verfolgte 

Raſch den Weg, den ihm die Alte 

So genau bezeichnet hatte, 

Ging zuvörderft durch die Haide 

Und durch's ſchmucke Tannenmwäldchen, 

Folgte dann dem Lauf des Fluſſes 

Einen Tag und auch den zweiten, 

Auch den größten Theil des dritten, 

- Bandte dann ſich ab gen Abend 

Und erreichte bald den Hügel, 

Der fih hoch erhob am Wege, 

Hielt ih hart am Fuß des Hügels 

Und betrat dann links den Pfad, 

Der ihn an das Flüßchen brachte. 

Car) 11 


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Sechoter Geſang. 


Dieſem folgt’ er bis zum Punkt, 
Wo drei Waſſerfälle rauſchten. 
Alſo ſchwanden raſch die Meilen 
Unter ſeinen langen Schritten. 

Endlich fiel dem rüſt'gen Wandrer 
Auch das ſchöne Thal in's Auge. 

Als er dieſes kaum betreten, 
Drang des Blaſebalges Brauſen 
Und der Schall der Hammerſchlaͤge, 
Die im Takt den Ambos trafen, 
Schon von fern ihm in die Ohren. 

Soo geleitet vom Gehoͤre 
Kam der edle Sohn des Kalew 
Dem berühmten Meiſter näher, 

Den er ſich befreunden wollte. 

An des Thales hoher Wandung, 

Bon Gebüſchen dicht beſchattet, 

Hatte fi) der Waffenmeiſter 

Seine Schmiede ausgehauen. 

Schon der ſchwarze Rauch verrieth es, 
Deutlicher die Funken noch, 
Die er wirbelnd mit fi führte, 

Und das Sprühn der rothen Schladen, 
Daß hier Schmiedewerf gefchaffen, 
Hammerarbeit ward verrichtet. 

Der berühmte Schmiedemeifter, 
Nußgefchwärzt, ein altes Männchen, 
Brachte durch geheime Künfte 
Und mit Hilfe dreier Söhne 
Tücht'ge Arbeit ſtets zu Stande. 
Seine Söhne, die Gefellen, 

Ruſſig wie der Vater felber, 
Hieben mit geſchwungnen Hämmern 
Unverdrofien 108 aufs Eifen. 

- Eine feuerrothe Klinge, — 
Blut’ge Zukunft vorbedentend, — 
Aechzte oftmals auf dem Ambos 
Bon der Zange feftgehalten 


Eeheler Gefang 


Unter dichten Hanmerſchlägen, 
Die von nerv’gen Zäuften fielen. 
Idhren Widerftand zu brechen, 
Hatte Meifter Rußbart fie 

Erft im Zeuer glühen laſſen, 
Bo fie bald gelernt fig fügen, 
Um des Hammers ſtrengem Willen 
Auf dem Ambos nachzugehen. 
Slühend in die Zluth getaucht 
Polterte ſie zwar noch heftig ; 
Doch der: Meifter achtet nicht, 
Denn er hat nur Eins im Sinne: 


Recht ein tüchrges Schwert zu SHaffen. 


Kalew's ſtarker Sohn erreichte 
Reicht nun. auch Die Schmiede felbft 
Und begrüßte yon der Schwelle 
Laut den Meifter mit den Worten : 


„Brig dich, Meifter! Taara hekfe 


Dir dein gutes Wert vollenden, 
Lafle gluͤcklich dirs gelingen la 


„Gott zum Gruffe, lieber Bruder !« 


Sprad zum Gegengruß der Meifter 
Mit der Hand die Kappe lüftend 
Und betrachtete den Fremdling 
Unverwandt mit jcharfen Blicken, 
Um wo möglidy nad) dem Aeußern 
Seine Herkunft zu errathen. 

Unter buſch'gen Augenbrauen 
Maßen feine Augen blikend 

Ihn vom Scheitel bis zur Zehe 
Und vom Naden bis zur Ferſe 
Und verweilten. wie bewundernd 
Bald auf feinen marf'gen Schenkeln, 
Bald anf feinen breiten Schultern, 
Bis er ausbrash in die Worte : 


„Gruß und Wunſch in Zaara’d Namen. 


-Zindet Anflang allerwegen.; 
Drum, o Sremdling, fei willfommen 


190 


210 


140 


* 


Sechoter Geſang. 


Auch bei mir und bei den Meinen. 
Biſt von weitem, junger Adler, 
Kräft’gen Flugs wohl hergeflogen? 

* Stammft wohl aus berühmtem Dorfe 
Und aus angefeh’nem Haufe ? 

Weiſe haben dich erzogen ? 

Helden dih zum Mann gebildet %- 

Auf des Meifters Muge Fragen 
Gab der Kalewsfohn zur Antwort: 
„Art läßt nicht von Art, mein Freund, 
Wie der Baumflanım, fo die Eproflen. . 
Jeder Vogel fingt im Buſch 
Wie der Schnabel ihm gewachfen. 
Schwarz find Raben, Spechte bunt. 

An dem Kamm kennt man den Birkhahn 
Und den Haushahn an den Sporen. 
Auch der Fiſch Hat feine Schuppen 

Und der Krebs fein fchwarzes Rödchen. — 
Hör’ doch, lieber Schmiedemeifter, 
Schwarzberußtes altes Männchen, 

Möchte gern aus deiner Werkftatt 

Mir ein gutes Schwert gewinnen, 

Das von ſtarker Fauſt gefhwungen 

Seine Tüchtigfeit bewähre. 


Doch zuvor mußt du erlauben, 


Daß ich vor dem Kauf ed prüfe. — .: 
„Ei wer wird denn“, fprach der Meifter, 

„Se dem Käufer es verwehren, 

Daß er erft die Waare prüfe ?. 

Niemand freit nach einem Mädchen, 

Das er nicht zuvor gefehen, 

Dder fauft ein Schwein im Sade, 

Wenn man auch beim Pferdetaufche 

Sid den Trug 'gefallen läßt. 

Immer muß man bei dem Handel 


. Seine Augen offen halten 


Und den Kopf zu Rathe ziehn, 
Bil man keinen Schaden leiden 


Sechdter Befang.. 


Und die Reue ſich erfparen.“ * 
Als der Meifter fo gefprochen, 

Schlüpfte auf den Wink des Vaters 

Einer von den flinfen Burfchen 

Hurtig aus der Schmiede fort 

In die nabe Waffenkammer. 

Und nach furzer Weile trat 
Aus der Kammer ſchon der Bube 
Schwerbeladen in die Schmiede 
Und entlud fi vor dem Käufer 
Raſſelnd feiner ſchoͤnen Bürde. 


Stumm ergriff der Sohn des Kalew 


Eins der längfien von den Schwertern, 

Wog ed prüfend in der Rechten, 

Bog fodann die breite Klinge 

Faſt zu einem Reif zufammen, 

Der fi) augenblicklich wieder 

Dhne Zadel grade ſtreckte, 

Ließ fie dann mit Bligesfchnelle 

Saufend über'm Haupte wirbeln 

Und vollführte endlich jauchzend 

Einen Hieb aus Leibeskraͤften 

Auf den Zelsblod in der Schmiede, 

Daß die Funken weithin fprähten. 

Diefem mörderifchen Hiebe 

Bar die Waffe nit gewachfen, 

Denn der Stahl zerbrad in Stüde, 

Und das Heft blieb nur allein 

In der Zauft des Riefenjünglinge. 
„Hol der Beier ſolche Faͤuſte!“ 

Rief der Waffenmeiſter fluchend. — 
„Ei wer wird denn Kinderfpielzeug 

Unter. Rännerwaffen mifchen !«. 

Warf der Kalewsſohn dem Meifter 

Hoͤhniſch lachend in die Zähne 

Und ergriff num ohne Wahl 

Rod) ein zweites Schwert vom Haufen 

Und darnach auch noch ein Drittes, 


141 


142 | Sechdter Geſang. 


Eh’ der Schmied es hindern konmte, 
Machte wirbelnd ſeine Schwenkung 
Jedesmal und ließ das Schwett 
Auf den Block dann DIENEN 
Dop%s Feuer regnete 
300 Und der Stahl in tunſend Stüden 
In dem engen Raum umherflog, 
Während nur der Griff allein 
In der ſtarken Hand zurüdblieb. 
„Mache deinen Scherz ein Ende“, 
- Zuhr der Meifter jetzt dazwiſchen, 
„Denn ich kann's nicht länger dalden, 
Daß die Waffen meiner Werkfkatt; 
Aus bewährtem Stahl gefertigt, 
Nur zum Spaß zettrilmmert werden, 
310 . Weil es Dir einmal beliebt, ' 
Deinen flarfen Arm zu zeigen !" 
Und er winfte feinem Buben, 
Ihm in's Ohr die Worte flüfternd : 
„Bring’ mal aus der Waffenkammer 
Raſch ein Paar von Nummer Eins, 
Die für folhe Eifenfüufte: 
Bere Dienfte leiften werden !« 
Dem Befehl des Baters folgend 
Brachte flugs der flinfe Bube 
320 Aus der dunfeln Waffenkammer 
Einen Arm voll neuer Schwerter 
Bon der allerbeften Sorte, 
Um dem Kalewsſohne nochmals 
Eine Probe zu verftatten. 
Kalew's Sprößking Tangte freudig 
Nach der ausgelegten Waare, 
Nahm ein Schwert gewicht’gen Anſehné 
In die Hand md wog es Yrüfend, 
Schwenkte dann die riefge Waffe: 
30 Wie ein leichtes Rohe im Wirbel 
Um das Haupt: und führte ſchließlich 
Mit der ſcharfgeſchliffnen Klinge 


Schöter Befang. 143 


Einen Schwerthieb auf den Ambos, 
Der in's Eifen tief hineindrang. 
Troß des mörderifchen Hiebes 
Brad) die Klinge nit in Stüde, 
Aber fle war ftumpf geworden, 
Etwas ſtumpf die feharfe Schneide. 
* Eprady der Schmied bei guter Laune, 

. Sprad) ein wenig fpottend aljo: 30 

„Warte, warte, liebes Bürfchchen, 
Hab? Geduld, mein Brüderchen, 
Werde ſchon ein Schwert im Schreine, 
In der Kammer eine Waffe, ; 
Deinen Kräften angemeflen, 
Ebenbürtig dir ſchon finden, 
Wenn du Gold genug im Beutel, 
Silber zur Genüge haft, 
Um den vollen Werth zu zahlen. 
Hier gil“s Gold im Sad zu haben, 350 
Alte Thaler in der Fide, 
Dfennige in allen Taſchen! 
Wer ein folhes Schwert will haben, 
Darf niht arm an Mitteln fein, 
Denn es koſtet unter Brüdern 
Neun robufte Arbeitöflepper, | 
Bier Paar tücht’ge Trageftuten,” 
Zwanzig Kühe reich an Milch, 
Zehn Paar gute Arbeitsochien, 
Funfzig Kälber, ſtark gemäftet, 300 
Hundert Tonnen reinen Weizens, 
Zwei beladne Gerftenboote 
Und ein großes Schiff mit Roggen, 
Dazu taufend alte Thaler, 
Hundert Paare PBaternofter 
- Und zweihundert goldne Münzen, 
Einen Schooßvoll Silberfpangen, 
Eines Königreiches Dritttheil 
Und den Mahlſchatz dreier Jungfraun.“ 

Und in einer Dunkeln Sammer 370 


144 


Sechdter Befang. 


Ward ein Heiner Schrein von Eifen, 

Der mit fieben Ladenichlöffern 

Und mit dreizehn Vorhangfchlöffern 

Wohl verichloffen war, geöffnet, 

Und man nahm aus diefem Schreine 

it geheimnipvoller Andacht % 

Nun heraus an's Licht Des Tages 

Eine Waffe fonder gleichen. 

Aller Blide rubten fchweigend 

Auf dem königlichen Schwerte, 

Das des Meifters Kraft und Weisheit 

Sieben lange lange Jahre 

Ohne Unterlaß gefneähtet. 

Diefes Schlachtſchwert hatte einft 

Schon der alte Vater Kalew 

Selbſt bei dem berühmten Meifter 

Sich beftelt und ihm empfohlen, 

Weder Zeit no Kunft zu fparen, 

Um ein Meifterftüd zu liefern, 

Wie die Welt noch keins gefehn. 

Unterdeffen war der Faden 

Seines Lebens abgelaufen, 

Hatten Kalew's Erdentage 

Sich geienft zum ftillen Abend, 

War er ſchon zur Ruh’ gegangen 

In dem Fühlen Rafenbette, 

Ch’ der Meifter feine Arbeit 

Kaum erft halb vollendet hatte. 
Meifter hatte an der Klinge 

Sieben Sabre mit den Söhnen 

Bald geftredt und bald gehämmert, 

Bald gefeilt und bald polirt, 

Ch’ fie ihre rechte Schärfe, 

Ihre rechte Wucht erhalten. 

Sieben Sorten Eifenblech 

Kochten fie zu einer Maſſe, 

Sangen täglich bei der Arbeit, 

Daß fie gut gelingen möge, 


Sechdter Befang. 145 


Sieben auserlef'ne Worte, 
Die befonders fräftig waren 410 
Und dem Könige der Schwerter 
Seine Ehre ficherten. 
Meifter felber gab dem Stahl 
Die abfonderlihe Härtung 
Durch beftimmte fieben Waſſer, 
. Die er dazu auserlefen: 
Erſtlich aus dem Meere felber, 
Das bis Wierland fich erftredt, 
Zweitens aus dem Beipusfee 
In dem Pleskowiterlande, 4% 
Zerner drittens aus dem Wirzjärw, 
Einem See mit jeichtem Beden, 
Biertend aus dem Mutterbadh, 
Der das Yungfernwafler führt, 
Fünftend aus dem Koiweſtrom, 
Der im Lettenland entipringt, 
Sechſtens aus dem Wöhanda, 
Der den beil’gen Hain durchriefelt, 
Endlih aus des Himmels Wolfen, 
Die im Regen fih ergießen | 78) 
Und ihr Naß als Flockenſchnee 
Dder Perlenthau uns fpenden. 
Ale fieben Eifenforten 
Stammten aus dem Schwedenlande. 
Silbern war der Griff des Schwerts, 
Bon dem reinften Gold der Bügel 
Und der Knauf ein Stein aus Kungla. 
Das Gehen! war fiebenfarbig, 
Eine Schnalle pfennigfilbern 
‚Und die andre thalerfülbern, 440 
Beider Zungen von Adhat, 
Wie er prangt im GSiegelringe. * 
Kalew's Sprößling nahm die Waffe 
Aus der Hand des Schmiedemeifters 
Still und ehrfurchtsvoll entgegen, 
Und nachdem er fie gefaßt, 


146 


470 


Sechdter Geſang. 


Ließ er fie im mächt'gen Schwunge 
Wirbelnd wie ein Feuerrad 
Um fein Handgelenk ſich drehen. 
Saufend flog die blanfe, Klinge 
Durch die Luft, wie wenn im Sturm 
Eine Hagelwolfe rafjelnd 
Ihrer Schloffen ſich entledigt | 
Und dazu die Windsbraut heulend 
Ueber die empörten Wogen 
Durch die Wälder raft und wüthet, 
Daß die hundertjähr’gen Eichen 
Krachend ihre Gipfel neigen 
Und erzürnt den Rafen peitfchen 
Und die Dächer von den Hütten 
Mit dem 'aufgeregten Sande 
Hoch fih in die Luft erheben 
Und den Wolfen eilig folgen. 
Kalew's edler Riefenfprößling 
Lied alsdann die Wucht der Klinge 
Mit der Schnelligkeit des Blitzes 
In den mäct’gen Ambos fahren. . 
Und die fieggewohnte Rechte 
Spaltete den ſchweren Ambos 
Nebft dem dichtberingten Klotze, 
Der ihn trug, bis auf den Boden, 
Ohne daß die blanfe Schneide 
Auch nur eine leichte Schramme 
Sichtbar nachbehalten hätte. 
Sreudeftrahlend und begeiftert 
Nief der edle Sohn des Kalew: 
* „Ei der taufend, lieber Meifter, 
Haft mir da ein Schwert gegeben 
Auch des beften Mannes würdig, 
Das in rechter Fauſt wohl nimmer 
Seine Dienfte wird. verfagen ! 
Auch den Kaufpreis find’ ich billig 
Seinem Werthe angenteffen 
Und ich werde drum nicht feilfchen, 


Sechbter Belang. 


Sondern ohne Widerrede 

Den verlangten Preis bezahlen, 
Nämlich neun robuſte Klepper, 
Bier Paar tücht’ge Trageftuten, 
Zwanzig Kühe veih an Milch, 
Zehn Paar gute Arbeitsochſen, 
Funfzig Kälber; ſiark gemaͤſtet, 
Hundert Tonnen reinen Weijzens, 
Zwei beladne Gerſtenboote 

Und ein großes Schiff mit Roggen, 
Dazu tauſend alte Thaler, 
Hundert Paare Paternoſter 

Und zweihundert gold'ne Münzen, 
Einen Schooßvoll Silberſpangen, 
Eines Koͤnigreiches Dritttheil 


Und den Mahlſchatz dreler Jungfraun. 
Für das Schwert, das jetzt mein eigen, 
Hol' dir ſelbſt den Pteis aus Wierland, 


Deinen Arbeitslohn aus Harrien, 
Aus der Wiel die volle Zahlung.“ 
Drauf erwiderte der Meiſter 


Schalkhaft mit dert Augen zwittfernd : 


„Schulden bringen wenig Ehre 


Und dem Gländ’ger Teinen Vortheil; 


Beſſer ift es, mit den Preis 
Ungefäumt .in’d' Haus zu ſchicken 
Und nicht erſt darauf zu warten, 
Daß ich mir die Jahlung hole. 
Harrien hat ja ſoviel Schiffe, 
Wierland ſoviel Riderboofe, 
Als zur Ueberfahtt vonnoͤthen, 
Und wir führen dann wohl felber 
Das geladne Korn vom Strande 
In die eignen Vorrathskammern, 
Treiben in's Gehöft die Pferde 
- Und die Ochfen auf die Weide 
Und die Kälber in die Koppel 
Und die Kühe in's Gehege. 


610 


620 


147 


148 


Schöter Belang. 


Wollt ihr aber auch die Fuhre 
Bon dem Strande felber mahen, 
Wird's euch wahrlich nicht gereuen, 
Denn die ſchatt'gen Hedenmwege, 
Die zu: unferm Hofe führen, 
Und die Ställe und die Kleeten 
Und die Obfts und Bohnengärten, 
Eingehegt von Gitterzäunen, 
Sind wohl fehenswerth zu nennen. 
Rund umber in den Gebüfchen 
Singen froh die Waldesvöglein, 
Laͤßt der Kuckuk gern ſich hören. 
Statt geftriegelt ftehn die Roſſe 
In den Ställen luſtig wiehernd, 
Züchfe, Rappen, Braune, Kalbe, 
Theild gefchirrt und theils gefattelt, 
Theild geziert mit reichen Deden 
Und mit blanfen Silbergurten. 
Schwere Kühe grafen friedlich 
In den lichten Quftgehegen, 
Zeifte Kälber, glatte Stiere 
Auf den bium’gen Rafenmatten 
Edle Nachzucht ftolz verheißend.“* 
Auf den abgefchloffnen Handel 
Zolgten, um das Schwert zu ehren, 
Das den rehten Mann gefunden, 
Zange luſt'ge Seftgelage. 
* Sieben Tage ward gefchmanfet, 
Ward der Blasbalg nicht getreten, 
Lie man alle Hämmer ruh'n, 
Ruhten Schraubflod, Zang' und Seile, 
Jubelten die Schmiedebuben, 
Ruhte felhft der Waffenmeifter. 
Und die ganze Jubelwoche 
War der Geift der Hopfentraube 
Der entfchiedne Herr des Feſtes 
Und der Schöpfer aller Freuden. 
Aus der Tonne, wo er thronte, 


Schöter Befang. 149 


Schlüpft er mit in's Faß hinüber, 
Aus dem Faſſe in die Stanne, 
Aus der Kanne in den Becher, 
Aus dem Becher in die Köpfe. 
Männer tobten wie befeflen, 
Buben lärmten ohne Rüdhalt, 
Weiber warfen ihre Hauben, 
Jungfraun ihre Furcht bei Seite. 
Bor dem Haufe auf dem Rafen 
Standen Biers und Methgefäße, 670 
Und hier war e8, wo am lautften 
Weiber ohne Hauben fihrieen, 
Männer ohne Mügen brüflten, 
Buben halbentkleidet jauchzten, 
Mädchen fich mit glüh’nden Wangen 
Lachend auf dem Boden wälzten.* 
Bier und Meth, aus ihren Feſſeln 
Ohne Hemmniß losgelaſſen, 
Machten Huge Leute närrifc) 
Und verftänd’ge unbefonnen, "60 
Brachten Jung und Alt zum Rafen. 
Auch der edle Sohn des Kalew 
Ward vom Raufche hingeriffen 
Und enthüllte an der Tafel, 
Offenbar im trunfnen Muth, 
Gegen feine fonft’ge Weife, 
Was ihm auf der Meinen Inſel 
Mit dem ſchönen Eilandsmaͤgdlein 
Bor nicht langer Zeit begegnet. | : 
Er verrieth hier ohne Rückhalt 0 
Alle Reize ihrer Unſchuld 
Und die Gunft der füßen Minne, 
Die er ihrer Taubeneinfalt 
BB onnetrunfen abgerungen. 
Eh’ er noch das Abenteuer 
Auserzählt bis an das Ende,. 
Sprang der ältefte der Söhne, 
Seines Baters Stolz und Freude, 


150 


610 


Sechtzter Geſang. 


Ungeſtüm ihn unterbrechend 
Hinter'm Tiſch hervor und ſtellte 
Drohend fich ihm gegenüber. 

Und mit zornentbrannten Blicken 
Sprach er glühend dieſe Worte: 
„Schwatze, Prahler, was du willſt 
Und wozu dein Sinn dich treibet; 

* Aber deine Worte dürfen 

Eines Mägdleins Ruf nicht fchänden ! 
Pfui, wer wird ein Kind verleumden, 
Einer Jungfrau guten Namen 

Sp gefliffentlih begeifern! * 

Mußt du erft von mir es lernen, 
Daß fo ungewaſchne Neden 

Eines Mädchens Ehre Franken?” 

Kalew's flarfer Sohn ergrimmte 
Ob des Schmiedeburfchen Kedheit 
Und erwiderte mit Nachdrud, 

Daß des Haufes Bände dröhnten: 
„Bas ich fprach, ift wahr gefprocdhen, 
Und ich darf es wiederholen, 

Daß ich jede Gunſt der Liebe 

In des Eilandsmägdleins Armen 
Bis zur Geligfeit genoffen. 

Selbft ihr Vater kaun's bezeugen, 
Der fie fand auf meinem Lager.“ 

Bon dem lauten Wortgezänfe, 
Das mit jedem Augenblide 
Heft'ger ward und neue Streiter 
Auf den engen Kampfplatz lodte, ı .ı, 
Kam ed buld zum Drohn und Schimpfen 
Und zulegt zum Handgemenge, 

Ja fogar zum Blutvergießen, 

Denn bevor es Yemand ahnte, 
Daß der Streit ein ſolches Ende 
An der Tafel nehmen würde, 

Zog der flarfe Sohn des Kalew- _ 
Raſch fein Schlachtſchwert aus der Scheide 


Sechdter Geſang. 151 


Und der Lodenfopf des Gegners 
Flog im Nu vom Rumpf herab, 
Dem ein Burpurftrahl entftrömte. 
In das Angefiht der Brüder. 640 
Aus der Bruft des armen Vaters 
Wand ein Schrei fih des Entjeßens 
Und die Mutter ſank in Ohnmacht 
An des Sohnes Seite nieder. 
Als der Schmiedemeifter fi 
Nach und nad, bewußt geworden, 
Welch ein Unglück ihn betroffen, 
Rief er: „Mörder meines Sohnes, 
Wiffe, daß du mir die Stüße 
Meines Alters haft zerbrochen 650 
“Und mit diefem Mord der Unfchuld 
Auch die Ehre deines Schwertes 
Selbſt befledt für ew’ge Zeiten! — 
„Burſche, rächet euren Bruder ! 
Bringt die Hämmer aus der Schmiede 
Und zerſchlagt ihm alle Knochen, 
Diefem blut’gen tollen Hunde, 
Der den Bruder euch zerriffen !“ 
Blindlings folgten alle Söhne 
Dem Befehl des Waffenmeifters 660 
Und erfchienen wohlgerüftet 
Theil mit Zangen, theils mit Hämmern, 
Theils mit langen Eifenfchienen 
Und erwarteten mit Echweigen, 
Daß der Bater winfen werde, 
Ihre Arbeit zu beginnen. 
Diefem kam der Eohn des Kalew, 
Dem der Rauſch nach nicht verflogen, 
Schnell zuvor, erhob ſich drohend, 
Schwang das Schwert in feiner Rechten 670 
Und begann mit lauter Stimme: 
„Kommt, ihr ruffigen Gefellen, 
“ Kommt heran, ihr fhmup’gen Buben ! 
Iſt das Leben euch zur Laft, 


7 


152 Sechdter Befang. 


Daß fo wohlfeil ihr's verhandelt ? 
Nur heran ! der Sohn des Kalew 
Hat gewaltig ftarfe Fäufte, 
Denen Niemand noch entkommen, 
Der’s im Kampf mit ihm verfudht ! 
6“ Kommt nur, kommt, ihr koͤnnt nicht fchneller 
Eures Lebens ledig werden !« — 
„Halt !a rief jegt der Schmiedemeifter, 
„Laßt den Mörder ungezüdhtigt, 
Laßt ihn firaflos gehn, den Hund ! 
Die gerechten Götter mögen 
Diefen blut'gen Mord beftrafen 
An dem Thäter, der ihr übte, 
Der das edelfte der Schwerter 
Nicht im heißen Kampf um's Leben 
680 Gegen einen Zeind in Waffen, 
Nein, der’s gegen einen Knaben 
An dem Herd des Elternhauſes 
Ehrlos hat gezuͤckt und ſchmaͤhlich 
Mit der Unſchuld Blut beſudelt! 
May das Schwert, das er entweihte, 
Selbſt die Schmach einft an ihm rächen ! 
„Möge did) mein Fluch begleiten, 
Bis er au dir wahr geworden, 
Bis das Schwert, das du entweiht, 
700 Dich einft felber hingemordet, 
Bis du mit dem eignen Blute 
Das vergoflene gefühnet ! 
® Sei verflucht, glei einem Hunde 
Auf dem Anger zu verwefen, 
Im Gebüſche zu vermodern 
Und die Lüfte zu verpeften!*® 
„Sept ein Wort an dich, mein Eifen, 
Das zum königlihen Schwerte 
Kunftvoll meine Hand gefchmiedet ! 
710 Höre meinen Fluch und achte 
Auf die Wünfche meines Herzens ! 
Wenn der Mörder meines Sohnes 


+‘ 


Sechdter Befang. 


Auf der Bahn des Ruhmes einſt 
Arglos ſich der Ruhe Hingiebt, 
Dann zerfchneide. du Den Faden 
Seines Lebens unerwartet !« 
Kalew's ftarfer Sohn vermochte, 
Starren Blicks in fih verfunfen, 
Theild vom Hopfengeift befeflen, 
Theild.von Zorneswuth befangen, 
Nicht ein Wort von Dem zu hören, 
Was des Meifterd Mund gefprochen, 
Stürzte taumelnd aus dem Zimmer 
Und begab fih auf den Hof. 
Nicht des Vaters Schmerzensfeufzer, 
Nicht der Mutter lautes Weinen, 
Nicht die Klagen der Gefchwifter, 
Noch des Hausgefindes Heulen 
Schienen in fein Ohr zu dringen. 
Ungewiflen Zrittes fchmanfte 
Kalew taumelnd durch die Pforte, 
Ueberſchritt den weiten Anger, 
Ging im Zidzad durch die Koppel 
Und erreichte dann die Straße. 


N 


Mühfam ſchleppt' er feine Züße 


Durch den tiefen Sand des Weges 
Und betrat dann links den Pfad, 
Der ihn an das Flüßchen brachte. 
Längs dem Ufer fürder fchreitend 
Kam er an den Felſenabhang, 
Wo der Bach von jäher Höhe 
Schäumend in den Abgrund flürzt. - 
Eine Beile fah er träumend 
In den Waflerfturz hinab 
Und mit einem ſchweren Seufzer 
Sich von diefem Orte trennend 
Sing er dann ein Stündchen noch 
Zängs dem Fluß verdroffen weiter, 
Eh er fih ein Plägchen fuchte, 
Um den Unmuth zu verfchlafen, 
[nm] 


‘12 


720 


740 


750 


153 


154 


760 


- 770 


70 


“ 


Sechdter Befang- 


Der auf feiner Seele drüdte. 

Als er kaum fich hingeftredt, 
So begann er auch zu ſchnarchen, 
Daß ringenm der Boden dröhnte. 
Seifen wanften, Berge bebten, 
Staub erhob fih auf der Fläche, 
Kiefel hüpften auf den Wegen, 
Bögel hörten auf zu fingen, 
Haͤschen duckten ſcheu ſich nieder 
Und die Leute fragten Angftlid : 
Ob die Feinde eingedrungen 
Und der Krieg ſchon ausgebrochen ? 


* Steuern wir das Sangesidhifflein, 
Des Erzähler Heines Fahrzeug 
Und das Frachtboot voll Gefhichten 
An des Inſelvaters Ufer, 
Laſſen's dort am Bollwerk liegen 
Und begeben uns auf's Trodne, 
Um den Eihbaum zu betradyten, 
Den wir aus dem Meere fiihen, 
Aus dem Schlamme ziehen fahn ! 
Damals nur ein kleines Bäumen 
War es in der warmen Sonne 


‚Und umfprüht von Regenfhauern 


Bald zum maͤcht'gen Baum geworden, 
Der die Wolfen ſchon erreichte 
Und die Sonne faft berührte. 

Ja, er trübte ſchon den Himmel 
Und verdunfelte den Mittag, | 
Stahl dem Monde und den Sternen 
Nachts die Leuchte von den Senftern 
Und bededte rings den Boden 
Mit dem Schatten feiner Aeſte. 

Täglich wuchs er immer höher, 
Immer höher in die Lüfte 
An die Himmelsdecke ftrebend 
Und zerriß die Wollenſchleier. 


Sechster Befang. 155 


Dft ſchon war der Anfelvater 
Beit und breit umbergezogen, | 
Hatte manches Land durchwandert 190 
Bald zu Fuß und bald zu Pferde 
Und nad Meiftern und Geſellen 
Umgefragt an allen Orten, 
Die e8 übernehmen möchten, 
Seinen Riefenbaum zu fällen 
Und in Stüde zu zerhauen, 
Da man dann and feinem Holze 
Ganze Städte bauen koͤnnte, 
Ganze Flotten auf dem Meere. 
Ueberall und aller Orten 800 
Hörte man ihn flehn und bitten : 
„Kommt, die Riefeneiche fällen, 
Rund herum die Aefte fappen 
Und die Krone niederhauen ! 
Bis zum Himmel reiht ihr Gipfel 
Und verfinftert Tags die Sonne, 
Nachts das Mondiiht und die Sterne 
Alles rings umher befchattend.“ 
Meifter fprachen und Gefellen : 
„Ber kann helfen, lieber Bruder! 810 
Reicht der Baum bis-in den Himmel 
Schon die Wolfen überragend, 
Ber mag’8 da mit ihm verfuchen ? 
Welches Beil will diefem Niefen, 
Welche Art ihm an das Xeben ?u 
Infelvater kehrte murrend 
Heim von feiner Tangen Reife 
Und berichtete verdrießlich 
Anf die Fragen’ feiner Alten, 
Die ihn vor der Thür begrüßte: 820 
„Ale Mühe war vergebens ! 
Konnte feinen Menfchen finden, 
Der ed übernehmen mochte, 
Unfern Riefenbaum zu fällen 
Und in Stüde zu zerhauen.“ 
Kaum in's Haus getreten brachte 


156 


Sehäter Befang. 


Sie den Alten in die Kammer, 

Wo der Adler und der Däumling 

Zraurig auf Befreiung harrten. 
Hier erzählte fie geichwäßig : 

„Bing zur Heumaht auf die Wieſe, 

Um das Grummet einzubringen, 

In der Hand den golden Rechen 

Mit dem langen Kupferftiele 

Und den hohen Silberzinfen, 

Schön verziert mit goldnen Reifen. 

Eine Schwade nad) der andern 

Thürmte fi) zum fohmuden Schober. . 

Bei der dritten — ei was fand ich ? 

Fand ich den entflohnen Adler, 


‚ Den ich felber auögebrütet, 


Tags das Ei der Sonnenwärme, 

Nachts dem eignen Schooß vertrauend. 

Glücklich bracht' ich ihn nach Haufe 

Und verfchloß ihn in der Sammer. 

Aber den?’ dir mein Erftaunen, 

ALS ich unter feinem Flügel 

Unerwartet dieſes Männchen, 

Größer nicht, als Kalew's Daumen, 

Kaum zwei Spannen hoc, entdedte, 

Der ein Aextlein unterm Arm 

Sich bemühte zu verbergen ! 
nfelvater, der nur immer 

Seinen Baum im Siune hatte, 

Sragte gleich das kleine Männchen : 

„Wollte du wohl, lieber Kleiner, 

Hier den großen Eichbaum fällen %« 
„Ei warum nicht ?“ ſprach das Männchen, 

Syrah der Däumling freundlich grinfend, 

„Bin bereit zu unterhandeln, 

Wenn du mich erft losgefeſſelt, 

Erft befreit auß dem Gefängniß." , 
Und das Männchen ward entfeflelt, 

Ward befreit aus dem Gefängniß 

Und der Handel abgeichloffen. 





Sechster Brfang. 157 


Und was ward ihm denn bewilligt 
Für die übernomm’ne Arbeit? 
Eine ſchwere goldne Schüffel ! 
Däumling eilte auf den Anger 
Und beſah fih dort den Baum. 870 
Während er mit feinen Augen 
Brüfend maß die riefge Eiche, 
Fing er felber an zu wachen, 
Erft zu Ellen, dann zu Faden. 
So zum Niefen angewachfen 
Zing er an den Baum zu fällen, x 
Hieb den erften Tag, deu zweiten, 
Hieb auch noch am dritten Tage: 
"Und der Baum begann zu fchwanfen 
Und fih allgemach zu fenten, 880 
Bis er endlich niederftürzte \ 
Halb die Inſel, halb das Meer 
Unter feinee Wucht begrabend. 
Und wie ward der Baum verwendet ? 
Aus dem Stanıme ward gezimmert 
Eine mächtig große Brüde 
Ueber's Meer, mit einem Arm 
Rach dem Wierſchen Feftland führend, 
Mit dem andern Arm nah Finland. 
Heut’ noch heißt fie Zinnendrüde. 890 
Aus des Baumes flollem Wipfel 
Baute man fi flolge Schiffe, 
Aus dem Schafte Waurenbarfen, 
Städtchen aus dem Wurzelitode, 
Aus den Aeſten Ruderboote, 
Kinderfchifflein aus den Spänen. 
Sorglih hob man auf die Refte, 
Denn fie konnten ſchwachen Greifen, 
Konnten armen kranken Wittwen, 
Konnten Baifenfindern dienen, . 900 
Um fich gegen Regengüfle, 
Gegen Sturm und Schneegeftöber 
Schirm und Obdach aufzubauen. 
Aus der Eiche. legten Reſten 


158 Schäter Sefang. 
Ward ein Stübchen au dem Sänger, 
Ward das Stübchen aufgebant, 
Wo er feine Mährchen webte, 
Seine goldnen Lieder wirkte. 
Fremde, die die Finnenbrüde 
910 Dann und wann aufs Eiland brachte, 
Blieben vor des Saͤngers Hütte 
Oft verwundert ſtehn und fragten : 
Wie denn wohl das Städtchen heiße 
Hier am reihen Meereöftrande 
Mit dem ftolgen Königsfchloffe ? 
Und dann pflegte wohl der Sänger 
Etwa alfo zu erwidern : 
„Ei wo haft du deine Augen, 
Daß du hier ein Städtchen fiebft, 
920 Daß dir unfer ödes Ufer 
Als ein reicher Strand erfcheinet, 
Als ein Königsfchloß dies Häuschen ? 
Nur ded Sängerd arme Hütte 
Steht hier einfam an dem Strande, 
Weit entfernt von Prunk und Reichthum, 
Kaum befheidner Rothdurft dDienend. 
Nur der Mond ift unfer Stiber, 
Unfer Gold die Sonne nur. 
Alles, was hier glänzt ımd funkelt, 
930 Sf nur Wiederfchein des Himmels, 
„Zu den Kiedern, die did rührten, 
Wurden bier die zarten Fäden 
In der Einfamfeit gefponnen 
Bon der Hand des armen Sängers, 
Dem aus Taara's ew’gen Hallen, 
Aus des Schöpfers reihem Borne 
Alles zuſtrömt, was er braucht, 
Sein Gewebe zu vollenden. 
Himmliſches Entzüden ftrahlet 
94 Aus den trunfnen Augen ihm, 
Wenn die Fäden ferner Spindel 
Glanz und Farbe von des Himmels 
Wunderbaren Litern leihn.“  - 


Siebenter Geſang. 


9.. des Abends Schultern fireute 

Shren lebten Burpurfchimmer _ 

Scheidend noch herab die Sonne, 

Und des Waldes Schatten reichte 

Weit hinaus in das Gefllde. 

“Sie und da nur ließ vom Wipfel 

Bald der ftilen Zrauerbirke, 

Bald der ruheloſen Espe, 

Bald der golddurchglühten Tanne 

Sich ein Voͤglein noch vernehmen, 

Das. beim Scheidegruß des Tages 

Seinen Lobgeſang dem Schöpfer, 

- Seinen Dank dem Bater bradıte.* 
Als’ des andern Morgens früh 

Kalew's Sohn nad) feftem Schlafe 

Sich die Augen ausgerieben, 

Die dem jungen Tageslichte 

Nur mit Mühe fi erſchloſſen, 

Suchte er vergebens fi) 

Auf die Dinge zu befinnen, 

Die den Zag vorher geſchehen, 

Wie auf einen wüften Zraum, 

Deſſen Bilder beim Erwachen 

Unaufbaltfam fi verwirren. 

Was ſich geftern zugetragen, 

Blieb verfchloffen feinen Sinnen, 

Gleich als hätten dichte Nebel 

Dder ſchwarze Wetterwolfen 


[u] 


13 


10 


160 


Siebenter Geſang. 


Alles eingehüllt in Duntel. 

Db’8 in Finland war gemwejen 

Dder auf der Heinen Inſel, 

Das betäubende Gelage ; 

Ob er blut'gen Kampf beftanden 

Mit Normannen oder Türken: 

Blieb ihn dunkel und verborgen. 

Daß des braven Meifters Buben 

Er im tollen Rauſch erfchlagen, 

Ließ der Arme fih nicht träumen ! 
Trüben Blicks und träben Sinnes 

Machte Kalew's Sohn fih auf 

Und erreichte bald den Hügel, 

Den er heitrer auf dem Hinweg 

Schon einmal gefehen hatte. 

* Sweimal vier umd zwanzig Stunden 

Schritt er ohne Raſt zu halten 

Berge auf und Berge nieder 

Immer weiter durch's Gelände, 

Bis er an dem dritten Tage 

Endlih an das Meer gelangte. * 
An dem hohen Meeresufer, 

Angefettet an’ den Felſen, 

Stand des Windekund’gen Fahrzeug, 

Stand des Zaubrers Meines Boot. 

Kalew's edler Sprößling nahm es, 

Nahm des todten Zaubrers Fahrzeug 

In Befib als gute Beute 

In dem Kampf um feine Mutter, 

Die er nicht gefunden hatte. | 
Kalew's theurer Sprößling loͤſte 

Unverweilt das Heine Schiffchen 

Aus der Kette feften Banden, 

Ließ, nachdem er fi) entfleidet: 

Und das Segel aufgezogen, 

Sih im Boot behaglich nieder, 

Nahm die Ruder in die Hände 

Und begann der lieben Heimath 


Siehenter Gefang- | 161 


Friſch und kräftig zugurudern. 
Zuftig z0g der Wind das Schifflein 
Und die Wogen trugen’s ſchaukelnd 
Auf der feuchten Bahn gen Wierland. 70 
Mit dem Ruder in den Linken 
Spielt er plätfchernd in den Wellen, 
Während er gefhidt das Schifflein 
Mit der Rechten fteuerte. 
Kalew's Sprößling ward nicht müde, 
Denn fein Naden war ein Eichbaum, 
Seine Schultern Maſerknorren, 
Eichenftämme feine Arme, 
Ebenholz die Ellenbogen, 
Seine Finger Striefenäfte, 1) 
Buhsbaum feine Fingernägel 
Und fein Rumpf von Stahl und Eifen.* 
Zuftig zog der Wind das Schifflein 
Und die Wogen trugen’s ſchaukelnd 
Auf der feuchten Bahn gen Wierland. 
Kalew's Sohn begann zu fingen: 
*,„An das Meer ging ich zu fpielen, 
Ging zu fingen in die Wogen, 
Silberruder in den Händen, 
Goldgeſtielte Silberrubder. 90 
Und was gab es da zu ſchauen? 
Enten zogen hoch am Himmel, 
Taucher ſchaukelten im Meere, 
Weiterhin erſchienen Schwäne, 
An der Mitte ſchmucke Gaͤnſe. 
„An das Meer ging ic zu fpielen, 
Ging zu fingen in die Wogen, 
©Silberruder in den Händen, 
Goldgeſtielte Silberruder. | 
Und was gab es da zu fehben? 100 
Schiffe gab es drei zu fehen: 
Eins befegt mit jungen Frauen, 
Eins mit alten Zauberinnen, 
Eins mit Zungfraun zarten Alters, 


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Siebenter Befang. 


Schön und lieblich anzufchauen. 

Wer vermochte fie zu zählen, 

AU’ die herrlihen Geftalten 

Mit den fchönen braunen Augen, 
Angethan mit golduen Handfhuh’n 
Und mit feidenen Gemwändern, 

Reich befeht mit Nebelfpigen ! 

Ringe zierten ihre Finger, 

Ihren Hals bededten Thaler, 
Silberfpangen ihren Bufen, 

Ihre Locken Flitterkränze. 

Und die ſchonen Jungfraun alle 

Sahn mir ſehnſuchtsvoll in's Auge, 
Stredten aus nach mir die Arme. 
Doc ich widerftand der Lockung. 
„Laßt mich,“ Sprach ich, „ſchoͤne Jungfraun, 
Werbet nicht um meine Xiebe ! 

Was der Himmel euch befchieden, 
Wird euch eines fehönen Tages, 
Eines wonnereichen Abends 

Sicher ohnehin zu Theil. 

Jede wird den Kiebften finden, 
Der fein Schickſal mit ihr theilen, 
Der fie glüdlih machen fol! 

Kalew's Sohn kann euch nicht werden, 
Darf ench nicht fein Herz verſchenken!“ 

Zuftig zog der Wind das Schifflein 
Und die Wogen trugen’8 ſchaukelnd 
Auf der feuchten Bahn gen Wierland. 
Mit dem Ruder in der Kinfen 
Spielt’ er plätfchernd in den Wellen, 
Mährend er gefchiet das Schifflein 
Mit der Nechten fteuerte. 

Friſche Meereswinde brachten 
Raſch das Boot der Heimath näher, 
Näher an den Wierfchen Strand 
Und verwehten bald die Dünfte 
Don dem tollen Hopfengeifte, 


Siebenter Geſang. 


Der den Kopf ihm eingenommen; 

Doch ein klareres Bewußtſein 

Von dem blutigen Ereigniß 

In des Schmiedemeiſters Hauſe 

Wollte ſich noch nicht geſtalten. 

Nur die blutgefärbte Klinge 

Und die Flecken au dem Kleide 

Wieſen auf die biut’ge That, 

Konnten ihn des Mordes zeihen. 
Luſtig zog der Wind das Schifflein 

Und die Wogen trugen’s fehaufelnd 

Auf der feuchten Bahn gen Wierland. 

Mitternacht bedeckte ſchweigend 

Ringsumher die Meeresfläche, 

Niedrig ſtanden die Plejaden, 

Tief im Oſten ſchon Drion,* 

Als ein Puͤnktchen auf dem Meere 

Sich am Himmelsrande zeigte. 
Kalew’s ftarfer Sohn erfannte 

Bald darin die Meine Inſel, 

Bo der Zufall ihm vor furzem 

Eilandstöchterchen gewonnen, 

Sn die Arme ihm geliefert. - 

Ihr Gefang, ihr füßes Kofen 

Und ihr Schrei in feinen Armen 

Und darnach ihr Sturz vom Felfen 

In des Meeres WBogenbrandung, 

Wo fie unterging. für immer, 

Schwebten lebhaft ihm vor Augen, 

Schnitten tief in feine Seele. 

Kalew's edler Riefenfprößling 

Sudte an dem Felſenufer 

Unbemerft vorbeizugleiten, 

‚Um den Bater nicht zu reizen, 

Nicht die Mutter zu erfchreden, 

Die gewiß ihr Kind beweinten, 

‚Seinen Tod betrauerten, 

Horch! was laͤßt von dort fih hören? 


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210 


Siebenter ®efang. 


Bas ertönt dort aus dem Meere? 
Iſt es nicht des Mägdleins Stimme, 
Nicht der Ruf der Eilandejungfrau, 
Des verlornen Hühnchend Gadern, 
Das emporfteigt aus dem Meere, 
Aus dem Wogenfchwall ertönet? 
Und den Lauf des Schiffleins bemmend 
Zog der edle Sohn des Kalew 
Still die Ruder ein und lauſchte 
Athemlos den theuren Klängen. 
* Seine Mägdleins feuchter Schatten 
Aus den Wellen fi) erhebend 
Flötete mit ſüßem Wohllaut 
Wie ein Kleines Waſſervoͤglein: 
„Mägpdlein ging in's Meer zu ſchaukeln, 
In das Wellenfpiel zu fingen, 
Ging in's Meer, um Ruh' zu fuchen, 
Ihren Seelenfchmerz zu flillen, 
Zu begraben ihren Aummer. 


Durch die Wogenbrandung rudert 


Seinen fchwanfen Kahn der Bruder, 
Suchet ängftlih nach der Schwefter, 
Die im Meeresfchooge fohlummert. 
Was erglänzt dort aus der Tiefe, 
Schwimmt dort auf der Oberfläche ? 
Aus der Tiefe glänzt das Schwert, 
Blut bedeckt die Oberfläche, 
Färbt die Meereswellen roth, 
Nöthet auch des Mägdleind Wangen. 
Armer blutbefledter Bruder, 
Den die Liebe rafen machte, 
Warum mußteft du im Grimme 
Dich mit biut’ger Schuld beladen ? 
Warum mußte du das Hühnchen , 
Ihres Vaters einz’ge Freude, 
Deinen Liebesgkuthen opfern? 

„Sn das Meer ging ich zu fchaufeln, 
An das Wellenipiel zn fingen, 


: Siebenter Gefang. 


Ging, um Ruhe mir zu fuchen, 

Meinen Seelenfebmerz zu ftillen, 

Zu begraben meinen Kummer. 

Und was röthete die Wellen? 

Herzblut röthete die Wellen. 

Durch die Brandung ſchifft der Bruder, 

An der Hüfte glänzt fein Schwert, 

Und das Blut an feinem Schwerte 

Nöthet die bewegten Wellen, 

Möthet auch des Mägdleins Wangen, 

Blätter einer welken Roſe! 

Sn der Wellenwiege ſchlummert 

Unter fühler Wogendecke 

Mägdlein tief im Meeresgrunde. 

Ah du blutbefledter Bruder, 

Den die Liebe rajen machte, 

Warum mußteft du im Grimme 

Dich mit blut'ger Schuld beladen ? 

Barum mußteft du das Hühnchen, 

Ihres Vaters einz’ge Freude, 

Deinen Liebesginthen opfern. 

Diefes Blümchen rauh zerpflüden, 

Graufam deine Schwefter zwingen 

Ruh? im Wogenbett zu fuchen ? 

- Deine biut’ge Doppelſchuld 

Wird au dich zu Grunde richten ! 
„Durch die Brandung fchifft.der Bruder, 

In der WVellenwiege fchlummert 

Unter kühler Wogendede 

Tief im Meeresgrund die Schwefter. 

D wie ſchwer hat er zu tragen, ' 

Wie zu ringen und zu kämpfen, 

Um die blut’ge That zu fühnen, 

Um die ſchwere Schuld zu büßen, 

Das Vergehen gutzumachen, 

Das er einmal ohne Abficht, 

Unbewußt das andremal 

Auf's Gewiffen ſich geladen! 


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Siebenter Gefang. 


D bedauernswerther Bruder, 
Zange bleibfi du fchuldbeladen ! 

„An das Meer ging ich, ein Kind, 
Um zu fpielen an dem Strande, 
An die Wogen, um zu fingen, 
Meinen Seelenſchmerz zu flillen: 
Da verfant ih armes Hühnchen, 
Mupt? ich Meines Böglein fterben, 
Schied ich von dem fonn’gen Leben, 
Welkte hin in meiner Blüthe ! 

‚ „Beine nicht, du liebe Mutter, 
Klage nicht, mein theurer Vater ! 
In dem Meer hab’ ich mein Häuschen, 
Hab’ mein Stübchen in den Wogen, 
Meine Kammer bei den Fifchen, 

In dem Schlamm ein weiches Neftchen 
Und mein fühles Bett im Grunde. 
Wohlig ruht ſich's in den Wellen, 
Eingewiegt von Kalewiden, 
Eingelullt von Sulewiden. 

„O du armer, armer Bruder! 
Lange wirft du büßen müflen, 
Lang’ dih auf den Wellen tummeln, 
Bis man dich zur Ruhe bettet, 
Dir im ftilen Schoo der Erde 
Deine Rubheftatt bereitet! « — * 

Seines Mägdleins Trauerflänge, 
Ihres theuren Schattens Klagen, 
Ihre Mahnung aus der Tiefe, 
Aus dem Schon der Meereswellen 
Zrafen in das Herz des Jünglings 
Und bewegten feine Seele. 
Eine nie gefühlte Sehnſucht 
Wurde wach in feinem Herzen, 
Das vor Wehmuth brechen wollte. 
Hätt' er aud dem Strom der Zeiten 
Nur den Tropfen tilgen können, 
Den das Blut der Unfchuld färbte, 


Siebenter Geſang. 


Das durch feine Hand vergoffen 

Sept mit Angft fein Herz erfüllte! 

Aber was gefchehn, vermag 

Niemand ungefhehn zu machen ! 
Wieder griff er nach den Rudern 

Und begann das Boot aufs neu 

Seiner Heimath zuzuftenern. 

Luftig z0g der Wind das Schifflein 

Und die Wogen teugen’s fchaufelnd 


Auf der feuchten Bahn gen Wierland. 


Mit dem Ruder in der Linken 
Spielt? er plätfchernd in den Wellen, - 
Während er geſchickt das Schifflein 
Mit der Rechten fteuerte.- 
Dazu fang der Sohn des Kalew: 
*,„Wo gedeihn die Zrauererlen, 
Wo die Espen des Entjepens, 
Wo des GSeelenfchmerzend Tannen, 
Bo die Birken bittrer Reue? 
„Bo ich traure, währt die Erle, 
Wo ich bebe, fprießt Die Espe, 
Bo ich weine, grünt die Tanne, 
Wo ich büße, rauſcht die Birke, 
„Warum mußteft, theure Mutter, 
Die du liebreich mich erzogen, 
Mich gewiegt auf deinen Armen, 
Eingelullt an deinem Munde, 
Warum mußteft du fo einfam, 
Mußteft fo verlaffen fcheiden! 
Niemand drüdte dir die Augen 
Liebreich zu, als du entfhliefft ! 
Wilde Rofen nur und Gräfer 
Sahn dein fterbend Auge brechen. 
D du theure, füße Mutter, 
Roſen haben ſcharfe Dornen, 
Raub und unfanft find Die Gräfer! 
„D du theure, füße Mutter! 
Zart und Tiebreich haft du mich 


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Stebenter Befang. 


Auferzogen und geleitet, 

Mich gefchaufelt auf den Snieen, 
Mich geftreihelt und gegängelt 
Und mit fanften Kiedertönen 

An der Wiege eingefchläfert ! 
Hoffteft einft an deinem Sohn 
Eine Stüße zu gewinnen, 
Hoffteft, daß er dir im Sterben 
Sanft die Augen werde fchließen, 
Dich zur Ruheftätte tragen !* * 

Luſtig 309 der Wind das Scifflein 
Und die Wogen trugen's ſchaukelnd 
Auf der feuchten Bahn gen Wierland, 

Schon erblid die Morgenröthe 
Bor der Sonne nahem Aufgang, 

Als das Leine keichte Schifflein 
An das heim’fhe Ufer Ienfte. 

Kalew's edler Riefenfprößling 

Stenerte an's Land fein Boot, 
Schloß ed forgfam mit der Kette 
An das wohlbelannte Bollwerk, 
Sprang dann felber an das Ufer 
Und verfolgte raſch den Pfad, 

Der zum Baterhaufe führte, tn, 
Wo er durch die Altern Brüder 
Bon den Spuren feiner Mutter 
Nachricht zu erhalten hoffte. 

Kalew's ſtarker Sohn erreichte 
Schon des Jruberges Gipfel, 

Wo duch Taara's Macht die Mutter 
In den Feld verwandelt worden. 

Stil! halt ein, du flarfer Züngling ! 
Hemm’, o Kalewsfohn, die Schritte ! 
Hörft du nicht die Wundertöne, . 

* Die dort aus der Kerne kommen ? 
Die dort flöten in den Lüften, 
Singen auf des Windes Flügeln ? 
Wie ein Lied, das tief empfunden 


Siehenter Geſang. 


Aus der Menfchenbruft ertönet, 

Tönt es dort aus freien Lüften. * 
Zaufhend wandte nach der Gegend, 
Wo das Wunderlied ertönte, 
Kalew's Sohn das Ohr und horchte. 
» Eine unfihtbare Elfe, 
Eine zarte Windestochter, 

Ließ in fanften, hellen Tönen 
Singend alfo fi) vernehmen : 

„Aus dem Horfte z0g der Adler, 
Weit vom Haufe weg der Starte, 
Grimmen Schmerz im Bufen bergend, 
Heil’gen Zorns bereit zum Kampfe ; 
Weithin flog der junge Adler 
Bon der Kindespflicht getrieben 
Seiner Mutter Raub zu rächen; 
Mächtig waren feine Flügel, 

Scharf und grimmig feine Fänge. 
Sauber flog er aus der Heimath, 
Schön von feined Vaters Hofe, 
Die der Tropfen aus der Wolle, 
Wie die Flocke aufs Gefilde, 
Wie die duft’ge Bohnenblüthe, 
Die der Wind vom Felde wehet, 
Wie vom Hafelſtrauch ein Blättchen, 
Wie der Bogelbeeren Purpur, 
Bon dem Sturme kosgerifien. 
Unfchuldsvollen Herzens flog er 
Durch die LZüfte in die Kerne 


Bie der Schwan nad fernen Waflern. 
„Taara's Macht und weifer Wille 


Hatte der verlaff'inen WBittwe 
Thränenreihe Zrauerjahre - 
Schnell und fihmerzlos abgebrochen. 
„Und wie fehrteft du zurück, 
Aunger Aar, aus fernen Landen ? 
Warſt fo rein du noch wie einft, 


Als du anszogſt in die Ferne — 


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Siebenter Geſang. 


Unter deinen flarten Faͤngen 

Hat die Unſchuld fich verbiutet, 
Sank die Liebe in den Abgrund ! 
Diefe Doppelfchuld zerreißt 

Nun dein Herz, du junger Adler, 
Raubt dir deinen Geelenfrieden. 
Und doch faß an deiner Wiege 
Einf fo Hoffnungsreih die Mutter ! 
Hüte Dich, du junger Adler, 

Hüte dich vor deinem Schwerte : 
Blutſchuld fohreit nach biut’ger Rache ! 
Mehr zu fagen, ift dem Schatten 
Deiner Mutter nicht vergönnt.“ 

Alfo fang der Mutter Schatten 
Auf den Fittigen des Windes. 

Kalew’s theurer Sohn erkannte 
Aus den Worten dieſes Liedes, 
Daß die heißgeliebte Mutter 
Schon zur Ruhe eingegangen; 
Ward ed inne aus dem Liede, 
Daß er fern von feiner Heimath 
Eine Doppelihuld begangen : 
Einmal ohne böfe Abficht, 
Unbewußt das andremal. 

Kalew’s ftarfer Sohn erreichte 
Auf dem Pfade fürder fehreitend 
Schnell den Hof ded Vaterhaufes, 
Wo der alte Hofhund wedelnd 
An dem Pförtchen ihn begrüßte. 
Bald erfchienen auch die Brüder, 
Den vermeinten Gaft zu fehen. * 


Als den Bruder fie erkannten, 


Den fie längft für todt gehalten, 


. Stürzten fie mit frobem Staunen 


In des Gaftes offne Arme, 
Dem das Schlachtfchwert an der Seite, 
Sporen an den Stiefeln klirrten. 

. Ber vermag die tauſend Fragen, 


Siebenter Geſang. 


Wer die Gegenfragen alle 
Wortgetreu zu wiederhofen, 
Die hinüber und berüber 
Hier die Brüder wechfelten ! 


An dem nächften Abend faßen 
Zraulih alle drei beifammen 
Und berichteten gefprädhig, 
Was für Abenteuer jeder 
Auf der Wanderfchaft beftanden. 

Und der ältefte der Brüder 
Ließ zuerft fein Lied erfchallen : 
* Ging die Mutter aufzufuchen, 
Hühnchen wieder einzufangen. 
Bin durchwandert lange Strecken, 
Lange Strecken, viele Länder, 
Kam durch unbewohnte Striche, 
Bing durch Wüſten ſieben Werſte, 
Ging der Werſte zehn durch Kurland, 
Eine halbe Werſt dutch Polen, 
Fünf durch Rufſiſche Gefilde, 
Hundert Werſt durch Deutſche Gauen, 
Tauſend Schritt hinein nach Norweg. 
Und was ſah ich endlich kommen? 
Sah ein zinnern Maͤgdlein kommen. 
Mägdlein war aus Zinn gegoſſen. 
Zinnern waren Mund und Augen, 
Zinnern auch der Hals und Körper, 
Zinnern felbft die Oberärmel. 
Und ich fäumte nicht zu fragen : 
„Haft du Spuren von dem Birkhuhn, 
Das ich ſuche, nicht gefehen ?“ 
Doch die Zinnerne vermochte 
Nicht zu hoͤren, noch zu ſprechen, 
Konnte, ſtarr gleich einem Steine, 
Nicht einmal die Lippen oͤffnen. 

Und da ging ich hurtig weiter 
Und durchflog in ſchnellen Schritten 


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Slebenter Geſang. 


Viele lange Wegesſtrecken, 

Kam durch unbewohnte Striche, 
Sieben Werſte durch die Wälle, 

Acht durch felfichtes Gelände. 

Und was fam. mir da entgegen ? 
Kam ein Mägdlein mir entgegen 

Und das Mägdlein war aus Kupfer. 
Kupfern waren Mund und Augen, 
Kupfern war der ganze Körper 

Bon dem Scheitel bis zur Zehe, 
Kupfern felbft des Maͤgdleins Kleid, 
Kupfern waren au die Aermel. 

Und ich fragte Kupfermägbiein : 
„Haft du Spuren von dem Hühnden, 
Das wir fuchen, nicht gefeben, 

Das der Sturmwind uns entführte 7” 

Doch die Hupferne vermochte 
Nicht zu hören, noch zu ſprechen, 
Konnte, ſtarr gleich einem Steine, 
Nicht einmal die Lippen Öffnen. 

Und da ging ich hurtig weiter 
Und durchflog m fchnellen Schritten 
Diele lange Wegesftreden, 

Kam dur unbewohnte Striche, 
Sieben Werfte durch die Wüſte, 
Acht durch felfichtes Gelände, 
Hundert Werft durch Moor und Sümpfe. 
Und was fam mir da entgegen ? 
Kam ein Mägdlein mir entgegen 
Und das Mägdlein war aus Silber. 
Silbern waren Mund und Augen, 
Silbern war der ganze Körper 

Bon dem Scheitel bis zur Zehe. 
Silbern waren Kleid und Aermel 
Und die Spigen au den Aermeln. 
Und ih fragte Sübermägbdlein : 


„Haft du Spuren von dem Hühnchen, 


Das wir fuchen, nicht gefehen, 


Sicehenter Geſang. 173 


Das der Sturmwind uns entführte 9“ 
Doch die Silberne vermochte 
Nicht zu hören, noch zu fpredhen, 
Konnte, flarr gleich einem Steine, 
Nicht einmal die Lippen Hffnen, 
Noch die Silberzunge regen. 
Und da ging ich hurtig weiter _ 
Und durchflog in fohnellen Schritten 
Diele lange Wegesftreden, 30. 
Kam durch unbewohnte Striche, | 
Sieben Werfte durch die Wüſte, 
Acht Durch felfichtes Selände, 
Hundert Werft duch Moor und Sümpfe. 
Und was fam mir ba entgegen? 
Kam ein Mägdlein mir entgegen, 
Goldnen Königs goldne Tochter. 
Golden waren Mund und Augen, 
Golden war der ganze Körper 
Bon dem Scheitel bis zur Zebe. 640 
Golden waren auch die Aermel 
Und die Spigen an den Aermeln, 
Golden waren Hut und Kleid 
Und die Krone auf dem Hute. 
Und ich fragte: „Goldnes Mägdlein, 
Haft du Spuren von dem Hühnchen, 
Das wir fuchen, nicht gefehen, 
Das der Sturmwind uns entführte ?« 
Und die Goldne gab zur Antwort, 
Sprach mit ihrem golduen Munde: 650 
„Beh? nur fort auf diefem Pfade 
Und verfolg’ ihn bis zur Haide: 
Dort wird dir ein fohmudes Mägdlein 
Antwort auf die Frage geben.“ 
Und da ging ich hurtig weiter 
Und verdoppelte die Schritte, 
Ob mir gleich die Füße brannten; 
Bing durch große Wüfteneien, 
Sieben Werft durch Moor und Sümpfe, 


174 


670 


Stebenter Sefang. 


Acht duch Weiden und durch Wiefen, 

Zehn durch Aecker und durch Zelder, 

Bis der Pfad, den ich verfolgte, 

Richtig mich zur Haide führte. 

Und was kam mir dort entgegen? 

Kam ein Mägdlein mir entgegen, 

Menſchenkind von Fleiſch und Bein 

Und mit frifhen rothen Wangen, 

Hellen Blides um fich fchauend. 

Und ich fragte gleich das Mägdlein 

Mit dem runden vollen Bufen: 

„Haft du Spuren von dem Hühnchen, 

Das wir fuchen, nicht gefehen, 

Das der Sturmwind uns entführte Pa 
Und das fchmude junge Mägdlein 

Gab. mir freundlich fo zur Antwort: 

«Habe nicht, mein lieber Bruder, 

Hühnchens Spur im Haidefraute, 

Noch auch anderswo gefehen. 

Ohne Zweifel hat der Habicht 

Hühnchen fortgebracht im Fluge. 

Komm’ mit mir in's Dorf, mein Bruder, 

Dir ein andres auszuſuchen. 

Blonde Mädchen wirft in Menge, 

Braune finden noch viel mehr, 

Manchen Zagentopf darunter. 

Diefe find geziert mit Spangen, 

Jene mit betreßten Kränzen, 

Manche tragen Glaskorallen, 

Manche ſeidne Oberhemdchen.“ 
Daranf ſprach ich zu dem Mägdlein: 

„Kann nicht kommen, fihöne Jungfrau ! 

Komme nicht, ein Weib zu freien, 

Nicht, den Mädchen nachzugehen ; 

Meiner Mutter Spuren fu’ ih, 

Der verlornen theuren Mutter.“ — 
Drauf begann der zweite Bruder, 

Sang mit lauter Stimme aljo: 


Siebenter Srfang. 


„Bing die Mutter aufzufuchen, _ 
Hühnchen wieder einzufangen. 
Bin durhwandert weite Streden, 
Weite Strecken, viele Länder, 


Strich durch Felder und durch Wiefen, 


Watete durch Moor’ und Sümpfe, 
Solgte bald dem Lauf der Flüſſe, 
Bald dem Saum der Köhrenwälder. 
"Und was fand ich auf dem Wege? 
‚Band ein Hüttchen, Klein und aͤrmlich. 
Freundlich ſprach ich auf der Schwelle: 
„Grüß dich, Mutter, grüß dich, Vater! 
Kommt und weifet mir den Weg !- 
Alles fchwieg und nur der Kater 

Ließ fih aus dem Winkel hören. 

Und da ging ich hurtig weiter 
Und durchflog in ſchnellen Schritten 
Diele weite Wegesftreden, 

Weite Streden, viele Länder, 

Strich durch Felder und durch Wiefen, 
Watete durch Moor und Sümpfe, 
Solgte bald dem Lauf der Flüfſe, 
Bald dem Saum der Föhrenwälder. 
Und was kam mir dort entgegen ? 
Kam mir Iſegrim entgegen. 

Und ich fragte rafch den Grauen: 
"Haft du, Bruder, nicht im Walde 
Unfrer Mutter Spur gefehen ?« 


Nicht ein Wörtchen ſprach der Graue, 


Wußte nichts darauf zu fagen, 

Sondern trabte fchielend weiter 

Und verzog das Maul zum Orinfen. 
Und da ging ich hurtig weiter 

Und durchflog in fchnellen Schritten 

Diele weite Wegesftreden, 

Weite Streden, viele Länder, 

Strih dur Selber und durch Wieſen, 

Watete durch Moor und Sümpfe, 


B 


[m] 14 


810 


1176 


176 


Siebenter fang. 


Folgte bald dem Kauf der Stäffe, 
Bald dem Saum der Föhrenwälder. 
Und was fam mir dann entgegen? 
Kam mir Vetter Braun entgegen. 
Und ich fragte fehnell den Braunen: 
„Haft, Gevatter, nicht im Walde 
Du mein Mütterchen gefunden F« 
Better Braun, der wußte nichts, 
Denn er gab mir Feine Antwort. 
Was er für fi brummend fagte, 
Konnt ich leider nicht verftehen. 
Und da ging ich hurtig weiter 
Und durchflog in ſchnellen Schritten 
Diele weite Wegeöftreden, 
Weite Streden, viele Känder, 
Strich durch Felder und durch Wieſen, 
Watete durch Moor’ und Sümpfe, 
Zolgte bald dem Lauf der Flüſſe, 
Bald dem Saum der Zahrenwälder. 
Und was fah ich an dem Wege? 
Sah den goldnen Kuduk fih! 
Auf der Tanne Wipfel wiegen. 
Und ich fragte fuel den Kuckul: 
„Kuckuk, haſt du in dem Walde 
Unfre Mutter nicht gefehen ?« 
Meine Frage ſchnell verftehend 
Gab der Kuckuk mir zur Antwort: 
„Geh? auf diefem Pfade fort, 
Der fich durch deu Hochwald fchlängelt 
Und durch eine grüne Wiefe, 
Dann wird ein Gefinde Totnmen, 
Wo du Mägdlein finden wirft, 
Die dir Ausfuuft geben können I“ 
Und da ging ich hurtig weiter 
Und verdoppelte die Schritte, 
Eilte flüchtig durch den Hochwald 
Und durchflog die grüne Wieſe 
Und betrat ein Birkenwaͤldchen. 


Siebenter Geſang. | IN 


Und was, fand ich in dem Wäldchen? 
Fand im Wäldchen ein Geſinde, 
Sm Gefinde vier der fchönften 
Mägdlein im Korallenſchmucke. 
Eine naͤhte Seidenhemdchen, 
Spitzen kloͤppelle die audre, 
Goldne Gürtel wob die dritte, 680 
An dem Bebftuhl ſaß die vierte. 
Ihre Stube war fo fauber 
Wie vom Binde ausgeblafen. 
Geiden fhimmerten die Wände, 
Blank der reingefegte Aeſtrich. 
„Seid gegräßt, ihr holden Jungfrau'n,“ 
Sprach ih in die Stube tretend, 
"Und verfündet mir getreufich, 
Was ihr wißt von meinem Hühnchen, 
Dem verlornen theuren Birkhuhn I“ 000 
Die am Seidenbemdchen nähte, 
Sagte nicht ein Sterbenswoͤrtchen, _ 
Still und ſtumm war auch die zweite, 
Die die Spitzen Flöppelte, 
Die am Gärtel ſaß und firidte, 
Nickte auch nur meinem Gruffe; 
Nur die vierte an dem Bebfluhl 
Bar nicht farg mit ihren Worten 
. Und erwiderte mir freundlich: 
„Bar wohl täglich in der Hitung, 700 
Geftern auf der Beereniefe, 
Ehegeftern weit im Walde, 
Tags vorher noch auf dem Heuſchlag, 
Aber nirgend it ein Hühndden, ' 
Noch ein Birkhuhn mir begegnet. 
Ohne Zweifel flog dein Voͤglein 
Auf den Fittigen von dannen. 
Die man nach verlornem Sommer 
Sic im Herbfte ſucht zu tröften, 
Nimm auch du die Branntweinaflafſche, 110 
SUN’ den Querſack mit Geſchenken 
14 * 


740 


Eichrater Grfeng. 


Und begieb- dich. auf bie Freie, 
Um ein andres Huhn zu fangen l« 
Ich verftand fle wahl und fagte: 


‘ 


AAch, ich fuch’ Fein junges Weibchen 


An die Stelle meines Birlhuhns; 
Meiner Mutter Spuren ſuch' ich, 
Der verlornen theuren Mutter.» * 

Darauf ſprach der jüngfte Bruder 

Auch von feinen weiten Reifen, 

Die nicht glüdlicher geweien, 

Sprach von feinen Abenteuern 

Auf der Infel und in Finland, 

Bon’ dem windelund’gen Zaubrer 

Und von defien Niederlage, | 
Bon dem Kauf des .theuren Schwertes 
Und der feſtlichen Bewirthung ; 

Doc kein Wörtchen Tieß er fallen 
Bon dem Streite beim Gelage, 

Don des Schmiedeburſchen Tode, 
Noch vom Wellentied des Mägdleins 
Und der Mutter Eifenliede. 

Seht ergriff der Alte Bruder 
Wiederum das- Wort und fagte: 
„Unſer Bater fchläft im Grabe 
Eingehüllt in Sand und Stiefel 
Unter fchwerer Feljendede; 

Bo der Mutter Fuß jebt weile, 
Wenn fie etwa noch. am Keben, 
Mag die Weisheit nur der Götter, 
Taara's Weisheit nur ergründen! 
Hat die Trauer um den Gatten, 


‚ Hat der Grau, der an ihr nagte, 


Hat der Kummer fie getödtet? 
Dder hat ein frecher Bube, 

Den nach ihrer Hand gelüfltet, 
Sie im Haufe überfallen 

Und entführt nach fernen Landen? 
Der haben Meeresfiniien 


Eiebenter Gefang. 


Sie in ihrem Schooß begraben? 
Niemand giebt uns darauf Antwort. 
Keiner von uns dreien Brüdern 
Hat auf Eiternliebe noch 

Dder Elternſchutz zu rechnen ; 

. Rur auf unfre eignen Kräfte ” 
Sind fertan wir angewiefen. 

Aber eh’ wir uns zerſtreuen, 
Bleibt und Eins zu thun noch übrig, 
Eins gemeinfam zu erfüllen: 

Loofen nämlich müflen wir, 

Wer von uns das Land befiben, 
Hier ala König herrfchen foll.« 


Darauf ſprach der zweite Bruder, - 


Alfo feine Meinung Außernd: 

„Du haft Net, mein lieber Bruder ! 

Unfer Bater bat ja au 

Selbſt e8 weislih fo verordnet, _ 

Und des thenren Vaters Wille 

Muß uns allen heilig fein. 

Auch der jüngfte von uns Brüdern 

Iſt dem Nefte fchon entwachien 

Und vermag mit eignen Schwingen 

Schon das Meer zu überfliegen. 

Mag denn, wie's der Vater wollte, 

Zwifchen und das 2008 enticheiden !r 
Endlich ſprach der jüngfte Bruder, 

Ließ zum Schluß fi fo vernehmen: 

„Eh' die Mutter mich geboren, 

Bar der Bater heimgezangenz 

Räuber trugen meine Mutter 

Mit fi fort, vielleicht in's Elend ! 

*Meicht die Mutter von der Schwelle, 

Flieht durch's Fenſter auch die Liebe; 

Mupte fie dem Räuber folgen, 

Floh die Liebe längs deu. Zäunen 

Und verlor ih in der Sümpfen; 

Wo das Hühnchen ward gemordet, 


750 


770 


170 


180 Siebenter MBefang. 


Wo das Birkhuhn ward begraktı, 
Dort erſtarrte auch) die Liebe 
700 Unter'm winterlichen Raſen; 
Sentte man in's Grab die Mutter, 
Ward die Liebe mit hegraben. 
„Uns, den nachgebliebnen Brüdern, 
Uns, den elternlofen WBaifen,* 
Liegt jet ob, des Vaters Willen 
Ohne Auffchub. zu volführen. 
Laßt uns drum ſchon morgen looſen, 
Morgen ed im ernften Wettlampf 
Durch das Glück entfcheiden laffen, 
800 Ber von und nah Taara's Willen . 
Land und Hersfchaft überlomme.“ 
In dem Herzen eines Jeden 
Keimten eigene Gedanken, 
Regten fi geheime Wänſche 
Und in Jedes Herzen Tämpften 
Zucht und Hoffnung mit einander. 
Abends, eh’ die Dämmerftunde 
Böllig fchon der Nacht gewichen, 
* Bing allein der jüngfte Bruder 
810 Kummervollen Herzend wanlend 
Zu dem Grabe feines Batexs. 
Mit dem thränenfenchten Züchlein, 
Das in feiner Mechten wehte, 
Trat er en den Todtenhügel 
"Und umllanmerte das Deukmal. 
Sprach der Vater aus der Tiefe: 
„Wer bewegt den Sand des Hügele, 
Tritt das Grab mit feinen Füßen, 
Stampft die Kiefel mit den Ferſen, 
820 Nüttelt an dem Leichenſteine?“ 
e Sprach. der Sohn darauf erwidernd: 
„Sch beweg' den Sand des Hügels, 
Zret’ das Grab mit meinen Füßen. 
Ih, dein jüngfler Sohn, mein Bater, 
Den dein Auge nicht gefehen, 


Siebenter Befang. 181 


Stampf die Kiefel mit den Ferfen, 
Küttle an dem Leichenfteine. 
Stehe auf, mein VBäterchen, 
Stehe auf, mich zu umarmen, 
Mit der Hand mein Haar zu flreicheln ! 5” 
Komm’, dem Sohne beizuftehen, Ä 
Ihm drei Wörtchen nur zu fügen!“ 
Drauf der Bater aus der Ziefe: 
„Kann nicht aufftehn, liebes Söhnchen, 
Kann nicht aufftehn, Tann nicht kommen. 
Mein Gebein ift Grabesmoder, 
Schutt und Aſche mein Gerippe. 
Schon ift meine Schlummerftätte 
Längft begraft mit dichtem Raſen, 
Längft mein Leichenftein bemooft, 80 
Und es wuchern Lolh und Maaslieb 
Mir zu Häupten und zu Füßen. 
Laſſ vom Winde dich umarmen, 
Dir das Haar die Sonne ftreiheln !« 
Sprad der Bohn betrüht entgegen: 
„Nur auf Stunden liebt der Wind, 
Nur auf Tage liebt die Sonne, 
Zaara liebt, fo lang man athitet, 
Vater bis in Ewigkeit.“ 

ESprach der Vater aus der Tiefe, 850 
Aus der Gruft mit Schmeichelworten: 
„Trau're nicht, mein liebes Soͤhnchen, 
Weine nicht, du guter Stnabe! 

Des verftorbnen Vaters Schatten 
Folgt dem Sohne durch das Leben, 
Und des Lebens Bahnen alle, 

Sei's auch duch die Meereswüften, 
Zenfen gute, weife Götter. * 

Jeden Irrthum, jeden Fehler 

Such' nur redlich gutzumachen!“ 60 


10 


Achter Geſang. 


— — 


dach Licht des Himmels, 
Süßer Dümmerftunden Zeuge, 
Schau’ herab vom Wolkenſaume, 
Der den Himmelsdom. umgürtet, 
Auf des Sängers Lebenspfade, 


- Auf den Weg des Harfenipielers ! 


Schon der alten Zeit Gefchlechter 
Sah dein fanfter Blick ſich regen, 
Sah ſchon Taara's Haine grünen 
Und das Laub der Opferbäume 
In dem Abendwinde zittern,“ 

Sah des Embach's grüne Fluthen 
In dem Morgenrothe fchimmern, 
Sad im hohen Wellengange 

Ihn des Winters Feſſeln brechen 
Und im Zorne fie zermalmen. 
Wahrlich, hohe Sternentochter, 
Seine, zarte Himmelsjungfrau, 
Auch die Kalewsföhne fahrt du 
Sich den Plap zum Wettlampf wählen. 
Unter deinen Augen pflügte 

Schon der Lönigliche Pflüger 

° Bierland’s undankbaren Boden, 


Jerwen's träge Ackerkrume, 


Kräftig feine Pflugſchar lenkend, 
Brach die Wälder um und Hügel, 
Um zu Aeckern fie zu machen, 

Ließ den Pflug durch weite Flächen 


+. 


Sichenter Befang. 


Und durch Binfenmoore gehen, 
Stürzte Berge in die Furchen, 
Bälzte Hügel auf die Ebne, 
Füllte mit dem Pflug die Thäler.* 
Sa, du haft ihn, Sternenjungfran, 
Haft den Starken pflügen fehn. 

* Penn ed mir an Silberfäden 
Des Gefanges fehlen follte 
Und an goldnen Woͤrterreihen, 
Iſt geleert fchon meine Spindel, — 
Wird der Abendftern mir beiftehn, 
Mich der Himmel unterflügen. 
Geht auch dann der Stoff mir aus, 
Kehr' ih um die alten Säde, 
Ae Handſchuh' auf dem Dfen, 
Suche Koͤrnchen auf der Darre 
Und in abgetretnen Schuhen. 
Iſt auch da nichts mehr zu‘ finden, 
Pfluͤck' ih Wörter auf der Haide, 
Sud’ ich fie mir auf den -Zriften, 
HarP fie im Geftrüpp zufammen 
Und auf abgemähten Wieſen 
Und verfhmäh?” es nicht, an Rainen 
Jeden Halm zu unterfuchen, 
Ja die Scheuern zu durchftöbern 
Und den Kehricht auszubeuten. | 

Fang' ich an mein Lied zu fingen, 
Fang’ id an mit lauter Stimme 
Meinen Kalewsfohn zu preifen: 
Bleiben alle Leute ſtehen, 
Laufcht das ganze liebe Dörfchen, 
Hemmt der Deutſche feine Schritte, 
Hält der Dienertroß felbft inne, 
Meinen Worten ftill zu lauſchen, 
Meinem Liede zuzuhoͤren. 

Wenn erft beff’re Zeiten kommen, 
Schöne Tage meinem Volke, 
Werden fie noch lauter tönen, 


184 


70 


100 


Ahter Befang. 


Meine Lieder aus der Vorzeit, 
In den alten edlen Weiſen, 

Die in Harrien ich vernommen 
Und in Wierland mir gefammelt, 
Die ich aus der Wiel gebracht, 
Mir erhafcht in Taara's Haine. 
Feuer werd’ ih in den Sturm, 
Gluthen in die Schneetrift fingen 
Und in Brand die Wollen ſtecken, 
Daß file Funken fchneien follen. 
Alfo war es fonft in Wierland, 
Sonft in Jerwen Sängermeife. 

Laff ich meine Lieder tönen 
Don des KHalewiden Thaten, 

Bon des Olewiden Schidfal: 
Welches Zugpferd würde jemals, 
Welcher Klepper diefe Schäbe 
Bon der Stelle bringen Tönnen? 
Kalew's edles Roß allein, 
Alew's Schimmel nur vermoͤchte 
Dieſe aufgehäuften Maſſen 
Edlen Goldes fortzubringen !* - 

Andern Tages in der Frühe, 
Ch’ die Sonne aufgegangen, 
Waren Kalew's edle Söhne 
Alle Drei fhon auf den Beinen, . 
Jeder, um fih umzuſchauen, 
Ob er nicht ein Plaͤtzchen fände, 
Das fih zu dem Wettlampf eigue, 
Den fie auszufechten hatten 
Und den jeder fill im Herzen 
Siegreich zu befteben hoffte. 

Als die wadern Söhne Kalew’s 
Eine Strede Weges füdwärts 
Schnellen Schritts durchſtrichen hatten, 
Ließen fie am Saum des Waldes 
Eid zur Ruh’ behaglich nieder 


"Und erquidten aus dem Brotjad 


Br > 


Acker Befang- . 


Sich mit etwas Trank: und Speife, 
»Erſt am Abend, als im Welten 
Tief fi) ſchon die Senne neigte, 
Sahn fie unter hohen Linden 
Gaftlih ein Geſinde ſchimmern 
Und befchloffen unverzüglich 
Hier das Gaftrecht zu benutzen. 
Sn der Pforte ſtand der Vater 
Und die Mutter an der Schwelle 
Und fie ſprachen Beide freundlich 
Zu den fremden Wandrern alſo: 
„Tretet näher, junge Männer ! 
Gaftlich ſteht jo ſchmucken Freiern 
Immer unfre Hütte offen ! 
Seid ihr edlen Kalewiden 
Angeſeh'ne, hohe Zreier: 
Stehn nicht minder edle Bräute, 
Zöchter eines weifen Vaters, 
Solchen Freiern gegenüber ; 
Zragt ihe Bold in euren Ranzen 
Und am Halfe Silberfugeln, 
Dfennige in euren Benteln, 
In den Taſchen alte Thaler: 
‚Sind die Koffer auch der Bräute 
Angefüllt mit reicher Habe. « 


Darauf ſprach der ältfte Bruder: 


„Nicht aufs Freien gehn wir aus, 
Zrappeln nicht auf Freiers Wegen. 
Ohne Ziel und ernfte Abficht 


Schiendern wir nur fo durch's Leben. 


Noch ift nicht das Haus gebaut, 
Noch die Stube nicht gezimmert, 
Noch fein Baum zum Bett gefpalten, 
Das ein Hühnchen bergen könnte. 
Ihm entgegnete der Vater: 
„Nehmt's nicht übel, feid nicht böfe, 
Daß ich's auf den Kopf euch fage: 
Freier ſeid ihr loſen Schelme! 


168 


110 


120° 


130 


140 


186 


160 


160 


170 


Abt Gefang 


Woznu fonft die feidnen Hemden 
Und die goldbetreßten Röde? 
Wozu fonft feid ihr gekommen, 
Suchtet grade dies Gefinde ? 

Nicht die Himpel auf den Wieſen, 
Noch die Pfähle in den Zäunen 
Sagten’® auf dem Wege euch, 
Daß hier junge Hühnchen wachfen, 
Junge Enten flügge werden ! 
Längft ſchon wußtet ihr's zu Haufe, 
Daß in dieſer ſtillen Hütte | 
Maͤgdlein aufgefprofien find, 

Die gelernt am Webſtuhl weben, 
Daß fle goldne Handſchuh tragen, 
Silderringe an den Fingern, 


Schwere Spangen an dem Bufen, 


An dem Halfe theure Thaler. 
Unſre Schäge lodten euch, 
Dies Gefinde aufzufuchen.« 
Darauf ſprach der zweite Bruder: 
„Hoͤr' mal an, du weifer Vater! 
Hör’ mul an, du liebe Mutter! 
Laffet eure Mägdlein kommen 
Und den fchönen, milden Abend 
Hier im Freien bei der Schaufel 
Froh mit uns vereint genießen. 
Eure Koffer voller Habe 


Mögt ihr felber nur behalten!“ 


Darauf famen aus dem Haufe 
Alle Töchter in das Freie, 
Goldne Gürtel um die Lenden, 
Flitterfränge in den Locken 
Und im Naden Ftatterbänder, 
Die bis an die Ferſen reichten. 
Eilberperlen, goldne Stetten 
Banden fih um Hals und Schultern, 
Epangen fhmüdten ihren Bufen. 


Wenn fie tanzend vorwärts fhritten, , 


Wer Cefang. 


Slaggten weithin in die Läfte 
Ihre langen Flatterbänder; 
Wenn fie rädwärts ſich bewegten, 
Klapperte das Halsgefchmeide. 

Don der Schwelle rief die Mutter: 
„Unfte lichen Mägdlein kommen 
Alle grade von der Arbeit, 

Die fie fefielt früh und fpät 

An verfchiednen Webeftühlen, 

Wo fie ohne zu ermüden 

Linnen weben jeder Art, | 
Für den Leib, für Zifch und Bette, 
Bo fie Wollenzeuche wirken, 

Spitzen Höppeln, Strümpfe ftriden 
Und das ganze Haus verforgen. 
Das find SKalewidenbräute, 

Alle wie für euch gefchaffen.“ 

Darauf ſprach der jüngfte Bruder 
Mit Bedacht die Worte wägend: 
„Laßt euch fagen, theure Eltern 
Diefer hoffnungsreichen Jungfraun, 
Daß die Söhne Kalew's heute 
Noch der Bräute nicht bedürfen, 
Daß von allen noch nicht einer 
Hier zu freien wagen darf, ° 
Da noch feiner daran dachte 
Eine Heimath fi) zu gründen. 
 Heißet eure lieben Zöshter: 

Nicht zu weinen, nicht zu warten. 
Jede Thräne macht fie bleicher, 
Jeder Mond das Nödchen älter, 
Leder Tag den Kopfichmud trüber, 
Jedes Abendroth die Perlen, 

Jede Nacht die Thaler matter, 

Eh’ wir Hochzeit machen koͤnnten. 
Nicht die Gier nach euren Schäpen - 
Treibt und aus dem Vaterhauſe; 
Rur das Gold des Mondes ift es, 


2310 


187 


188 


Gier Befang. 


Nur der Sterne blinfend Silber, 
Was und reizt hinauszusandern 
Und die Welt uns zu befchauen.“* 
Kalew's Söhne nahmen Abſchied 
Und verließen dad Geſinde. | 
Luftig wanderten fie weiter 
Immer nad) der Mittagsfeite 
Und behielten diefe Richtung, 
Bis fie fhon am dritten Tage 
Einen kleinen See erreichten, 
Eingegränzt von fteilen Ufern. 
e Lieblih war er anzufchanen 
Mit den Bänfen auf den Wellen, 
Mit den Schwänen an den Ufern, 
Mit den taufenden von Enten 
Und von andern Waflervögeln. * 
Ueber feine Oberflaͤche 


Weithin in die Kerne ſchauend 


Sahn fie in der Abendröthe 
Auf dem Gipfel eines Hügels 


Taara's heil'gen Hain erglühen. 


An dem Fuße dieſes Hügels 
Wälzte durch beblümte Wicfen - 
Stolz der Embad feine Fluten 
In der Richtung nach dem Petpus, 
Der den Strom des MRutterbufens 
Durftig einzufaugen ſchien. 
Bingeriffen von dem Anblick 
Aller diefer Herrlichkelten 
Sprach der ältefle der Brüder: 
„Hier ift ein gelegnes Plaͤtzchen, 
Unfern Wettkampf auszumadken. 
Hierher blickt das Auge Taara's 
Aus dem heil'gen Hain herüber, 
Hierher ſchaut die Embachsnixe. 
Mag denn hier das Loos entſcheiden, 
Wem die Goͤtter von uns Dreien 
Zugedacht die Königswürde 


_ Mdter Gefang. 


In dem väterlichen Reiche, . 


Anvertraut des Volles Schickſal. 
Mögen dann die andern Brüder 
Eine neue Heimath fuchen, 
Ahren Herd fich felber Bauen !« 
Darauf fuchte fich bedachtig 


‚ Jeder feinen Stein zum Wettwnrf, 


Den er in beitimmter Richtung 

In die Ferne fchleudern follte, 

Da es auszumachen war, 

Weſſen Hand am weit’ften träge. 
Seder nahm nun feinen Stein 

Und begab fi an das Ufer, 

Wo fie au dem fleilen Abbang 

Sich in eine Reihe ftellten. 
Wurfziel war das Ufer jenfeits 


Und der See die Bahn des Wurſes. 


P) 


Weſſen Stein aus freier Hand 
Ueber's Wafler weggefchleudert 


Am entfernteften vom lifer 


Sich auf feftem Boden fände, 
Sollte al8 der Sieger gelten 


-Und das Reich gewonnen haben. 


Alle drei gelobten heilig, 

Des verftorbnen Baterd Wunſch 

Unverbruͤchlich zu erfillen, 

Und fo ward es feſtgefeßt: 

Einer follte König werden 

Und die beiden andern Brüder 

Sollten in die Fremde wandern. 
Sprad der älteſte der Brüder, 

Sprach in mehlgefeßten Worten : 

„Run wohlan, fo laßt uns kämpfen! 

“Mic gebührt es, lieben Brüder, . 

Mit dem Wurfe zu beginnen. 

Hat doch unfre- Mutter auch 

Früher mich, als euch geboren, 

Mich gequäftet in der BadRub 


310 


Achter Belang. 


Und gefonnt an Sommertagen 
Und geägt mit füßen Beeren, 

Die fie felber für mich pflädte, 
Eh ihr noch zur Welt gelommen ! 
Solltet ihr mit euren Würfen 
Mich im Wettkampf überwinden, 
Werd’ ich Leinen Streit erheben, 
Steinen Groll im Herzen tragen. 
Meder bin ich vorbereitet 

Auf den Kampf, den wir beginnen, 
Noch auch fonft vor euch im Bortheit, 
Sondern Tann, als erfter Kämpfer 
Bloß dem Glüd anheimgegeben, 


Euch nur dur mein Beifpiel nügen: 


Denn auf eingebahnten Wegen 
Geht fih’8 leichter ſtets und befler. 
Wer des Werkes erſten Anfang 
KRückſichtslos verhöhnt und tadelt, 
Fange felbft nur an zu bauen, 
Winkelrecht des Haufes Wände 
Mit einander zu verbinden 

Und ein Dach darauf zu fehen, 
Das den Stürmen widerfiche, — 
Und er wird es bald begreifen, 
Daß mit breiter Zunge tadelud 
Sremde Fehler aufzudeden 
Leichter fei, ala Beſſermachen.“ 

Ald er feinen Spruch geendet, 
Schwang er in der Zauft den Wurfſtein 
Und entfandte fanfend ihn 
Aus der hoch erhobnen Rechten 
Dur die Lüfte in die Ferne. 

Wie von Sturmes Wuth geſchlendert 
Flog der Wurfſtein in die Wollen. 


Ber ihn fliegen fah, der glaubte _ 


Einen Bogel zu erbliden, 
* Der dem Himmelsrande zuflog, 
Wo der hohe Dom des Weltalls 


uaur Grfang, 


Auf der Erde Umkreis uheL* 
Plöglih nahm der Stein die Richtung 
Aus den Wolken in die Ziefe, 
Stürzte ſenkrecht aus "der Höhe 
Und verfant am fernen Ufer 
Sn den feuchten Schooß des Seees. 
Bei dem Anprall fprühte Lochend 
Himmelan der See fein Waſſer 
Und begrub den Stein im Grunde 
Unter feiner Wogendede, 
Wo die Wellen ihn den Blicken 
Aller Schauenden entzogen. 
Darauf fprach der zweite Bruder, 
Septe alfo feine Worte: 
* „Meinen Weg bat mir der Bruder 
Schon bezeichnet und gebahnt, 
Hat deu Bau fchon angefangen, 
Mir die Wünde aufgefagt, 
‚Winfelrecht gefügt die Eden 
Und den Dachſtuhl aufgezimmert, 
Daß mir zur Vollendung faum 
Mehr noch als der Wille mangelt.“ * 
Und nad) diefen kurzen Worten 
Faßte fräftig er den Etein, 
Schwang ihn wirbeind Durch die Lüſte 
Und entſandte unter Sanſen 
Aus der Fauſt den maͤcht'gen Felſen, 
Daß er wie ein Pfeil Dahinflog. 
* Immer höher bimmelan 
Fuhr der Felſen durch die Wolfen 
Und verfinfterte die Sonne. 
Aus den Augen faſt verfhwunden 
Schien er einen Augenblick 
In der Schwebe fih zu halten 
Und begann fih dann gu fenten, 
Bis er endlich dicht am Waller 
Auf die Erde niederfiel, 
Wo er fih im fchlamm’gen Boden, 
[nı] 16 


370 


im 


19 


After Geſang. 


Der das Ufer rings bededte, 
Bis zur Hälfte faſt begrub. 

Nach dem zweiten Bruder fam 
Sept der dritte an die Reihe. 
Ob auch Kalew's theurer Spätling 
Jünger war, als ſeine Brüder, 


Und an Lebensjahren aͤrmer, 


War er höher doch im Wuchſe, 

Waren breiter feine Schultern, 

War fein ganzer Gliederbau 

Biel gewaltiger und flärker, 

War er männlicher und fchöner. 

Nerv’ger waren feine Arme 

Und die wohlgeformten Häude, 

Seine Augen feelenvoller, 

Seiner, fchärfer fein Berftand. * 
Diefer ſprach nun zu den Brüdern, 

Setzte alfo feine Worte: 

® „Unter fchweren Todesfämpfen 

Brachte unfre theure Mutter 

Mich den Spätling auf die Welt, 

Trat der Wittwe Trauerknabe 

Weinend in das arme Leben. 

Diele Nähte brachte ſchlaflos 

Unſre arme Mutter zu, 

Viele Morgen ohne Frühtrunf, . | 

Ohne Biflen viele Tage. 

Niemals fam fie aus den Kleidern, 

Nie erlofch das Licht im Zimmer, 

Nie das Feuer vor dem Bett. 

Fertig angefchirrt im Gtalle 

Stand das Pferd, den Arzt zu holen. 

Weiber Tiefen nach dem Zaubrer, 

Dferde trabten hundert Wege 

Und fein Pfad blieb unbeireten, 

Der zu einem Weiſen führte. 

Alles rannte, um zu helfen, 

Um das ſchwache Kind zu ſtaͤrken, 


Achter Geſang. 193 


Um das weinende zu fillen. 
Jeder ging belohnt nah Haufe, 410 
Der nur irgend Hilfe "brachte. 
Schafe, Ziegen, Rinderftärken 
Wurden audgetheilt für Dienfte, 
Die dem Neugebornen galten, | 
Und mit Geld belohnt die Aerzte. 
An der Wiege fang die Mutter: 
Weine nicht, mein füßes Söhnchen ! 
Solft mir bald die Schäflein hüten, 
. Bald mir auch die Ninderheerde 
Luſtig auf die Weide führen, 4% 
Einft den Ader auch beftellen 
. Und ein tapfrer Krieggmann werden. 
„Lange Zeit verging dem Knaben, — 
O es waren viele Tage! — 
Mancher Sommer ging vorüber, 
Bünfmal wohl die frohe Heuzeit, 
Als zum erftenmal ic) jauchzend 
Auf der Schaufel mich verfuchte, 
Schaukelnd Faulbaumblüthen hafchte, 
Zwiſchen Birkenwipfeln ſchwebte, 430 
Blätter von der Erle ftreifte, 
Mich im Haſelſtrauche barg. 
„Ad, feitdem hat oft der Zaulbaum 
Seine Blüthen abgeworfen, 
Stand die Birke oft entblättert, 
Schmucklos Hafelftraud und Erle, 
Bis id mich ein Jüngling fühlte, 
Mich als Kalewsſohn erkannte !»* 

- Spray es und ergriff den Wurffſtein, 
Lieb den Arm im Wirbel ſchwingen 40 
Und entfandte dann den Fels, 
Daß er wie ein leichter Vogel, 
Wie ein Schiff im Sturme hinflog. 
"Richtig maß fein ſcharfes Auge, 
Kräftig warf die flarfe Rechte, 

Ob nun zwar der Fels im Saufen 


* 


15 * 





14 


460 


470 


ucter Sefang- 


Hoch hinauf flog in die Lüfte, 
Und je weiter, immer hoͤher, 
Fuhr er doch nicht in die Wolfen 
Und verfehwendete die Schnellkraft 
Nicht in ftürmifchen Verſuchen, 
Erd’ und Himmel zu verfinftern. 
Aber er durhmaß im Bogen 
Stolz des Seees ganze Breite 


Und erreichte in der Richtung, 


Die die Kämpfer eingehalten, , 
Zeften Boden an dem Ufer.* 
Sprach der ältefte der Brüder: 


e, Laßt und nun nicht länger fäunen, 


Laßt in tücht'gen Schritten eilig 

Uns die Pfüge hier durchwaten, 

Um die Steine aufzufuchen, 

Die wir warfen um die Bette !« 
Da der nichfte Weg durch's Wafler, 

Durch den See zum Ziele führte, 

Bingen aud die Söhne Kalew's 

Unbedenklich grades Weges 

In die Fluth Hinein, um jenfeits 

Ihre Steine aufzuſuchen. 

An der tiefiten Stelle reichte 


. Etwas über's Knie das Waſſer. 


Der zuerft geworfene Feld 
Lag verfenkt im Schooß des Seees, 
Schlummerte in feiner Tiefe. 
Den erfpähte nicht das Ange, 
Konnte feine Hand betaften. 
Doch den Stein des zweiten Oruders 
Fand. man an dem Ufer liegen 
Im Bereich des Wellenfpieles, 
Halb nur nod) dem Auge fichtbar, 
Halb im Schlamme fihon verfunfen. 
Nur des dritten Bruders Wurfſtein, 
Durch befoudre Zeihen kenntlich, 
Lag auf feftem, trocnem Boden, 


Achter Sefang. — 1% 


Ward gefunden auf dem Raſen 
Ziemlich weit entfernt vom Ufer. 
Dorthin war der Fels gefallen 
Nach des Himmels Rath und Willen, 
Um den jüngften von den Brüdern 
Als den König zu hezeichnen.* 40 
Sprach der Altefte der Brüder, J 
Setzte alſo ſeine Worte: 
*„Deutlich haben ſelbſt die Goͤtter 
Ihren Willen auf dem Sande, 
Auf dem Raſen hier bezeichnet, 
Und es iſt jetzt ausgemacht, 
Wer das Reich des Vaters erben, 
Wer den Thron beſteigen ſoll. 
„Aus dem See, der vor uns liegt, 
Müſſen wir dem theuren Bruder 500 
Sept ein frifches Bad bereiten 
Und ihn fo zum König weihen; 
Müſſen fhmüden feinen Leib: 
Und fein Haar mit Sorgfalt glätten; 
Müffen mit dem feidnen Hemde, 
Mit des Vaters Kupferwamms, 
Mit dem Goldrod ihn befleiden, 
it dem goldnen Hut fein Haupt, 
Mit dem Schild die Bruft bededen: 
Daß ein todesmuth’ger Kämpfer, 510 
- Daß ein Kriegsmann aus ihm werde. 
Meberall und allerwegen 
. Darf nur Seide ihn umraufchen, 
Muß ihn Goldgefchmeide zieren, 
Silberfhmud an feinen Waffen, 
Erz an feinen Zerfen rafleln. 
Wo er aud) erfcheinen möge, 
Muß ihn Pracht und Glanz umlleiden,«* 
Wie vor feinem Lebensende 
Einft beftimmt der alte Kalew, 620 
Ward der jüngſte feiner Söhne 
Zum Beherrfcher feines Volles 


5% 


540 


500 


Achter Belang. 


Und zum König audgerufen. 

Jubelnd fangen feine Brüder, 
Sangen laut und froͤhlich alfo : 
*„Bruder, fomm und laß uns wandern, 


Laß uns in die Fremde ziehen 


Eine Heimath uns zu fuchen, 
Wo aud uns mit bellem Rufe 
Froh der Kuckuk Glück verheißt!“ 
Darauf fang der jüngfte Bruder: 
„Wo die goldne Sonne fcheint, 
Eitbern Mond und Sterne leuchten 
Und den Wandersmann begleiten, 
Eprofien goldne Tannenforften, 
Saͤuſeln fhatt’ge Erlenbüfche, 
Duften heitre Birfenwälder, 
Rauſchen Taara's Eichenhaine. 
Dort wird auch der Kuckuk rufen, 
Wird er fröhlich euch begrüßen. 
Wo ihr feinen Ruf vernehmet, 
Baut euch friedlih eure Hütte; 
Wo er Glück euch froh verbeißt, 


Laßt vertrauensvoll euch nieder, 


Richtet euch behaglich ein; 
Wo der Trauerpogel ruft, 


"Räumt ein Pläßchen auch der Witwe, 


Obdach auch den Waifen ein!«* 
Sprachen dann die ältern Brüder: 

„Lebe wohl denn, lieber Bruder, 

Durch das Loos beftimmter König! 

Lebe wohl, du Elternhaus, 

Das uns fah in's Leben treten, 

*Wo wir aufgefproflen find, 

Wo wir wuchfen wie die Eichen! 

Ale Pläbe werden meinen 

Und die Wiekſchen Haine trauern, 

Wo wir froh als Knaben fpielten. 

Unfer Auge fennt nit Thränen, — 

Eher mag der Vogel weinen! 


* 


Achter Gefeng- 197 


Aber blut’ge Tropfen werden 

Unfte bleihen Wangen furchen, 

Schmerz und Trauer unire Blicke 

Lange, lange noch umwölfen ! 
„Doc wie auch der ſtrenge Winter 

Weichen muß dem linden Zrühling 

Und im Sommer ift vergefien: 

Wird au und in fremder Ferne 

Luft und Freude wieder aufgehn 

Beim Gemurmel muntrer Bächlein, 670 

Unterm Duft der Wieſenblumen, 

Beim Geſang der Waldesvöglein. 

Auch in unſrer neuen Heiniath, 

Wo wir Hütten bauen wollen, 

Werden Quellen um uns rauſchen, 

Werden Blumen bluͤhm und duften, j 

Böglein ihre Nefter bauen, 

Wird die Braut, die wir und wählten, 

Bern mit uns die Hütte theilen 

Und mit mütterliher Liebe 580 

Unfre Kinder ziehn und pflegen. * 

Lebe wohl denn, Taara's Hain, 

Und du lieber tranter Embach! 

Lebet, Berge, wohl, und Thäler, 

Und ihre Wälder unfrer Heimath | 

* Wie der füßen Mutterbruft 

Sich entwöhnen muß der Säugling, 

Muß der Manu entbehren lernen, 

Was dem Knaben lieb geweien. 

Sei auch unwirthbar die Erde 500 

Und der Himmel unerreichbar, 

- Niemals darf der Mann verzagen, 

Nie der Starke ängftlidy zweifeln.“ * 
Wie die Vöglein aus dem Refte 

Zogen fie davon für immer 

Und es blieb der jüngfte Bruder 

Einfam an dem Eee zurüd 

Und verlor fih in Gedanken 


— 





198 


610 


Mäter Gejang. 


An die froben Kinderjahre 
In dem elterlichen Haufe. 
Ach die Kinderfreuden alle 
Maren wie der Morgenthau 
Weggewehet von den Stürmen, 
Bor der Mittagsgluth geichwunden ! 
Auf dem Stein am Ufer figemd 
Sprad er vor fih hin die Worte: 
„Wie die Blüthen müffen fchwinden, 
Müffen vor ded Sommers Gluthen 
Shren Schmelz verbleihen jehen, 
Wenn fie Frucht und Samen tragen, 
Wenn fie Nußen bringen follen, 
Muß aud ich, feitdem ich König, 
Seit ich Herrſcher bin geworden, 
Fliehn aus meinem ‚warmen Neſtchen, 
Weit mid in das Freie wagen, 
Muß ein würd’ger Sohn des Adlers 
Hoch im Wolkenraume ſchweben 


Und der eignen Kraft vertrauend 


Selbſt die Bahn zum Glück mir ſuchen.“ 
Und mit dieſen Worten warf er 
Einen Silberling in's Waſſer, 


Sich den Gott geueigt zu machen, 


Wie die alten Väter thaten 

Und der Jugend anempfahlen. 
“Sept weiß Niemand mehr zu deuten 
Diefe Sitte unfrer Väter.“ — — 


Nach errung’nem Eieg im WBettlampf, 
Nah der Trennung von den Brüdern 
Uebernahm der Kalewide 
Die Regierung ſeines Landes. 

Um den Aderbau zu fördern 

Und den Adersmann zu ehren,’ 
Nahm er felbft zur Hand den Pflug ; 
Aber um dem Aderömanne 

Auch die Segnungen des Friedens 











Achter Sefang. ı 

Fern vom blufgen Kriegsgetümmel 
Auf die Dauet zu erwerben, 
Mupt er auch das Schwert ergreifen, 
Das allein dem Koͤnigthume 
Eine feſte Schußwehr bietet 6% 
Gegen jeden fremden Eindrang 
Und den Uebermuth der Nachbarn 
Und zugleih im Innern felber 
Ruh’ und Sicherheit begründet, 
Aufrecht hält Geſetz und Ordnung. 

Seinen Brotſack auf dem Rüden 
Und das Schwert an feiner Hüfte 
»Nahm der Kalewsſohn die Pflugſchar, 
Spannte ſeinen Schimmel ein 
Und begann mit ihm zu pflügen. 650 
Moore waren zu durchfurchen, Ä 
Haideftreden umzubrechen, 
Schwere Rafen aufjureißen. 
Wo fein Pflug im’ Boden wählte, 
"Ward zu Staub die Aderkrume, 
Wurden Felſen fein zerbrödelt 
Und der fefte Lehm durchbrochen, 
Aufgelodert und befruhtet. | 
Mit dem Pflug gewann er Aecker, | 
Die die reichften Ernten braten, 660 
Schuf er gutbegrafte Weiden, - —F 
Raſenplaͤtze ſich und Wieſen, 
Machte ſelbſt die Sümpfe fähig, 
Beeren aller Art zu tragen, 
Die er fäete, die er pflanzte. 
Unter feinem Pfluge wurden 
Ausgedehnte Wüfteneien 
Für die Waldzucht vorbereitet 
Und bededten fih mit Bäumen 
Und mit dichtbelaubten Buͤſchen. 670 
Er verdantte feinem Pfluge 
Schöne, heitre Luſtgehege 
Auf bebluͤmten grünen Matten, 


710 


Achter Geſang. 


Die ſich über Berg und Hügel 
Bis in weite Ferne zogen. 
Thäler, Haine, WBiefengründe 
Grünten Iuftig nad dem Pfluge 
Und es rötheten die Hügel 
Sich von Erds und Hedenbeeren, 
Dufteten von Fruͤhlingsblumen, 
Die im Sonnenfcheine prangten.* 
Bo fein Pflug gegangen, baufchte 
Locker fi) die Aderfrume, 
Gürteten die weiten Felder 
Sich mit faubern Waflerfurden, 
Formten fih zu ebnen Flächen 
Unter Sturm und Regenfchauern 
Und bewahrten ihre Saaten 
Sicher unter Schnee und Hagel. 
Aus den Wunden feiner Pflugichar 
Quoll der reichſte Erntefegen 
Und verhieß in goldnen Wohen 
Auch den Tommenden Geſchlechtern 
gür die Zukunft Brot die Füle. 
eKalew's edler Riefenfprößling 
Pflügte heute, pflügte morgen, 
Pflügte auch noch übermorgen 
Und noch manden Tag darüber; 
Pflügte früh fehon vor der Sonne, 
Spät am Abend noch im Nebel 
Und am hellen heißen Mittag. 
In der Gluth der Sonnenhipe 
Schwankte oft fein guter Klepper, 
Der den Pflug zu ziehen hatte, 
Ward auch felbft der Pflüger müde. 
Bei der Arbeit plagten Bremfen, 
Stachen Müden, quälten Fliegen, 
Die das arme Thier umfchwärmten, 
Seinen braven Gaul entſetzlich 
Und dem Manne ſelber wurde 
Oft vor Durſt die Zunge trocken.“ 











Mhter Befang. 


Eines Tages fhien die Sonne 
Mit. der ganzen Gluth des Mittags, 
Die, nicht länger zu ertragen, 
Schon das Thier zu tödten drohte. 
Kalew's Sohn befreite hurtig 
Seinen Schinmel aus dem Anſpann 
Und nachdem er ihn gefoppelt, 

Ließ er ihm den freien Willen. 
Selber warf er fih zur Erde, 
Um ein wenig zu verfchnaufen, 
Etwas Gliederrub? zu halten 
Und den Rüden auszudehnen, 
Und nad) wen’gen Augenbliden 
Lag er ſchon im feften Schlafe. 

Auf dem Gipfel eines Hügels 
Ruhte in der Hand das Haupt, 

An dem Fuß das Kreuz des Helden 
Und die ausgefpreizten Beine, 

Dedten weit hinaus die Ebne. 

Und fo fihlief der ſtarke Mann, i 
Schlief des Heldenftammes Sprößling' 
Hingegofien auf den Rafen, 

Bis das Tagsgeſtirn ſich neigte 

Und es Abend werden wollte. 

Bon den heiten Mittagegluthen 
Ward der Schläfer auf dem Raſen 
Aufs entſetzlichſte gepeinigt. 
Sichtbar dampfte feine Haut 
Und der Schweiß ergoß in Strömen 
Sich von feinem Angeſichte. 

Jeder Tropfen, der dem Helden 
Bon der hohen Stirne rann 
Und aus feine Locken triefte, 

Ward vom Hügel eingefogen, 
Und es bildeten daraus 

Am verborg’nen Schooß der Ziefe 
Waſſeradern ſich und Quellen, 
Die mit ihrer kühlen Friſche 


760 


760 


Wer Belang. 


Labung noch den fpäten Enten, 
Kung und Alt für alle Zeiten 
Kraft und Fülle bieten follten. 

Wer von diefem Waſſer Toftet, 
Fuͤhlt fi) wunderbar gefräftigt: 
Schwache Kinder macht es blühend, 
Kränkliche gefund und friſch; 

Jede Art von Augenleiden, 

Selbft die Blindheit heilt es ſicher; 
Krüppeln giebt's gefunde Glieder, 
Kranken nimmt's die Schmerzen ab 
Dder hilft fie leichter tragen. 

Diefe wunderbaren Kräfte 

Dankt das Wafler feinem Urfprung, 
Dankt fie nur dem Kalewsſohne. 
Wer ermüdet an der Quelle 
Einmal feinen Durft gelöfcht, 
Fühlt fofort in feinen Gliedern 
Neue Lebenskraft fi regen, 
Fuͤhlet den gefunftnen Muth 

Friſch und fröhlich wicderkehren. 
Sichrer zaubert diefes Waſſer 
Roſen auf des Mägdleine Wangen, 
Als nur je die befte Schminte, 
Die man ſtets erneuern muß; 
Waſſer aus der Quelle Kalew's 


Färbt des Mägdleins Wangen roth 


Für die ganze Zeit des Lebens. 

Eh' der ſtarke Sohn des Kalew 
Sich dem Schlaf entwunden hatte, 
Sah er noch im Traumgeſicht 
Seinen braven Gaul gekoppelt 
Bon der Uebermacht der Wölfe 
Veberwältigt niederftürzen 
Und zerfleifcht von ihren Zähnen 
Am Gebüfch fein Leben enden. 





— 


Auf der weiten offnen Ebne, 











| udie Sefung. 
Wo der Schinmel grafen follte, 
Bar er vor der Gluth des Mittags 
Und den yeinigenden Bremfen 
Langſam weiter vorgefchritten, 

Un im Schatten des Gebüfches, 
Das die Fläche rund umfäumte 
Und ſo lodend vor ihm kag, 

Sid ein Pläbchen auszufuchen, 
Wo er von der beißen Arbeit 
Etwas fih erholen konnte. 

Das Gebüſch, in dichten Laubwald 
Weit und breit verlanfend, hegte 
Damals noch in feinen Schatten 
Eine Menge wilder Thiere, 

Die den Gaul in weiter ‘Ferne 
Zange fihon gewittert hatten. 
Sfegrim mit feiner Sippſchaft, 
Braun der Bär mit Frau und Kindern 
Und ein ganzes Hcer von Füchſen 
Unter Reinefe’8 Befehlen 
Sammelten ſich ſchaarenweiſe 

Und belauerten am Saume 

Aus dem Hinterhalt die Beute, 
Deren ſüßen Duft mit Wolluſt 
Ihre Rafen ſchon gerochen. 

Kalew's edler Ackerſchimmel, 
Feſtgekoppelt an den Füßen, 

Konnte auf der weiten Ebne 
Nur in kurzen Sägen fpringend 
Sich wohl ſchwerlich vor den Feinden 
Durch die Flucht zu wetten hoffen. 
Er verſuchte alles zwar, 

Um dem Zode zu’ entrinnenz 
Boch die Feſſein hinderten 
Ihn bei jedem feiner Schritte, 
Seine volle Kraft zu brauchen. 
Bon den Räubern angegriffen 
Warf er zwar mit feinen Hufen 


810 


Achter Geſang. 
Manchen Unhold unfanft nieder, 
Daß er aufzuftehn vergaß, 
Und verfehlte nie den Gegner, 
Wenn er auf der Kruppe figend 
Mit den Borderbufen hieb 
Dder feine blanken Eifen 
Denen an die Stimme febte, 
Die es unterdeß verfuchten 
Ihn im Rüden. anzugreifen ; 
Aber immer neue Schwärme 
Blutbegierrger Ränder ſtroͤmten 
Aus dem Walde frifch heran, 
Bis das edle Roß des Salem 
Endlich unterliegen mußte 
Und zufammenbrad am Boden, 
Den verhungerten Bewohnern 
Diefer dichtbewahfnen Wildniß 
Eine ledre Mahlzeit bietend. 
Reichlich eine ganze Meile 
Hat das Thier von diefem Kampfe 
Seinem edlen, guten Herrn 
Eine Spur zurüdgelaffen. 

Bo e8 auf der Kruppe ſaß, 
Hatte fih gefentt der Boden 
Und die Menge Meiner Hügel 
Deutete die Wölfe an, 

Die im Kampf erfchlagen worden ; 
Wo der Schimmel feinen Feinden 
Endlih unterliegen mußte, 

Hatte fih von feinem Blute 

Eine Lahe angejammelt, 

Sid ein rothes Meer gebildet; 
Aus des edlen Gaules Leber 
War ein Berg emporgefchwollen 
Und aus feinen Eingeweiden 

Ein bemoofter Sumpf geworden 
Und ein gührender Moraſt; 
Seine rings zerftreuten Knochen 





Achter Gefang. 205 


Waren ebenfoviel Hügel; 

Wo die Haare fi) gefammelt, 

Waren Binfen aufgeiproßt, 

Und es wucherte der Kalmus 

Aus des Schimmeld wilder Mähne; 

Eine Reihe Haſelſträucher 

Deutete die Stelle an, 

Wo der ſtolze Schweif gelegen. 870 
Alfo hatte fterbend ſich 

Kalew’s edler Aderfchimmel 

Auf der legten Wahlftatt felber 

Manchen Denkftein aufgerichtet, 

Um fein Dafein auch der Nachwelt 

Sicher zu beglaubigen. 


10 


Bennter Geſaug. 


Dion vorüber war der Mittag 
Und die Sonne ſank allmälig 
Auf der Bäume Wipfel nieder. 
Kalew's Sohn erwachte ploͤtzlich 
Wie geweckt aus ſeinem Schlafe, — 
Denn ein böfes Traumgeſicht 
Großes Unheil ihm verfündend 
Schredte ihn von feinem Lager — 
Nahm ein Blätthen auf die Zunge 
Und begamn mit lautem Pfeifen 
Seinen Saul berbeizurufen. 
Dur die ftille Flur erfchallte 
Gellend weit hinaus der Ruf 
Und verhallte in der Ferne; 
Doc der Gaul vernahm fein Rufen, 
Hörte feinen -Heren nicht mehr! 
Nur der Vögel Ehor begrüßte 
Laut und fröhlich feine Zöne. 
Raſch beſchloß der Sohn des Kalew 
Seinen Klepper anfzufuchen 
Und verfolgte deſſen Spuren, 
Die nicht zu verfennen waren, 
Durch das hohe Haidekraut 
Eine lange Strecke Weg 


. Meber ausgedehnte Flächen - 


Und durch weite Moosmoräfte, 
Bis er an die Stelle kam, 
Bo fein Pferd den wilden Thieren, 


Meunter Geſang. | 207 


Bo den biutbegierrgen Wölfen | 
Sein bewährter Aderfchimmel | 30 
In den Rachen war gefallen. 

Alles, was er fah, verrieth 
Auf dem Wege, den er machte, 
Was hier Graufes vorgefallen. 
Als er bier die Haut des. Thieres, 
Dort ein Stüdchen Fleiſch und Fett, 
Endlich eine blut’ge Lache 
Und die Leber fand im Grafe, 
Abgenagte Schenkelfnochen, 
Hie und da auch eine Rippe 40 
Und nicht weit vom Erlenbuſche 
Seines Gaules Eingeweide 
Und zerftüdelt feine Milz, — 
Ad, da blieb fein Zweifel weiter, 
Was aus feinem Gaul geworden, 
Welches Ende er genommen | 

Als der flarfe Sohn des Kalew 
Schmerzlich den Verluſt betrauert 
Und durch laute, ſchwere Seufzer 
Seinem Herzen Luft gemadit, &0 
Raffte er das Fell vom Boden 
Als ein theures Angedenken. 
Doch ihm ſchwoll bei diefem Anblick 
HZornentbrannt dad Herz im Bufen 
Und ergoß fi in die Worte, 
Die aus feinem Munde fchäumten; 
* Hualtet ein mit eurem Saufen, 
Windeswehen, Waldesraufchen ! 
Bäume, laßt die Wipfel ruhen, 
Schwanket nit, ihr dürren Halme, 60 
Und ihr, Blätter, ſchweiget ftill! 
Lapt mich meinen Fluch erft ſprechen, 
Gebet meinem Zorne Raum 
Sih in Worten auszumettern! 
Fluch euch Wölfen, Fluch euch Bären, 
Euch und euren Helfersheifern ! 

[1] 16 


70 


100 


Neunter Befang. 


Seid verfludt, ihr Raubgefindel, 
An den Rainen zu verhungern, 
Zu verreden auf den Himpeln, 
Unterm Strauche zu verweien, 
Zu vermodern auf der Haide! 
Seid verfluht, mit euren Hefern 
Ale Sümpfe zu verpeften!«* 

Als er diefen Fluch geſprochen, 
Schwang er heulend ſeine Klinge, 
* Raunte rachedürftend fort 
Und verfhwand im nahen Walde 


Und in deffen finftern Schatten, 


Um die Brut der wilden Thiere 

In den Neftern zu zerftören. 
Zum Vertilgungskampf gerüftet 

Gegen feines Gaules Feinde 

Bahnte fi der Sohn des Salem 

Wege durch des Waldes Didicht, 

Pfade fi) durch Sämpf und Moore, 

Wo bisher fein Hahn gekräht, 

Keine Henne je gegadert. 

Aefte reißt er von den Näftern, 

Hefte tritt er von den Tannen, 

Aefte bricht er von den Birken, 

Hefte fällt er von den Fichten, 

Aeſte hadt er von den Hafeln. 

Hohe Linden hieb er ab, 

Starfe Ulmen ftieß er nieder, 

Knorr'ge Eichen knickt' er nm, 

Warf die Weiden mit den Wurzeln 

Leicht und fpielend durch die Lüfte 

Und zertrat zu Staub die Stubben! 

Licht ward’8 in den dunkeln Lauben, 

Wegfam, wo fein Fuß geweilt!“ 
Alle Beftien des Waldes, 

Die ihm in die Nähe kamen, 

Fanden fiher ihren Tod. 

* Furchtbar mwüthete das Schwert, 


: | Aennter Geſang. 


Mordete die blut'ge Waffe 
In der Hand des ſtarken Mannes.” 

Schon bedediten heerdenweife 
Die erfchlagnen wilden Thiere 
Rings den hfigelichten Boden 
Und befudelten mit Blut 110 
Und mit ihrem Todesſchweiße 
Alle niederen Gebuͤſche 
Und das Moos des feuchten Grundes 
Und den biätterreichen Raſen. 

Die entlomm’nen Wölfe zogen 
Und der Bär verdrießlih brummend 
In das Didicht fih zurück 
Dder flohn in ferne Sümpfe, 
Wo fie fi) verbergen konnten. 

Erft als längft der Abendröthe 120 
Zebter Schimmer war verglommen 
Und die Nacht fhon angebrochen, 
Mupte Kalem’s edler Sohn 
Die Derfolgung unterbrechen, 
Selbft dem Kampf ein Ende machen: 
Sicher wären fonft die Bären, a 
Sicher fonft die Wölfe alle 
Gänzlich ausgerottet worden. 

Kalew's edler ſtarker Sohn 
- Bon der Arbeit fhier ermädet 130 
Und vom Aerger angegriffen 
Suchte jebt das freie Feld, 
Um zur Ruhe fih zu legen. 
Als er einen Lagerplatz 
Auf-der Flaͤche ausgemittelt, 
Breitete das Pferdefell 
Er als Decke auf den Raſen, 
Streckte ſich der Ränge nach 
Auf dus Fell des lieben Gaules, 
Um zu ruhn bei nädrger Kühle 140 
Zur Erfrifhung feiner Glieder, 
Die er bei der ſchweren Arbeit, 

16” 


210 


150 


160 


170 


180 


Reunter Befang. 


Die die Wolfsjagd ihm geloftet, 
Tüchtig heute angegriffen. 
Beides, Jagd und Pflügerarbeit, 
War für.Einen Tag zu viel. 
Doch als kaum der Sohn des Kalew 
Bor der Morgendämmerung 
Sid aufs Lager hingeworfen, 
Kaum gefenkt die Augenlider, 
Kam in eif’ger Haft ein Bote - 
Athemlos herangefprengt, 


* Um dem edlen Stalewiden 


Böfe Mähr zu hinterbringen, 
Kriegesbotfchaft anzufagen. 

Don dem Helteften aus Wierland 
War der Bote abgefendet 
Mit der Nachricht an den König, 
Daß fih Feinde bliden laflen,- 
Daß ein Krieg dem Lande drohe. 
Der Verküunder diefer Botfchaft 
Seste alfo feine Worte, 
Gab fie fo, die böfe Kunde: 
„Königlicher Sohn des Kalew, 
Hoher, mächtiger Beherrſcher 
Und Beſchirmer diefed Landes! 
Bon dem Helteften von Wierland 
Kann ich nichts Erfreuliches, 
Soll idy Trübes dir berichten. 
Schritte von verdaͤchl'gen Leuten 
Sah man an den Wierfchen Gränzen 
Und nad) Sonnenuntergang 
Boote auf den Wellen tanzen 
Und von Norden her fich nähern. 
Unterm Schuß der dunfeln Nacht 
Zandeten die Boote Männer, 
Die dad Land nach allen Seiten 
Aufs genauefte durchſpähten. 
* Daraus merkten unfre Männer, 
Schloſſen unfers Landes Weifen, 





Reuter Belang. 211 


Meinten aufgeweckte Buben, 
Es bereite ſich der Krieg 
Und das Kriegsrad rolle näher, 
Werde Wierland erſt zermalmen, 
Dann ſich über Jerwen wälzen, 
Ueberall das Glück zerſtören 
Und nur Angſt und Jammer bringen. 
Auf dem Fuße folgt den Spühern 
Wohl ein Heer von hundert Striegern, 
Fallen auch wohl mehr ald taufend 190 
Ueber’3 arme Wierland her. 
Weiber werden ihre Kleinen 
Und das Hausgefinde bergen 
In den Stlüften hin und wieder, 
Die die Uferfelfen bieten; 
Männer aber ſich verbinden, 
Um dem Feind zu widerftehr. 

„Immer größer wird der Mangel, 
Immer Inapper wird das LXeben. 
Unfre Ufermächter melden, 200 
Saft bei allen Kleinen Inſeln, 
Die man von den Uferwarten 
Deutlich überfehen Fönne, 
Werde Sriegsvolk eingefchifft, 
Und die ſchwerbeladnen Boote 
Steuern alle ber zu ung, 
Um es hier an’d Land zu feßen. 
Ale fommen, uns zu fehlachten, 
Unfte Habe wegzuführen, 
Bie die Sterne fchon verrathen 90 
Und das Nordlicht angedeutet. 

„Weiber weinen in den Binleln, 
Zöchter in den Hedengängen, , 
Schwache Greife vor den Hütten, 
Kinder hie und da im Buſch, 
Im Gehege Hüterjungen, 
Hirten auf den Weideplägen. 
Sammer überall in Wierland! 


212 Reunter Befang. 


Thränenfchweren Blickes ſtarrt 
220 Bor fih Hin die arme Wittwe, 
Denn der Tod nur kann fie reiten 
Bon dem Elend, das ihr drobet. 
Selbft die jungen Männer ftehen 
Bleih und rathlos vor der Zukunft! 
Niemand fcherzt mit feinen Weibe, 
Keiner fpielt mit feinem Kinde, 
Denn ed lähmt die Todesfurcht 
Ale anderen Gefühle! 
„Wer von ihnen gürtet freudig 
230 Sich zum ernften Waffentanze, 
Wetzt die Streitagt, kampfbegierig, 
Mit dem Feinde ſich zu meflen? 
Der erbietet fih zum Retter, 
Sid zum Führer feiner Brüder, 
Zum Beſchützer ſchwacher Greife? 
Regt ein Bruder nur die Hand 
Dder eine fromme Schweiter, 
Sich der Waifen anzunehmen, 
Greifen ein Afyl zu bieten? A 
240 Per wird unfre armen Weiber 
Bor des Krieges Gräueln fhüpen? 
„Denn die Muth’gen frißt das Schwert 
Und das Beil die Unerſchrocknen. 
Ganze Maflen wird die Lanze, 
Wird der Pfeil zu Boden werfen! 
Der nicht fällt im Schladhtgewühle, 
Auf dem Kampfplaz nicht erliegt, 
Den wird auch in feiner Hütte 
Feuersbrunft und Hunger finden, 
350 Bird die Pet mit ihren Krallen, 
Die Verzweiflung niederwürgen. 
Diebe laſſen doch den Nagel, 
Fluthen doch den Felfen ftehen; 
Doch das Feuer tilget Alles 
Und die Bert verfchonet Keinen! * 
Schnell den Sinn der Worte fafend 


8 I 
1 


Reunter Geſang. 


Fuhr der Kalewsſohn heraus: 
„Zügel bänd'gen, Stränge halten, 
Zügel bändigen das Roß 

Und der Viehftrang hält den Ochfen 
Und den Fuchs des Jägers Schlinge 
Und der Heuftrang hält das Heu 
Und den Schnee der Himmeldbogen 
Und den Regen und den Hagel 
Hält die Wolfe unter'm Himmel! 
Wer von diefen Bänd’gern allen 
Sich am Fräftigften erweifet, 

Ziehe dir den Mund zufammen, 
Bändige die Zunge dir, 

Die fo Schändliches verkündet, 

Die fo Abgeſchmacktes ſchwatzt! 
Wer hat jemals Das gehört, 
Solchen Unfinn je vernommen! 


Darfft du's wagen, Wierland's Männer, 


Wierland's Jugend fo zu fchmähen ? 
Wierland's Männer follten feige, 
Furchtſam Wierland’8 Buben fein, 
Was man faum den alten Weibern, 
Schwahen Mädchen faum verzeiht! 


„Mag das Schwert die Muth’gen frefien 


Und das Beil die Unerſchrocknen 
Und die Lanze ganze Maflen, — 
Nimmer jagt der Wierfhe Mann ! 
In der Feldſchlacht wird er ftehen 
Feft wie eine Eifenmauer,. 

Wie die Eiche fteht im Sturme, 
Wie der Fels im Wogenjhwalle; 
Wird nicht eine Handbreit weichen, 
Wo es gilt fein Land zu fchügen, 
Wird für Waifen Kammern bauen, 
Hütten für das ſchwache Alter, 
Sorgen, daß die Weiber Schuß 
Und die Zungfraun Hüfe finden . 
Und die Wittwen eine Zuflugt. 


270 


20 


213 





214 Neunter Gefang. 


„Iſt die rechte Noth erft da, 
Blut'ger Streit ſchon ausgebrochen 
Und verzweiflungsvoller Kampf: 
Werd’ ich felber zu euch fommen 
Und der Noth ein Ende machen. — 
300 Du bift müde, iß ein wenig, 
Sreund, und nee deine Kehle! 
Auf dem Himpel liegt der Brotfad 
Und das Faͤßchen mit dem Tranfe. 
SB dich fatt und trinP, Gevatter, 
Und dann lege dich zur Ruhe! 
Morgen, eh’ es Tag geworden, 
CH fich's noch im Oſten röthet, 
Bange deinen Klepper ein 
Und beginn? in aller Stille 
310 Ihn zu zäumen und zu fatteln. 
Biſt du fertig, eile fort 
Sp geräuſchlos als nur möglich, 
Denn der Hufteitt deines Pferdes 
Könnte leicht die Wierfchen Hähne, 
Leicht fein Schritt die Jerwſchen Hunde 
Sn der ftillen Nacht erweden. 
- Ueber Brüden reite langfam, 
Lautlos auf den Hedenwegen, 
Durch die Dörfer nur im Schritt, 
320 Zeife durch die Streugefinde 
Und befonders durch's Gehoͤft. 
Schleich' dich ſtill durch die Gehege 
Unbemerkbar durch die Suͤmpfe 
Und verſtohlen durch's Gebüſch 
Bis an deines Hauſes Pforte. 
Schickt die Maͤnner jung und alt, 
Die nur Waffen tragen können, 
Alle in das Feld hinaus. 
Halte ſelbſt dich in der Mitte 
330 An des Fahnentraͤgers Seite. 
Hüte dich hervorzutreten 
Dder hinter'm Zug zu bleiben 








Neunter Befang. 216 


Und vermeide auch die Flanken. 
Borne wird man todMefchlagen, 
Hinten wird man todtgefchlagen, 
An den Flanken todtgeichlagen ; 
Nur die Mitte fommt nach Haufe.“ * 
Als der flarfe Sohn des Kalew 
Seinen lebten Spruch geendet, 
Warf er fi) von neuem nieder, 30 
Um nad al’ den Müh'n und Sorgen 
Und Bedrängniflen des Herzens, 
Die die lepte Zeit gebracht, 
Einmal gründlich auszuſchlafen. 
Aber ch’ des Schlummers Dede 
Ueber ihn fich ausgebreitet, 
Trat ein andrer Unbekannter 
Ungewiflen Schritted näher 
Und zuleßt vor's Lager hin, 
Wie die Tlode aus der Wolfe 350 
Bon dem Sturm herumgewirbelt 
Endlich auf den Boden fällt. 
Wieder in der Ruh’ geftört 
Rief der Kalewsſohn verdrießlich : 
* „Hat denn heut’ der Tanz kein Ende, 
Hört das Nennen gar nicht auf? 
Müſſen alle Zagediebe 
Hierher ihre Schritte lenken? 
Braufen heute alle Winde, 
Strömen alle Waſſer heute, 360 
Rauſchen alle Meereswogen, 
Fallen alle Regentropfen, 
Wirbelt Schnee und rafjelt Hagel, 
Aus den Wolfen losgelaſſen, 
Heute grad’ auf mich hernieder? 
Hätt' ih es nur ahnen können 
Dder je im Traum mir denken, 
Nur im Schlaf vorausgefehen 
Oder Hug berechnen können, 
Was ein König hat zu leiden: 370 








216 


Reunter Befang. 


Lieber wär’ ich hundertmal, 
Zaufendmal auf Windesflügeln 
In die weite Welt geflogen, 
Wie ein Adler andern Felfen, 
Andern Klüften zugeeilet, 
Hätte wie ein Schwan ſchon Längft 
Andre Wafler in der Zerne, 
In der Fremde aufgefucht, 
Wäre lieber von dem Felſen 
In das Meer hinabgefprungen, 
Hätte lieber mich erfäuft, 
Mich hinabgeftürzt in Schluchten, 
Po ich nie den Kuckuk rufen, 
Nie ein Vöglein fingen hörte! 
Vöglein hat im Walde Ruhe, 
Niemand flört im Neft die Schwalbe; 
Auf der Tanne träumt der Kudul 
Und die Lerche auf dem Brachfeld; 
Nachtigall hat in der Koppel, 
Hänfling unterm Laubdach Ruhe, 
Drofiel im Geftrüpp der Wildutg, — 
Sedes, wenn es audgefungen, 
Ruht nad feinem Zagewerfe. 

„Und ich habe Doch genug 
Mid geplagt und abgemübdet, 
Habe Tagelang geadert, 
Seden Tag von früh bis fpät, 
Weggewäaͤlzt die größten Zelfen, 
Berge mit dem Pflug geebnet, 
Ziefe Moore aufgeriſſen, 
Große Ebenen durchſchnitten, 
Groͤßere noch umgewendet, 
Bis des Waldes wilde Thiere 
Heut’ mein Arbeitspferd zerriſſen. 
Komme morgen in der Frühe, 
Auch vor Tagesanbruch ſchon, 
Dein Geheimniß Mir zu ſagen, 
Deine Botfchaft auszurichten Ir 





Neunter Befang. 217 


MWeißgelodt, mit weißem Barte, 
Neigte der bejahrte Fremdling 410 
Freundlich fi herab und ſprach: 
„Seine Winde braufen heute, 
Heute firömen feine Waſſer, 
Keine Meereswogen raufchen, 
Keine Regentropfen fallen, 
Meder Schnee noch Hagel rafjelt 
Aus den Wolfen losgelaflen, 
Noch der Donnerkeil mit Krachen 
Fährt auf dich herab, mein Sohn, 
Deine Schultern zu befchweren. 4420 
Ahnen mußteſt du es wohl, 
Konnteſt dir im Traum es denken 
Und im Schlafe ſelbſt vorausſehn 
Oder wachend klug berechnen, 
Mußteſt wiſſen und begreifen, 
Was es heißt: ein Koͤnig ſein, 
Was es heißt: ein Land regieren! 
| „AB du noch im Elternhauſe 
Pie ein Eihenbäumchen fproßteft, 
War dir Zeit genug beſchieden, 20 
Did im Denken auszubilden, 
Möglichkeiten zu berechnen, 
Grund und Folge zu erkennen. 
Damals ſangen's ſchon die Böglein, 
Riefs der Kuckuk aus der Koppel 
Und die Droffel von der Tanne, 
Bon dem Bad die Nachtigall 
Und die Lerchen aus der Höhe 
Und die Krähe von dem Dad, 
Aus dem Fichtenwald die Amfel, 40 
Jedes Böglein auf dem Alte: 
„„Schwer beladen if der König, 
Hundert Sorgen hat der Herricher 
Und ein tapfrer fünfmal mehr; 
Zaufend Dinge hat der Stärffte, 
Mehr der Kalewsjohn zu thun.«« 





218 


470 


Neunter Belang. 


„Daß ich heute hier erfchienen 
Und die Mühe nicht gefcheut 
Einem Freunde zu Gefallen 
Diefen weiten Weg zu machen, 
Sol dir, kraͤff'ger Sohn des Kalew, 


- Einft noch gute Früchte tragen, 


\ 


Dir noch recht viel Nuben bringen. 
Wenn du mich auch längft vergefien, 
Mich als Fremden heut’ empfangen, 
Bin id) doch dein treuer Freund. 
Bar ich nicht bei euch ſchon damals, 
Als du auf dem Raſen fpielteft, 
Kurni warfft auf eurem Hofe, 

Auf dem Kopfe ftandft am Ufer, 
Abends auf der Schaufel jauchzteft ? 
War ich nicht bei euch ſchon damals, 
ALS du in der Wiege Freifchteft 

Und die Mutterbruft noch fogft? 
Mar ich nicht bei euch Schon Damals, 
As im Hof der Wiekſchen Wirthin 
Deine Eltern Hochzeit hielten? 

War ich nicht bei euch ſchon damals 
Stets ein gern gefeh’ner Saft, 

Als man euer Haus erft baute, 
Seine Ballenwände fügte, 

Seine Dielenträger legte 

Und die Eden Lothete? 

War ich doch ſchon ungefehen 

Lange euer Freund gewefen, 

Ehe deine Mutter noch 

Aus dem Birkhuhnsei gekrochen, 
Ch’ dein Vater war geboren! 

Zrug ih euch im Herzen doch, 

Eh’ man noch von Harrien wußte 
Dder Jerwen's Landesmarken 

Dder Wierland's Gränzen kannte! 


Ja, ich liebte euch ſchon damals, 


Als die Sterne man erft machte, 


Nkunter Geſang. 219 


Man der Somne ihre Stelle, 
Seinen Aufenthalt dem Monde, 
Shren Pla den Wolfen anwies ! 
Unten jagt ich Durch die Nebel, 
Dben durch die Sonnengluthen, 
Und vom Roth des Himmelsrandes 0 
Durch der Sonne goldne Mitte 
Und durch alle Regenbogen, 
Sehsmal durch das Morgenroth, 
Neunmal durch die Abendröthe 
Ueber die Plejaden hin 
Durch des alten Wagens Räder 
Und den Hof ded Morgenfternes 
Durch das Thor der Sonnenleute 
Zu befreundeten Gefinden. 
Meines Schimmels Eifen fchliffen, 500 
Meines Rappen Hufen ſchwanden, 
Meines Braunen Haden brannten 
Auf dem glatten Weg der Voͤgel, 
Auf der heißen Sonnenftraße. 
„Jedes Küftchen brachte dir 
Meinen Gruß und meinen Segen. 
Stärken follte did mein Thau, 
Kräftigen mein Mondenſchein 
Und mein Sonnenlicht dich fördern, 
Daß du Fonnteft fol ein Mann, 510 
Sol ein Kalewide werden. 
| „Wo dein Pflug das Land gelodert, 
Durchgewühlt und feingemacht, 
Da wird gute Frucht gedeihen, 
Da wird Glück und Segen blühen, 
Da wird Wierland Korn die Fülle, 
Jerwen Brot im Ueberfluß, 
Werden Reichthum manche Leute, 
Hab’ und But fo viele Menſchen, 
Nahrung alle Dörfer haben; 620 
Da wird’ nicht an guten Wiefen, 
Richt an fetten Weiden fehlen, 





Reumter Geſang. 


Verden dichte Wälder fproflen, 

Kinder fih in Beeren wälzen, 

Buben, Kurniflöße ſchneiden, 

Weiber fhöne NRübenfelder, 

Mädchen Haine zum Luftmandeln, 

Männer Land zu Aeckern haben; 

Schilf und Gras und Futterkraͤuter 

Werden alle Ebnen tragen, 

Wälder bunte Blumenmatten, 

Moore weiches Moos erzeugen. 
„Was du durch die Furchen wirkteft, 

Die dein mächt'ger Pflug gezogen, 

Werden Dörfer nah nnd fern 

Breifen und mit Danf erkennen, 

Werden Enkel froh befingen! 

Schmude Wälder, fammtne Rafen 

Und’ der Duft der Blüthenfträucher 

Werden fpät noch. Zeugniß geben, 

Daß dein Pflng nicht mrüffig war. — 
„Doch ift deine Arbeit, Soͤhnchen, 

In der Hälfte ſtehn geblieben ! | 

Harrien ift nicht ganz durchackert, 

Manche Streden in der Wiek 

Sind nur einmal umgebroden 

Und die Ränder von den Aeckern 

Manchmal gar nicht aufgepfluͤgt; 

Hie und da ift auch die Egge 

Zeicht une drüber weggegangen. 

Da wird überall der Fleiß 

Spreu nur in die Schenern bringen, 

Die nicht fehwer tm Sacke wiegen, 

Noch den Hunger flillen wird." 
Kalew's Sohn begriff die Rede 

Und erwiderte dem Greife: 

„Müh und Arbeit fihent ich nicht, 

Pflügte vierzehn lange Tage 

Täglich bis zum Tpäten Abend, 

Mit dem Morgenthan beginnend, 





Reunter Geſang. 


Schließend mit der Abendröthe, 
Trocknete am heißen Mittag 
Hinter'm Pflug die Stirn mir ab 
Und den Schweiß vom Angefichte, 
Band das Waffer aus den Kleidern 
Und bemühte mich nad Kräften, 
Durch gemiffenhafte Arbeit 
Roc den fpäteften Geſchlechtern 
Eine Wohlthat zu erweifen.“ 
Freundlich achtete der Greis 
Auf die Worte und verfeßte: 
„Freund, ich bin ja nur gekommen 
Deine Arbeit anzufehen 
Und ein wenig nachzuhelfen, 
Daß die Müh', die du im Schweiße 
Deines Angefichts verwandteft, 
. Nicht umfonft gewefen fet 
Wie der Wittwe Händeringen. 
Wenn die Götter euch nicht helfen 
Und des Himmeld Beiftand leihen, 
Wird euch armen Erdenfindern 
Keine Arbeit Früchte tragen. 
Ohne Ukko's Windesmehen, 
Ohne feines Regens Riefeln 
Giebt's Fein wogend Achrenfeld.” 
Kalew's edler Sohn verftand, 
Bas er ſprach, und gab zur Antwort: 
„Der du ſchon bei uns gewefen, 
As ich noch im Grafe fpielte, 
Auf dem Anger Kurni warf, 
Burzelbäumchen ſchlug am Ufer, 
Abends auf der Schaukel jauchzte; 
Der du ſchon hei uns gewefen, 
As ich in der Wiege noch 
Und am Mutterbufen Teeifchte; 
Der du als em alter Gaftfreund 
Auch fhon damals bei uns warft, 
als im Hof der Wielſchen Wirthin 


221 


670 


222 


610 


Neunter Geſang. 


Meine Eltern Hochzeit hielten; 
Der du ſchon bei uns geweſen, 
Als man unſer Haus erſt baute 
Und die Balfenwände fügte 

Und die Dielenträger legte 

Und den Eckſtein Iothete; 

Der du unfer Freund geweſen, 
Ehe meine Mutter noch 

Aus dem Birkhuhnsei gekrochen, 
Eh? mein Vater war geboren; 
Der du unfer fhon gedachteft, 
Als es noch fein Harrien gab, 
Niemand Jerwen's Marken faunte, 
Wierland's Gränzen noch nicht waren; 
Uns im treuen Herzen trugft, 

Als man erft die Sterne machte, 


. Man der Sonne ihre Stelle, 


Seinen Aufenthalt dem Monde, 
Ihren Pla den Wolfen wies; 
Der du unten durch die Nebel, 
Oben durch die Sonnengluthen 
Und vom Roth des Himmelsrandes 
Durch die goldne Sonne jagteft 
Und durch alle Regenbogen, 
Sechsmal durch das Morgenroth, 
Neunmal durch die Abendröthe 
Ueber die ‘Blejaden hin 


Durch des alten Wagens Räder 


Und den Hof des Morgenfternes 
Und des Sonnenvolfes Pforte 
Zu befreundeten Geſinden: 

Sage mir, du edler Greis, 

Und befenne, weifer Bater, 

Bo du deine ferne Heimath, 
Deinen feiten Wohnſitz haft !« 


Gleich verftand der Greis die Worte 


Und erwiderte darauf: 
„Theurer Sohn des alten Salem, 





Neunter Geſang. 


Koͤnig durch der Goͤtter Willen! 
Frage nicht, warum die Winde 
Hier ein wenig Schnee gehäuft, 
Dort den Boden rein geblafen, 640 
Dder wieviel goldne Säle | 
Taara's 2 ze 
Höre liebe 
Auf die w 
Defien, w 
Tage ſpät 
Unter dein | 
Die das ! — 
Giebt's in Tr 
Herrſcht ir u... 
Einigfeit | | 
Luft und | 
Und von 
Aber diefe 
Diefe Zeil 
Wird von 
Dann wir 
Und mit i 

„Ich — 
Eine blur GE 
Spridt d er, 
Blut verl , 
Mord hal | 
Niemand By, 
Wird des 2. 
Einer alten Mutter Thränen, | 
Einer zarten Schwefter Schluchzen 
Je von deinem Schwerte tllgen, 
Jemals dein Verbrechen fühnen! | 
Hüte Dich, du ſtarker Mann, 80 
Daß dein Schwert wicht felbft dich — 
Deine Klinge nicht zum Rächer. 
Deines Mordes an dir wird! 
Bint’ge That bringt biufgen Kohn! 

bu) 7 = 


224 Neunter Geſang. 


Ruhig kann fein Mörder ſchlafen, 
Nie ein Mörder ficher fein.“ * 
Schaurig Fang die legte Rede, 
Schaurig die Vorherverfündung 
Wie des Windes ödes Heulen, 
60 Wie der Wellen klagend Raufchen, | 
Wie des Regenfturmes Pfeifen 
In das Ohr des Stalewiden, 
Wie der dichte Morgenfhau 
Bor der Sonne Strahlen fhwindet 
Dder wie die | 
* Hinter Wolken 
So zerfloß im. 
Schwand im € 
Die Geftalt des greifen Fremdlings. 
090 Müde ſank der Sohn des Kalew 
In den weichen Arm des Schlafes, 
Der dem hingeſunl'nen Helden 
Sanft die Augenlider ſchloß. 
Gleich begann der Traum zu weben 
Und verzog der Wahrheit Faͤden 
In des Truges Ganfelbider, 
Daß des Greifes ernfte Worte, 
Seine wohlgemeinten Winfe 
Spurlos in der Luft zerfloffen. 
700 Mit der Sonne aufgewadt 
Ugd der Traumesfefleln ledig 
Suchte fih) der Sohn des Kalew 
Auf die Worte zu befinnen, 
Die der räthfelhafte Fremde 
Geftern gegen ihn gefprochen; 
Aber immer hüllten.noh 
Baufelbilder aus dem, Traume 
Die bedeutungsvollen Worte 
In des Truges dichten Nebel. 
710 Darauf ſptach der Sohn des Kalew 
Zu dem Wierſchen Boten älfo: 
"Mad, a eilig auf nah Haufe. 


) 


Neunter Sefang. 225 


Und. begieb dich laͤngs dem Strande 

Zu dem Aelteften von Bierland 

Mit der Botſchaft, dag fogleich 

Wächter abgeordert werden, 

Auf den Höhen Acht zu geben: 

Ob die Schiffe unfrer Feinde, 

Die am Ufer landen wollen, 

Schon im vollen Anzug find. 70 

Sieht man, daß die Flotte ernſtlich 

Mit der Landung und bedroht: 

Dann dem Feinde raſch entgegen 

Und die Kräftigften voran, 

Um die Schwähhern anzufeuern ! 

Lanzenträger müffen vorn, 

Steeitagtführer hinten fechten, 

Keulenmänner an den Flanken, 

Die mit Fifchergabeln kommen 

Dder Eifenftangen führen, _ 730 

Laßt im Handgemenge wirken. 

Für die Kämpfer auf der Fläche 

Müflen Helfer im Gebäfche 

Heimlich in Bereitfchaft ftehen. 

Alten Leuten gebet Spieße, 

Senſen gebt den Zlötenbläfern. 

Bogenfhügen auf den Höhen, 

Schleudrer gut vertheilt am Abhang 

Werden großen Nupen bringen. 

Die Beritnen müſſen ſtüͤrmiſch 740 

Wie ein Hagelwetter kommen! 

Einer ftehe für den Andern, 

Keiner weiche der Gefahr ! 

Wenn dann brav die Schwerter bauen 

Und die Lanzen fleißig ſtechen, 

Sm Gewühl die Aexte baden 

Und die Senfen emfig mähen 

Und die Bogen ihren Mann 

Sicher mit dem Pfeil erreichen: 

Dann wird bald das Kriegsgetuͤmmel 769 
17* 


700 


770 


70 


“ v 


Meunter Geſang. 


Und der Feinde Grimm fid) legen. 
Seid nur tapfer, Wierſche Männer, 
Haltet einig ſtets zuſammen 
Und verbindet euch mit Jerwſchen 
Und mit Allentakſchen Brüdern; 
Fordert auch die Wiekſchen auf 
Im Vereine mit den Harriern 
Sich den andern anzuſchließen: 
Und ed wird. und muß gelingen 
Diefen Angriff abzuſchlagen. ie | 
„Sendet unverweilt mit Nachricht 
Durch den ſchnellſten aller Boten,. 
Wenn der Kampf fi weiter ausbehnt 
Und die Noth zu drüdend wird: 
Denn alsdann erft will ich kommen, 
Um am Kampfe theilgunehmen. 
„Sept bedarf ich der Erholung, 
Muß ein wenig mich zerfireuen.” 


‚ * Zuhr der. Finnenbrücke zu 
Auf des Weſtens Supferwegen, 
Auf des. Regenbogens Pfoden, 
Königs Botfchaft in der Taſche, 
Aelt'ſten Botfchaft in dem Buſen, 
Kriegesbotfchaft auf der Zunge. 
Was begegnete mir da, 

Kam mir Drolliges entgegen ? 
Eine alte Kraͤhe war ed, 
Alte Krähe, armes Thierchen. 
Mit dem Schnabel hadt fie ſchnuͤffelnd, 
Bıäft die Nafenlöcher auf. 
Hatte ſchon den Krieg gerachen, 
Als fie ihre Nafe aufblies, 
Um die Neuigfeit zu riechen, 
Die ich in der Taſche trug. 
Hatte ſchon den Krieg geramen, 
Schon den Blutgeruch erkaunt. 
Fuhr der Zinneubrüde zu 





Neunter Befang. 


"Auf des Weftens Kupferwegen, 


Auf des Regenbogens Pfaden 


Und beeilte mich als Bote, 


Koͤnigsbotſchaft in der Taſche, 
Aelt'ſten Botfchaft in dem Bufen, 
Feldherrn Botfchaft unterm Hute, 
Auf der Zunge das Geheimniß: 
Daß die Fahnen ſchon fi blähen, 
Schon die Kanzenfpigen dienen, 
Ihre Pflicht die Schwegter thun. 
Was begegnete mir da, 


Kam heran, um mich zu ärgern? 


Kam ein Adler mir entgegen, 
Adler bös, mit krummem Schnabel. 


-Und fein Schnabel fchnüffelte 


Durch) den Nebel gierig witternd, 
Um aus dem Geruch zu rathen, 
Was des Boten Brief enthielte, 
Hatte ſchon der Schelm ben Krieg, 


Schon das Blut herausgerochen, 


Ging, 's den Andern zu verrathen. 
Fuhr der Finnenbruͤcke zn 

Auf des Weftens Kupferwegen, 

Auf des Regenbogens Pfaden 

Und beeilte mich al® Bote, 

Königs Botſchaft in der Taſche, 

Aelrften Botfchaft in dem Bufen, 

Auf der Zunge das Geheimniß 

Und den Hilferuf des Feldherrn. 


Denn es bläh’n fih ſchon die Fahnen, 


Sind gefchärft die Lanzenſpitzen, 
Harren des Befehle die Aexte. 


‚ Was begegnete mir da, 


Kam zum Herger mir entgegen? 
Kam ein Rabe mir entgegen, 
Kam ein junger Aasvertilger, 
Der mit gierrgen Nafenlöchern 
Sich nach allen Seiten drehte, 


810 


227 


228 


Neunter Befang. 


Um den Anhalt meiner Botfchaft 
Mit der Nafe ausjumittern. 


Hatte fhon der Schelm den Krieg, 


Schon das Blut herausgerochen, 
Bing, 's den Andern mitzutheilen. 
Fuhr der Finnenbrücke zu 

Auf des Weſtens Stupferwegen, 
Auf des Regenbogens Pfaden 
Und beeilte mic) als Bote, 
Krieges Botfchaft in der Tafche, 
Aeltften Botfchaft in dem Bufen, 
Auf der Zunge das Geheimniß 
Und den Hilferuf des Zeldherrn. 
Was begegnete mir da, 
Recht als käͤm' es mich zu neden? 
Kam ein Wolf dahergetrabt 
Und ein Baͤr ihm auf der Ferſe. 
Witterten mit gier'gen Naſen, 
Schnüffelten herum im Nebel: 
Ob fie nicht die Sache roͤchen, 
Das Geheimniß nicht erriethen. 
Hatten ſchon den Krieg gewittert, 
Schon das Blut herausgerochen. 
Eilten mit der Nachricht weiter. 
Fuhr der Finnenbrücke zu 
Auf des Weſtens Kupferwegen, 
Auf des Regenbogens Pfaden 
Und beeilte mich als Bote, 
Koͤnigs Botſchaft in der Taſche, 
Aelt'ſten Botſchaft in dem Bnien, 
Kriegesbotfchaft auf der Zunge, 
Feldherrnbotfchaft unterm Hute: 
Daß fih fchon die Fahnen blähen, 
Schon die Lanzenfpigen dienen, 
Aexte volle Arbeit haben 
Und die Schwerter Blitze fehleudern. 
Und’ was kam mir da entgegen, , 
Welches gräßliche Gefpenft ? 


Reunter Geſang. 


Kam der Hunger mir entgegen, 


Bleid) und abgezehrt und fehlotternd, 


Und er ſah fih forfhend um 

Und erhob die Nafe witternd,. 

Um aus dem Geruch zu mern, 

Pas die Botfhaft wohl enthalte, . - 

Hatte ſchon den Krieg gewittert, 

Schon das Blut herausgerochen. 

Wankte mit der Nachricht weiter. , 
Fuhr der Zinnenbrüde zu 

Auf des Weltens Kupferwegen, 

Auf des Negenbogens Pfaden, 

Und beeilte mid) al8 Bote, 

Königs Botfhaft in der Taſche, 

Aelrften Botfchaft in dem Bufen, 

Auf der Zunge das Geheimniß: . 

Daß die Fahnen ſchon ſich blähen, 

Schon die Ranzenfpigen dienen, 

Aexte ſchon und Fifchergabeln 


Ihre Arbeit brav verrichten. AR 


Was begegnete mir da? 


Schreckte mic) durch feinen Anblicke . 


Mir begegnete die Peſt, 
Diefe Würgerin der Völker, 
Diefe ärgfte Kriegsgenoffin! 
Und fie fah ſich forſchend um 
Und erhob die Nafe mwitternd, 
Um aus dem Geruch zu rathen, 
Pas die Botfchaft wohl enthalte. 
Hatte fhon den Krieg gewittert, 
Schon das Blut herausgerode . 
Eilte mit der Nachricht weiter. 
Da gebot ih Halt dem Gaule, 
Spannte ihn in’s Eiſenjoch, 
Feſſelte mit Kalew's Zefleln, 
Daß er fland wie eingewurzelt, 
Seine Hufen an den Boden 
Und begann zu überlegen 


870 


230 


Neunter Belang. 


Und darüber nachzufinnen: 
Welchen Nutzen meine Botſchaft 
Auch nur irgend Einem braͤchte. 


Blur'ge Wunden ſchlägt der Feind 


Und der Krieg bringt keinen Segen. 
Warum ſoll ich denn den Krieg, 
Der nur Elend bringt und mordet, 
In des Friedens Hütten tragen? 
Solche Botſchaft ſei verflucht 

In des Meeres Grund zu finfen, 
Dort den ew’gen Schlaf zu fchlafen 
Und im Schlamme zu verwefen ! 
Dorthin fahre meine Botſchaft, 

Eh? fie weiter fid) verbreitet 


- Und im Dorfe Hörer findet! 


Und fo nahm ich denn die Botfchaft, 
Die ich in der Tafche trug, 

Und begrub fie in der Tiefe 

Unter breiten Meereöwogen. 

Scheu entflohn vor ihr die‘ alien, 
Bis die Wellen fie zu Schaum, 

Sie zu Schlamm zerrieben hatten ! 
Stille ward es jet vom Stiege, 
Niemand fprah vom Kriege mehr. * 


Behnter Gefang. 





Ha Licht im ſtiller Nacht, 
Nimmermüder Himmeldwächter! 
Sieh dem heitern Sänger Kunde 
"Bon den audgetretnen Pfaden 
Dder den geheimen Wegen, | 
Die der Kalewsfohn gewandelt, 
Bon den Orten, wo er rubte 
Dder wo er mit den Freunden 
Manchen lofen Streich beging, 
Manches Kraftftüd gab zum Beſten. 
Denn ed ſah'n die Himmeldlichter 
Oft ihn gehn mit feinen Freunden, 
Oft in weiter Ferne wandern; 
Waren Zeugen ihrer Scherze 
In dem Schatten Wierfher Tannen, 
In den Eidhenwäldern Harrien's, 
In den Wiekſchen Erlenbüfchen ; 
Sah'n der Männer luſt'ge Späße, 
Sahen aber auch die Noth 
Und die Widerwärtigfeiten 
Und die Schlingen und die Fallen 
Und die taufend Meinen Vebel, 

Die fie ſich gefallen Tießen 
Dft um eines Schwanfes willen. 

Laßt uns durch die Wälder flreifen, 
Bo die dichten Büſche wuchern, 
Kalewslieder zu gewinnen. 

Dort wird goldene man fammeln, 


232 Zehnter Befang. 


Silherne man fuchen können, 
30 Eherne man ſicher finden. — 
Hört ich einft doch felber fingen 
Solche Lieder aus der Vorzeit, 
Deren Worte fremd wohl klangen, 
Aber lauttes Gold enthielten. — 
So berichtet eins derfelben, | 
Kalew's Sohn fei einft gegangen, 
Sid ein Arbeitspferd zu kaufen. 
Als er — heißt es in dem Kiede — 
Schon fein Ziel beinah’ erreicht, 
4 Sang im Erlenbuſch ein Vogel, 
Sang im Eichenhain ein andrer, 
Rief der Kuckuk auf der Tanne: 
„Hör' das Roß auf Dagden wiehern, 
Hör das Füllen ſchrein im Moore 
Und das Fohlen aus der Zerne! 
Röplein wiehert nach dem Käufer, 
Süllen fehreit nach einem Sattel 
Und das Fohlen nad dem Zügel!« — 
„Habet Dank, ihr Fugen Vögel, 
60  - Habet Dank für eure Weifung !« 
Spricht der ftarfe Sohn des Kalew 
Und beginnt in raſchen Schritten 
Einen andern Weg zu geben. 
Fünfnial hielt ihn Wierland ab, 
 Harrien ließ ihn auch nicht ziehen 
Und in Jerwen fäumt er felber; 
Deshalb kam er auch nicht weiter.“ 
Unter Unholds zweien Söhnen 
Bar aus leeren, nicht’gen Gründen 
60 Streit und Zank einft ausgebrochen; 
Deshalb war der: fleine See — 
Groß genug bisher für Beide — 
Shrer Mißgunft jeßt z enge, 
Ihrem Haß zu Mein geworden. 
Länger konnt’ es fo nicht bleiben, 





Zehnter Befang. 


Beide hielten's nicht mehr aus, 
Mußten aus dem Haufe flüchten 
Und ein Unterfommen fuchen. 
Als fie weit umbergegangen, 


Kreuz und quer das Land durchforſcht: 


Ob fie nicht ein Plägchen fünden, 

Nicht ein beſſeres Revier, 

Wo ein jeder mabhängig 

Bon dem andern leben könne, — 

Trafen endlich fie zum Glück 

. &n dem Kickerpaͤrſchen Sumpfe 

‚Einen Play von ungeführ, Ä 

Wo fein Hund ein Neft ih maden, 

Keiner faum fi fegen würde. 
Unholds Söhne fanden hier 

Alles, was das Herz nur wünfdte; 

Nur daß fie nicht einig wurden, 

Wer von Beiden Eigenthümer 

Diefes Sumpfes follte fein. 

Jeder von den Beiden wollte 

Hier als Herr allein regieren. ‚ 
Kalew’s ſtarker Sohn gerieth 

Einft auf feinen Wanderungen 

An Gefellfhaft guter Freunde 

An den Kickerpärſchen Sumpf, 

Als der Streit der beiden Brüder 

Nicht beim Keifen nur und Schimpfen 

Läanger mehr geblieben war, 

Unholds Buben lagen ſich 

Grade wüthend in den Haaren 

Und zerzauften fi) die Köpfe, 

Als mit feinen guten Freunden 

Kalew's Sohn gegangen fam. 

Schnell dem Kampf ein Ende machend 

Traten fie ihn an und baten: 

„Theurer Sohn des ſtarken Kalew, 

Sprid ein wenig bei und ein, 

Zwiſchen uns Gericht zu halten 


233 


80 


100 








234 Zehnter Geſang 


Und allendlich zu entfchetden !« 
Kalew's Sohn verftand fie gleich 
‚ Und entgegnete den Buben: 
„Laßt mich erft des Streites Anfang, 
Erſt den Grund der Zwietracht wiffen. 
Stühmt’s, fo muß es windig fein, . 
110 Negnet’s, fo find Wolken da: 
Und fo iſt zu eurem Streite 
Auch gewiß ein Grund vorhanden. 
Sept mir alfo aus einander, 
Bie ſich euer Zwift entſponnen!“ 
Unholds älter Sohn ergriff 
Gleich das Wort und fprad) mit Stottern: 
„Aus dem Sumpf entftand die —— 
„Unfer Streit aus dem Moraſte. 
Wer von uns hat ihn gefunden? 
1% Mer ift alfo Herr des Sumpfes? ' 
Unfre Wohnung haben zwar 
Wir zu gleicher Zeit verlaffen 
Und auch gleihen Schritt gehalten; 
Als wir aber hier erfchienen, 
Stand mein Zuß dein Sumpfe näher. 
Daher ſcheint es recht und billig, 
Daß der Sumpf aud mir gehöre.” 
Darauf ſprach der Sohn des Kalew: 
„Ihr feid beide Dumme Jungen! 
130 Iſt es nicht ein Unverfiand, 
Daß ihr euch an diefem Sumpfe 
Mechte anzneignen fuchet, 
Weil ihr ihn auf eurem Gange 
Heute aufgefunden habt! 
Mag ihn finden, wer da wolle: 
Diefer Sumpf ift frei gewefen, 
Bleibt auch frei für ew’ge Zeiten. 
Doch ich will euch Diefe Wüfte, 
‚ Boraus weder Menjchen jemals, 
140 Noch auch Thiere Nuken zogen, 
Sept einftweilen überlaffen 





Zehnter Geſang. 


Zum beliebigen Gebrauche, 
Daß ihre bier vor wilden ZThieren 
Sicher euch verbergen koͤnnet. 
heilt euch denn in diefen Sumpf 
Ganz nad) eigenem Belieben, 
Denn an Raum ift hier fein Mangel!« 
Darauf baten Unholds Buben 
Ziehentlih den Sohn des Kalew: | 
ollebernimm du felbft, Gevatter, 150 
Diefen Sumpf erft abzugränzen 
Und dann jedem feinen Antheil 
Zum Gebrauche einzuweifen, 
Daß nicht wieder Streit entflehe. 
Iſt nicht nach der Schnur die Gränze 
Ueberall durch fefte Puntte 
Adgeftedt und gut perwarkt, 
Könnte doch die Hahſucht wieder 
Mebergriffe fi geftatten, 
Die nicht gleich in's Auge fielen.“ 160 
Kalew's edler Sohn bemerkte, \ 
Sich zu feinen Freunden pendend: 
„Der fih dazu bergegeben, 
Einen Streit im Dorf zu ſchlichten, 
Muß die Sache au beenden, 
Daß Tein Zweifel übrig bleibe. er 
Schaffe, lieber Sohn des Alew, 
Schnüre, wie man ſie beim Meſſen 
Zu gebrauchen pflegt, herbei, 
Miß den Sumpf mit dieſen Schnüren, 170 
Theil ihm dann durch Wall und Graben 
Ganz genau zur Hälfte ab 
Und bezeichne feine Graͤnze 
Nicht allein mit großen Steinen, 
Sondern auch mit ſtarken Pfoften, 
Daß ‚nicht neue Weiterungen 
Wieder hier den Frieden ſtören.“ 
Alew's Sohn verſprach ſogleich, 
Unterftüßt von feinen Freunden 


235 


236 


180 


190- 


210 


Zehnter Befang. 


Die ihm aufgetragne Arbeit 
Auf das befte auszuführen. 
Kalew's ftarfer Sohn indeflen 
Mußte diefen Ort verlaflen, ' 
Denn er hatte wicht’ge Dinge 
Anderweitig zu verrichten. 

Als der. liebe Sohn des Alew 
Mit den Freunden Rath geflogen, 
Wählten fie zum Anfangspunkte 
Shrer Meſſung einen Platz, 
Muſtapall genannt, am Fluſſe, 
Um dort Pfähle einzufhlagen - | 
Und die Schnur daran zu Tnüpfen. 

Doch der alte böfe Feind, 
Der nicht unterläßt den Menfchen 
Wo er Tann ein Bein zu ftellen, 
War au hier gleich bei der Hand. 
Freilich hob er nur den Kopf 
Zauernd aus der Fluth empor, 


Doch erlaubte ex fich ſpoͤttiſch 


Sie mit ſcheelem Blick zu fragen : 
„Welche Arbeit, lieben Leute, 
Treibt ihr denn fo heimlich bier 
Und in folder großen Eile? 
Habt an Zeit wohl großen Mangel? 
Groͤßern noch, als jener Jaͤger, 
Deſſen Beute unverſehens 
Aus der Schlinge ſich befreite? 
Glaubte ſchon im Sack den Vogel, 
Als er ploͤtzlich ihm entflog!“ 
Alew's Sohn begriff den Spott, 
Den der Unhold ſich erlaubte, . 
Und erwiderte ihm herzhaft, 
Ob er gleich im Innern zagte: 
„Wollte bier den Fluß verfverren, 
Die Gewalt des Waſſers zügeln, 
Seinen Strom gefangennehmen 
Und den Zugang feft vermachen, 


(4 





‚Zehnter Befang. 237 


Daß fi drin nichts regen möchte, ' 
Niemand ſich bineinbegeben, 
Niemand auch den Fluß verlaflen.“ 20 
Tief im Grunde dieſes Flufſes 
Hatte ſich vor langen Jahren 
Einſt der Unhold angefiedelt 
Und das Plaͤtzchen liebgewonnen, 
Wo er ſich behaglich fühlte. — 
Drum begann mit Schmeichelworten 
Und mit honigſüßen Mienen 
Er den Alewsſohn zu bitten: 
»Laſſ' das Flüßchen ungehemmt, | 
Nimm fein Waſſer nicht gefangen 3. 
Und vermache nicht die Gänge, j 
Die fein Inneres durchſchneiden; 
Hindre auch den Zugang nicht 
Und den Ausgang aus dem Fluffe, — 
Und ih will dir reichen Kohn, 
Will dir gern im vollen Maaße 
Soviel du verlangft entrichten, 
Ohne etwas abzudingen.«“ | 
Alew's Sohn erkannte gleich i 
Seinen Bortheil.und verfegte: 20 
„Was verfprihft du mir zu zahlen, 
Wenn ich mich fofort entjchließe, 
Deinen Bünfhen zu wilfahren 
Und die Arbeit aufzugeben?“ — 
„Bas ich dir zu zahlen habe«, 
Sprach der fehlaue Waſſerkobold, 
„Für den Dienft, um den ich bitte, 
Magft du felber, Freund, beſtimmen.“ 
Sprach darauf der Sohn des Alew: 
„Wenn du meinen alten Hut = 250 
Eigenhändig bis zum Rande 
Mir mit blanken Thalern fülleft, 
Dann verpfliht ich mich, den Fluß 
Nicht zu binden, noch zu hemmen.« 
Darauf ſprach der Waſſerkobold: 


Zehuter Geſang. 


„Morgen werd' ich in der Frühe 
So viel blanke Thaler bringen, 
ALS dein Hut nur fallen mag.“ 
Sprah der Sohn des Alew weiter: 
„An den Hörnern hält den Ochien, 
An den Worten man den Mann. 
Halte nur, was du gelobet, 
Und erfülle dein Verſprechen, 
Sonft gerathen wir in Streit 
Und die Noth beginnt von neuem.“ 
Waſſerkobold tauchte unter 
Und verbarg ſich in der Tiefe. 
Kalew's Better, Sohn des Alem, 
Grub noch in derfelben Nacht 
Unterftügt von einem Freunde 
Eine Deffnung in die Erde 
Don der Tiefe eines Fadens, 
Etwas ausgehöhlt nach unten, 
Dben aber nur fo weit, | 
Daß der Hut bis an die Krempe 
Grade in die Deffuung paßte. 
Unten aber wor ber Hut . 
An der Seite aufgefänitten, 
Daß die ſchweren Thalerftüde 
In die Grube fallen mußten. 
Andern Morgens früh vor Tage 
Schüttete der dumme Zeufel 
Einen Schooßvoll alter Thaler 
In den aufgeftellten Hut. 
Doch das wollte nichts verihlagen. 
Waſſerkohold brachte deshalb 
Einen zweiten noch und dritten, 
Schleppte dann ein ganzes Fuder 
Und ein zweites noch herbei, 
Ja und in der Angſt Des Herzens 
Griff er au ſchon nach dem Golde; 
Doch der Hut blieb immer leer. 
Schon begann der Schatz des Unholds 


hunter Grfeng, 
Sichtbar an ſich zu venmindem.. 
Endlich wurden ale Kaſfen 
Ausgefegt bis auf den Boden, 
Alle Beutel ausgeleert, I 
Ale Taſchen umgewendet. ⸗ 300 
Doch der arme Teufel plagte 
Und bemühte ſich vergebens: 
Unbeweglich ſtand der Hut 
Immer an derſelben Stelle, 
Aber leider immer leer! 

Waſſerkobold fing. nun an 
Seinen Gläubigen zu bitten. 
„Lieber Bruder“, ſprach er flebend, 
„Nur noch bis zum naͤchſten Herbſte 
Gieb mir Zeit die Schuld zu tilgen! - 
Dann ift wieder Geld. im Haufe, , 
Daß ich ohne geoße Opfer 310 
Mein Beriprechen löfen faun,“ : 

Alew's Sohn erwiderte 
Seinen Vortheil ſchlau berechnend: 
„An den Hoͤrnern haͤlt den Ochſen, 
An den Worten man den Mann! ER 
Lang dem Wandrer wird der Weg, . 
Lang dem Wartenden die. Stunde, 
Lang dem Gläub’ger der Termin. 
Fuͤllſt du mir nicht auf der. Stelle —— 
Meinen Hut mit blanlen Thalern, 2 320 
Geh' ich wieder an die Arbeit 
Und verſchließ' die Waſſerpforten, Mn 
Daß im Fluß fih Niemand regen, 
"Niemand ſich hineinbegeben, 
Niemand ihn verlaffen fol,» ' 

Blieb dem armen Waſſerkobold, 
Unbolds theurem, lieben Sahne, 
Zeider doch nichts anders: übrig, 
Als nur wieder umzukehren | 
Und mit Hilfe feiner Matte 3330 
Noch den Reſt herbeizuſchaffen. 

[11] 18 


Ihater Befang. 


Doc) vielleicht gelang es ihm, 
Seinen Gläub’ger noch zu yrellen ! 
„Lieber Sohn des Alew«, bat er, ' 
„Mein VBerfprechen ift mir ‚heilig 
Und ich werde jedenfalls 

Heute noch das Geld dir ſchaffen; 
Doc erlaub? ich mir die Bitte, 
Daß du mit mir kommen mögef,. 
Um e8 felber abzuholen.” 

Der verſchlagne alte Schelm 
Wollte nur den Sohn des Alew 
Bon dem Thalerſchatz entfernen. 
Alew's Sohn indefien merkte 
Alfobald des Kobolds Abficht 
Und durchfchonte feine Liſt. 
Deshalb ſprach er zu dem Kleinſten 
Unter den Gefährten alfo: | 
„Lieber Hadenbube Kalew'd, 
Geh’ gefälligft mit dem Manne, 
Ihn ftatt meiner zu beſuchen 
Und die Seinigen zu grüßen. 

Hilf ihm tragen feine Säde, 

Daß er's etwas leichter habe. 

Mir iſt's heute ganz unmöglich, 
Mich von dieſem Platz zu rähren. - 
Muß hier wie ein Feld im Meere, 
Wie im Sturm die ſtarle Eiche 
Feſt auf meiner Stelle bleiben, 

Um die Thaler zu bewachen.“ - 

Kalew’s Tieiner Hackenbube 
ar fogleich bereit zu gehen. 
Waſſerkobold ging voran 
Und des Alewsſohns Gefaͤhrte 
Blieb ihm immer auf der Ferſe. 
Unbekannt war ihm der Weg, 
Unbekannt die ganze Gegend: 

An des Schattenreidhes Gränzen, 
Und es hatte fiher au 


„ Zehnter Befang- 


Nie vor ihm ein menſchlich Weſen 
Diefe Gegenden beſucht 
Oder nur von fern gefehen. 
Kalew's kleinem Hadenbuben 
Fiel das Herzchen in die Hoſen, 
Als fie in die Koppel kamen, 
Die dem Waſſergeiſt gehoͤrte 
Und an ſeinen Anger ſtieß, 
Bo noch nie ein Morgenroth, 
Nie ein Abendroth noch glühte, 
Keine Sonne jemals fchien, 
In der Nacht fein lieber Mond, 
Keine heitern Sternenäuglein 
Jemals Wald und Flur begrüßten. 
Nur ein trüber Schimmer fiel 
Auf den Weg vor feinen Züßen 
Bon den Fackeln, die am Thore 
Stil zu beiden Seiten glühten. 
Als die Wanderer die Schwelle 
Kaum erft überfchritten hatten, 
Kamen ſchon des Haufes Söhne 
Grüßend ihrem Gaft entgegen 
Und erſuchten freundlich ihn, 
An dem Tiſche Plap zu nehmen, 
Der von goldnen Trinkgeſchirren 
Und von Silberfchüffeln prangte 
Und dem Gafte Zeugniß gab 


Bon dem Glanz und von dem Reichthum, 


Der in diefem Haufe herrſchte. — 
In dem Reich dea Böſen waltet 
Stets die eitle Prunkſucht vor, 
Deshalb war der Tiſch vor Gaͤſten 
Immer glänzend ausgeftattet. 
Kalewsfohnes Hadenbube 
Konnte aber vor Entjepen 
Keine Speife zu fi) nehmen, 
Keine Schüffel nur berühren, 
. Konnte. aus den Trinlgeſchirren 
18* 


4 


370 


241 


242 Zehnter Gefang. 


Nicht ein Troͤpſfchen fühen Methes 

Ueber feine Zunge bringen: 

40 Denn es fprübten Feuerfunken 
Aus den Schüfleln mit den Speifen, 
Züngelten von Zeit zu Zeit 
Blaue Flaͤmmchen and. den Bechern. 

Waflerfobolds Brüder fingen 
Heimlich unter fih zu kichern 
Und in ihrer Mutterfprache 
Sich in's Ohr zu zifhen an 
In den wunderlichften Lauten, 
Faſt wie lettiſch anzuhören 

49 UUnd dem Gafte unverftändiid. 

Kalewsfohnes Hadenbube 
In verzweiflungsvoller Lage 
Dachte bei fich ſelbſt mit Grauſen: 

„Die Gefahr wird immer größer, 
Daß ich armes junges Blut 
Hier mein Leben noch verfiere, 
Wegen meines Freundes Habſucht 
Einfam hier im Bfuht verderbe, 
Wo kein goldgelodtes Mädchen 

430 Meinen Zod beweinen wird. 
Geldbegier’ger Sohn des Alew, 
Mußteft deiner Habfucht willen 
Einen Freund zur Hölle fenden ! 

ä Bar ein halbes Ei nicht befler, 

Als die Teere ganze Schale?- 

Als die jungen Teufel lange 
Mit einander Rath gehalten, 
Schlugen fie dem lieben Gaſte 

Jezzt ein kleines Spielchen vor. 

40 Ob er wollte oder nicht, 

Darnach fragten fle nicht weiter, . 
Sondern fehleuderten ihn lachend 
Wie ein leichtes Kurnikloͤtzchen 
In dem Zimmer hin und ber, 
Ließen ihn mie einen Kreiſel 





Ichntex Oeſang. 


Sich im Windeswirbel drehen, 

Barfen ihn wie einen: Ball 

Einer in die Hand des Andern 

Und ergoͤtzten fi) daran, 

Wenn der arme Hadenbube | 450 

Bald von einer Wand zur andern, 

Bald bis an die Dede flog. 
Endlih fing der Hadenbube 

Slehentlich zu bitten an: 

* „Spielgenofien, liebe Brüder, 

Sept mid, wenn ich bitten darf, 


Jetzt auf euren Aeftrich nieder, ‘ 

Daß ih mid erholen Tann! 

Gebt mir Zeit, die Wände ferner g 
Und die Winkel diefes Zimmers 460 


Und die Länge und die Breite 
Seines Bodens auszumeflen, : 
Daß ich meinen Hausgenoſſen 
Ganz genau befchreiben Fönne, 
Wie ich's hier gefunden habe 
Und wie body ihr mich gefchaufelt!« * 
Als fie nun dem armen Burfchen 
Endlich etwas Ruhe gönnten, 
Griff er nah der Schnur im Gürtel, 
Die er immer bei ſich trug 410 
Seit det Meſſung im Morafte, 
Und begann num ohne Zögern, 
Doch mit großer Ueberlegung, 
Mit dem Winkelmaaß die Eden, b 
Mit der Schnur zuerft die Höhe, | 
Dann die Breite und die Länge 
Diefes Zimmers auszumefjen 
Und begab fi dann zur Thür, 
Um auch diefe aufzunehmen. 
Hier gelang es ihm zum Glüd 40 
Unbemerlt hinausgufchlüpfen ' : 
Und in’8 Freie zu eutlommen. 
Das bennpte ex zur Flucht, 


244 


510 


520 


Zehnter Belang. 
Die mit folder Haft und Eile 


‚Und fo glüͤcklich vor ſich ging, 


Daß er bald und ungehindert 

An das Tageslicht gelangte. 

Hier vermochte ihm der Böfe 

Ernſtlich nichts mehr anzuthun, 

Sa kein Haar ihm mehr zu Trümmen. 
An der Pforte hatte ihm 

Zwar der Wächter zugeflüftert: 

„Willſt du rafıh und unbemerkt 

Aus dem Schattenreich entlommen 

Und entgehn den vielen Schlingen, 

Wende gleich vom Weg’ dich rechts!“ 

Dennoch Tam der arme Burfche 

Ungeängftigt nicht nad) Haufe. 


Nur der flarte Mann ift frei 
‚Wie der Kuckuk auf der Zamne, 


Wie der Sänger auf dem Bipfel, 

Während hundert Stleinigkeiten 

Stets den ſchwachen Mann bedrängen. 
Kalewsfohnes Hadenbube 

Aus der Hölle Pein entfliehend 

Ward ſchon dadurch eingefchüchtert, 

Daß ihm eine Meine Hündin, 

Der zwei junge Hunde folgten, 

Grad entgegentommen mußte. 

Diefe Hündin, Niemand anders, 

Als der Höllenbuben Mutter, 

Kam von Zorgel aus der Badftub'. 


Sept erſt dachte Hadenbübchen 


An die Warnung, die der Wächter 
Ihm am Thore zugeflüftert, 

Wandte rechts vom Wege ab 

Und behielt auch diefe Richtung. 

Im geſtreckten Laufe waren 

Ihm vorbeigerannt die Hunde,” 
Ohne ihm zu nah’ zu kommen 

Oder ihn nur zu beachten. 


Zehnter Geſamg. 


Seine Flucht beſchleunigend 
Kief der Freund des Alewsfohnes 
Sept im ſchnellſten Trabe weiter 
Und erreichte bald die Stelle, 
Wo der Alewsfohn die Grube - 
Heimlich ausgegraben hatte, 
Um den Höllenfohn zu täufchen. 
Diefe Grube geugte noch 
Bon dem ftattgehabten Vorfall, 
Doch das Geld war nicht mehr da, 
Auch der Hut nicht mehr vorhanden, 
Noch der Mann, dem er gehörte. 
Kalewsſohnes Hadenbube 
Machte unverweilt fih auf, 
Den verlornen Fremd zu fuchen. 

- Sept gefellte. Waſſerkobold 

Grinſend fih zum Hadenbuben, - - 
Soppte ihn auf jedem Schritte 
Und bemerkte endlich höhniſch: 
„Hatteft Feuer wohl im H.....n, 
Daß du fortliefft, lieber Mann, 
Und den Geldſack liegen ließeſt! 
‚Dder ſtach did) eine Bremfe?. 
Sch vermochte nicht allein 
Den gewicht'gen Sad zu tragen. 
Laſſ' uns unfern Handel denn 
Anders auszumachen fuchen! 
Willſt du etwa mit mir ringen 
Oder um die Wette laufen 
Und den Sieg dem Glück vertrauen?« 

Waſſerkobold dachte heimlich, 
Ohne laut es auszuſprechen: 

Klüger find ſie wohl, als wir, | 
Doch an Kraft uns nicht gewachfen. 
Kalewsſohnes Hadenbube 

Ließ fi darauf ein und fagte: 
„Wenn du Luſt Haft, Brüderchen, 
La und einen Kampfplab fuchen!« 


670 


gehnter Gefang. 


Als fie num des Weges gingen, 
Um den Kampfplatz auszumählen, 
Kamen fie zum Rärskaberge, 

Den fie gleih am Tube ſchon 
Beide ganz geeignet fanden. 
Doc bevor fie ihn erſtiegen, 
Kamen ganz von ungefähr 
Kalew's Sohn und Alew's Sohn 
Arm in Arm dahergegangen. 
Diefer hatte Turz vorher 

Seinen Silberſchatz geborgen 
Und verftedt in einem Strauche. 

Kalew's Sohn, der fie erblidte, 
Stieß den Better an und fragte: 
„Ei, wer hat den Leiten da 
Ihm zum Führer anempfohlen? 
Und wo ift er hergelommen, 
Diefer wunderlie Kauz?" 

Alew's Sohn erwiderte: 
"Diefer Fremde bat verfpeochen 
Meinen Hut mit Geld zu füllen, 
Aber nicht fein Wort gehalten.“ - 

Sprach darauf der Hadenbube: ' 
„Und mit mir ift diefer Fremde 
Eine Wette eingegangen 
Und wir gehen Bter hinanf 
Unfre Sache auszumachen.“ 

Kalew's ſtarker Sohn bemerkte 
Gegen feinen Hadenbuben : 

„Wachſe noch, mein lieber Kleiner, 
Wachſe höher noch hinauf " 
Und erwirb noch manches Andre, 
Eh’ du ernfien Kampf beginneft; 
Denn du bit ja noch ein Kind!“ 

Sprach's und fihob den Gaßenbuben 
Lachend in die Hoſentaſche, 

Daß er da uch wachſen möge, 
Und begab ſich auf den Berg, 





gahmer oeſam 


Um das Kampffpiel mit dem Fremben 
Dort im Scherze auszuführen. 
Sie befchlofien ihren Wettkampf 
Mit dem Steinwurf zu beginnen, 
Um zu fehen, wer wohl weiter 
Mit der Schleuder werfen Lönne. 
Bruder Waſſerlobold ſollte 
Dieſesmal den Anfang machen, 
Sollte mit dem Wurf beginnen. 
Er verſuchte einen Stein 
Stundenlang mit ſtarren Händen 
Und mit ſteifen, plumpen Fingern 
Seiner Schleuder anzupaſſen 
Und dann ſchwang er mehr als zehnmal 
Erſt im Kreiſe ſeine Schleuder, 
Eh' der Stein mit Heulen endlich 
In die Lüfte ſich erhob. 
Und wo fiel der Stein des Unholds 
Endlih auf die Erde nieder? 
An des Wirzjärw’s fand’gem Ufer 
Ragt der Stein noch jegt hervor 
Kaum der Schritte zehn vom Waller. - 
Jeder fieht ihn unentgeltlich, 
Findet ihn auch ohne Mühe, 
Denn er ift gewiß nicht Kleiner, 
Als die Badſtub' im Geſtude. 
Kalew's Sohn war jetzt daran, 
Seinen Schleuderftein zu werfen. 
Er bedurfte feiner Stange, 
Hatte feinen Hebel nöthig, | 
Sondern brauchte nur die Finger, 
‚Um den ungebeuren Zelfen, 
Den zum Burfflein er gewählt, 
In die Schlinge einzupaffen. 
Nur ein Schwung mit flarlr Hand, — 
Und der Stein mit Sturmesfaufen 
Fuhr hinaus aus feiner Schlinge. 
Zange hörte man nachher 


610 


248 


670 


Zehnter Gefang. 


Noch das Saufen aus der Höhe, 
Denn er hatte weit zu fliegen 
Und durchbrauſte fo die Luft 
Wie der Sturm die Meereswogen, 
Bis er am den Peipus fam, 
Wo er niederfiel am Ufer. 
Wer den Peipusftrand befuchte, 
Hat den Burfftein auch gefehen. 
Bruder Waſſerkobold bat 
Noch den Wettkampf fortzufeben, 
Etwas And’ved zu verfuchen. 
Kalew's Sohn entgegnete: 
„Meinethalben, liebes Männchen! 
Ich veradhte feinen Wettlampf, 
Zürchte feine Kraftvesfuche. 


Denn das Ringen flärkt den Körper, 


Uebt des Mannes Kräfte fpielend. 
Laff uns denn im Spiel verfuhen: 
Sigend unfern Gegenpart 
Bon dem Sige aufzuheben!" 
Beide Kämpfer ſetzten fi 
Fuß an Fuß geftügt num nieder 
Und erfaßten Unholds Knittel 
Wagerecht mit beiden Händen. 
Unhold ftrengte feine. Arme 
Sp gewaltig an beim Ziehen, 
Daß die Muskeln reißen wollten ; 
Dennoch konnte er den Gegner 
Weder von dem GSihe heben, 


Noch auch nur vom Plage rühren. 


Mit den Sohlen etwas fefter 
Sich an feinen Gegner ftemmend 
Und den Knittel mit den Händen 
Etwas fräftiger erfaffend 
Zog der Sohn des Kalew an, — 
Und der arme WBaflerfobold 
Fuhr gleich einem leichten Pfropf 
Bon dem Sihe in die Höhe. 


JS 


gehnter Geſang. 


Seine Hände ließen gleich 

Den gefaßten Knittel fahren 

Und nachdem er Burzelbäumdhen 

Sn der Luft gefchlagen hatte, 

Flog er in die Ferne fort, 

Glitt und rollte ſteben Werfte 

In derfelben Richtung weiter, 

Fiel dann krachend im Geftrüpp 

Eines Meinen Hügels nieder 

Und vermochte fieben Tage 

Nicht Das Auge aufzufchlagen, 

Noch den Kopf emporzuheben, 

Kaum ein Glied nur zu bewegen. 
Kalew's Sohn und fein Gefährte 

Schlugen ein Gelächter auf 

Und der Hackenbube lachte 

Herzlich. in der Zafche mit ar 

Ueber Unholds kleinen Unfall. 

Das Gelächter dieſer Männer 

Zog wie ein Gewittergrollen 

Ueber weite Flächen hin 

Und durch dichtbewachfne Wälder, 

Daß der Boden zitterte 

Und die Hügel fi) bewegten. 

Alew's Sohn erzählte lachend, 
Wie er jüngft den Waſſerkobold 
Mit dem Hute überliftet 
Und der dumme Teufel ihm 
Seinen ganzen Schag allnälig 
Keuchend felber zugetragen. 

Als er aud des Spruchs erwähnte: 
„An den Hörnern hält den Ochſen, 
An dem Worte man den Mann,“ 
Fuhr der Kalewsfohn zufammen, 
Denn es fiel ihm aufs Gewiſſen, 
Daß der Kaufpreis feines Schwertes 
Noch nicht abgetragen war: 

Und da ſprach der edle Held, 


680 


700 


740 


Zehnter Befaug. 


Segte alfo feine Worte: 

*Alew's Sohn, mein dieber Better } 
Mach' dich eilig auf nach Haufe, 
Nimm ein Pferd Dir nach Belieben, 
Das dich bis zur Koppel trägt 

An dem Hofe meines Daters, 

Dem berühmten Thalerhofe, 

Miethe Schiffhen dort am Strande, 
Treibe größte Boote auf 

Und auch Nahen, falls fie brauchbar, 


Denn die Schiffhen follen Gold 


Und die Nahen Silber führen 
Und die Boote andre Güter. 
Dinge Ruderer dazu 

Und geſchickte Stewerleute, 

Die auf Meerfahrt fich verftehen, \ 
Und verforge fie mit Allem, 

Was fie auf der Reife brauchen. 
Bringe auf die Schiffe dann: 

Neun der beften Arbeitökiepper, 
Dier Paar gute Trageftuten, 
Zwanzig Kühe reih an Mil, 
Funfzig Kälber wohlgemäftet, 
Hundert Tonnen reinen Weizens 
Und das Doppelte an Roggen, 
Tauſend alte Thalerflüde, 

Hundert Paare Paternofter, 
Viermal funfzig goldue Münzen, 
Einen Schooßvoll Silberfpangen 
Und den Mahlichah dreier Jungfern. 
Ein paar Boote nebenher 

Kannft du wit Geſchenken füllen. 
Ale diefe Schäge führen 

Du zu Schiffe übers Meer 

In des Schmiedemeiftere Wohnung 
Und bezahleſt meine Schuld, 

Ohne etwas abzudingen. 

Gieb auch Bold und Silber noch 





Zehnter Geſang. Bit 


In den Kauf für langes Warten, 750. 
Daß man freundlich dich entlafje!- * 
Alew's Sohn beeilte ſich 
Dem Befehle nachzukommen, z 
Und nad) Turzer Zeit ſchon jagte | i 
Er den Weg hinab nach Harrien, 
In dem Schatten eines Strauches 
Warf fih Kalew's Sohn zur Erde, 
Um ein wenig audzuruhen, 
Und verfant in tiefed Sinnen 
Ueber den Bericht des Boten | 760 
Bon dem Veberfall der Zeinde 
An der Wierſchen Meeresgränze. 
„Bo entde ich ein Afyl,« ' 
Sprach der Starke bei ſtch felber, 
„Eine Zuflucht für die Schwachen? 
* Wenn. der Feinde wilde Rotten, 
Ihre zügellofen Schaaren 
Wierland's Triften überſchwemmen 
Und in Jerwen ſich verbreiten, 
Dann bedarf es feſter Plaͤtze, 770 
Die, geſchützt durch hohe Mauern, 
Schwachen Greifen ein Afyl, 
Kranken eine Ruhefätte, 
Eine Zuflucht unfern Töchtern 
Bor der Rohheit bieten würden, 
Wo die Wittwen ımd die Waifen 
Ihre Thränen weinen Fönnten.“ * 
Endlich kam er zum Entſchluß, 
Denn er ſprach ſich taſch erhebend: 
„Bretter muß ich mir verſchaffen, 700 
Häuſer daraus aufzubauen 
In den Städten, die ich gründen, 
Die ich herrlich ſchmücken will. 
Zum Gedächtniß meiner Eltern 
Soll den Zodtenhügel Kalew's 
Meine erfte Stadt umfränzen, 
Meine zweite wird am Embach 


810 


Zehnter. Geſang. 


Auf dem Hügel Taara's fhimmern, 
Taara's heigen Hain befhügen, 
Meine dritte tief verborgen 

In dem Jaanſchen Moore liegen; 
Endlich wird in Allentaden 

Eine vierte fi erheben 

Für Verlaſſ'ne und Berfolgte. 
Heute brech' ich noch nicht auf, 
Bill mid) lieber erft erholen; 
Morgen aber in der Frühe 


Werd' ich auf den Weg mich machen 


Und den Peipusftrand befuchen; 
Alew’s Sohn muß unterdeflen ' 
Meine Schuld in Finland tigen.“ 
Als er aus der Hofentajche 
Sich fein Meffer holen wollte, 
Traf die Hand den Hadenbuben, 
Der gleich einem Schwein im Sacke 
Sein Gefängnig nicht verlaflen, 
Sich nicht felber helfen Tonnte. 
Sprach der ftarfe Sohn des Kalew 
Scherzend. zu dem Hadenbuben: 
„Ei, was krabbelt für ein Floh 
Da herum mir in der Taſche? 
Komm heraus, du Heiner Schelm, 
An der Luft dich auszuwettern, 
Dich im Sonnenliht zu dehnen, _ 
Dich am Mondfchein zu erquiden! 
Hör mid an, mein Hadenbübhen, 
Und beachte meine Worte, 
Denn ich will dir ehrlich nüßen, 
Gern dir guten Rath ertheilen. 
Höre, Pflegefohn des Adlers! 
Eh? ſich dir, du Meiner Spätling, 
Die erforderlihen Federn 
An den Flügeln ausgebildet: 
Laſſe hübfch das Fliegen bleiben! 
Sollte dich ein Boͤſer reizen, 











Zehnter @efang. 


- Dich ein Feind verfuchen wollen : 
Baue nicht auf andre Waffen, _ 
Als auf die des Geiftes nur. 
Sud’ den Gegner durch Betrug, 
Such? durch Kift ihn zu belämpfen, 
Bis du erft ein Mann geworden, 
Manneskraft gewonnen haft. 
Niemals durfteft du ed wagen 

. Mit dem Unhold einen Wettkampf 
Allen Exnftes einzugehen !» 

Alew’s Meiner Stammgenofle 
Paßte auf und gab zur Antwort: 
„Daß ich's mit dem Unbold wagte - 
An den Kampf mid einzulaflen, 
Dazu hat mi Der ermuthigt, 
Der mit feinem alten Hute i 
Ohne Kampf und ohne Mühe 
Alles Geld ihm abgewann. 

Jünger zwar und fchwaͤcher auch, 

Aber klüger als der Unhold 

Wuͤrd' ich ihn bei jedem Spiel 
Sicher überliſtet haben!“ 

Darauf ſprach der Sohn des Rat, 

Setzte alfo feine Worte: 

„Wachſe no um eine Spanne 

Dder auch um zwei noch höher, 

Lege dich noch etwas aus, 

Lieber Junge, und erſtarke 

"Kür die Tage, die noch kommen, 

Und zu deinem eignen Nutzen. 

Ich muß jegt auf Reifen gehen, 

Da ich an dem Peipusftrande 

Wichtige Geſchäfte habe. 

Bleibe du indeffen hier 

Für den Zall, daß Wierſche Boten 

Dinge zu beriähten haben, 

Die ich felber hören muß, 

Und geleite ohne Aufſchub 





870 


Zehnter Gefong 


An den Peipusſtrand diefelben, 
Denn ich werde läng're Zeit 
Dort gewiß verweilen mäffen.“ J 
Während dieſer Unterredung 
Labten fie ſich an der Mahlzeit 
Und an einem frifehen Trunke, 
Eh fie unter ihrem Laubdach 
Sich zur Ruhe niederlegten. 
* Denn die Racht mit ihren Schatten 
Sant ſchon aufs Gefilde nieder 
Und gebot den Böglein Schweigen, 
Ruhe allen Lebenden. 
Hin und wieder flog ein Kaͤfer 
Brummend durch die laue Luft, 
Zirpte leife eine Grille, 
Schwirrte eine Müde einſam, 
Rief Die Wachtel aus dem Kornfeld 
Und vom Flufſe her der Kiebik. 
Nirgend ließ fih weit und breit 
Sonft ein Lebenszeichen hören. 
Flimmernd fehauten die Geſtirne, 
Silbern das Geſicht des Mondes 
Auf die Schlafenden herab, * 
Während fich der Traum beeilte, 
Ihre Augen zu verſchleiern. 


* Wetterjungfrau, ſchmuck und lieblich, 
Töchterlein des Donnergottes, 
Goldgelockt, mit blauen Augen, 
Schwärmte gaukelnd weit umher 
Und. gerieth in eine Wildniß, 
Die noch Feine Rinderheerde, 
Noch Fein Hüter je betveten ; 
DBögel nur und Schlangen kannter 
Hier die Bäume und das Mond, = 
Sorglos fchritt fie duch die Schatten, 
Heitre Augendluft im Buſen. 
Biel ihr nichts im Walde auf? 


gehuter Gefang. 


Nichts in diefer den Wildniß? 
Sa, ein tiefee Brunnen war es; 
Unermeßlich ſchien er tief. 

Dichte Rinderfpuren führten, 
Menfchenfpuren auch zum Brunnen. 
Goldgelodte Wetterjungfrau, 
Zöchterlein des Donnergottes, 
Wollte von dem Waſſer koften, 
Zog am goldnen Brunnenfähwengel, 
Hafchte nach dem Silbereimer. 

Sah ein Bube aus der Wildniß, 
Echo's ſchlanler Pflegefohn, 

Kaum das Mägdlein an dem Brunnen 
Sich mit Muͤhe Waſſer ſchoͤpfen, 

Als er auch zu Hilfe eilte. 
Wetterjungfrau, ſchoͤn und lieblich, 
Töchterlein des Donnergottes — 

Hatte fie der Burſch erſchreckt, 

Daß die Hand ihr glitt vom Eimer? — 
Ließ den Ring vom Finger fallen. 

Betterjungfrau, ſchmuck und lieblich, 
Töchterlein des Donnergottes 
Mit den himmelblauen Augen, 

Wurde gar betrübt und wünſchte 
Irgend einen Freund herbei, 

Der, ihr gern bereit zu helfen, 

Ahr das Ninglein aus. dem Brunnen, 
Aus der Tiefe wiederbrächte. 

Als der ſtarke Sohn des Kalew 
Bon der fhönen Jungfrau Thränen, 
Don des Voͤgleins Kummer hörte, 
Kam er eilend ihr zu Hilfe. 
„Barum weinft du,“ ſprach er freundlich, 
„Barum weint du, ſchoͤnt Jungfran, 
Klagſt du, liebes Lodenköpfchen, 

Biſt fo traurig, Meines VBöglein ?- 

Betterjungfran, fhön und Tieblich, 
Ging auf feine Fragen ein 


266 


910 


256 


960 


Zehater Gefang. 


Und erwiderte mit Aumuth: 
„Soll ich armes Kind wicht weinen, 
Soll id trauern nicht und Magen? 
Sieh, mir ift mein Ring vom Finger, 
ALS ich aus dem Brimnen ſchöpfte, 
Unverfehn’8 hineingefallen I* . 
Ohne nur fih zu bedenken 
Sprang der Salewsfohn hinab, 
Um den Ring berauszuholen. 
BZauberjünger, raſch verfammelt, 
Sprachen fohadenfroh am Brunnen: 
„Run, die Maus ift in der Falle, 
Peb gefangen in der Grube! 
Laßt uns Steine nehmen, Brüder, 


Und fie auf. den Hals ibm wälen, 


Auf des flarken Mannes Naden !u 

Auf der Stelle ward ein Mühlftein 
An des Brunnens Rand gemälzt 
Und Hinabgeflürzt vou oben, 
Der den ſtarken Mann zerfchmettern, 
Der den Bären tödten follte. 

Als der Sohn des Kalew lange 
Pit dem Suchen fih verweilt, 
Sprang er wieder aus dem Brunnen. 
Hat er auch den Ring am Finger? 
Ei ja freilich hat er einen! 
Wie ein Muͤhlſtein faft zu ſchauen 
Schwebt er ihm am Heinen Finger. 
„Iſt es diefer, ſchöne Jungfrau,“ 
Sprach er freundlich zu dem Maͤgdlein, 
„Iſt es dieſer, Lockenkloͤpfchen, 
Den du heute hier verloren, 
Der hinabfiel in den Brunnen 


Und verſank in ſeiner Tiefe? 


Größtes hab? ich auf dem Grunde 
Nicht im Schlamm entdecken Fönnen.“ * 


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Kam begann das Morgenroth 
Leicht den Wollenſaum zu färben 
Und zum Schmuck des jungen Tagab:. 
Purpurſtreifen andznienden, . ; . 


Die in flüfgenz&oße nn 2 5 


Als der Kalewsſohn ‚erwächte. :. 
Und geſtärkt vom Lager rag, 
Um die Reife fortgnfegen. 

Raſch und kraͤftig wie er war, 
Pflegte er nicht laug' zu fäumen. 


Durch den. frifchen Morgenthau 


Rüſtig feine Schritte lenkend. 


Eilte Kalew's Rieſenſproßling 
Nur nach einem kurzen Imbiß 


Schon dem Peimäftande.zu; . . .. : 


Wälder mußte er durchbrechen, 
Ueber weite Ebnen .fchreiten,.  -: 
Hier durch dichtes Dorngefttüppe, .. 
Dort duch fintende Meräfte. :: 
Und duch himpelreiche Sümpfe 


Sich zum Ziel die Bahn. aft If, 


Da kein Weg vorhanden war. . .. : 
"Bo er duch den Wald ‚geärmt,; : 
Bar ein offner Weg Posaune: F 
Wo er im Moraſt gewatet, 


Hatten Gräben ſich gebitdet,: - °... .: 


Himpel, die feiu. Fuß betceien, 


Baren ganz und. ger verfhiwunden; .-: 


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‘ 44 “art, n 


ID 


10 





258 


Eifter Geſang. 


Mancher Hügel war geebnet, 
Abgeplattet mancher Berg, 
Ro fein Zuß mit größerm Nachdruck 
Oder läng’re Zeit geweilt. * 

An dem Peipus angelommen 
Schaute Kalew in die Ferne, 
Ob er irgendwo ein Fahrzeng 
Auf dem See entdeden a 
Das zum Frachtſchiff tauglich wäre ; 
Doch foweit er auch die Blicke 
Ueber's Waſſer fihweifen ließ, 
Ward er nirgend eines Rabnes, x 
irgend eines Boota gewahr 
Und begann, den Rod geichärgt 


Hoch hinauf. bit am Dem Gaͤrtel, En A | 


In den See hineingubrerhen .. 
Und die Bogen zu durchwaten. 
Stände du am Uferraude 
Und verfolgteft mit den Bliden: 
Den verwegnen. Bang des Gulden, 


Hürdeft mit. Dem fchärffien Ange : - 


Du das Ufer nicht erlennen, 
Das er fih zum Ziel erſehn, 
Bo er fih auf feſten Lande: 
Rack dem Bade trodnen lounte. 


Weder fah ſich Kalew?s Sohn | 


In der Länge diefeh Weges, ; 
Rod in feiner Schwierigleit 

Im geringften nur. behindert, 
Sondern brad) füch anverdrofien. 


... Und mit heiterm Muth die Bahn 


Durch die aufgeregien Bogen, . 
Die er zur Gmupörung veizte 

Uud zu weißem. Schaume ſchlug⸗ 
Bor dem nie erlebten Aufnıhe 
Flohn die aufgefchrediten. Fiſche, 
Zog fich ſcheu der. Krebs zuräd,. 


Barg der Tander ſich im Gruiche, 
va 











Elifter Gefang. 


Schlüpfte in den Schiff die Ente: . 

Wer an jenem Tage grade 
Selber dort geweſen wäre, 

Hätte Manches ſchauen Ehunen, 
Was er nie zuwor geſchaut, 
Und mit eignen Angen fehen, 
Wovon er noch nie hehört. 

Dom Gebüfche. dicht beſchattet 
Stand ein Zaubrer im Verſteck, 
Weitberühmt am Peipusſtrande. 
Start behaart am ganzen Körper 
Bar er einem borſt'gen Eber 
Dder einem Bären ähnlich 
Mit erhobnen Bordertaben, 

An des Schweineräffels. Seiten 
Saßen ſchmalgeſchlitzte Augen, 
Die von gelbem liter ſtatrten; 
Aus des breiten Maules Winkeln 
Nedte ſich der Geiferſchaum 

Bie beim Eber auf der Hehe; 
Auf dem eingelniffuen Kinne 


Thronten Geiz und Keid und Mipgunft. 


Das behaarte Ungetbüm,. - 
Menſchenaͤhnlich aufrecht gehend, 
Bon Geburt ein Zaubrer fon, 


Wohl vertraut mit Wind und Waſſer 


Und erfahren in der Heilkunſt, 
Kannte taufend Murntelfprüde 
Und ein Wort für jedes Uebel, 
Lockte Wind aus jeder Richtung, 
Sagte wahr und prophezeite 

Mit dem Sieb und ohne. Sieb, 
Zeichnete das Bi des Diebes: 


Deutlih ab im Beanntmeindglafe, 


Nahm das Uebel Einem ab, 

Um's dem Andern anzuheften, 

Und: entziseite gute Freunde. | 
Sputgeftalten und Geſpenſter 


70 


100 





110 


130 


1.1 


Eufter Sefang, 


Wichen feinen Künften inmer. 

Seine Mittel halfen ſchuchl, 

Schneller als der Wind .fid. wendet... F 
Bo Verrenkung ſtattgefunden, 
Auch bei Quetſchungen uud Brüchen 

Band er die getrennten Theile er 

Nur mit rotbem Garn zufammen, :  ı 
Heilte Beulen durch Belelen, 
Aufgetriebnen Leib Durch Kneten, 

Stillte Blut mit einem Wörtchen, 
Feuersbrunſt mit einem Wine — 
Und beſprach den. Schlangenbiß. 


Naſſe Flechten zu vertreiben, ee . 


Gichtſchmerz mit gefhahtem Silber 
Auf die Dauer zu benehmen, 
Die Berfümmerung des Kinded .. ; . 
Auf den Hund zu übertragen, . 
Kleine Schreier. eingnfchläfern 
Und vom Beinen za entwöhnen . — 
Bar er ſtets bereit und kanute 
Kraͤft'ge Wörter gegen Fallſucht, 
Gegen Ruf und böfe Bäne;. . 
Auch das kalte Fieber wih . - :. 
Dor des Zaubrerd weiten Sprüchen. — 
Salzgefüllte Linnenpfroͤpfchen 
Bündelchen von Herentränten : . .» ı . 
Nebft gefeiten Histenftäben, —— 
Jagd⸗ und Fifchereigenäthen .... 
Und ein Tränfchen ebestcopfen. 
Hielt er immer in Bereitfchaft: . 4 
Er verftand des Biken Schlihen . . ..:°. 
Unterm Moofe nadaufhleihen, . > :. i::. 
Wußt’ auf jedem Kreuzweg Unsmen, .:  :.:. 
Die das Gut vermehren heifen,  -. _ 
Und entdedte jeden cap, .. : . ; m. 
Den man einft vergraben hatte. 
Diesmal nicht geſtimmt zum Baofttpun 
Blies er an dem Ufer hochend 


[23 








Eier Geſang. 


Auf den See zu feinen Bäßen ° 


Wörter aus mit vollm Baden, . 


Die dem Kalewsfohn zum Tort .. . :.” - 


Einen Sturm, erregen ſollten. 


Hei, wie bäumten fi Die Wogen,..  ; 


Flogen ſchäumend himmelan! 

Bald erſcheint in weiter Ferne 
Auf dem See ein Gegenſtand 
Titten in dem Wogenſchwalle, 
Einem Menfchen zu vergleichen, 
Der verfunten bis zum Gürtel. 
Gegen Sturm mad: Wellen kämpft. 


Bald erhebt fi) die Erfcheinung, - + 


Bald verdeden fie. die Wellen: 
Mehr als etwa eine Meile 

War fie noch entfernt vom Ufer; 
Die bewegliche Geftalt ; 2 
Dennoch fchien fie dem Beſchauer 
Don der Größe eined Mannes, 
Den man vor fid fliehen flieht. 
Schwer beladen war die Sähufter, 


Bon der Laft gefrämmt der Rüden; 


Dennoch fchritt der Träger rüftig 
it der Laft dem Ufer näher. 
Immer größer wird der Mann, . 


Imner riefger die Erſcheinung. 
Bon dem Zaubrer angeblaien. . 


Steigen bergehody die Wellen, 

Um die fchaumgelrönten Häuptet . 
An des Wandrers Oberfchenteln 
Miächtig brandend zu zerſchellen. 
Laaͤchelnd ſchaute Kalew's Sohn 
Auf das Wellenſpiel hernieder 

Und bemerkte heiter ſcherzend: 
„Ei du Meine boͤſe Pfütze, 


Machſt mir ja den Gürtel nah! 


Willſt am Ende mir wohl gar 


Noch bis an den Nabel fleigen =": - 


150 


160 


170. 


180 


190 


210 


Eitfier 'Sefang. 

Keine Stunde war vergangen, 
Und ſchon wandest' der Beladne 
Auf dem feften Zande weiter. 
Schwerlich würde je ein Pferd 
Dder ein Paar guter Ochſen 
Sold ein Fuder fchleppen koͤnnen, 
Als man ihn dort tragen fah! 

Diefe Ladung guter Planken 
Hatte fi der Sohn des Kalew 
Selber mitgebracht aus Pleskau, 
“Die den Armen eine Freiftatt, 
Schuß und Schirm betagten Greifen, 
Sungfraun einen fihern Winkel, 
Eine Zuflucht den Berwaiften 
Seines Vollks gewähren folten. * 
Niemand hatte dieſe Pianten 
Ausgezählt und abgewogen, : 
Doch für eines Mannes Schulten 
Gab's ein gutes Fuderchen. 
Zwanzig Dupend waren's etwa 
Und vielleicht ein Bärchen drüber 
Und von diefen war im ganzen 
Keines über drei Zoll die, 

Keines, auch das allerbreitfte, 
Mehr als eine Elle breit, 
Während alle in dee Bänge 
Zwanzig halbe Baden hielten. . 
Alle diefe fchöneu Bretter, 

Die er durch den Eee getragen, 
Wußte Kalew's Sohn am Ufer 
Nett und zierlich aufzuſtapeln. 
Darauf griff er nach dem Schwerte, 
Ließ ed aus der- Scheide bligen 
Und befchloß dem Wellenmeifter 
Für fein wohlgemeinte® Blafen 
Den verdienten Lohn zu reichen. 
Aber diefer war bei Beiten 

Auf den Zehen fortgeſchlichen 


ater Geſang 


Und mit ſchnellex Ferſe tik . 
In den finftern Bold lan 
Um fich dort verftedt zu halten. 

Kalew’s edler Sohn, ermudet 
Bon dem Waten Dur den. See. 
it der Ladung auf.den Schultern, 
Bar nicht aufgelegt. den Zaubrre 
In dem Balde aufzuſuchen; ea — 
Deshalb lieg er ihn in Ruhe — 
Und verſuchte auf der Fläche 
Sich ein Lager zu verſchaffen. 
Dazu brachte er von Gtrande = 
Einen Scooßvolk Kiefelguant,. a 
Etwas Sand von einer Düne, 
Trug ihn eine Strede weit ne 
Bon dem Ufer au Die Seite F 
Und bereitete Daraus ; 
Sich ein trodnes Schlummerplaͤhchen. J 

Als der ſtarke Sohn des. Kalen 
Aus dem Protſack ſich geſtaͤrkt —— AR 
Und der Milch im Reiſefaͤßchen 
Tüchtig zugeſprochen hatte, 
Loͤſte er die Guͤrtelſchnallen, F 
Nahm das Schwert aus dem Schale, 
Lehnte feine ante Bafe ii. A 
An des Bettes linke Seite, un 
Um, wenn etwa wuwermutbel 
Jemand ihm zu mahe trete, 
Alfobald den: beften Freund 
Sicher bei der Hand. zu baben,, 
Und begab fi damm zur Ruhe, 
Deren feine mäden Beine. —— 
Und die Schultern wohl bedurften. 
Mit dem Kopfe gegen: Abend, | 
Gegen Morgen mit den üben, 
So daß glei der erſte Bil - —. 
Auf den Morgenhimmel le :; 7 
Und der Sonne Purpurantlig 


= 


Onfer Gefang 


Aus des jungen Tages Shleen — . 


Unverweilt fein Ange teeffe, x 
Lag der müde Wandrer da,  :7;” 
Dem es leicht begegnen konnte, 
Nach des Tages Lat und Hige 
Sich ein wenig zu verſchlafen, 
Wenn des Morgens Rofenfgimmer 
Ihn zur rechten Zeit nicht weckte. 
Auf Drion wies die Rechte 

Unterm Haupte ausgeſtreckt 

Und die Linke auf der. Braft 

War dem Bären jugewendet. 

Seine müden Augentiber 
Wurden bald vom Schlaf: gefeflelt 
Und umfchleierten die Blicke. 
Keine Zeit verblieb. dem Tramme, 
Sanft den Schläfer zu umgauleln 
Ihn mit Truggeſtalten äffend 
Dder Wahres ihm 'vertändend. 

Bald erfüllte Tautes Schnarchetn 
and umher die ſtille Flur, 

Daß der ganze Boden dröhnte/ 
Laut die Waͤlder wiederhallten 

Und die Wellen fi erhoben, 

Gleich als wenn der Donnergott‘ 
Drohend aus den Wolfen grollte - 
Und mit feinem Dreigefpanme ° 
Raſſelnd durch die Lüfte jagte. Ä 

Auch bis in den Ainflern Winkel, ' 
Bo der Zaubrer wie‘ ein Krebs 
Bor dem Lichte ich verkrochen, 


Drang das ſchauerliche Schnathn, - ' 


Das den Schlafenden verrieth. 
Dennoch wagte ſchuͤchtern uar 
Sich der Zaubrer ans dem Dickicht, 
Um den Schläfer anszufpähen, 

Der fo laut fih hoͤren ließ. 

Hinter einem Strauche Daweradı 


deſter Bejeng. 


Sah er deutfich jetzt den’ Schläfer 
Neben feinem Schwerte ſchnarchen, 
Schlich noch ein’ge: Schritte näher, . 
Kroch auf allen Bieten:danı 
Leiſe wie auf Katzenpfoͤtchen, 

Um den Schläfer nicht zu weden, 

Bis an's Bett des Kalewiden 

Und verfuchte feine. Krallen 

Nah dem Schwerte auszuftreden, 
Das fein Auge jet bewachte. 


Doch das Schwert des KHalewiden, F— 


Seines Eigenthümers windig, 

Achtete des Zaubrers nicht. 

Es verharrte auf dem Raſen 

An der Seite ſeines Herrn 

Gleich als wär’ es angewachſen 

Oder wurzelte im Boden. 

Auch des Diebes Jauberkräfte 

Konnten Kalew's theures Schwert 

Nicht von ſeiner Stelle bringen. 
Da verſuchte er mit Blaſen 

Und mit Murmeln: einzuwirfen 

Und befchrieb geheime Zeichen 

Mit den Fingern in der Luft. 

Salzgefüllte Linnenzigchen: 

Und geheime Hebewoͤrtet, 

Unfihtbare Slafchenzüge, 

-Die die ſchwerſten Laften heben 


Und die Schwerkraft ſchwinden machen, 


Wurden angewandt, — vergebens! 
Auch der Kniefall vor dem Monde 
Und der Flehblick zum Polarſtern 
Bolten keine Wirkung: üben, 

Nicht das Murmeln unterſtützen. 


Kalew's theures Schwert — * — 


Weder Bitten noch Befehlen, 
Sondern ruhte unbeweglich 
An der Seite ſeines Herrn. 


310 


320 


os Eifer Grfamg, 


Da begann der Wörterkund’ge- : - 
Höhern Zauber anzuwenden 
Und die kraͤftigſten der Mittel 
Noch. zuguterlegt zu proben. 
So beftreute er das Schwert 
Mit dem Laub’ der CEbereſche, 
Brachte etwas Thymian, 

340 Etwas Bärlapp dann herbei, 

Miſchte Einbeer noch darunter 

Und ein wenig Farrenkraut, 
Schuͤttete dies alles drüber 
Und beftreute dann das Gare 
Noch zulegt mit Baldrian 
Und mit ſchwarzem Boviſtſtaube. 
Hierzu wurden fieben Formeln 
Und noch fünf beſondre fremde 
Angewandt mit Murmellprücden, . 

350 Die er felbft im Hexenmonde 
Und zu Lichtmeß eingefammelt 
Und im Todfenmond verzeichnet. 
Kräuter der Johannisnacht, 
Mit dem Hexenquirl gequaͤſtet 
Und mit Baſtardblut befpzengt, 
Band er um den vierten Finger, 
Den er etwas aufgerigt, 
Und verbrannte, um zu raͤuchern, 
Nägelfchnigel und ein Fädchen 

300 Ans dem Hemde einer Jungfrau. 

Kalew's Schwert: empfand Die. Bindung 
Bon des Zaubrers hoͤhern Künſten 
Und begann ſich zu bewegen. 
Drauf erhob ſichts von der Stelle, 
Neigte fi) dem Zaubrer zu 
Und ihm immer näher Tommend 
dag es bald in feinen Armen. 
Nun beeilte fich der Zaubrer 

Seinen Raub davonzufragen ; 

370 Aber die gewicht’ge Waſſe 


Müfter Gefang. 


Bollte ihn zu Baden dräden, 

Daß der Burfche aͤchzend nur 

Schritt vor Schritt ſich fortbewegte. 
Bald ergoß fich ſchon in Strömen 
Ihm der Schweiß vom Angefſichte. 
Doch vom Schwerte ſich zu trennen? 
„Nein, umd Lofles mir den Arm, 
Koftet’8 mir auch felb das Reben, 
Don dem Schwerte la? ich nimmer!” 

Und fo trug der Worterlund'ge, 
Trug die königliche Waffe, 

Die dem Meifter fo viel Schweiß, 
So viel Schwielen feinen Söhnen 
Einft gekoſtet, heimlich fort, 

Häufig in Verſtecken raftend 

Auf dem Wege, den er machte. 

Da gefhah es unverhofft, 
Daß das Schwert ihn bei dem Sprunge, 
Den er übers Käpabädhtein 
Rothgedrungen machen mußte, 
Aus dem Arm in's Waffer fiel 
Und die tieffte Stelle ſuchend 
Sih im weichen Schlanmı begrub. 

* Schnell den Schab zu retten wurden 
Alle Mittel angewendet: | 
Woͤrter wurden bergemurmelt, 
Zauberwörter rechts und links 
An die Luft hineingeſprochen. 

Manche raufchten wie der Wind, 
Wie das Waſer firömien andre, 

- Biele flehten klug berechnend, 

Alle ſtrebten darauf hin, 

Daß das Schwert ch regen möge, 
Aus der Tiefe fi) erbeben. 

Doch das gute Schwert des —— 
Keine Hexereien achtend 
Und dem Zauber unzugaͤnglich, 

Regte fich im Waſſer nicht, 


410 


440 


Eiſter Sefang. 
Blieb am Boden ruhig Tiegen:” a 

Als das erſte Morgen . . Un. 
Kaum am Himmelsvande glimmie, :: .: 
Machte fih in aller .Eile — 
Schon der Zaubrer auf die Socken 
Seinen Raub im Zluſſe laſſend, 

Wo das Schwert im Schlamme ruhte. 
Wieder ſuchte er das Dickicht, 

Um ein Plaͤtßchen aufzuſtuden, 

Wo des Kalewiden Rache, 

Bo fein Zorn ihn nicht erreichte. 

Auf den Ruf des jungen Tages 
Machte ſich der Sohn des Salem 
Bon des Schlummers: Feflein 108, - 

Nieb den Schlaf fih aus den Augen. 
Und bewegte dann die echte 

Nach dem treuen Kampfgenofien, 

Den er vor dem Gchlafengehen 

An das Bette angelehnt, ae 
Um ihn glei zur Hand. zu haben. = 

Dod das Schwert war wicht am Dette, \ 
Fund fih auf dem Rafen ‚nicht. 

Kalew's ſtarker Sohn vermochte 
Sich nicht gleich darein zu finden; 
Als er aber von dem Schlafe 
Voͤllig fi) ermuntert hatte, 

Da begriff er auch ſogleich 

Den Zufanmenhang der: Suche 

Und bemerkte auf der Gtelle : - 
Auch die Spur im fenchten Grefe. 
Da begann er nach dem. Schwerte, 
Dem verlornen Freund, zu rufen:. 


„Höre, Schwert, auf meine Woͤrte, 


Zap mich nicht vergebens trauern! 
Hör anf deines Bruders Rufen, 
Des Gefährten heiße Wuͤnſche! Ä 
Laſſ' ihn feinen. Schmerz den Wäldern, 
Seinen Kummer nicht den Fluren, 


Güter Behing. 


Nicht umfonft den. Büſchen klagen! 
Gieb mir Antwert, Tiger Bruder, 
Antwort mir auf meine Frage: J 
Wer bemaͤchtigte Ah dene, ° .- . 450 
Raubte dich in diefer Nacht? en 
ufto’3 Augen ſahn's von oben, .: . 
Bon dem Himmelsdom die Götter, er 
Ber die Frevelthat begangen, : m 
Und die Götter koͤmen's fügen, 
Daß fie auch an's Licht gelange, 
„Menſchen wußten deine Macht, - 
Deinen Kunſtwerth wicht zu fihäßen; 
Menfchen konnten dicht nik zauben: - : 
Wer vermochte Dich zu heben! | 460 
Ein Berwandter. meines Vaters 
Hat in Finland dich. gefchaffen 
Und mit funftgeibter Hand s 
Wunderkraft dir eingefchmiedet. - 
Sieben Jahre hat der Meiſter V 
An dem koͤniglichen Schwerte — 
Müh’ und Arbeit angewandt, — 
Sieben Sorten Stangeneiſie '. "= 
Siebenfach gewundne; Bolzen - Ä 
Burden durch die Gluth des geuers . 470 
Mit einander eng verbunden 
Und daraus das Schwert gefchmiedet 
Und die Waffe zubereitet. - 
Jeden Tag vor Sonnenaufgang, - -° 
Früh noch vor der Dämmerung 
Sang man fieben Zauberformeln 
Und es ward die Klinge endlich - 
Siebenmal an fieben Brunnen; 
Noch zuguterlegt gehärtet. — 
Silbern war der weiße. Griif— 40 
Und der Knauf von gelbem Goe. :. 
Und die Schnalle vor. Achat. — 
„Kenne ſchon den —— 
Der den See in Aufruhr brachte, 


610 


Eiifier Gefäng. 


Hat mir and das Schwert geſtohlen. 

Diefes Schufted ganze Sippſchaft 

Bar mir feindlich ſtets gefimmt,. 

Suchte immer mir zu ſchaden. 

Doch ich hoffe, daß der Wicht 

Bald mir in die Klauen falle 

Und ich dann die Neckereien 

Hundertfältig ihm vergelte; 

Denu es wog die theure Waffe, 

Für des Kriegers Arm gefchmiedet, - 

Biel zu ſchwer für feine Kräfte 

Und er kann fie deshalb ſchon 

Nicht ſehr weit getkagen haben. - 
„Höre, Schwert, auf meine Worte, 

Laff mich nicht vergebens trauern! 

Hör auf deined Bruders Rufen, - 

Des Sefährten heiße Wuͤnſche, 

Seine flehentlihen Bitten ! | 

Laſſ' ihn feinen Schmerz den Wäldern, 

Seinen Kummer nicht den Zluren, 

Nicht umfonft den Bäfchen Hagen! 


Gieb mir Antwort, kinger Bruder, 
"Antwort mir auf meine Fragel⸗ 


Mit geipanntefter Erwartung 
Lauſchte Kalew's ſtarker Sohn, 
Ob fein Schwert ihm Antwort geben, 
Seinen Wunſch erfüllen werde; 
Aber durch die Hiefe Stille . 
Drang kein Wörtchen an fein Ohr. 
Kalew’s ſtarker Sohn verfwchte 
Durch ein Lied fein Schwert zu viren, 
Stimmte auch ein zweites an; Ä 
Das noch zarter bat umd flehte, 
Immer ftil im Herzen hoffend, 
Daß das Eifen ihm zu Liebe 
Eine Antwort geben werde. . 
Doc das Schwert gab Beine Autwort, 
Nicht ein Woͤrtchen ſprach dad Siſen. 





Kies Seferig 
Einfam ſchwiegen die Geſilde 
Und es deckte rings umher 


Tiefe Stille Wald und Fluren. 
Blieb dem Kalewsſohn nichts übrig, 


Als fi hurkig aufzumachen, - 


Um fein theures Schwert zu ſuchen. 
Zange ſtrich er rings umher, 
Ließ in immer ‚größern Kreifen 
Um fein Bett herum kein Plaͤtzchen 
Undurchfucht vorübergeben ; 
Bra) durch wucherndes Seflräppe, . 
Kreuz und quer durch Buſch und — 
Dichte Wälder und Moräfe . 
Und durch Did und Dünn fih Bahn 
Und befang babei begeiftert 
Seines Schwerted Tugenden. a, 
Doch das Schwert blieb ewig ſtuum. 2 
Einfam fhwiegen au Pie Kuren. F 
Und es deckte rings umher 
Tiefe Stille. Bad, und Wieſe. 
Als der edle Sohn des Kalew 
Immer weit’re Kreife ſchlagend 
Endlich bis zum Kaͤpabache 
Mühfam vorgedrangen . war: 
Sieh’, fo blinkte aus den Wellen 
Freundlich feinem Blick begegnend 
Ihm fein Schwert in's Augefiht. | 
Sauchzend rief der Sohn hei Ralew: 
„Heißa, mein geliebtes Eifen!. 
Alfo bier im Fühlen Grunde 
Find' ich fchlafend den Gefährten! 
Du mein Stolz und meine Freude, 
Sieggewohnter Kampfamofe, . : : 
Der dem Meifter ad den Soͤhnen 
Sp viel Schweiß uud. Blut gelefet! -. 
Ber vermochte dic zu heben, . . 
Dich bis hieher fortzuizagen, ea 
Um Dich hier im tiefen Grunde 


670 


_ Eilfker Ceſang 


Unter'm Waſſer zu verbergen?“ ; ., 0: 
Auf die wohlbegriffue Rede — 

Zönte an die Oberflaͤche 

Sang⸗ und klangreich diefe Anwoit: 

„Niemand anders als der Zaubrer Ä 

Brachte durch die Macht der Wörter, . 

Die er klug zu nußen weiß 

Dein bemährtes Schwert zum Wanken. 

Zuuberwörter wirkten ndemd, : . . . .,' 

Schläfernd Schmeichelmärter ein,’ . — 

Windeswoͤrter willenbrechend. 

Als der Hahnenfuß zu heben .. — 

Und das Farrenkraut zu faſſen, 


Ebereſche einzugreifen, 


Paris kraäftig anzupaden, - - Be 
Thymian zu tragen fortfuhr, —— 
Brachten Vopdiſtſtaub und. Bärlapy | 
Die Bewegung bald zu Stande . 
Und der fremden Macht geheshed - 
Kiel das Schwert dem Zaubrer zu, -.. . ..: 
Der es bis zum Häpabahe - - -. . 
Keuchend trug anf feinen Armen. 
Als er auf der fchnellen: Flucht 
Ueber’8 Flüßchen fpringen mußte, 
Tauchte des Gewäfſers Nie : - -» * 
Aus der Silberfluth. empor, * - F 
Sah mit ſehnſuchtapollen Blicken 
Rad mir hin und winkte zaͤrtlich, 
Mich zu ihr hinabzulaſſen. 
Süß beraufcht von Wonneſchauern 
Glitt ich aus des Zaubrers Armen | 
An die fühle Fluch hinunter, aa er 
Tief hinab in’ Wogenbette, tg, 2 
Bo die fhönfte aller Nigew- - nee 
Mid auf weicheͤm Sülberpolſter -" 
Glühend in die Arme fchloß.+ - - - 

Kalew's Sohn verſtaud des Spıerten 
Toͤnenden Geſang und age: ; : 4 ij 


Eitfter Belang. 273 


„Iſt es meinem Schwerte lieber, 
Im Berborgenen zu xuben, : 600 
Dder feine Zeit am Bufen 
Schöner Nigen zu vertändeln, : 
ALS in eines Kriegers Fauſt 
Ernft und flammend aufzubligen, 
Wenn der Feind zum Kampfe ruft? 
Al entblögt von feiner Scheide 
Und befreit von allen Banden 
Zapfre Arbeit zu verrichten, 
In die Feinde einzubauen, 
Sich in ihrem Biut zu baden, 810 
Zäglich Tampfbereit zu fein? « 
Wohl verftand Das Schwert die Frage 
Und verfeßte aus der Ziefe: 
„Einer Wittwe gleich betramert 
Deine Waffe ſtill verborgen 
Schöne hingefhwundne Tage, 
Gleichſam ihre Kinderjahre, 
Und verftattet ihren Thränen, 
Ungehindert fortzuweinen ! 
Schlummernd in dem WBogenbette 620 
Und auf weichem Silberpolfler 
Sn dem Schooß der Nixe tändelnd 
Kann dein Schwert fih’8 nicht verwehren 
Zrauernd an die Zeit zu denfen, 
Bo von flarker Hand geſchwungen 
Es im wilden Schlachtgewühle 
Zapfer feine Pflicht gethan ! 
Bo entblößt von feiner Stheide 
Und befreit von allen Banden 
Es mit heil’gem Gruft und Eifer 630 
In die Feinde eingehauen, 
Bis der Friede war errungen 
Als ein Segen für das Land! 
Aber, theurer Sohn des Kalew, 
Starker koͤniglicher Juͤngling, 
Wenn dein Zorn di übermamt . 
20 


274 Eifter Oeſang. 


Und berauſcht vom Hopfengeifte 
Deine Sinne ſich verwirren: 
Dann vermag auf Erden nichts 
60 ° Deine LKeidenfchaft zu zügeln, 
Der die Hand fih willig fügt, 
Um das Schwert zum Blutwergießen 
Und zu graufen Mord zu zwingen. 
Das iſt's, was den Kriegsgefährten, 
Pas dein treued Schwert beirübt. 
Nie vergißt’s den holden Knaben, 
Den dein Frevelmuth gemordet!« 
Wohl verftand der Sohn des Kalew 
Seines Schwerte Schmerzenslaute 
650 Und erwiderte darauf: 
„Schlaf in deinem Ruhebette, 
Schlafe füß, du theures Schwert, 
Das dem Waffenfchmied in Finland 
Und den Seinen fo viel Thränen, 
. &o viel Schweiß und Blut geloftet, 
Das er durdy geheime Kunſte 
Unter Zauberformeln ſchuf; 
Schlaf. auf deinem kühlen Lager, 
In den Armen deiner Nixe, 
060 Bis die Nachwelt dich ald Zeugen 
Längft entfhwundnex Zeit entdeckt! 
Mir gebricht es nicht an Kräften 
Auch in unbewehrter Fauſt 
Und ih hoffe meine Feinde 
Ohne Schwert auch zu vertilgen, 
Trotz und Uebermuth zu flrafen, 
Ruh’ zu ſchaffen meinem Volle. 
Eine Bitte noch beim Abſchied 
Leg’ ich an dein Herz, Geführte: 
670 Sollten ſtarke, tapfre Männer 
Später Zukunft dieſes Ufer 
Einft mit ihrem Fuß betreten, 
So begrüße fie dein Blid 
Bligernd aus des Bades Wellen! 


Cufter Befang. 


Sind es Männer meines Stammes, 
Vom Geflecht des alten Kalew, 
Sulewiden, Alewiden, 

Oder auch nur Stammverwandte, 
Dann begrüße, 'tbenrer Bruder, 
Eie zugleich mit Worten auch! 
Sollten an dem Käpaflüßchen 
Große Sänger einft erfiheinen, 
Die mit goldnen Zungen reden 
Und mit Silberworten fpielen 

Und die alte Zeit befingen, 


Dann, mein Schwert, mein Rampfgefährte, 


Dürfen Worte nicht genügen, 

Mußt du fingen wie ein Böglein, 

Flöten wie die Nachtigall, 

Wie die Lerche luſtig trillern! 

Trifft fih’s, daß ein Mann dich findet 

In der Zukunft goldnen Tagen, _ 

Der mir gleicht am Kraft und Muth: 

Dann erhebe, Kampfgenofle, 

Ranfchend Did) von deinem Lager, 

Dann verlaff’ dein Wogenbette 

Und vermähle dich dem Zapfern ! 

Aber fleigt der Krieger felber, 

Dem du eigen angehörteft, 

Einft in diefe Silberfluth, 

Dann, mein theurer Kampfgenofe , 

Dann durchſchneid' ihn beide Zerfen! « 
Kalew's edier Sohn verließ 

Jetzt den Käpabach und eilte 

An den Peipusftrand zurüd, 

Rahm die Bretter auf den Rüden, 

Die er dort geftapelt hatte, 

Und begann in fohnellen Schritten 

Seiner Heimath zuzueilen. 

Er gedachte eine Schugmehr 

Gegen Kriegsgefahr zu bauen, 

Eine Veſte herzuſtellen, 


20 * 


700 


710 


275 


276 


720 


730 


740 


760 


Liter Geſang. 


Die die ſchwachen Greife berge, 
Zungfraun fich’res Unterkommen, 
Wittwen Schug und Schirm gewähre, 
Das fih Niemand fürchten möge, 
Wenn der Krieg mit feinen Gräueln 
Wierlands Gränzen überfchritte. 
"Als nun Kalew eine Strede, 
Eine weite Strede Weges 
Mit den Brettern ſchwer beladen 
Sich durch ſchnellen Schritt verkürzt: 
Was begegnete dem Helden ? 
Hemmte feinen Gang ein wenig ? 
Wälder waren’s, ihrer drei, 
Drei der fchönften, ſchmuckſten Wälder. 
Erft ein goldner Tannenwald, 
Dann ein ausgedehnter Laubwald 
Und zulegt ein Hafelmäldchen. 
Was den Tannenwald betrifft, 
Der gehörte unfern Männern, 
Unfern Frauen war der Laubwald 
Zugefprochen und geheiligt 
Und das dichte Hafelmälddhen 
Bar die Schutzwehr unfrer Yungfraun, 
Das Aſyl der armen Waiſen 
Und der Kranken legte Zuflucht. Ä 
Kalew's Sohn war erft mit Mühe 
Durch den Tannenwald gedrungen, 
Schwerer durch den Laubwald noch 
Und betrat das Hafelmälbchen, 
Als fein Fuß an etwas ſtieß, 
Das ihn weich und fremd berührte 
Und bis an den Stnöchel reichte. 
als er vor die Füße fah, 
Um den Gegenſtand zu finden, 
Der für einen Augenbtick 
Seinen Fuß umfrabbeit hatte, * 
Wollte fi) vor feinen Bliden, 
Wie es fchien, ein Männchen retten, 





eifter. Oeſang. 977 


Das entfeglich zitterte 
Und nicht größer war als etwa 
Sept ein Menfch von unferm Schlage. 
Dem bejammernswertben Kleinen 
Ziel das Herzchen in die Hofen 
Und die Zaͤhnchen Fapperten, 
Als er den gewalt’gen Riefen 
Streihelnd um Berzeihumg bat 
Und mit Schmeichelworten flehte: 
„Hab’ Erbarmen, lieber Bruder, 760 
Steh’ mir bei, du flarfer Mann ! 
Zaf’ bei dir mid eine Zuflucht, 
Ein Aſyl mih Schwachen finden, 
Den das Schidfal unbarmberzig a 
In den Bald binausgefchleudert !- 
Sich bis auf die Füße bückend 
Fuhr der edle Sohn des Kalew 
Mit der Hand dem Heinen Mame ° . 
Ganz vertraulich in die Haare, 
Hob beim Schopf ihn auf und fledte 770 
Ihn in feinen Reiferanzen. | Ä 
Wie in einen jähen Abgrımd 
Kiel der Fleine Mann kopfüber 
In den tiefen Sad hinunter, 
Bo er an dem Steömlingsnapf 
Und am angefihnitinen Brote 
Endlich Sitz und Stütze fand. 
„Was iſt Grauſes dir begegnet,“ 
Fragte Kalew's Sohn den Kleinen, 
„Daß du fo erſchrocken warſt? 780 
Aus dem Ranzen klang die Antwort 
Wie das Quaken eines Froſches 
Aus des Brunnens tiefftem Grunde 
Und erfolgte mit den Worten: 
„Geſtern in der Abendftunde 
Schlenderte idy Armer arglos 
An dem Peipusftrand umber, 
Ohne auf die Zeit zu achten, 


278 Cuhler Oeſang. 
Und verirrte mich im Walde. 
790 Endlich führte mih ein Fußſteg 
An ein aͤrmliches Gefinde, 
Wo ich um ein Lager bitten, 
Wo ich übernachten mußte. 
„In der öden großen Stube 
Stand ein altes Mütterchen 
Ganz allein am Fenerherde, 
Um die Mahlzeit anzurichten. 
Erbien brodelten im Keſſel 
Um ein halbes. Schwein herum 
800 Und die gute Wirthin fchöpfte 
Mir davoı in eine Schale, 
Bat mich aber, meine Mahlzeit 
Sa recht eilig abzuhalten. 
Selber machte fie inzwifchen 
Mir das Lager unterm Zifche, 
Der zum Abendeflen grade 
Mitten in der Stube ſtand. 
"Dabei lehrte mich die Alte: 
„„Biſt du mit dem Eſſen fertig, 
810 So verfriech? dich in dem Stroh, 
Ehe meine Söhne fommen, 
Die ich flündlich Hier erwarte. 
Halte ja dich ftid und ruhig 
Wie ein Mäuschen hinterm Kaſten. 
Penn du etwa quifen wollteft, 
Dder mit den Fingern krabbeln, 
Dder zappeln mit den Beinen, 
Könnten meine Söhne teicht 
Dir dafür den Tod bereiten." 
8% „Ich bedankte herzlich mich 
Bei der gutem alten Wirthin, 
Die mich freundlich abgefpeik, 
Sorgfam mir mein Bett bereitet, 
Mi fo gut behandelt hatte, 
‚ Und verkroch mid Fl im Stroh 
Unterm breiten Speiſetiſche 


Cifter Gefaug. | 2379 


Bo ich gut zu fehlafen hoffte 
Auf der Streu, die fiherlidh 
Drei der Schläfer bergen fonnte, 
Am Begriff ſchon einzufchlafen, Ä 8% 
Munterten mich Zritte auf, 
Die dem Hanfe näher Tamen, 
Seinen Grund erfihätterten 
Und die Winde zittern machten. 
Ob die Furcht mir auch den Lärm 
Am Gehör verdoppeln mochte, 
Hat dein ſchwerer Tritt Doch nimmer, 
Edler Sproß Der Kalewiden, 
Größern Lärm hervorgebracht. 
„Und im Augenblide flürzten 840 
Auch die Brüder in die Stube Zu 
Wie ein wildes Bärenpanr, 
Das im Walde aufgewachhen. 
Einer von den beiden Brüdern 
Hob die Nafe in die Höhe, 
Witterte herum im Zimmer 
Und bemerkte dann dazwiſchen: 
„„Hör' mal, goldnes Mütterchen, 
Wer ift heute hier geweſen? 
Schweißgeruch von einem Menſchen | 850 
Fühl' ich durch die Rüftern ziehen, 
Und die Nafe judt mir heftig.“ “ 
„Drauf ermwiderte die Alte: 
„„Niemand Fremdes hat ſich heute, 
Keine Seele hier gezeigt 
Oder gar das Haus betteten. 
Zieht fich Schweißgeruch von Menſchen 
Durch die Naſenlöcher dir, 
Haft du ſelber, liebes Söhnchen, 
Den Geruch wohl mitgebradt.* " iS 880 
„Unterdefjen tiug die Alte 
Auch das Efien auf den Tiſch, 
Ihn mit Scüffeln überladend, 
Die Getreidemaaßen glichen. u 


280 


870 


Eilſter Oeſang. 


Und das wilde Brüderpaar 
Schlang fo viel davon hinunter, 
Daß fi funfzig unſers Schlages 
Davon hätten fätl’gen können 
Und noch etwas nachbehalten. | 
„Als die wüften Waldgefellen 
Ihre Baͤuche vollgefchlagen 
Streckte jeder ſich behaglich 
Auf den harten Aeftrich nieder. 
Einer lag an einer Wand, 
An der andern gegenüber 
Lag der andre und ich Armer 
Unter'm Zifche zwifchen beiden. 
Auch die Alte kroch bedächtig 
Länge der Leiter auf den Dfen. 
„Kaum nur wagte ich zu athmen, 
Kaum mein Herzbiut zu. pulfiten, 
Denn das Zittern meiner Glieder 
Und das Klappern meiner Zähne 
Konnten ja im ſchlimmen Falle 
Ahnen leicht bemerkbar werden, 
Leicht zu ihren Obren dringen. 
Endlih ſchwand das Kicht im Zimmer, 
War der Pergel audgebrannt 
Und es dedte dichtes Dunkel 
Mich und meine Seelenangft. 
*.Hätt id) Armes, armes Männchen, 
Hätt’ ich früher Das gewußt, 
Das gewußt und eingefehen, 
Hätt’ ih nur im Schlaf es merfen, 
Nur im Zraum es ahnen können, 
Daß in meinem armen Leben . 
Solches mir begegnen würde: 
Hätt’ ich Lieber in die Wogen, 
In den Abgrund mich geftürzt, 
In der Tiefe mich verborgen ! * 
„Schnell verfanten die Geſellen 
Nah der Mahlzeit in den Schlaf, 


Eiſter Befung. 


Der des Augenlichtes Pforten 
Für die Außenwelt verſchloß, 
Während die geheime Pforte, 
Die nur giebt und nicht empfängt, 
Leider! nicht verichloffen wurde. 
Denn die ſtarke Abendmahlgeit, 
Eine kräft’ge Erbfenfuppe 
Durch den Schweinefped geſchmeidigt, 
Fing im Schlauche ſich zu blähen 
Und die eingefhloffne Luft 
Unter lauten, fharfen Schüſſen 
Siegreic auszutreiben. an. . 
„Mir zur Rechten an der Wand 
Zeuerte der eine Schläfer 
- Mit der Wuth des erften Angriffe 
Krachend feine Ladung ab, 
Und ich armes Fleined Voͤglein 
Ward, vom beft’gen Schuß getroffen, 
Wie vom Sturm ein trocknes Blättchen 
An die linfe Wand geichleudert. 
„Mir zur linken Seite lag 
Gleich dem Bruder mir zur rechten 
Auch der andre mit dem Antlig 
Harmlos nach, der Wand gelehrt, 
Während die bewehrte Hälfte 
Mir zum Schred nad außen gähnte. 
Als nun hier der Schuß erfolgte, - 
Faſt den erfien überbietend, 
Ward ich armes Böglein wieder 
Bon der finftern Macht ergriffen 
Und mit Sturmes Ungeftüm 
Ueber die geräum’ge Stube 
An die rechte Wand geworfen. 
„Unterdeflen war der Erſte 
Wieder mit dem Laden fertig 
Und empfing mih, um fofort 
Mid dem Andern zuzuſchleudern. 
»Alfo ward id armer Dann 


zei 


910 


Eiifter Geſang⸗ 
Auf das ſchmaͤhlichſte mißhandelt 


Und von einer Wand zur andern 
Lieblos hin und her gefchleudert. 
Don den Scüffen beider Brüder 
Angefchmettert umaft?’ ich Armer 
Wie ein Weberſchiffchen fliegen 
Links und rechts nach fremder Willkür. 
Auch nicht einen Augenbiid 
Gab man Zeit mir auszuruhen. 
„Als die Alte früh vor Tage 
Bor die Hausthuͤr gehen mußte 
Und fo lang’ es von ihr firömte 
Diefe offen ftehen ließ, 
Kroch ich nach auf allen Vieren 
Und gelangte fo in's Freie, 
Wo ich ohne umzufchauen J 
Floh, als ob dee Kopf mir brannte. 
Erft nachdem ich zwei der Wälder 
Hinter mir gelaflen hatte 
Und .in’s dritte Waͤldchen kam, 
Macht' ich Halt, um auszuruben. 
Hier nun traf ich unerwartet 
Und zum Glück mit dir zuſammen.“ 
. Herzlich lachte Kalew's Sohn, 
Als er die Geſchichte hörte, 
Daß das Männchen wie ein Ball 
Hin und her geworfen worden 
Bon den Schüffen zweier Riefen, 
Die nad) flarfer Erbſenmahlzeit 
Sich zur Ruh’ begeben Batten. 


Bwölfter Gefang. 


W. vom hohen Felſenrande 
Schäumend ſich der Gießbach ſtürzt 
Und nachdem er Thal und Schluchten 
Eingebült in Dampf und Rebel 

Die empörten Wellen peitſcht, 
Daß in weißem Gifcht fie bramfend 
An das nahe Meer fi flüchten ; 
Dder wie die finftern Wolfen 

Unter Blik und Donnerkrachen 

Frech das Tageslicht verſtnſtern: 

Alfo brachen aus dem Didicht 
Ungeftüm des Zaubrers Söhne 

Auf den Kalewiden 108, 

Der mit feiner Planterladung 
Harmlos feinen Weg verfolgte. 

Sahſt du je den Bären blutend 

Mit verzweiflungsvolem Gtimme 
Trotzig die Gefahr verachten 

Und auf feinen Feind fich ftärzen, 
Der ihn auf der Yagd verwundet, 
Dann nur fannft du, lieber Bender, 
Eine Ahnung davon haben 

Und vielleicht, wenn and wicht deutlich, 
Dir ein Bild davon entwerfen, 
Bie der edle Sohn des Kalew 

Diefe frehen Buben flrafte 

Und mit zernentbrannter Wuth 

Unter feinen Feinden vafle, 


10 


284 


Zwoͤlſter Geſang.) 


eLaßt uns in des Dichters Spuren 
Auf den Kampfplatz und begeben 
Und dem Schlachtgeſange Taufchend 
Aus des Alterthumes Furchen 
Uns die LKiederworte fammeln, 
Die des Adlers goldner Schnabel 
Ausgepflanzt im Haidekraute, 
Auf dem Anger ausgebreitet, 
Die die Gänſe, weiß wie Schnee, 
Ausgeftrent auf Silberwellen.* 
Als der edle Sohn des Halem 
Eine Strede .weit gegangen 
Mit den Planken auf der Schuiter 
Und dem Männchen in dem Brotfad, 
Der gleich einem. Krebs im Neſte 
Sich fo wohl und fiher fühlte, 
Daß er fanft entichlummerte 
Und im füßen Traum fid) wiegte, 
Waͤhlte fih der Held im Walde, 
Den er grad’ duchhfchreiten mußte, . 
Einen Baum zum Wanderſtabe, 
Eine ſchöngewachſ'ne Fichte, 
Nicht die allergrößte zwar, 
Auch gerade nicht die Meinfte, 
Doch noch immer ohne Krone, 
Die er abgebrochen Hatte, 
Fünf und dreißig Ellen hoch, 
Zwei Fuß did am untern Ende. 
Angemefien feinem Träger 
Bar der Knittel wohl geeignet 
Gute Dienfte ihm zu leiften, 
Falls er angegriffen würde... : 
Und er ſchlug gleich einem Schwerte. 
Auch die biffigen Berfolger, 
Die den Helden überfielen, 
Diesmal fiegreich aus dem Felde. 
Denn es flärzten aus dem Didicht 
Plöglidy drei verruchte Buben 


Ztodafter Gefang. 

Auf den Schwerbeladnen los. 
Söhne waren’ von dem Baubrer, 
Keuerbränder aus der Hllle, 
Die der Vater aufgeftachelt 
Hinterrücks ihn anzufallen. 
Theild mit ſchlanken jungen Birken, 
Theild mit trodnen Fichtenflämmen 
Hieben fie in dichten Schlägen 
Unbarmberzig auf ihn em. 
Zwei der Mordgefellen. hatten 
Jeder eine lange Peitſche, 
Die von ftarfen Buchenholze 
An dem Ende ihrer Schnur 
Einen tücht’gen Mühfftein trug, 
Der den Hieben, die fie führten, 
Die gehör’ge Wucht erfheilte. 

Kalew's flarfer Sohn verfuchte 
In verföhnlich milder Weife 
Ahren mörderifchen Angriff 
Abzulenfen und bemerkte: 
„Haß und Feindfchaft ftört die Ruhe 
Und entzündet böfen Streit. 
Und ift nicht ein Ei im Frieden 
Beffer, als ein Huhn im Kriege? 
Wenn ich fonft mit meinem Schwerte 
Hier durch diefe Wälder flreifte, 
Sah ich niemals auch nur Einen 
Mich mit giftigen Biden .anfehn! 
Jeder von euch hockte ſtill 
In dem dichteſten Gebüſche 
Wie ein Krebs in ſeinem Neſte, 
Wie der Maulwurf unterm — 
Und es wagte feiner je : 
Auf der ‚Släche zu erſcheinen. 
Aber jeßt? pfui, fchämet euch! 
Unter'm Schutz der Daͤmmerung 
Und bedeckt vom Abenddunkel 
Treibt allein der boſe Feind 


70 


100 


110 


120 


140 


Jubilier Getong. 


Und der Höllenhund fein Weſen, 
Sieht bei nädt’ger Welle man 
Geiſter nur im Mondſchein hufchen. 
Feige Buben nur verfuchen 

Einen Menfchen anzupallen, 

Der kein Schwert an feiner Hüfte, 
Keinen Dolch im Gürtel trägt, 
Alte Weiber nur zn Dreien 
Hinterliſt'gem Rathe folgend 

Es mit Einem anzubinden! 

Nach der alten Kampfesweiſe 

Hält der Mann im Männerftreite 
Stets auf ’edle Manneswürde, 
Mag er fliegen oder nicht! « 

Doch des Zaubrers wilde Soͤhne 
Unter Bären aufgewachfen 
Liegen ihre Hiebe dennoch 
Auf des Kalewiden Raden 
Und auf feinen Rüden hageln, 

Bis der Stein von einer Peitſche 
Grade an die Stirn ibm fuhr 
Und die Augenbrauen ſtreifte. 

„Beinen folgt auf Laden immer, 
Auf das Kitzeln ſtets dad Kneifen! « 
Nief der Sohn des Autom an. 
Darauf fhwang er feinen Knittel 
Und verftattete demſelben, 

Sie gewaltig durchzublaͤnen. 

Doc der fpröde Fichtenknittel 
Hielt bei dem Gebrauch nicht auß, 
Sondern ging ſehr bald in Stüde, 
Die nad allen Seiten flogen. 

Um den Abgang zu erfegen, . 
Lieh er von dem Plamfenvorrath. 
Und ergriff die erfte befte, 

Die ihm dazu dienen mußte, 
In der Arbeit fortzufahren. 
Jeder Aushieb von Bedeusung, .. 


Zwölfter Gefang. 287 


Jeder Streich, der fruchten ſollte, 
Koſtete ein gutes Brett 
Auf dem wohlgetroffnen Rücken. 
So verſchwand von ſeiner Schulter 
Eine Planke nach der andern 
Und es gingen ißrer viele 
Bei der Arbeit auf den Lauf; ’ 
Doch des Zaubrers Soͤhne meihten 160 
Schlecht dabei gefahren ſein. 
Als der ſchoͤne Plankenvorrath 
Tüchtig abzunehmen ſchien 
Und bald all zu werden drohte: 
Drangen eifriger die Gegner 
Auf den Sohn des Kalew ein, 
Denn fie hatten alle Hoffnung, 
Bald entwaffnet ihn zu feben. 
Da vernahm zu rechter Zeit 
Kalew's Sohn aus dem Gefträppe 160 
Ein zarte, feine Stimme, . 
Die ihm ziemlich deutlich zurief: 
„Mit der Kante! wit der Kante! 
Lieber, theurer Sohn des Kalew!“ 
Kalew's Sohn begriff ſogleich, 
Was des Freundes Stimme wollte, Ä 
Und befolgte feinen Rath, 
Jede Planke alfo faſſend, 
Daß er nicht mit ihrer Flaͤche, 
Sondern mit der ſcharfen Kante 170 
Auf die jungen Zaubrer hieb. 
Da begab die Brut des. Zaubrers 
Unter lauten Wotfsgehenle 
Sporenftreihs fich auf die Flucht. 
Bären diefe wilden Buben 
Nicht Durch fletige Strapazen 
Tag und Nacht, bei Froſt und Hitze 
Und durch Bärlappräucherungen 
Tüchtig abgehärtet worden, 
Hätten fie der Zuͤchtigung Zu 180 


210 


\ 


BZodiſter Gefeng. 


Sicher unterliegen müfen: 
"Als der flarfe Sohn des Kalew 
Nach dem angeftcengten Kampfe 
Sich ein wenig ausgeruht, 
Rief er, nach dem Bufch fich wendend, 
Bo der Freund fich hören lafſen: 
„Sieb mir Auskunft, lieber Bruder, 
Männchen mit der feinen Stimme, 
Wer du bift, mein Guter, Lieber, 
Der mir guten Rath ertheilte, 
Als ih in der Klemme war!“ 
Männchen mit der feinen Stimme, 
Geiftbegabtes kleines Männchen, 
Schnell den Sinn erfafiend, ſagte: 
„Ich, ein Meines Maͤnnchen, war e8, 
3b, der arme nadte Igel, 
Der den Rath dir zugeflüftert, 
Dir den guten Rath gegeben.“ 
Kalew's ſtarker Sohn verftaud 
Jedes Wort and dem Gebüfche 
Und entgegnete der Stimme : 
„Tritt hervor, mein lieber Bruder, 
Aus dem Dickicht in das Freie! 
Laſſ in Frenndes Auge mic, 
Mich dein Liebes Antlig ſchauen! 
Dir für Freundesdienft verpflichtet 
Wil id deine Wangen fireichelm, 
Dir ein Wort des Dankes fagen.“ 
Darauf fprach der. Heine gel, 
Gab dem Helden diefz Antwort : 
„Kann nicht fommen aus dem Didicht, 
Kann nicht aus dem warmen Refte 
An der fühlen Abendbinft 
Das bethaute Gras betreten. 
Als der alte Weltenfchöpfer 
Ale Weſen ſchuf auf Erden, 
Ueberfah es feine Weisheit, 
Daß ich ohne Nod geblieben, 


Zwoͤlfter Geſang. 


Ohne wärmende Bekleidung. 

Wenn ich nacktes, ſchwaches Männchen 

MWagte aus dem warmen Nele 

An die freie Zuft zu treten, 

Würd’ ich ficherlich erſtarren, 

Würde mid) die Kälte tödten.“ 
Kalew's Sohn erwiderte.: 

„Höre, 

Armer & 

Komm wo: 

Daß i er, 

Einen Bet, 
z SER, 

Aus d ee — 

Nackt 

Daß \ v5 


Und a 


€ Koalew: 
„Du 
Guten Rath mir in der Noth, n. .. 
Halfft mir glüdlich aus der. Klemme... 
Mit der fcharfen Kante hauend 
Blieb ich. Sieger auf dem Platze 
Und mit Wolfögeheul entflohen —— 
Noch zu rechter Zeit die Buben. Eu 
Zur Bezeugung meines Dantes i 
Wil ih dir von meinem Pelze | 
Nur ein Meines Stüdchen ſchenken, 
Das auch etwas flachlig ift, 
Doc als Ueberwurf dir dienen 
Und auch dazu näßen wird, 


Künftig Braun und Sfegrim  - - | ' 5 


Dir vom Nefte fernzuhalten.« | 
Alfo fprach der Sohn des Kalew, 
Riß ein Stückchen aus dem Futter 
Seiner eigenen Bekleidung 
Und verehrte es dem Igel. 
Herzlich danlend nahm der Igel 
21 


270 


Zwoͤlſter Geſang. 


Das Geſchenk und hüͤllte fich 
Sorglich in die warme Decke; 
Doch das Stückchen war ſo klein, 
Daß es nur den Rücken deckte — 
Und zur Noth die beiden Seiten; 
Bauch und Füße blieben immer ; 
Unbededt noch wie zuvor. - 
Seit dem Borfall trägt der see 
Diefes dornbefegte Roͤckhen, ern 
Das ihm fihern Schub gewährt: A 
Denn wenn er fi Hiß zus Naſe— 
In daflelbe eingefugelt, - - - ee rn 
Haben weder: feine Feinde, a 
Roch der Froſt ihm etwas an. "-. "0. 0.1" 
Mit dem Pelze angethban . | 
Ging der Igel. nun. nach Hamfe, 
Um im Nefte auszuruhen. 
Auch‘ der Kalewsſohn nebachte 
Sept ein Plägchen aufzuſuchen, 
Bo er fi) ein Bett bereiten, - 
Wo er fih behaglich ſtrecken 
Und ein wenig vuhen Fönnte. J 
Doch ſo weit ſein Blick auch reihe, — 
Sah er rings umher nur Sumpf 
Und fein Plaͤtzchen troknen Bodens, 
Bo er hätte ſchlafen können. 
Um fi nım:ein Bett zumachen, 
Trug der flarfe Sohn des Halem 
Bon den weitentfernten Dünen 
Etwas trodnen Sand zufanmen, -» : > 
Den er auf den Boden: häufte, I 
Bo er Ruhe Halten: wollte. 
Doch bevor er fhhlafen ging, - - 
Wollte er den Hunger ftillen, 
Der nad) allen den Strapazen 
Sid) wohl geltend machen mußte: ei: 
Als er Deshalb mit der Hand 
In den tiefen Brotſack Sangte,- - 


h Da 


Zwoͤlfter Geſang. 291 


310 


320 


292 Zwoͤlſter Geſang. 


Stets das Schooßkind deiner Mutter! 
Wurdeſt wie ein Ei behandelt, 
Die am % 
Wie die $ 
Warſt ein 
An dem € 
Luſtig fang 
340 Jauchzteſt 
Trillerteſt 
Schnattert 
Warum m 
Pflaͤnzchen 
Böglein ui 
Gaͤnschen 
Wo die Q 
Winde kei 
Ungewohnt 
30 Nie geahn 
Raubten ? 
Unerwartel 
Bon des Zaubrers wilden Söhnen 
Ward ich völlig wirt im Kopfe 
Und verlor die Weberlegung, 
‚ Deun wie hätt? ich fonft vergeffen, 
Daß du in dem Brotfad ftedteft, 
Auf der Strömlingsfchachtel ſchliefſt! 
Bon den Knitteln meiner Feinde, 
360 Die mir nicht den Brotfad ſchonten, 
Wardſt du ganz gewiß erfchlagen!« 
Mit den eignen Händen grub 
Kalew's Sohn die- Gruft dem Todten — 
Am Moraft ein weiches Betihen — 
Und begrub den feinen Mann, 
Der entfchlummert war. auf immer, 
Dedte dann mit grünen Rafen 
Und mit weihen Moos den Hügel 
Und verpflanzte noch zuletzt, 
370 Um den Zodten recht zu ehren, 


Zwolfter Geſang. 298 


Selgen Jugendangedenkens 
Blau⸗ und Krahns⸗ und Sbelbrerſtiht 
Um das dtille Grab herum. 

Sept verfhob er es nicht länger 
Sid mit Speif’ und Trank zu flärfen' 
Und begab ſich dann zn Bett, 2 
Um in naͤchtlich friſcher Kühle | 
Seinem fumpfesmüden Leibe 
Nach des Tages Laft und Hike ' 
Die erfehnte Ruh zu gönnen. ° 330 
Bon der Stirne fanf der Schlaf 
Bald aud anf die Angenlider 
Und umftridte nah und nad 
Alle Glieder feines Leibes. 
Doch die Thätigleit der Seele 
Nahm der Schlummer nicht gefangen, 
Ließ er ungehindert walten ; 
Und dem Traume nur gelang es 
Die Gebilde feines Reiches, 
Die nur Trug und ZTänfhung waren, - 300 
Ihr als Wahrheit vorzugaufeln. | 
So erfchienen auch anf neue 
Die Ereigniffe von geftern 
Dem getrübten Seelenmuge 
In veränderter Gefkalt. 

In der abendlichen Kühle 
Sah er nody einmal den Kampf 
Mit des Zaubrers wilden Söhnen 
Auf das heftigfte entbrennen. 
Ihre unbarmherz’gen Hiebe 400 
Fühlte er zum zweitenmal e 
Und den Zorn darüber deppelt. - ' 
Dann erfihien das Leine Männchen, 
Wie e8 in der Schreckensnacht 
Bon den Salven zweie! Schlüfer 
Unter Pech⸗ und Scimwefeldünften 
Und betäubendem Gefradye 
Wie ein leichted Weberſchiffchen 


410 


420 


440 


gwoͤlſter Befang. 


Hin und her geworfen wird. 

Endlich ward vor feinen Augen 

Noch einmal der Raub des Schwerteg 
Bon dem Zauberer vollzogen, 

Wie fein edler Kampfgenofle 

Aus des Kaͤpabaches Fluthen 

Unter heilen Klagetönen 

Seiber ihm berichtet batte. 

Laffen wir die Truggebilde, 
Die der Traum dem Helden malte, 
In dem Haidelraut erblaffen 
Und fi in ihr Nichts verziehen 
Uud betrachten wir dagegen, 

Was fih nad bewährter Kunde 
In der Wirflichleit ereignet 
Und in Wahrheit zugetragen, 
Als der Held auf feinem Lager 
In des Zraumes. Fefleln lag! 

Kurze Zeit nur hatte fich 
Kalew's Sohn auf feinem Lager 
Nach den überftandnen Nöthen 
In der kühlen Nacht gedehnt, 

Als der Zauberer ſich felber 
Zu dem Schlafenden begab, 
Da er fonft ihm gegenüber 
Nur im Hinterhalte wirkte. 

Beipuszaubrer, weitberühmt 
Am Befprechen und Behexen, 
Mühte fi, den ftarfen Helden, 
Der in Schlafesfefleln lag, | 
Seiner Macht zu unterwerfen, 
*Ließ die Spange ſchwebend wirbeln 
Und fein Zauberſchiffchen fegeln 
Und den Rabenftein fi drehen 
Und behextes Farrenkraut 
Schwere Zauberwoͤrter tragen ; 
Miſchte dann zu gleichen Theifen 
Schlummerkraut und Ohnmashtblätter, 


m 


Zwoͤifter efimig. 


Band fie murmelnd in ein Bündel 

Und verftedte e8 zu Haͤnpten 

In das Bett des. Kalewiden: 

"Um mit allen diefen Mitteln 

Seinen Schlaf zu unterhalten. * 
Als der wörterfund’ge Sanubaee, 

Alles Diefed vorgerichtet 

Und die Hexerei vollzogen: 

Gab er eilig Ferfengeld 

Und entfloh fo ſchnell er konnte. . 
Nacht verging und Morgen folgte, 

Und es flocht der nächfte Abend 

Aus dem Morgen und dem Mittag 

Neue Nacht in richtiger Folge 

Nach der Ordnung der Natyr, —. 

Und der edle Sohn des Kalew 

Lag noch fehlafend auf dem Lager. 
Während Defien fam ans Bierland 

Eilig nach Fellin ein Bote, 

Den der Freund des Alewiden, 

Kalew's Heiner Hadenbube, 

Nach vorher erhaltner Weiſung 

Auf dem eingetretnen Pfade 

An das Peipusufer führte; 

Aber Niemand fand den Koͤnig, 

Niemand hatte ihn geſehn. | 
Nacht verging and Morgen fotgte 

Und es flocht der nächſte Abend 

Aus dem Morgen imd dem Mittag 

Neue Nacht in richt'ger Folge 

Nach der Ordnung der Ratın, 

Und die Tage und die Nächte. 

Wurden ebenfoviel Wochen: 

Und der edle Sohn des Kalew 

Lag noch fchlafend auf dem Lager. 
Eines fchönen Sommertages 

Mief ein heitres Inbelfeſt | 

Alles Boll im ganzen Lande. - ; 


470 


N 


510 


Zrodefler Belang. 


Zu Gefang und Spid und Shmaus ° 
Auf den Zaaraberg zufammen. = 
Auf des Embachs grünen Fluthen 

Glitten Schiffe aus dem Peipus 

Raſch dem Haine Taara's zu; 

Bolt aus Wierland und der Biel 

Und aus Jerwen und aus Harrien 

Nahte jubelnd fih und jauchzend; 

Doch von feinem König hatte 

Niemand nur em Wort gehixt, 

Niemand wußte, wo er weilte. 

Nacht verging und Morgen folgte 
Und es flodyt der nächfte Abend 
Aus dem Morgen und dem Mittag 
Neue Nacht in richt’ger Folge 
Nach der Ordnung der Natin 
Und die Tage und die Nächte 
Wurden ebenfovtel Monden: 

Und der edle Sohn des Kalew 
Lag noch fchlafend auf dem Lager, 
Lag im unglüdfel’gen Schlaf. 

Schon begann der Schmud des Sommers 

Auf den Fluren zu erbleichen, 

Und der edle Sohn des Kalew 

Zag, dem Zauber unterworfen, 
Immer noch in Schlummers Feſſeln, 
ALS ein kügnerifcher Traum 

So erfhütternd auf ihn wirkte, 

Daß der Bann im Ru zerbrach. 

Denn es ward im Traume ihm 
Zebt ein neues Schwert gefchmiedet, 
Das an Form und änßer'm Glanz 
Weit das erite überfitahlen, 

Beſſer noch gehärtet werden, 
Längre Dauer haben follte. 

Aber diefe Wunderwaffe 

Schuf der alte Meifter nicht, 
Nicht des, Bater Kalew’s Oheim. 


Zwoͤrſfter Belang. 


Heimlich ward das Schwert gefchmiedet 
In verborg’ner ftiller Werkſtatt 
Zief im Innerften des Felfens. 
In dem Mittelyunft der Erde 
Stand em Ihönbewahfner Hügel: 
Nicht der höchfte war's von allen, 
Aber auch der THeinfte nicht. 
Bis zur mittlern Wolkenhoͤhe 
Nagte fein umfränzter Gipfel 
Und die oft befprähten Seiten 
Dedte üppig gräiner Hafen. — 
In dem Innern dieſes Berges 
Hatten Ilmarine'ns Schüler, 
Meifter in der Schmiedefunft, 
Ihre Werkſtatt aufgerichtet. 
An der rechten Stelle prangte 
Der gewalt’ge Eichenklotz 
Mit dem Ambos in der Bitte, 
Den die fleißigen Gefellen 
Tag und Nacht erdröhnen ließen. 
Sieben tüchtige Gefellen 
Schmiedeten ans beftem Stahl, 
Wie man nirgend fonft ihn findet, 
Das bewundernswerthe Schwert, 
Eine Baffe ohne gleichen. 
In der rechten ſchwangen fie 
Kupferhämmer flink und rüftte, 
Borgeftahlt von Meifterbänden 
Zum Gebraud für ew'ge Zeiten 
Und mit geldnem Stiel verfehen, 
Während einer mit der Zange, 
Die von reinftem Silber war, 
Bald die Klinge in das Feuer, 
Bald fie auf den Ambos brachte. 
Bon erhöhtem Sig herab 
Schaute unterdeß der Meifter, 
Der betagte Ilmarine, 
Mit dem Zeuerblid der Jugend, 


570 


Zwoiſter Brfeng. 


Der aus.bufih'gen Brauen blibte, . 
Auf die Arbeit der Gefellen 
Und bemerkte jede. Wendung, 
Zählte jeden Hammerichlag. 

Ploͤtzlich ſchreitet ſcheu und zoͤgernd 
Durch die offenſteh'nde Thür 
Bleich ein Jüngling in die Schmiede, 
Nur die Kappe etwas lüftend, 
Ohne grüßend fich zu bᷣeugen 


Oder mit dem Kopf zu nicken. 


Blutbefledt war Hals und Brufl, - 
Blutbefledt der enge Leibrod, 
Tropfen Blutes, ſchon vertrodnet, 
Dedten Lippen, Stirn und Wangen. 
Sprady der fremde bleiche Jüngling, 
Sprad mit bittender Geberde: 
„Laßt und nicht den Stahl verfhwenden,. . 
Nicht das theure Kifen brauchen, 
Einen Mörder zu bewaffnen ! 
Kalew's ſtarker Sohn verkennt, 
Wenn der Zorn ihn überwältigt, 
Auch. den beften, treuften Freund, 
Toͤdtet felbft den Blutsverwandten. 
Auch den Meifter wird er morden, 
Der ihm jetzt die Klinge ſchmiedet! 
Hab’ ich's felber doch erfahren ! 
Ich und meine beiden Brüder 
Haben fieben Jahre lang 
Als Gebilfen unfers Vaters 
An dem Schwert für ihn gefchmiedet. 
Und wie hat er's uns gelohnt? 
Wie gedankt für unfre Mühe? — 
Sch, des Meifters ältiter Sohn, 
Der dem Bater ald Gehilfe 
Schon recht brav zur Seite Rand, _ 
Wurde in der Jugendblüthe 
Schmählih von ihm hingemordet. 
Alfo hat er und gelohnt, 


Zwoͤlſter Geſang. 


So gedankt für unſre Mühe I 
Schwer verlegt durch diefe Worte 

Wollte Kalew’s ſtarker Sohn 

Den Berleumder Lügen ftrafen 

Und zur rihr’gen Würdigung 

Gleich den Vorgang felbft erzählen ; 

Doch der Sohn des böfen Feindes 

Hielt ihn noch in feinen Krallen 

Und verfegte ihm den Athem, 

Gleich al8 wenn ihm Bergestaft 

Auf der Bruf gelegen hätte. 

Er verſuchte fih vom Banne, 

Der ihn fefthielt, zu befreien, 

Und mit folcher, Energie, 


Daß ihm Stirn und Wangen tropflen ; 


Doch er konnte ſich nicht rühren, 
Nicht einmal die Zunge regen. 
Nochmals firengte er fih an 

Alle Kraft zuſammennehmend, 
Gleich als wollt er Felfen fprengen 
Und zu Grus und Staub zerftüften. 

Wie die Windebraut Iosgelaffen 
Unter Blig und Donnerkrachen, 
Der die Felfen beben macht, 
Durch die Wogen raſt und wüthet, 
Fuhr der ftarfe Hann empor 
Mit dem Donnerworte: „Lügner !« 
Um den Züngling zu zerfchmettern, 
Der fo frevelhaft gelogen. 

Eben ging die Sonne auf. 
Purpurroth den Himmel fäumend 
Und vertrieb den dichten Rebel, 
Waͤhrend an dem Himmelsdome 
Die Geftirne fill erbleichten, 

Ruhe herrfchte rings umher 

Auf den faum erwachten Fluren, 
Die vom Morgenthaue glänzten. 
Diefer Anblid mußte ſchon 


610 


670 


Zwoͤfter Gefang. 


Kalew's edlem Sohn verrathen, 
Daß der Vorgang in der Schmiede 
Nur ein Traum gewefen war; 


‚Aber daß er fieben Wochen ° 


Wie im Todtenfchlaf gelegen, 
Blieb für jeßzt ihm noch verborgen. - 
Voͤllig aus dem Schlaf erwacht 
Streckte Kalew's Sohn die Füße 
Ueber's Bett hinans in's Gras, 
Sag ein Weilchen auf dem Rande 
Und verzehrte dann fein Fruͤhſtück, 
Eh? er auf den Weg fi machte. 


Bon den mitgebrachten Brettern 


Hand cr neben den zerbrachnen, 
Die zerftreut am Boden lagen, 
Nur fehr wenig ganze noch, 
Die der weiten, ſchweren Reife 
Niemals werth gewefen wiren. 
Sprach der Kalewsſohn fix ſich: 
„Es verlohnt ſich nicht der Mühe, 
Daß ich diefen Haufen Spliffer 
Noch nad Haufe tragen fol, 
Da fie nicht den Gang bezahlen. 
Lieber geh? ich auf der Stelle Ä 
Gleich von bier zurück nah Blesfan 
Und verforge mid) von neuem 
Mit den Bretten, die ich brandye,*, 
Als er den Entſchluß gefaßt, 
Mochte er nicht länger weiten, 
Sondern eilte rafch von bannen. 
Auf dem wohlbefannten Wege 


Wieder bis zum Ger gelamgt 


Drang ibm ſchon aus weiter Berne 
Eines Knaben Wehernf 

Laut und deutlich in die Ohren. 
Als er fih nach allen Seiten 

Auf der Fläche umgeichant, 

Sah er eine Heerde Sihafe 


% 


Zwoifter Gefahg 


Schwer von Iſegrim bedrängt 
Sich in einen Knäuel fammeln 
Und den armen Hirtenjungen 
Rathlos ſtehn und „Hiffe lv fehreien. 
Bald befand ein Xämmachen fi 
„gitternd in Des Welfes Rachen, 680 
Der e8 fi nad) feiner Weife 5 
Aus der Heerde ausgeſucht, 
Und das Lämmchen,. das der Hüter 
Oft im Bufen warın gebegt.: . Aa di 
Und aus feinem Mund gefüttert, — 
Schien dem Knaben ſchon werkoxen. u: 
Um den Schaden zu verhüfen, 
Warf der Held mit einem Steine . . . 
Nah) dem Kopfe Iſegrim's, a8 
Traf ihn und erlegte glücklich 600 
Den verruchten Lämmerdieb. 
So entkam das arme Lämmchen 
Und verbarg ſich in der Heerde. 
Kalew's gut geworfuer Stein, 
Nicht der größte feiner Gattung, 
Aber auch der Feinfte nicht, 
Bird ald Denkmal aufgehoben. . 
Nur für zwei Baar Mühlenſteine 
Würde er vollfommen reichen. _ 
Und die FZingerfpur am Rande | 700 
Einen Mann zur Noth verbergen, e .. 
Benn er nicht der größte wäre. 
An dem Peipusiirande brach 
Kalew aus in diefe Warte: 
„Wenn ich .ein’ge Baͤume fälle 
Und auf diefen weiten Flächen 
Steine mir zufammenlefe 
So viel als erforderlich, 
Könnt ich über diefe Pfüge- 
Leicht mir eine Brüde bauen.“ . 110 
Der Gedanfe ward zur That 
Und der Brüdenbau begonnen, . 


720 


740 


750 


Stötfter Geſang. 


Eine Doppelreihe Ballen 

Bildete den Grund des Baues 

Und die Steine obendrauf 

Sollten Fefigfeit ihm geben. 
Hundert Schritte war. die Brüde, 

Auch wohl taufend ſchon gewachfen, 

Reichte eine halbe Meile, 


. Eine ganze fat in's Waffer, 


Nur von Einer Hand gefertigt, 5 
Als ein Sturmwind fi erhob, 
Der mit jeder. Stande wahfend .'.' 
So den See zum Raten bradte, ' .- 
Wie fein Menſch noch je gejehn. 
Solhem Wellenandrang Lounte, - x 
Solhem Sturm das halbe Wert  . 
Nicht auf lange widerftehen. 1 
Krachend flürzte e8 zufammen, - 
Ward zermalmt-in taufend Stücke 
Und von den empörten Bellen 
Weggeſpült nach allen Seiten. 
Als der flarte Sohn. des Kalew 
Die Berwüftung angefehen, 
Sprach er ruhig: „Ei warum - 
Hab’ ich auch ‚auf folches Spieiuet“ 
Uunüß meine Zeit verwendet ! 
Giebts doch feiner Türzern Weg, . 
Als gerade durch das Waſſer, 
Durch das off'ne Wellenſpiel, 
Das ich mit der. Bretterladung 
Einmal ſchon durchſchritten habe ! 
Eh? er auf den Weg fih machte, 
Ging er etwas Krebfe fangen. 
Als er manche Handvoll ſchon 
In dem Querſack angeſammelt, 
Manche näher an dem Ufer 


"Auf den Rafen hingeworfen, 


Bar ein Häuflein angewarhfen, : 
Daran drei .der ſtaͤtkſten Maͤnner 


Zwoͤlſter Geſang. 


Wohl genug zu tragen haͤtten. 


Hierauf nahm er ein paar Balken, 


Blies ein tücht'ges Feuer am, 

Warf von den gefangnen Krebſen 
Ein’ge Handvoll an das Feuer, 

Um ein wenig fle zu röften, 

Und befriedigte damit 

Für das erfte feinen Hunger. 

Nah der Mahlzeit trat er Tuftig 

Seine Reife dur die Wellen- 

Nach dem Ufer jenfetts an. | 

Während er des Weges geht, 

Wo ihm feine Spufgeflälten, 

Keines Feindes Fallen drohen, 

Laßt uns den Berichten laufchen, 

Die aus andern Wiefen fommen! 


Wenn ic goldne Marchen fingen, 


Silberne erzählen fol, 
Wend’ ih mid) zum Peipusftrande, 
* Dort begegnen überall 
Sie zu Dugenden dem Band’rer, 
Die Gefchichten aus der. Vorzeit 
Und die Lieder alter Sänger. 

An dem Beipusftrande ward 
Am Gefinde eines Wirthen, 
Dee im Ueberfluffe lebte, 
Ein verwaifter Hirtenfnabe 
Unter firenger Zucht gehalten. 
Nicht der Wirthin Schäfchen nur, 
Sondern Ziegen auch und Rinder 
Hatte täglich er zu hüten. 

Und das Hüten war nicht Teiht 
Auf den ausgedehnten Triften, 
Denn das Vieh zerfiveite ſich 
Groß und Klein in. allen Wäldern 
Und bededte ‚weite Flächen; 
Doc verfah der Hirtenfnabe 


760 


770 


303 


304 


70 


810 


Zwoͤlſter Gefang. 


Seinen ſchweren Dienſt wit Cifer, 
Ob ihn gleich der Geiz der Wirthin 
Nur in Lumpen fleidete, 

‚Der vermaifte Hirteuknabe 
Klagte wie der goldne Kuduf 
Seinen Schmerz den Erlenbüfcken 
Und den Birken feinen Kummer 
Und den Espen feine Roth. 
„O ich armes Kind,“ fo, fang er, 
„Ich verwaifter Keiner Sinabe, ——— 
Den fein Vater ſchützt und, leitet, 

Keine Mutter liebt und. pfleggggggg 
Dem fein Bruderherz ſich anfchließt,. .: ii 
Keine Schweſterbruſt ſich äffnd, 
Den kein Blutguermandter lt . -.: : . 
Und kein Näcfter liebreich tröflt! - . 
Meine Mutter ging in’d Grab 

Und ihr folgke bald mein Vater, 

In dem Kriege fam der Bruder, 

An der Peſt die. Schweiter um. Tr 
Krankheit, Elend, Noth und Aummer 


“ne 


Hafften alle Anverwandten -. 


Einen nad) dem andern bin. , 
Ich allein ward anfbehalten, 
Alle Noth und alles Elend 
Harter Dienftbarkeit zu leiden!“ 
Auf dem Steine, auf dem Baumſtumpf, 
Auf dem Himpel, auf dem Raſen, 
Wo der arme Hirtenfaabe 
Jemals in der Hütung faß, 
Zönien feine Klagelieder. 
Wenn er fo in feiner Weiſe 
Seinem Herzen Luft gemacht, 
Trug er leichter feine Leiden. 
„Heftig”, fang er, „iſt der Wirth, 
Uebertrieben fireng die. Birthin, 
Und die Kinder, Sohn und Zobtn, : . 
Sehn mich mit Verachtung an. : 


Ztodifter Geſang. 


AM 


305 


306 


Zwoͤlfter Geſang. 


Auf dem Steine, auf dem Baumſtumpf, 
Auf dem Himpel, auf dem Raſen, 
Bo fein müder Fuß nur weilte, 
Sang der arme Hirtenknabe 
Unter Thränen diefed Lied: 
„Stets verachtet wird der Sklave, 
Nie gefhont der Waifentnabe | 
Kummer wacht an feinem Lager,. 
Sei ed nun am warmen Ofen, 
Dder in der falten Scheune. 


Traͤgt man aus der Thür die Mutter, 


Flieht die Liebe aus dem Fenſter, 

Wird die Todte weggebracht, 

Irrt die Liebe längs dem Zaune 

Und verfinkt zuletzt im Sumpf; 

Wird der Mutter Grab gegraben, 

Weilt die Liebe noch dabei, 

Wird die Mutter eingefenkt, 

Sinft fie mit in's Grab hinunter.“ 
Auf dem Steine, auf dem Baumſtumpf, 

Auf dem Himpel, auf dem Raſen, 

Wo ſein müder Fuß nur weilte, 

Sang der arme Hirtenknabe 

Unter Thraͤnen diefes Lied: 


Mur das kleinſte von den Broten, 


Und auch das aus Kaff gebacken, 

Oder trockne Rinden nur 

Hat der Hirtenknab' im Brotſack. 

Daran muß das arme Kind 

Einzig ſeinen Hunger ſtillen! 

Halme weh'n ihm in den Zähnen, 

In dem Schlunde fragt der Kaff 

Und die Spreu ihm auf der Zunge.” | 
Auf dem Steine, auf dem Baumflumpf, 

Auf dem Himpel, auf dem Raſen Be 

Tönt des Hirtenknaben Lied, 

Schwellen Seufzer feinen Bufen. 
Waldesjungftau, zart und fein, 


Zwoͤafter Befang. 


Nebellönigs einz'ge Tochter, 

Hörte einft den Hirtenknaben 

Seine Trauerlieder fingen 

Und beſchloß im Liebeödrange 

Bohlzuthun dem armen Rinde, 

Seinem Elend «bzubelfen 

Und die Thränen ihm zu trocknen. 
Abends, eh’ der Thau gefallen, - 

Sang fie von der Eiche Wipfel, 

Aus der dichten Blätterkrone: 

„Beine nicht, mein liches Kind, 

Zraure nicht, o Waiſenknabe! 

Wenn du vor der Dämmerung, 

Frühe noch vor Tages Anbruch 

Deine Heerde treibft zur Weide, 

Wirft Du anf dem Wege Glück, 

Freude auf der Bichtrift. Anden. 

Stel? den Zund in deinen Bufen, 

Zaf ihn warm am Herzen liegen: 

Das wird einft Dis Bontheil bringen, 

Später dir zum GbiE gereichen.« 
As der Hirtentnabe num 

Andern Morgens früh wor Tage 

Seine Heerde ausgetriehen: 

Sand er etwas auf dem Wege? 

3a, er fand ein Lercheuei 

Unterm Blatt des Fraueumantels. 

Eingedent der guten Weiſung 

Aus der Eiche Blaͤtterkrone 

Nahm's der arme Wnifenfnabe 

Släubig von der Erde auf, 

Schlug es, eingehüllt in Wolle, 

In ein Leinenläppehen ein 

Und verbarg’8 in feinem Bufen, 

Daß es warm am Herzen läge. 
Ward auch etwas aus dem Ei? 

Ja, ed ward ein Saͤugethierchen, 

Ward ein Meines Mänschen draus: 

22* 


910 - 


970 


Zwoͤtſter Befang. 


Knäblein fhlug das Mäuschen IR 
Eingehüllt in weiche Wolle, 
An ein LReinenläppchen ein 
Und verbarg’s in feinen Bufen, 
Daß ed warm am Herzen läge. - 
Ward aud etwas aus dem UN; 
Das am warmen Herzen rıthte? 
Sa, es ward ein Kätzchen drans. 
Knäblein widelte das Kaͤtzchen, 
Eingehült in weiche Wolle, 
In ein Leinentäclein ein 
Und verbarg’s in feinem Bufen, 
Daß ed warm am Herzen läge. — 
Ward auch etwas aus dem Rip, . 
Etwas Befleres daraus? . 
Aus dem KHäpchen ward ein Hündchen, I 
Ward ein fleines nettes Hündchen. 
Knäblein widelte das Hündchen 
In ein Leinentächlein ein 
Und verbarg’s: in feinem Bufen, 
Daß e8 warn am Herzen läge. 
Ward auch etwas aus dem en! 
Etwas Befleres daran? Ä 
Sa, ed ward ein Lämmchen raus / " 
Und das Lämmchen ward ein: Scyäfben ° 
Mit der fchönften weißen Wolle. 
Nun verſtummten auch die Klagen, 
Horte auch das Weinen anf 
Auf den Zluren und im Walde! 
Denn die Waife fühlt fi gucklich, 
Glücklich in der Dienftbarkeit. - 
Ob auch vieles Ungemach 
Täglich auf dem Sklaven laftet: 
Er erträgt geduldig Alles | 
Um des weißen. Schäfhens willen: 
Iſt er völlig andgefähnt.- 
Deshalb hielt der ame Hit: =. 
Auch fein Schäfchen werth und theuer, :- 


Zwoͤlſter Befang. 


Theuer wie das Aug’ im Kopfe, 
Und bededte e8 mit Sorgfalt, 
Wenn der Regen niederftrömte, 
Wenn der Froft ihn überrafchte, * 


309 


10 


Breisehnter Gefang. 


— —— — — 


Dormate ließ ich gern mich laut 
Auf des Dorfes Anger hören, 
War der erfte, wo es galt, 

Neue Weiſen zu erfinden 


Oder lieben alten Weiſen 


Neue Worte anzupafien. 

Oftmals fang ich ganz allein, 

Oft mit andern um die Wette, 

Die aus fremden Dörfern waren, 

Sang, daß froh die Felfen hüpften, 

Zaut die Wälder wiederhallten, 

Sich die Meereswogen bäumten, 

Dunkle Wolken frachend barften 

Und der Sturm erfchroden fchwieg. 
Doch ſchon längft war ich ermüdet, 

Raub und klanglos meine Stimme, 

Eingefunfen meine Bruft, 

Ungelen? zum Spiel die Finger. 


War gealtert mit der Zeit, 


War ein ſchwacher Greis geworden! 
Sieh’, zum Preis des Kalewiden 

Kehrte meine Jugend wieder, 

Kam die fchöne Zeit zurüd, 

Da ich noch ein goldner Kuckuk, 

Noch ein fangesreihes VBöglein 

Meine Lieder in der Koppel, 

Auf der Zlur erfchallen ließ! 
Schon feit Jahren weih' ich diefem 


Rreehubr Gang. 


Meine Kehle und meiu Herz, 
Suche nad den fchönften Worten, 
Zaufche mit neh ſchoͤnern Diefe, 
Drdne alle zu Gedanken 
Und verflechte fie in Eins. * 
Als der ſtarke Sohn des Kalew 
Mit der legten Zagesreife 
Seinen Weg beendigt hatte, 
Zangte er vor Abend zeitig 
An der Schlummerflätte an, - 
Bo man ihm fein Schwert geſtohlen. 
Eh’ er von der Reife müde 
Ruhe auf dem Lager fuchte, 
Nahm er einen guten Imbiß 
Ungeflört und unbehelligt 
Bon Des Zaubrers lieben Söhnen. 
Diefe mochten am den Beulen, 
Die fle neulich fih geholt, 
Roch genug zu pflaftern haben! 
Andern Morgens in der Frühe, 
Ch’ es noch im Oſten graute, 
Sprang der Held von feinem Lager, 
Um die Reife fortzufeßen. 
Den gewohnten Pfad verlaffend 
Bing er auf's gerathewohl 
Diesmal feines Weges weiter, 
Bald durch unwegfame Sünpfe, : 
Nur von Ifegrim betreten, 
Bald durch dichtbeftandne Wälder 
Eilte fat im raſchen Trabe 
Kalem’s Sohn nach Wierland zu. 


Bei den Schritten, die er machte, | 


Schwanden dem. beind’uen Manne 
Unbemerkt die langen Meilen, 
Da er bis zum Abend ging, 
Ohne einmal audzuruben. 

Erft beim Untergang der Sonne 
Warf er feine Bretterfadung 


311 


3i2 


70 


100 


Drayfhıter Belang. 


Unter einem Bufche nfeder,. 

Lie die müden Schultern ruhen, 
Nahm zur Staͤrkang aus. dem nr 
Eine gute Mahlzeit ein, 

Labte fih aus feinem Faͤßchen 

Und begann jur Nacht ein Lager :.: 


Auf der Ebne zu bereiten, 3, m 


Dazu trug er von der Düne 

Soviel trodnen Sand —— — 
Als zum Lager nöthig war. E 
Ald er mit dem legten Schobßvoll 
Nach der Lagerſtelle eilte, 
Ward ein wenig Sand verſchüttet, 
Sp daß an den Rand des Lager® 
Sichtbar eine Lücke blieb. — 


Wenig Schritte weit vom Lager— 


Iſt noch jeßt als Meiner Hügel 
Sene Handvoll Sand zu fehen, 


Die ihm ans dem Schooß geriefelt.." 
In dem Schooß der ftillen Nackt. 


Die ein Fühler Than erfrifäte, 
Ruhte Kalew's Edler Sproͤßling 


: Bon des Tages Mühen and, ** 


Freundlich ſah der Abendftern, 

Sah vom Himmelsdom Orion 

Auf den Schlafenden herab 

Und der bleiche Mond verwektte 
Wahrend an des Helden Lager, -  . ir 


*1 * 


Ha 


Bis der erſte Morgenfchimmer : : ° .  - 


Ihn zu neuer Arbeit wedte, 

Als er fchon Bereit zur Reife = 
Einen Morgenimbiß nahm, — 
Sprach vom Gipfel einer Tanne 


Eine Elfter, die dort fh: 7 >> 


Und fi ihr Gefieder pußte, ° 
Zu dem Sohn des Kälew alſo: 
* „Wenn du wüßteſt, ſtarker Mann, 


Dir es lebhaft denken könnkeſt u; 


* 
ı 5 


Drtzehnier :Befanp. 


Dder zum Bewtßtfein bringen. ° 

Was im Schlaf dir widerfahten, - ".. 
MWürdeft aus dem Meeresgrunde ae 

Dder von entfernter Infel 

Du das Holy zufanmenbringen | 

Und dir einen Wagen zimmern, . ..: "110 
Mürdeft aus den ftürkften Aeſten 5. 
Mäder dir und Adhfen bauen ", 
Und den Wagen dir befpannen 2 

Mit den Goldfnchs und dem Grauen — 

Und mit zwei Kaſtanienbraunen 

Und dazu mit zweien Schimmeln, .. 

Wie's des Könige Würde fordert. 

Wer zu Fuß gebt, braucht viel Zeit; 

Findet ſtets zu lang: Die Wege, | 

Die Entfernungen zu groß! 4180 
Schmerzlich warten deine Fremde, 


313 


Traurig fragen fie einander:- - - .”% er 


Wo ift uufer guter König d 

Iſt ihm etwas widerfahren, S 

Was ihn an dev. Rüdtehr hindert? . 2 
Drum beflügle deine Schritte 

Und verweile hier nicht länger ! — 

Gold und Silber. folgt dem Wadern, © 

Der nicht geizt mit feinen Schritten; - 2: 

Wer bat Gold wohl ohne Mühe, . : .: : 130 
Silber wohl im Schlaf gefunden ?. 


Aber wer den Gang nicht fcheute, se 2 it 
Giebt dem Brader ſeidne Kleider, - ° : 
Giebt der Schweſter Silberperien, . . + 


Hat für Ale Gold die Fülle! 

„Wenn du wüßte, ſtarker Man, 
Dir es lebhaft denken Lönnteft '. 
Dder zum Bemwußfein bringen: 
Wie ein Gang dir Gold erwärbe, .  -: " 
Silber dir ein Sprung vechäfe? 140 
Hei, wie würdet du dich tummdn . : 
Und im Flug nad Haufe eilm! / * . n wi 


wu 


314 Dreigepnier Gefeng. 


Durch des Zaubrerd Wort gebunden, 
Durch fein Schlaffrant eingelullt, 
Durch den Thymian gefeflelt 
Bliebſt du ungebührlich lange 
In des Schlummerd Armen liegen, — 
.  Schliefft du ganzer fieben Wochen, 
, he du vom Schlaf erwachteft. 
150 Morgenftunde weht das Glüd, 
Gold erwirbt die Mittageftunde, 
Silber noch der jpäte Abend, — 
Nur die Nacht ift unglädbringend.“ * 
Alles, was die Eifer fagte, 
Was der Buntrock offenbarte, 
Spornte ihn zur Eile an. 
Flugs belud er feine Schultern 
Und begann in Meilenſchritten 
Durch den dichten Wald zu brechen 
160 Und die Flächen zu durchmeflen. 
Als er fo in Sturmesfchritten 
Weite Streden ſchon durchflogen, 
Die kein Hindernib ihm boten, 
Nirgend feine Schritte hemmten, 
Kam er an den Wetterfee. 
An dem Ufer Rebend. ſprach er: 
„Sol ich wegen dieſer Pfüge 
Etwa einen Umweg machen, 
. Meine tbeure Zeit verweilen ? 
170 Bin ich glüdlich Durch den Beipus, 
Ya durch's Finnenmeer gelummen: 
Ei was fol ich hier denn fürchten? 
erde hoffentlich die Pfüge 
Auch noch überwinden Tönnen !« 
Ohne lang? fih zu bedenten 
Trat er von dem .Uferrande 
Mit dem Fuße in das Waſſer; 
Doc ſchon bei dem dritten Schritte, 
Den er watend vorwärts machte, 
180 Stieg das Wafler bis zur Schulter 


Derhzehuter Orfang. 
Und verfprach dem riefgen Manne 
Auch die Nafe noch zu negen. 
Kalew's ſtarker Sohn verweilte 
Einen kurzen Augenblick, 
Boll Verwundrung ftehen bleibend. 
Endlich rief er aͤrgerlich: 
„Seht mir doch die Hezenpfüße, 
. Diefes ſchwarze Strebsloh an! 
Kaum bis an die Hüften reichemd 
Drang im Bellenipiele nur | 190 
Mir der Peipus bis zum Nabel; i 
Und du unverfhämtes Ding 
Reichſt mir fchon bis an die Schulter, 
Drohſt den Hals mir naß zu machen !* 
Alfo fprechend watete 
Kalew’3 Sohn zurüd an’s Ufer 
Und beftieg den trodnen Boden. 
Hier ein wenig flehen bleibend 
Scüttelte er Schlamm und WBafler 
Bon den langen Beinen ab, 200 
Eh’ er auf dem feften Lande 3 
Weiter feinen Weg verfolgte. 
Glühend Hrannte ihm die Sonte 
Um die heiße Mittagszeit 
Auf den Kopf und in den NRaden, 
Daß er faft verfhmadhten wollte ; 
Doch er hemmte feine Schritte 
Deshalb Feinen Augenblick, 
Eingedent der ernſten Mahnung, 
Die der Buntrod ihm gegeben. 210 
Als er ziemlich weit gegmgen: 
Ward er da nicht aufgehalten? 
Stieg ihm nichts Befondres auf? 
Ja es war ein altes Weibchen, 
. Mit dem Zanderer verwandt 
Und in feiner Kunft erfahren. 
Sigend fand er fie im Strauche 
Als fie fingend Zanberwörter, 


315 


316 


Dreisehnter Gefaug. 


Die den Schmerz benehmen follten 
Und den Biß der Schlange Heilen, .. 
Schmetternd in Die Lüfte ſandte. 
Mörter waren’, die ganz fiher . . 
Sedesmal das Uebel bannten. 

An demfelben Straudhe hemmte 
Kalew's Sprößling feinen Schritt, 


Um ein wenig auszuruhen a a 


Und dem Weihe zuguhören. 
Wörterfundig ließ die Here... 


Aus dem Strauch fih fo vernehmen: - 


„Welche Zarbe, liebes Lenchen ? 
Höre, höre, liebes Lenchen, 
Hohe Hetrfcherin des Sumpfes, 


Stolze Frau des Flieſenbruches, 


Dürren Rafend gone Herrin! . - 
Sol ich nicht Herams Dich finden? - . 
Hafelfarben, blawbeerfarben, 
Eideraugenfchillerfarben, 

Pfübenfarben, rafenfarben, . 

Hügelfarben, fichteufarben, . “a 
Wiefenfarben, baidefarben, os 
Buntes Weibchen hinterm Steime, 


Jungfrau aus dem Haſelbuſchee 


Nimm die Schmerzen ab dem Rranln, .‘ 
Bringe fein Geſchwür zum Aufbruch! ;- 


„Schwarze Schlange, moderfarben, 


Leichenfarbne Mottenmade ! 
Giebt's nicht Holz genug zu beißen, 
Weidenrinde anzımagen, . 

Daß nad Menfchen dich verlange, 
Sie dein gift’ger Zahn — 
Ad wie gerne banme ich = 
Did für immer in das. Didicht! 


„Komm' durch's Bad den Biß zu. heilen, 


- Komm’ die Wunden auszubrennen 


Und der Zähne Spur zu tilgen! --- 
Wirſt ja wohl die Stelle, fenpen,.....: : 


Dreizehnier ‚Belang. 817 


Wo dein Zahn in's Fleiſch gedrungen --. 
Wo dein Geifer ſich ergoflen, Ya: Bas 
Wo dein Zimglein. aungefpilt!  — :. 

„Glaube mir, ich femme dich, 20 
Dich und deine ganze Sippſchaft: 
Wo du her bift, wie entflanden, 
Weldye Dinge ſich vereinten 
. Heimlich dich, hervorzubringen. 
Sieh’, ich kenne ganz gman ; — 
Deine Herkunft und dein Weſen: 
Aus dem Dünger ſtaͤmmſt du her, 
Aus dem unnennbaren Saufen, SE 
Bit mit Kröten nah verwandt Se  . 
Und verbrachteft unten. dien, -- ' 270 
An verdumpfter, fenchter Zuft: Baba! —— ’ 
Und im Viehſtall deine Ingei. u 
Zuft nur war es, was der Schöpfer 
Dir ald Seele eingehaucht: er 
Daber deine Meiſeuaugen. 17 3: 
Deine Zunge fauftf ik in 
Bon der Spige einer Lanze,, 1. 
Deine Zähne von der Steeitart; 
Striefenfarben ift dein: Rod En Ä 
Und dein Köpfchen. weidenfarben. 02240 
Du bift grants und zwgelfncben, . - 2: 
Haidekrauts und. uienfuben:; : . ..  ı 
Aber wärft du farblos auch, rg Re 
Himmels, wolfens, fternenfarben : - » 
Dennoch würd ich Dich. eriennen, : ' 
Würdeſt du mir nicht entkommen! 
Läg'ſt du platt auch unter'm Steine 
Dder unter'm Stumpf geringelt, . 
Ober wälztef: du: in Bögen ’ 
Spielend. dich auf grüner Watte, .220 
Oder fänd' ih dich am Steine - . . . :: 
Oder im Geftrüpp ind Dickicht: En ae 
Immer wärft du mir verfallen!:.. "©... m, 
Seift du nah? mir oder fan, ..: 5. 2 


318 Dretzehuter Geſaug. 


Nie entgehſt du meiner Mache, 
Zollesbolle! polleswolle! - 
Nimm Das bin, du haſt's verdient! 
Glattes Zünglein, Kopf vn Wolle, 
Beide Kieferpaare Wolle. Ä 
300 Mögen alle deine Zaͤhne, 
Alle fünf von Wolle. fein, 
Wollen Zünglein, wollen Huͤtchen, 
Wollen auch der gange Leib I« * 
Als der : le Sohn det Kalew 
Die geheime Zauberformel . 
Gegen Schlangenbiß gelernt, 
Ging er feines Weges weiter, 
Auf das ernſtlichſte beſliſſen, 
Bad in Wierland einzutreffen. 
310 In dem Schetien eines Waldes. 
Bolt’ er Mittagsenbe halten. . 
Und bereitete ein Lager 
Aus den Bäumen dieſes Waldes. 
Unter. feinen ſtarken Häuden 
Kielen Fichten, brachen Tannen, 
Beugten fi die ſtaͤrkſten Eichen 
Und die hoͤchſten Ebereſchen 
Neben laubgekroͤnten Linden 
Und gewährten Hug geſchichtet 
320 Sp dem müden Wandersamanne 
Ein bequemes Polfterlager, 
Wo er mit Behaglichkeit 
Nah genomm’ner Mahlgzeit ruhte. 
Als er in der Mittagſhitze 
Auf dem Lager außgerubt, 
Lud er fi fein Beetierfuder 
Wieder auf und ging von Pannen. 
Bon der großen Straße bog er 
Lints zum Endlafee Hinumter 
330 Und verfolgte dann Den Weg 
In gerader Richtung weiter. . 


Schon begann die Kebe Sonne. er 


Dreigehnter Gefang. 


Unter langgedehnten Schatten 
Feuerroth binabzufinfen 

Und die frifhe Abendkühle 
Kalew's Stirne zum umfähen, 
Als der Wandersmann von weiten 
Hinter einen Meinen Hügel 

Rauch zum Himmel fleigen fah, 
Der von einem Küttiöbrande 

Dder Koblenmeiller ſtammend 
Schwarz den Himmelsrand umfänmte. 
Kalew's Sohn ereitte bald 

Senen Hügel und gewahrte 

Dicht dabei den däftern Eingang 
Einer fchauerlichen Höhle, 

Wo ein flarkes Feier brannte, 
Dem der finftre Rauch eniftieg, 
Und an ſchweren Eifenfetten 

Ein gewaltiger Keſſel hing 

Grade in des Eingangs Rite. 
In dem Schein des Feuer boden 
Bon dem Rauche ſtark gefhwärgt 
Drei Geftalten um den Keſſel, 
Die das Feuer emfig fehürten 


Und den Schaum vom Steffel fchöpften. 


Bon der Reife müde ftellte 
Sich der ſtarke Maun an’s Feuer 
Alfo bei fih felber ſprechend: 

„Ei wie glücklich, daß ich heute 
Ein fo gutes Unterfommen 
Und ein warmes Eflen finde, 

Das ich lang’ entbehren müflen !» 
: Grinſend ziſchelten die Buben 
Einer in des andern Ohren 
Hin und her den Fremden muſternd, 
Der ſo wunderlich erſchien, 
Uebermenſchlich rieſengroß 
Und mit Brettern ſchwer beladen. 

Kalew's edler Riefen ſprßling 


370 


317 


33 


‚Deeizehnter. Gefong. 


Warf die Bretter. von den Schultern, . 
Trat den Burfchen etwas näher: 
Und begann mit diefen Worten: ;. 
* Welche Speife, lieben. Leute, 
Wird denn hier gelocht im Keſſel? 
Habt wohl große Zeitlichleiten,. :.. - 
Eine Hochzeit wohl zu felem ?- 

- Drauf erwiderten die Burſchen, 
Die dort um das Feuer boden: . - .°; 
„Diefer Keſſel ganz allein, > ee 
Kocht die wunderbarke. Speiſe: : 
Eſſen für den Vater Rückwärts, I 
Speife für die Mutter Strotzig on 
Und die Töchter Striellopf, : ..ı . > 
Luſt'ge Suppe fin Berwandte. 17,0. 
Wird bei uns ein Be gefeit : - .. ©. 
Und ein Gaftmahl ausgerichhet. 4... 
Schlachtet man den größten Ochſen, — 
Der ſich in der Heerde findet. Pt 
Hundert Schlaͤtchter tödten ihn, . TS 9. 
Fünfmal hundert zapfen Bit,  :..:.. 


1 
a" win . 


. Zaufend reinigen den Ochfen. , me 


„Aber heute kocht dev Meflel :.. -.: ..% 
Einfach für die armen Leute 9... 
Nur ein halbes. Eimnthier, : ns; ". 
Eines alten Ebers Rippen, . nn 
Lung' und Leber eines Bären, 
Nierenfett vom jungen Wolfe, 

Eines alten Bären Schwarte ee 
Und ein Ei vom Adlerneſte. 3 aml! 


Hierven fpeift ber Höllenvaterrr 
Mit der Höllemmutter etwad,: 27 

Aus des Kefield Boden ſchöpft manı « : 17 
Für den Hund umd für die Hapt,. . , -\ 
In die Ueberbleibfel: tbeilen .. : u. .: 1. - 
Sich die Köche mit den Knechten. u !; 


Für die blonden Plegetöchter..- :..:-" :.... z'‘ 
Wird befondersiabgelogt,:. ' , "m, 


 Drelpehnter Gefäng. 321 
Backt die alte Pflegemutter u 


Kuchen an dem Höllenfeuer. 40 

"* 

halew: 

420 

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— 
Darum weiſet, lieben Freunde, 
Mid zu eurem Wirthen hin, j 
In das Haus des Bater Rüdmärts, 
Bo die Mutter Strogig wohnt a: 
Mit den Zöchtern Strudelfopf! - ©" - 
Auch in rauher Schote ſtecken — 
23 


Orehehater Befangr 


Süße Bohnen gar nicht felten 
Und ich fand in harter Schale 
Manchmal einen. weichen Kem.« 
Spoͤttiſch ſprachen die Gejelem; : 
Die den Keſſel hüteten: 
„Willſt du unfern Wirthen ſuchen 
In der eigenen Behauſung, I 
Sieh' dich vor, mein lieber Freund! 
Halte brav die Augen offen, 
Daß du nicht den Weg verfehleſt, 
Nicht die rechte Spur verlierſt. 
Manche Maus fam in die Falle, 
Aber nicht ſo leicht Herand,“ _ 
Kalew's Sohn entgegnete: 
„Einen rechten Mann vermögen. . 
Hinderniffe nicht zu [hreden! | 
Und verliert er auch deu Weg, 
Bahnt er flugd fich einen neuen,“ 
Darauf fprachen Die Gefellen 
Ihm den Weg zur Höhle zeigend: - 
„Sieh’, dort fteht der Eingang offen 
Zu der Wohnung unſers Wirthen. 
In dem Dunkeln Gang. der Höhle - 
Mußt du dich ein wenig büden, 
Bis du an den Punft gekommen, 
Wo man jäh hinunterrutſcht. 
Mit den Händen tappend finder 
Du dann leicht die Stubenthür.“ 


Kalew's Sohn betrat die Höhle . | 


Uud durchbrach den finftern Gang, - . 
Ohne lang’ fih zu befinnen, 
Theils gebüdt bis auf den Boden, 


Theils auf allen Vieren kriechend. 


Während Deffen fprachen arinfend 
Unter fih die Kefielhüter: 
„Diefer Bär füllt in die Grube, 
Diefer Löwe in dad Netz, 5 
u fein Fell umfonft zu Malie !n ’ 


Einfaı 
Sipt 


Dreigehnter Befang. 


23" 


810 


354 Drelgehnter Veſang. 
Emſig um die Sitderfpufen 


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Drehzehnter @rfang. 


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610 


Dreigehnter Gefang. 


Denn der Winter war entwichen 
Und die Felder grünten wieder. 
Band ich da nicht unerwartet 
Etwas in dem Erlenwäldchen ? 
Vier der ſchoͤnſten Jungfraun warene, 
Die im Walde Blumen pflüdten, 
Zweige von den Bäumen bradden 

Und fih an den Raſen ſchmiegten, 
Zarte, roſige Blondinen 

Mit den feinſten ſchwarzen Brauen. 
Schüchtern ſtand ic) in der Ferne, 
Wagte ihnen nicht zu nahen. 

Traurig Tehrt? ich aus dem Walde, | 
Weinend heim vor unfre Thür. 

Zragte mich beforgt der Vater, 

Fragte Ängftlich mich die Mutter: 
Barum weinft du, Tiebet Sohn? 

Bi im Wonnemond fo traurig? 

Muß wohl weinen, lieber Vater, 
Muß wohl trauern, theure Mutter! 
Bing in's Freie zu luftwandeln, 

Mid im Walde unzufehen. 

Fand ich da nicht unerwartet 

Etwas in dem Erlenwäldchen ? 

Dier der fchönften Jungfraun waren’s, 
Die im Walde Blumen pflüdten, 
Zweige von den Bäumen brachen 

Und ſich an den Raſen ſchmiegten, 
Zarte, rofige Blondinen 

Mit den feinſten ſchwarzen Brauen! 


ESchüchtern ſtand ich in der Ferne, 


Wagte ihnen nicht a! 

Traurig kehrt' ich em 
„Sprach der ' ich zu teöften‘ 

„Fürchte nichts, ı er Sohn! 

Soll mein Bogen fangen, 

Schon mein fichrer e treffen! hi, — 

Drauf erwiderte Di 5 





Orchzehnter Befang. 


„„Was iſt da, mein lieber Vater, 
Mit dem Bogen audzmrichten! 


Was fol da dein Pfeil wohl helfen! 


Solche Böglein kann nur Gold, 
Silber ſolches Wild nur fangen 
Dder geldeswerther Schmuck. 


Bill zur Stadt gehn Schmud zu faufen, 
Bil mir Spigen aus dem Laden, u 


Bänder mir und feidne Stoffe 


Aus dem Ladenfchreine bringen: 
So nur fann man Mägdlein fangen.““ 
„Darauf hol? ich mir das Roͤßlein 


Bon der Beide auf den Stall 
Und begann es anfzufürtern, 


Zaͤumt' e8 dann mit — Zanme, 


Legte ihm den Sattel auf 
Mit der ſcharlachſammtnen Dede, 
Ausgefhmüdt mit Sitberperlen, 


Schwang mid auf und ritt Davon, 


Meine Mägdlein aufzuſuchen: 
So bin ich hieher gefommen 
Und erbitte Einlaß mir!“* 


Mägdlein hört! es in der Kauet 


Und erwiderte ihm fingend: 
„Lieber fremder Freiersmann, 
Angereift aus weiter Ferne, 
Biſt zu rechter Zeit gekommen, 
Dir ein Mägdlein zu gewinnen : 
Ausgegangen ift der Wirth, 
Um Gefchäfte zu beforgen, 

In der Küche fteht die Wirthin 
Kuchen badend für die Kinder, 
Eine Schwerter huͤtet fleibig 
Ihre Bänfe anf den Anger 
Und die andre if beihäftigt, 
Gold und Silber aufzuputzen; 


Ich mit meinen Sehnfuchtöfchmerze R 


Bin allein zurüdgeblieben, ” 


670 


710 


Diegehnier Gelong. 


Um in ftiler Einfamtleit 

Hinter meinem Roden figend 

Silberfädchen auszufpinnen.. 

Zremdling, der du hergekommen 

Mid zu fangen, lafj’ dir rathen: 

*Tauche deine lieben Hände 

In den Bottid neben dir, 

Angefült mit dunkelfarb'gem, 

Kräftigendem Zauberwafler, 

Dann erlangt das fchwiächfte Gängen. 

Kräfte einer Eifenfauft, 

Die granitne Mauern bricht, 

Eifenpforten fpielend öffnet 

Und vor der die Thürme waufen, . 

Soll die Kraft gemäßigt werben 

Und gedämpft die Ueberfülle 

Der zerflörenden Gewalt,  - 

Tauch' die Hand nur auf der Stelle 

In den Bottich gleich daneben 

Mit dem weißen Zauberwaſſer, 

Das die Hand davor bewahrt, 

Alles kurz und klein zu ſchlagen, 

Was ihr in die Nähe kommt.“* 
Kalew's ſtarker Sohn befolgte 

Unbedenklich gleich den Rath, 

Den das Mägdlein ihm gegeben 

Und fo dringend ausgeſprochen. 

Auch empfand die Hand fogleich 

Die Verdopplung ihrer Kräfte, 

Die mit jedem Pulsfchlag wuchſen. 

Als er jetzt die Thür erfaßte, 

Stürzte fie fammt ihren Pfeilern 

Krachend auf den Boden nieder. 
Nafch die Schwelle überfehreitend 

Drang er in das Zimmer vor, 

Um der Sungfrau fi zu nähern; = - 

Diefe aber ſpraug erichroden 

Hinter ihrem Roden auf. 


Drelgehater. Gefgug, 


Und entfloh in Sturmeseile . - 

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Das 

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Freie 

Halte 

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Mit! 

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tt) 


740 


750 


336 


700 


70 


700 


Dreizehnter Geſang. 
Täglich meine Schläfen kraͤnzte, “ 
ALS den berrlichften der Männer, i 


Der im Munde Aller lebte, 
Kannte und im Herzen trug !“* 


Was die Inngfrau zu ihm ſprach 


Mit dem Ausdrud wahrer Neigung, 
Fand nicht Raum im Kalew's Herzen, 


Denn fein Sinnen und fein Denfen 
‚ Ward auf einmal abgelenkt 


Und durchkreifte andre Bahnen. 

Als er nämlich fie verfolgend 

Bis in's zweite Zimmer drang, 

Kiel fein Auge unerwartet 

An der Band ihm gegenüber - 

Auf ein fehönes blankes Echwert. 

Diefes hing am einem Nagel, 

Dicht dabei an einen andern 

Eine Meine Weidenruthe 

Und an einem dritten endlich - 

Ein zerfegter alter Hut? " 
Kalew’s ſtarker Sohn bemertte | 

Nicht des Mägdleins fühe Locung, 

Sah nicht auf die Weidenrnthe, 

Achtete des Hutes micht, 

Sondern flierte mit Verlangen 

Nur die Wunderwaffe an. 

Diefe war in fliller Werkſtatt 

Im verborg’rien Schooß der Erde 

Bon bewährten Waffenmeiftern 

Heimlich angefertigt worden. 

Mit den Augen fie verſchlingend 

Rief er hochbegeiſtert aus: 


„Sieh', da iſt das theure Schwert, 


Das der Traum mir vorgebildet, 


1» 


Das mein Geift tin Schlaf 'erblidte, | 


Das in Ilmarinens Merkftatt ' 
Große Meifter für mich ſchufen, 
Um mir jenes zn erſetzen, 


’ 


Dreizehnter Befang. 331 


Das im Käpabache ſchlummert!“ | 
Aengftlich bittend fprach die Jungfrau: 700 

„Hör mich an, o mein Beliebter! 

Laff' fle unberührt die Waffe: - 

Sie gehört dem böfen Geift: 

Aber diefi 

Und des 

Jene fpre 

Diefer giı 

Schwerter 

Darf mar 

Leder Mi 800 

Wird ein — 

Aber ſolch 

Solch ein J 

Sind auf 

Zehnerlei 

Sieben A 

Und noch 

Im Befi 

Kann maı 

Kann maı 8110 

Jeder Wi F 

Jedes We “> 

AKalen zZ. 

Auf des j 

Was ich : 

Werd’ ich 

Und mir 

Ohne Hu 

Alle jene zrgrmeunner, 

Deren fi die Zauberer 20 

Und der boͤſe Geiſt bedienen, DR — 

Werden einen Mann von Kraft 

Nicht beirren, noch beſchränken: 

Der wird ſtets zu feinem Ziel 

Selber fih die Wege bahnen.“ 
Hoffend, ihn noch umzuftimmen, 


Dreigehnter Belang, 


Nahm das zarte junge Mägdiein 
Den zerfepten Hut vom Nagel 
Und vehielt ihn in der Hand. . 
Nicht wie andre Sommerhüte 

Bar er aus geflliter Wolle 

Dder andrem Haargemebe, 
Sondern aus den Fleinen Schniheln 
Von beſchnittnen Fingernaͤgeln 
Künftlich angefertigt worden. _ 
Jetzt ergriff.die beide Jungfrau 
Roh einmal das Wort und ſprach: 


„Diefes Hutes hohen Werth — J 


Kann kein Sterblicher bezahlen, 

Bör er auch ein Koͤnigreich; 

Denn es giebt auf dieſer Erbe, 

Auf der ganzen weiten Welt 

Keinen ‚zweiten, der ihm gliche. 

Bas du je nur wänfchen koͤnnteſt, 

Was dein Herz mit. heißer Sehnſucht 

Sich zueigen machen moͤchte: 

Im Beſitze dieſes Hutes 

Wird dir jeder Wunſch gewährt,“ 
Scherzend fepte fie den Gut 


Auf die fchönen blonden Locken x 2 


Und begann dann feierlich: 

„Wachſe, wachſa, ‚goldnes Magdlein, F 

Dehn' dich, dehn' dich, blondes Kind! 

Werde gleich dem Kalewsſohne, 

Deinem Freund’ an Länge gleihlu 
Sichtbar wuchs die ſchoͤne ae 

Eine Elle und die zweite, 

Einen Faden und den zweiten, , - 

Wurde gleich dem Kalewsſohne, er 

Ihrem Freund’ an Länge glei. -.. 
Als der edle Sohn bes Stalew . 

So die Jungfrau fcherzen fah 

Und im Nu fich fo verwandeln, _ 

Daß fie ihm an Länge glich, Em 


% 





| Drelzehnter Geſang. | 333 


Rahm er ihr den Hut von Köpfe, 
Seh 


234 


910 


Dreigehnter Gefang. 


Wie er einem Regenfchauer, 
Einem Schloffenwetter gleich 
Oft ganz unerwartet komme, 
Diefer Hut durch ſchnelle Dienfe 
In Verdoppelung der Kräfte 
Sich fehr nüglich machen würde. 
Sept als Meiner Bube führte 
Er mit feinem lieben Maͤdchen 
Manchen Scherz vergnüglich aus 


. . *Eins dem andern lieb und theuer 


Waͤlzten koſend fie und fpielend 


‚Auf dem Aeſtrich 


Sie bewegten fid 

Ganz als feien f | 

Und als hätten : e 

Sie gezimmert u 

Mit dem füßefter 

Eins im andern 

Miſchten heitre Lieder fidh, 

Deren viele, und die fchönften, 

Ach ſchon längft verklungen find !* 
Das geliebte junge Mägdiein 

Nief nun auch die zweite Schweſter, re 

Die das Gold zu putzen hatte | 

Und das Silber blanf zu machen 

Und das Kupferzeug zu fchenern ; 

Rief die dritte Schwefter auch, 

Die die Gänfe jung und alt 

Auf dem Anger hüten mußte, 

Nief fie beide jegt herbei, 

Sich des Gaftes wit zu freuen. | 
Sprachen unter fih die Schweftern : 

„Laßt die Küchenthür uns fchließen, 

Sie von außen feft verriegein 

Und ein Vorhangſchloß hinzuthun, 

Daß die Alte aus der Küche | 

Nicht in's Zimmer kommen könne !« 
Man verſchloß die Küchenthür 


2... Drelgelinter -Befang- 


Und die Alte, Suchen badend, 

Blieb wie eine Maus gefangen: 

Und entlam der alle nicht, . 

Sie in ihrer Luſt zu fören. 
Kalew's ſtarker Sohn ergößte 

Sich mit.allen dreien Schweitern, 

Die ihm jede Gunſt gewährten, 

Da er das Berfpredhen gab, 

Aus der Hölle fie zu reiten. 


- „An das Licht, des Tages,“ ſprach wm. 
„Sollt ihr bald durch wich gelangen... 


Und aus meinen Auverwandten, 
Die id mir perpflitet habe, , 
Werd’ ich Freier euch yerſchaffen. 


Sulew’d Sohn mag eine Schweſter, ver 


Alew's Sohn die, zweite nehmen 
Und der Hackenbub' die dritte. 


IH, ein Knabe noch am Jahren, ; 


Unerwachſen noch und Bein, - 
Darf an feine Frau noch denfen, , 
Muß noch manden Faden länger,; - 


Manche Spanne breites werden, .. ; 


Muß an Weisheit und Berftand, 

Lebensart und guter Sitte 

Manches Tiebe Jahr noch wachlen, 

Eh’ ich mid, vermählen darf. 

Geht durchfliegt der junge Adler 

Noch die Wälder gleich dem Kuduf, 

Der in fremde Nefter legt 

Und fein Junges felbft nicht füttert.“ 
Alle Arten muntrer Spiele 

Nahm man vor zum Zeitvertreib: 

Als die Falfenjagd zum Beifpiel, 

Er der Falke, fle die Voͤglein; 

Ningfpiel, Blindekuh und andre, 

Wo er ſtets der Sieger war. 

Endlich wurden alle Lichter 

In’ der Stube ausgelöfcht 


r 


970 


336 


1000 


Oretzehnter Gefang. & 


Und man rafte fort im Dunkeln. 
Wie? vermag ih nicht zu fingen. - © - 
»Iſt Doch manches ſchoͤne Wied, 
Mancher Hochzeitsſchwank der Alten 
Mit der Zugend ‚hingefchwunden 
Und erloſchen im Gedaͤchtniß. 

Wenn die Heitern Tage enden 
Mit den froh durchſchwaͤrmten Nächten, 
Wenn die Yugendzeit verblüht — 
Mit den Roſen auf den Wangen: 
Iſt's auch mit den Liedern Aus, 
Will der Kuckuk nicht mehr rufen, - 
Nicht die Nachtigall mehr ſchlagen, 
Hört der Lerche Trillern uf 
Und der erften Liebe Jauchzen. 
Benn dem Aubellied der Yugend, 
Dem fih Spiel und Tanz gefellen, 
Nicht des Kummers Thraͤne folgte, 
Nicht der Neue gift’ger Zahn, 

Noch der herbe Schmerz der Zänfäung: 
Sänge von dem Heiz der Yugend 
Noch der Greis in Silberlocen. -- 


dierzehnter Gefang. 


L 
— — 
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14 


Ware jung der Sänger noch, 

Wär’ er, was er einft gemefer . u. 

In dem Lenze feines Lebens... 

Bis zum Saum der Blütbenmonde : 

Gänge er den ganzen Tag : .  .. 

Und die lange Naht hindurch, 

Auch wohl eine ganze Woche. ' 

Dder einen halben Monat . 

Von dem Spiel des Kalewiden 

Mit des Höllenhafed Maͤgdlein, 

Sänge, daß die Felien tin .: ° 

Und die Wälder Beifall ranichten. 
Sänger, ſchon am Lebensabend, 


Längſt dem Blüthenmond enträdt, -. : u” | 


Wendet fehnfuchtsvol die Augen 

Dem entfchwundnen Lebensmorgen, 
Jenen duft’gen Wiefen zu, - = 
Deren bunten Raſenteppich — ir 
Bierlihere Biumenfronen, . -... . 
Glänzendere Farben ſchuuͤckten; 
Bo dem leihtbewegten Bufen © . 
Würmer manches Bruderherz — 1. 
Gleichgeſtimmt entgegenſchlug; — 
Wo auf frohbelebtem Anger 

An des Dorfes Meiner. Schunkel. 
Mancher Blick aus drammen Augen - 


Zeuchtend auf dem Jüngling weitet. 7 ii = 


338 


Vierzehnter Befang. 


Ad), wann wird der Lenz des, Sängers, 
Wird er jemals wiederfehren? 

Längft entichwundner Sängerfrühling, 
Kehre, wenn auch nur im Geifte 
In des Greifes Herz zurüd 
Und entlock' den finftern Wolfen, . 
Die die alte Zeit umhüllen, 


.. Strahlen des verborgnen Lichts! 


Liebe aus dem Fluß zu fifchen, 
Luft vom Berge fih zu bolen 
Hatte Kalew's Sohn nicht nöthig, 
Denn die liebe lange Racht 
Lag er in dem Schooß der Xiebe 
Und genoß der. Liebe Luft 
In fo füßer, reiher Fülle, 
Daß kein Schlummerköruchen ſich 
In den Wimpern bergen Tonnte. 
„Ach, wenn doch die Soune nimmer 
Eine füße Nacht verkürzte!" 
Kiagten fie mit manchem Kinde, 
Das die frühe Morgeuröthe 
Noch im Arm der Liebe fand, 
Statt am Webſtuhl oder Noden. 
In der Küche eingefchloflen 
Wie das Mäuschen in der Falle 
Konnte auch die alte Wirthin _ 
Dem Gelag’ fein Ende machen. 
Andern Tages führten fie 
Ihren Saft umher im Haufe 
Und erfchloffen alle Jimmer, 
Alle Schäge feinen Bliden. 
Wenn fein Blick fie felber traf, - 
Sentten ſchamroth fie die Augen: 
Jede dachte an die Nacht, 
Jede glaubte fih begünftigt. 
“Durch ein Thor von Stein geinngten 
Sie in's fleinerne Gewölbe F 
Und den Weg von Stein verfolgend 





Bieryehater Gefang. 


Eine ziemlich weite Strede 
Trafen fie ein reiches Zimmer. 
Ganz von Eifen alle Wände, 
Ale Winkel ganz von Stahl. 
Eifern waren Thür und Fenſter 
Und die Dede. und der Boden. 
Auch der Dfen war von Eifen, 
So wie ein Kamin dabei 
Und die Woͤlbung ded Kamins. 
Eifern war das Bett im Zimmer 
Und der Tiſch in defien Mitte 
Und die Stühle um den Tiſch 
Und die Bänke an, dem Dfen. 
Eifern waren auch die Sparren 
Und die Pfeiler, die fie ſtuͤtzten, 
Und die Kaſten in den Winkeln, 
Boll von eifernen Geräthen. 

„Diefes Zimmer,“ ſprach erflärend 
Jept die Ältefte der Schweftern, 
„Iſt das Zimmer des Gehoͤrnten, 
Wo die Knechte ſich zur Arbeit 
Oder zur Erholung ſammeln, 
Wo ſie auch beiſammen wohnen. 
Hier auch werden fie geſtraft 
Und auf alle Art gepeinigt.«“ 

Durch das Eifenthor gelangten 
Sie in’8 eiferne Gewölbe 
Und den Eifenweg verfolgend 
Eine ziemlidy weite Strecke 
Kamen fie in's zweite Zimmer. 
Diefes Zimmer war von Kupfer. 
Kupfern waren feine Wände 
Und von Meffing feine Winkel, 
Kupfern waren alle Ballen, 
Kupfern waren Thür und Zenfter 
Und die Dede und der Boden. 
Auch der Ofen war von Kupfer, 
Kupfern der Kamin dabei 

24” 


70 


100 


38% 


340 


110 


120 


130 


140 


Biergehnter Belang. 


Und die Wölbung des Kamins. 
KHupfern war das Bett im Zimmer 
Und der Tiſch in deſſen Mitte 
Und die Stühle um den Tiſch 
Und die Bänfe an dem Dfen. 
Kupfern waren auch die Sparren 
Und die Pfeiler, die fle flügten, 
Und die Kaften in den WBinteln, 
Bol mit kupfernen Geräthen. 
„Diefes Zimmer,“ fpracdh erklärend . 
Wiederum die ältefle: 
„Iſt das Zimmer des Gehöruten, 
Wo die Mägde fih zur Arbeit 
Dder zur Erholung fammeln, 
Bo fie auch beifammen wohnen. 
Hier auch werden fle geftraft 
Und auf alle Art gepeinigt.“ 
Durch das Kupferthor gelangten 
Sie in's fupferne Gewölbe 
Und den Kupferweg verfolgend 
Eine ziemlich weite Strede 
Kamen fie in's dritte Zimmer. 
Diefes Zimmer war von Silber. 
Silbern waren feine Wände, 
Silbern alle feine Winkel, . 
Silben waren Thür und Kenfter 


‚Und die Dede und der Boden. 


Auch der Dfen war von Silber, 
Silbern der Kamin dabei 

Und die Wölbung des Kamine. 
Silbern war das Bett im Zimmer 
Und der Zifch in deflen Dritte 
Und die Etühle um den Tiſch 
Und die Bänke an dem Dfen.- 
Eilbern waren auch die Sparten 
Und die Pfeiler, die fie flüßten, 
Und die Kaften in den Winfeln, 
Angefüllt mit Silbermüngen, 


Bierzehnter Befang. 


„Diefes Zimmer,“ ſprach erflärend 
Lebt die zweite von den Schweftern, 
„Iſt das Zimmer des Gehoͤrnten, 
Wo der Alte fi gewöhnlich 
Alle Zage aufzuhalten 
Und fi zu erquiden pflegt. 

Hier beliebt er auch zu ſchlafen 
Und ſich anderweit zu pflegen." 

Durch das Silberthor gelangten 
Sie in's filberne Gewölbe 
Und den Silberweg verfolgend 
Eine ziemlid weite. Steede 
Kamen fie in's vierte Zimmer. 
Diefes Zimmer war von Gold. 
Golden waren feine Wände, 

Golden alle feine Winkel, 
Golden waren Thür und Fenfter 
Und die Dede und der Boden. 
Auch der Ofen war von Gold, 
Golden der Kamin daneben 
Und die Wölbung ded Kamine. 
Golden war das Bett im Zimmer 
Und der Tifch in deffen Mitte, 
Und die Stühle um den Zifch, 
Und die Bänke an dem Ofen. 
Golden waren auch die Sparren, 
Und die Pfeiler, die fle- flügten, 
Golden alle Hausgerätbe 

Und die Kaften in den Winfeln, 
Angefüllt mit goldnen Münzen. 


„Dieſes Zimmer,“ fprach exflärend | 


Wiederum die zweite Schmefter, 
„ft das Zimmer des Gehörnten, 
Wo er feine Kefte feiert,. 

Sft das Zimmer, wo er fafelt, 
MWenn es gilt recht froh zu fein. 
Auch die Nacht verbringt er dann 
Hier in fleifchlichen Genüffen, 


150 


160 


170 


341 


'342 


180 


1% 


210 


Wiergehnier Gefang. 


Die er über. alles liebt. 
Geſtern hab’ ich wiele Stunden 
Hier gepupt Die goldnen Sachen 
Und das Zimmer ausgefegt.“ 
Aus dem goldnen Zimmer tretend 
Kamen fie an's goldne Thor 
Und durch's hohe Goldgewölbe, 
Das mit Gold gepflaſtert war 
Und ſich ziemlich weit erſtreckte, 
Alſobald in's fünfte Zimmer. 
Dieſes war das Seidenzimmer, 
Ganz aus Seidenſtoff beſtehend, 
Der durch Schnüre aufgezogen 
Auf verſteckten Pfeilern ruhte. 
Seiden waren ſeine Wände 
Und die ſchoͤn verfchlungnen Winkel, 
Seiden waren Thür und Fenfter 
Und die Dede und der Boden, 
Geiden auch das Bett im Zimmer - 
Und die Kiffen in dem Bette. 
Auf dem Tiſch und anf den Stühlen 
Prangten ſchwere feidne Deden. 
Schöne Seidenkleider hingen 
Rundherum an allen Bänden, 
Die mit Schnüren und mit Quaften 
Zierlich ausgeftattet waren. 
In den Binfeln fanden Kaften, 
Angefült mit Geidenzeugen. 
„Diefes Zimmer,“ ſprach erflärend 
Jetzt die dritte von den Schweſtern, 
„Sit das Putzgemach der Mägdlein, 
Iſt der Jungfraun Kämmerlein, 
Bo die Lieblichen ſich ſchmücken, 
Ihre Feſtgewaͤnder flechten 
Und ſich in das blaue Leibchen 
Und den rothen falt'gen Rod 
Mit dem Perlbefage Heiden, 
Wenn das Seidenfeft begangen, 


Vierzehnter ‚Befang- 343 


Mädchentag gefeiert wird.“ 
Aus dem Seidenzimmer treteud 
Kamen fie durch's Seidenthor 20 
In das feidene Gewölbe | i 
Und verfolgten diefen Gang 
Eine ziemlich weite Strecke 
Bis zum fechöten Prunfgemad). 
Diefes war dad Sammetzimwer, 
Ganz aus Sammetfoff beftehend, 
Der durch Schnüre aufgezogen: 
Auf verftedten Pfeilern ruhte. 
Sammten waren feine Wände 
- Und die ſchoͤn verfchlungnen Winkel, 0 
Sammten waren, Thür und Fenſter 
Und die Dede und der Boden, 
Sammten auch das Ruhbebett 
Und die Kiffen in dem Bette. 
Auf dem Tiſch und auf den Stühlen 
Prangten fhwere funmtne Deden. 
Breite Dielenftreifen liefen 
Ueber's ganze Zimmer hin, 
Das mit diden fammtnen Schnüren _ ’ 
Zierlich ausgeftattet war. - - 20 
In den Winkeln ftanden Kaſten 
Angefüllt mit Sammetboljen, 
Andre Sammetbolzen Iggen 
Aufgefchichtet nebenbei, 
„Dieſes Zimmer,“ fprach erklärend 
Wiederum die ‚dritte Schwefter, 
„Iſt das Pupgemad der Mägdlein, . 
Iſt der Jungfraun Känmerlein, 
Wo die Lieblihen ſich ſchmücken, 
Ihre Zeftgewänder flechten, | 250 
Sich in’3 blaue Sammetleibchen 
Und in’ rothe Röckchen leiden, 
Wird das Sammetfeft begangen, 
Sämmetmädcentag "gefeiert. ” 
Aus dem Sammelzimmer tretend, 


344 Merzehnter Belang. 


Kamen fie durch's Sammetthor 
In das hohe Sammtgewölbe 
Und verfolgten diefen Gang 
Eine ziemlich weite Strede 
250 Bid in's fiebente Gemach. 
Diefed war das Spigenzimmer, 
Aufgeftedt aus zarten Spitzen, 
Die auf's zierlichfte verflochten 
Auf verftedten Pfeilern ruhten, 
Reich garnirt mit Spigenbändern. 
Ale Bünde waren Sritzen, 
Eitel Spitzen alle Winkek, 
Spitzen Thär und Spitzen Fenſter, 
Spitzen Decke, Spitzen Boden, 
270 Spigen auch das Ruhebett 
Und die Kiffen in demfelben. 
Auf den Tiſch und auf den Stühlen 
Prangten reiche Spigendeden:' 
Zarte Spigenfleider hingen 
Rundherum an allen Wänden, 
Diele Spigenfchnüre zogen 
Sich in Bögen durch das ‚Simmer. - 
In den Winkeln ftanden Kaſten 
Angefüllt mit Spitzenbolzen 
280 Und daneben aufgeſchichtet 
Eine Lage Aermelſpitzen, 
Eine andre Haubenſpitzen, | 
Nocdbefäge eine britte. | 
.  „Diefes Zimmer," Iprach eitdrend 
Wiederum die dritte Schweſter, 
„Iſt der Jungfraun Putzgemach, 
Iſt der jungen Mägdkein Zimmer, 
Wo die allerliebften Seinen - RE 
Ihren Kopf mit Spigen fchrrüden, ° — 
20 Wenn das Spiztzenfeſt begangen, 
Jungferntag gefeiert wird⸗· — 
Aus dem Spitzenzimmer tretend 
Kamen fie durch's Spigentyor  : 





Mergehnter Gefang. 


An ein ftattliches Gewölbe, - 
Wo fie eine weite Strede 
Nur auf Spitzen wandelten, 
Bis fie auf den Hof gelangten, 
Der ftatt eines grünen Mafens 
Eine Silberfliche bot, 
Einen Pflafterweg von Thalern. 
Sieben Kleeten, Wunderbauten, 
Waren auf dem Hof, zu fehen. 
Aus Granit beſtand die erſte, 
Ganz aus einem Stuͤck gehauen, 
Und aus breiten Fliefentafeln 
War die zweite aufgebaut. 
Die nun folgende, die dritte, 
Hatte man aus Hühnereiern 
Und die vierte, diefer ähnlich, 
Wunderbar aus Bänfeeiern, 
Aus polirten Quaderfteinen 
Künftlih aufgeführt die fünfte. 
Aus den fchönften Adlereiern '.. 
Par die fechöte diefer Kleeten 
Und aus Greifeneiern endfich 
War die fiebente erbaut. 


Roggen ward in einer Kleete, 


Gerſte in der anderen, 

In der dritten wurde Hafer, 
Weizen in der vierten..Kleete, 

In der fünften Malz verwahrt 

Und Gemäfe in der ſechsten, 

In der fiebenten dagegen 
Schweinefett und Talg in Bißden. 


Ganz im Hintergrund des Hofes: 


Standen Ställe für das Vieh, 

Die aus Knöchen aller Art‘ 

Künftlich aufgezimmert waren.* 
Kalew's Sohn verlangte nicht 

Diefe näher zu betrachten 

Sondern fing die Mädchen am. 


310 


345 


346 


340 


Sergehuter Befung. 


Auf's genau'ſte auszuforſchen 

Ueber alles, was ſie nur 

Vom Gehoͤrnten wiſſen konnten. 
Schnell begriff die Aelteſte 

Seine Abficht und erzählte: 

»,Welcher Vater ihn gezengt, 

Welche Mutter ihn geboren, 

Ihn gewiegt auf ihren Armen, 

Ihn auf ihrem Schooß gefüttert 

Und am Munde eingelullt, 

Iſt uns nicht bekannt geworden. 

Ob ein Bär fein Vater war, 

Eine Woͤlfin ihn geboren, 

Eine Mähre ihn gegangelt, 

Eine Ziege ihn gemtegt: 

Alles Das bededit ein Schleier, 

Den wir niemals lüften Tonnten.* 
„Seiner großen Guͤter wegen, 

Die ihn fehr in Anſpruch nehmen, 

Macht er heimlich weite Reifen 

In unglaublich) kurzer Zeitz 

Aber nie noch fah Ein Auge 

Dder hörte je ein Obr, 

Welchen Weg ex eingeſchlagen, 

Welche Orte er befucht. 

Abzjehn mag ihn Jeder feben, 

Ebenfo nah Haufe fommen, 

Sonſt bieibt alles unbelannt. 

Tief im Schooß der Erde, fagt man, . 

Sei ein ausgedehnter Raum, 

Wo ſich fieben Welten finden, 

Sieben tiefoerborgne Inſeln, 

Die fehr ſtark bevoͤllert feien 

Bon den Seelen der Berftorbnen, 

Die in großen Dörfern wohnen. 

Alle diefe Seelen follen 

Dem Gehörnten dienſtbar fein, 

Wie jeit Urbeginn der Weit 


Berzehnter Gefung. 


Taara's Weisheit anguorduen 

Selbft für recht und gut befunden. 
„Mit gewalt’ger Kraft regiert 

Der Gehörnte feine Bölter. 

Jedes Zahr zur Seelenzeit 

Iſt den Seelen es geftattet 

Ihre Heimath zu bejuchen, 

Um die Ihrigen zu ſehen 

Und Belannte zu begrüßen. 

An dem Feſte aller Seelen 

Ziehen fie in großen Schanren — 

Aus der Höllenqual befreit — 

Durch des Schattenreiches Pforte 

In der allergrößten Eile 

Zu den fremd geworden Zriften, 

Wo fie einft bei. Leibesleben 

Sei ed nun in Luſt und Freude 

Dder unter Thraͤnen weilten. 

Doch ift dieſe Ferienzeit, 

Diefe ſchoͤne Zeit zu Ende, 

Müffen fie von ihren Reiſen 

Sich fogleich zurückbegeben 

In das Reich der Finfterniß, 

Sedermann in feine Wohnung.“ 
Hierauf ließ die zweite Schweſter 

Alfo fprechend fi vernehmen: 

„Aus dem Schattenreich beſtellt 

Der Gehörnte feine Fröhner, 

Die zur Arbeit fommen müflen, 

Se nad dem Bedarf erfcheinen 

Bald die Knechte, bald die Mägde, 

Ihre Frohne abzuleiften, 

Und dann müflen dieſe Armen 

Sei es in der Gifenfanmer, 

Dder in Dem Kupferzimmer 

Ihre Schwere Pflicht erfüllen. 

Eifenftod uud Kupferrutht 

Strafen jede Pflichwerſaͤumniß. 


370 


37 


410 


420 


440 


„Hier ift des Gehörnten Bohrung, 
Hier find Zimmer eingerichtet, 

Bo er fich erfrifcht und ftärft 
Und auf weichen PBolftern fehlummert, 
Bo er auch mit feinem Weibe 
Seine Mußeftunden zubringt 

Und fih manchen Tag erholt, 
Wenn er ſich nach weiten Reiſen 
Und Strapazen müde fühlt. 

Dann bereitet ihm die Alte 

Dft ein Bad im Silberzimmer, 
Wo fie mit dem Badebuͤſchel 
Schultern ihm und Rüden quäftet. 

„Wird ein größtes Feſt gefeiert 
Und ein Gaſtmahl ausgerichtet 
Für die Freunde und Verwandten, 
Dann ergößt er ſich daran, 

Mit den Gäften laut zu jnbeln 

Und in Bier ſich zu beranfchen. - 
Ihm verfhwägert if: der‘ Teufel, 
Höllenhündin feine Bafe, 
Großmama die weiße Maͤhre. 

„Heute Abend ſchon erwartet 
Den Gehörnten man zu Haufe 
Aus der Obermelt zurüd, 

Da er ungern dort verweilet, 

*Wo den Tag die Eonne fheint, 
Nachts der Mond am, Himmel leuchtet 
Und die Sternenaugen blinken. * 

Aber hat er unten dert — 
In dem Schaͤttenreich der Seelen 
Irgend etwas zu verrichten, 

Bleibt er Tagelang von Hauſe, 
Kommt in Wochen nicht zurück.“ 

Als das Mägdlein ausgeſprochen, 
Fuhr die dritte Schweſter fort: 
„Wenn dich, edler Sohn des Kalew, 
Der Gehoͤrnte unvermuthet 


Viergemter Befang. 


Unter uns bier finden follte, 
Würdeſt Du des Todes fein. 

Denn wer jemals ‚unberufen 

Diefe Schwelle überfchritten, 

Je den Aeſtrich hier betreten: 

War dem Tode fehnell verfallen, 
Cab den holden Mond nicht wieder, 
Nie die liebe Sonne: mehr. 

„Wir unfeligen Gefchwifter, 
Schon recht Hübfche, große Mädchen, 
Wurden fchon im Sindesalter 
Durch ein ſchreckliches ‚VBerhängniß, 
Das im Sturm und Übereilte, 
Dem Gehörnten unterthan. 

*Ach, man trug vonweitem ber, 
Ueber taufend Werfte weit, 

Mitten aus der fchönen Welt. 
Und durch alle ihre Reize 

Uns in dieſes Janmerthal, 

In die Wohnungen des Elends. 
Kurz vorher noch febten wir 

Froh und glüdlih und zufrieden 
Und verhießen aufzublähen 

Wie die Beilchen in der Koppel. 
Lebt, da wir erwachſen find, 
Müſſen wir im Sklavenjoche 

, Unter harter LXeibesftrafe 

Dem Befehl des Witths gehorchen, 
Auf den Wink der Wirthin achten 
Und die fchwerfte Arbeit thun, 

Die fie nur erfinnen mögen. 
Wenn's auch Funken ſchneien follte 
Oder Eiſenſchlacken hageln 

Oder ganze Stroͤme regnen: 

Der gerufne Fröhner kommt 

Und der fortgeſchickte geht, 

Wie ihn grade trifft die Reihe, 
Und Das immer auf der Stelle, 


470 


349 


350 


610 


420 


Merzehnter Belang, 


Früh vor Tage wie die Schnepfe, 

Oder wie der Rabe einſam, 

Oder ſpät noch wie die Schwalbe.* 
„Taara's Geift verhieß und gnädig, 

Daß wir niemals altern follten, 

Sondern ftetd im Lenz des Lebens 

Unfern Jugendreiz behalten, 

Wenn wir unfre Yungfraunehre 

Rein und unbefledt bewahrten 

Und der Liebe ganz entfagten. — 
„Doch was Hilft die Jugend ung,“ 

Fuhr, die Schweiter unterbrechend, 

Yet die erfte wieder fort, 

„Was ein Lenz, der nie verblüht, 

a8 der Burpur auf den Wangen, 

»Was der Reiz der Füßen Unſchuld 

Und die keuſch bewahrte Ehre: 

Wenn das Herz nach Liebe dürftet 

Und fein Trunk verftattet wird, 

Niemand nach den Hühnchen freiet, 

Niemand kommt, fie mit dem Schickſal 

Freundlich wieder auszuſoöͤhnen, 

Die Gefangnen zu befreien, 

Ihnen Liebe zu gewähren? 

Nicht ein Windhauch bringt uns Grüße, 

Fächelt den Verſchmachtenden 

Auch vonfern nur Kühlung zu!«* 
Kalew's ſtarker Sohn verſuchte 

Sie zu troͤſten und verſetzte: 

*Liebe, füße junge Maͤdchen, 

Allerſchoͤnſte Lockenkoͤpfchen, 

Gebt euch nicht dem Kummer hin, 

Weinet nicht, ihr lieben Kleinen! 

Kummer bleicht die Roſenwangen, 

Thränen waſchen weg den Purpur. 

Sicher werd’ ich euch exlöfen, 

Werde meine lieben Böglein 


Aus der Schlinge ſchon befreien, 


Biergehater Oeſang. 


Werd’ euch beifen zu entkommen ! 
Aus den Zeffeln eurer Alten 
Werd’ ic meine Mädchen reiten, 
Aus den Banden des Gchörnten, 
Aus dem Drud des Sklavenjoches 
In die Welt der Freiheit führen, 
Wo des Tags die goldne Sonne, 
Nachts des Silbermondes Sichel 
Und die Sternenaugen glänzen. 
Weinet nicht, ihr lieben Steinen, 
Trauert nicht, ihr goldnen Mädchen! * 
Kalew's ftarfem Sohne ftrömen 
Kräfte zu im Ueberflug ! 
In dem Wettkampf werd’ ich ficher 
Den Gehörnten überwinden, 
Dann die alte Hexe Enebeln 
Und die Kinderchen befrein!« 
Darauf nahm die erfte Schweſter 
Wiederum das Wort und fagte: 
„Willſt du, edler Sohn des Kalew, 
Hoher Sprößling großer Helden, 
Starker Männer würd’ger Erbe, 
Willſt du ernſtlich uns erlöfen, 
Deine Hühnchen aus der Haft, 
Aus der Schlinge deine Böglein, — 
Mußt du dich der Wünfchelruthe 
Und des Schnigelhuts bedienen; 
Sonft wirft du dich felber nicht, 
Noch viel wen’ger uns befreien! _ 
Deine Kraft vermag hier nichts, 
Nichts die Zapferfeit des Helden, 
Der ein Sterbliher nur ift. 
Der Gehörnte hat Gefellen, 
Zaufend unerfannte Diener, 
Ungezaͤhlte Helfersheifer, 
Unfihtbare Bundsgenoflen, 
Hat den Wind in feinem Solde 
Und gebietet unumfchränft 


540 


351 


868 


670 


Bierzehnter Befang. 


Ueber alle Zaubermittel, 

Die die Kraft in Feſſeln legen, 

Die die Tapferkeit umgarnen 

Und den Heldenmuth befiegen.” . 
Kalew's ſtarker Sohn verlachte 

Alles, was in ihrer Angft 

Ihm die Mädchen vorgejammert, 

Und erwiderte darauf 

Mit den alten Liederworten: 

* „Liebe Mädchen, junge Mädchen, 

Schmude, hübſche Lodentöpfchen ! 

Hättet ihr zu guter Stunde 

Mid und jene Waldgefellen, 

Die gewalt’ge Reden find, 

Um die Wette kämpfen fehen, 

D dann würdet ihr ſchon wiflen, 

Was der Sohn des flarfen Munnes 

Wohl im Kampfe leiften mag!” 

Weder fürcht' ich den Gehoͤrnten, 

Noch die hundert Helferähelfer, 

Noch die taufend Spufgeftatten! 

Größre Kraft muß immer fliegen. 

Hab’ den Zeufel felbft -beflent, 

Einft ein ganzes Heer in Zinland, 

Werd’ auch bier noch Steger bleiben! 
Aengftlih für den Freund beforgt 

Sprad die zweite-von den EST: 

„Edler Kalewidenfprößling, 

Königlicher ftarfer Mann! 

Da du gegen unfre Bitte, 

Unfre Warnung unempfindlich 

Bloß auf deine Kraft vertrauend 

In Gefahr dich ftürzen willſt: 

D fo möge uns fein Vorwurf, 

Keine Schuld und Arme treffen, 

Wenn der Uingerechte dic 

Seiner Bosheit opfern ſollte 

Eins noch fei erlaubt zu Tagen, - :- 





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Derzeheuer Geſang 


Das dem Biere aͤhnlich ſah. Be Sa 
Gleiches Weſens nah dem Heußern, — 
Waren beide nach der Wirkung F 
Doch wie Tag und Nacht verſchieden. — 
Eins, Ze . 
Birkte 7 > 
Zaufendh 2 
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An dem 

Stand di ‚ 

Und zur 


Das die 


Die| \ 
Fluges di em 
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So daß finten, - . . 


„Schwach“ zur rechten Hand befand. . 
Und im Zalle der Benupung 
Der Gehörnte ſich betröge. 
Währenddeſſen nahın Die ‚weite 
Auch die Wuͤnſcheiruthe weg 

Als die Schweſtern — ihr — 
In der Eile ausgeführt, 


Hoͤrte man von fern ein Trappeln, SR n “ 


Das im Sturm der Höhle nahte, 
Zitternd amd erbleichend fahen 
Sid die armen Schweftern an . 
Und die jüngfte wandte fid. - 


Alſo fprehend zu dem Heiden: , 4... 
„Sept, o theurer Sohn des Kalew 
Iſt der Loͤwe in der Falle, u 


Hat der Bär fich felbft gefangen, 
Ihn das Nep bereit umſchlungen! 
Der Gehoͤrnte naht im Sturm, 
Eilt mit Ungeduld nad Haufe! 


Schon betritt fein Fuß den ‚Eingang, — 
Halt fein Schritt im Thorweg wieder, 


PL 


Daß der ganze Bau erhebt. mini. 


nd 


Wierzehnter Sefng : ses 


Kein Emtfommen tft zu hoffen, - 
Kein Verſteck zw finden mehr! 
Auf die eigne Kraft allein : 
Sieh'ſt du jebt dich angewieſen!“ 

. Wie wenn hunderte von Neitern 
Ueber eine Brüde fprengen - 


Dder ſchwere Gifenfuhren’ J = 680 
Ueber Kupferwege raffeln ii 7... 
Dder Donnerſchlaͤge fhmettern, - . — Or 


Daß die Erde fchwantt und tert: 

Alfo bebte das Gewölbe J 

Unter des Gehoͤrnten Schritten. 

Kalew's edler Sprößling Rund 

Ruhig auf den Ausgang wartend 

*Wie die Eiche in dem Sturm, Fer 
Wie der Glint beim. Bogendrange; ES 


Wie der Feld im Hegelmeiter, ne 600 
Wie der Eiſenthurm in Winde. . 7* 

Kaum erft war der Boltergang :. '.. ' J— 
Bis zur legten Thür gedrungen. 1 


Als ein Fauſtſchlag an diefelbe, — 
Der die Pfoſten zittern machte, 
Sp gewichtig niederſiel, es 

Daß fie einzuftürzgen drohte 

Und der Herr der Hölle felber .. 

Gleich darauf in's Zimmer trat. . 


Ploͤtzlich hemmte ex die Schritte: .: - i - 700 
Und fein Auge fragte wäthend: Fe 
Bas will diefer Habiätt..bier, - - . 7 . er 
Diefer Wolf in meiner Hgeerded . . :. ci 

Die Gefchwifter wurden bleich — 
Und verloren alle Faſſung; nn Bar 


Doch der edſe Sohn des Kalew, 
»In der Hand den Schnitzelhut, “ 
Etand den Kindern brav zur Seite -.: 
Wie ein Hähnihen feinen Hühnen, - 
Da er nach der Zanberwandfung - ' - "719 
Größer nicht, ala fie, erfihien. -..zurn:. nt 
P 95* 


ur 


Verzehuter Oeſaug 


Der Gehoͤrnte brach das — RD 
Mit der Frage an Den Helden: . 
„Ber hat dich, mein. Freund, vs Bern). - 
Did in's Neb gewußt zu REN. a 
"Süße Scmeicheleien haben: . — 
Freilich Manchen ſchau a en 
Kühnern auch hat ſchon Die äpıpe, Ei 
Kräftigern die eig’ne Kraft en A 
Unverfehns den Hald gebrogen, .°.: :=° 
In's Berderben fie gekürt... . 
Und wer meinem Reich verfallen, .: .. ; 
Sieht dad Sonnenlicht nie wieher }* -.: :\... 

Kalew's ftarler Sohn verfehte..:, . .:.:’ 
Wohl bedacht and ſchlau beredinetr.  : .. . 
„Wind ift nur sin eiller Brahler, ! 1; - 
Sturm ein unnemnänftger. Raul. ! »,ı 
Worte drohend um fich merfen,.. 
Schimpfend feinem. Born genügen, ..; .: 
Mit dem Mant fein. Müthchen fühlen:  :. 


"% * 
int — 


Iſt die Sache alter: Weiber. 
Die ſich in den Gaaren liegen2. 

Leere Worte machens nich — 
Bringen nicht den Krieg zu Ende, 1 n. 
Stillen nicht des Gegners Jorn  ".. 
Sondern gießen Del ins Feuer .. 1., 7 H 
Machen bdier nur dew Satrejt -° . chin 
Lafl uns in Das: Freie geben, ... . a 
Um im Wettkampf auszumachen, ..: :i! 
Ber an Leibeskraft Dem. den :. . ..:2 
Kämpfend überlegen fi! Pe 
Sreiheit werde nr dem Sieger, - :.7 


Recht dem Stärkern nur zu Thai! irn Zul 

„Wie du wänfdyeit,. mag's geiihehn;" 7 
Gab zur Antwort der. Gehörnte,,  : :. ”. 
„Ich verſuch“ wich gerw im Rampſe!“ ”:.:: = 

Darauf kat er an. dus — De 
Aus dem Glaſe ſich zu rien we 
Seine Eyamalı zu ſteigern.. 000.0 


% = 


Viergehmer Veſaim. 
Er vermuthete das @las " u" u , 
Am gewohnten Plat zu finden, ” . ...: 1. :% 
Schtang ben JInhalt ref: hinunter,” > 
Und ließ nichts im Boden nach. . 0. 
Diefes ſehend ſteckte eh : mi 


Kalew's Sohn. das. Bam — 
Unbedenklich in den Baͤſien. :, 77 


Denn er dachte bei fich alſö 
„Wenn ich in's GedrängeTomme 


Und die Kräfte nicht mehr reiche, --:;, 


Darf mir nur das ISDN © 17 

Meine vorige Geflalt, e 

Meine Länge wiedergeben.“ . 2 r a 
Ald man mit der Borbereitung —— 

Beiderſeitig fertig war, ne zen 

Sing man. anf den Hof hinaus, - 

Um den Wettkampf zu beginnen. 


Der Gehoͤrnte fpra im Beggehn „ 


Zu der älteften de Schweftem: : 
„Laufe in die Eifenfammerr . = 2 
Und entnimm dem. Kaften. dort‘ 

Hurtig eine Dpppellett, - "> 


Die dem Sieger: dienen fell, "2.4: 
Den Beflegten gleich zu feffen f* -:. «., , 


Auf der Stelle thad das ‚Weägdleim;: 


Bie der Herz’ geheißem hatte. . 7..i 


Als die Männer um dem Bag - 
Ganz genau geimsfien hatten, . .. u 
Stedten fie die Orämzen ab: : 
Und verwerten fle mit Pfaäͤhlen, 
Damit alles vechtäich zugehn, . = 1. 
Kein Betrug gefchehen möge, : :' 3, il 
Zum gewalt'gen — GE 2. 
Ber den andern aiebeiwätfe, - ..  . ; "I 
Faßten fih die beiden Kämpfer: : : . 7 
Mit den Armen wa die Hüften. 1,1 1.9 
Sold ein Ringen; foßchiiehn Kämpfen — 
Hatte wohl an dieſer Btelle,! :ı ..i st: ;, 


KT 


760 


"ca 


⸗ 1 


810 


MViergehnter Oetang. 
So weit Menſchen ſich erinner 
Sicher niemals ſtattgefunden — 
Wie vom Sturm gepeitſcht die Bogen > 


Himmelan fih bäumen wäfleen,. Er 
Um im nädften Augenbiid J 
In den Abgrend ſich zu fürzen, 
Oder wie die Dächer fliegen, 
Wenn die Windsbraut fe erfaßt: 
Alfo ſchwankte Hier der Boden, 
Zitterte das Hoͤllenreich un 
Unter den gewalt’gen Kämpfern. : _ 
Des Palaftes Mauern krachten, Zr 
Ihre Unterlagen wichen, 
Die Gewölbe ſenkten ih ° : 
Und das Dach begann zu ürgen. 
Zange ſchwankte zwiſchen Beiden 
Die Enticheidung bin und ber, 
Daß auch ſelbſt dee Eingeweihte 
Es nicht zu beſtimmen wagte: 
Wer den Kampfpreis hier erriugen, 
Wer den andern feſſeln wirde. 
Als fie eine Pauſe machten, 
Um ein wenig Luft au fhöpfen, 
Zog der edle Sehn des Salem ... 
Seinen Schnigeihut pm — ı: 
Und empfahl ihm feinen Wanfche - 
An Geftalt und Körperlänge: er 
Sept Shon wieder Das zu werden, ;. 
Was er fonft gewefen ar. . 5.7." nn 
Da begann. der Sohn des: Krk. & 
Auf der Stelle fi zu fireden — 
Und an Umfang zuzunehmen ſ 
Ward fo ſtark wie eine Eiche . ..:, 
Und fo hoch wie eine Taune. ine! 
Darauf fuhr er. dem Gchömin. “ .: 1: 
Mit den Händen :im die — garen 
Schüttete ihn ;erfliein wenig, ‘; ‚SE 
Zerrte dann ihn hin mud ber,. :. ; = 2 tun. 


Bierzehuter Befang. 


Hob ihn wohl zehn: Faden bad. :: - 
Bon dem Boden in Die: Hähe - — 
Und dann flampfte: er ihn endtih — 
Wie ein zugeſpitztes Pfloͤckche 1 
An den Boden tief. hinein: —— 
Erſt nur freilich dis zur Wade* 
Aber dann bis übers Knie, — A Te 
Endlich bis zur Säfte faſt, A 
Daß er zwifchen Grant und: Saul 
Eingefeilt und eingellemmt - — 
Sich vom Platz nicht rühren komte. 
Kalew's ſtarker Sohn ergriſßf— 
Jetzt die Ketten nud verſichte 
Wie fie anzulegen wͤren. Ti. 
Daß er den beſiegten Gegner ' 
Mit denfelben feſſeln könne. Zn 
Aber eh?’ der Sohn des Klemm ı  .. > 
Noch fo welt gediehen war, . „17. H 
Am die Eiſen anzulegen : : ° "in, 
Und gehörig zu befefl'gen,  - 
Schrumpfte der Gehörnte ſichtbar 
Immer mehr und mehr zufunmer; 
Eine Spame erſt und.wei, "0° 
Gleich darauf noch viele Spannen, :ı . 


le zu) 
” 


Ward dann ellenweife Fein " 1: 
Und verſchwand zutept im Bodem. iur. 
Wie etwa ein Stein in-Qumpfe,  : > 


So daß keine Spur von ihm 
Und fein Merkmal übrigbtieb, .  : : 
Als ein naffer blauer Fleck, _ 
Der ein weniges noch Dämpfe. - +: i.. > 
Kalews Sohn enthielt ſich aigt — 
Spottend alſo auszurufen: | 
"Ber hat dnf der Welt wohl Beat 
Etwas Zolleres erlebt! :  ° 
Höllenmeifter ift aus Feizgheit 
Wie ein Haſe forigelaufen r HT gr 
Hält verfiedt ſich wie ein Botglein, ° :°° 


2 u 


Mlatzehnisn Asfens- 


Bie die Droſſel EG im Didicht, — 
Sid die Eidechſ' bitgt im Meoſe,, 
Wenn fie irgendu⸗ ein Polteirn 
Unvermuthet aufgeſchreckt,“ a Fe 
Werde ſchon ein andemmat noch 
Des Gehörnten Schlupfloch finden. 
Werd’ ihm dann die Beige Imebeig 5 
Und mit Eifenbanden fchließen, - - - 
Daß er wmir nicht mehr entwilhen,. 
Richt ein Glied mehr xegen fell... u 
”Hente loͤſ ich mein Berſprehen— 
Und befreie meine Maͤdchen 

Aus der Haft dea Schaitenreiches. 

Künftig follen fie ihr Leben 2 

Nur in fonnigen Gefiden 

Froh und frei genichen dürfen, - 

Sollen unterm Monde: wandeln 

Und die Sterne flimmern fehen I- * 

Kalew's Sohn ergriff das. Sclachtſchmert, 
Das am Nagel hing, ud ‚fchnellie , 
Sich daffelbe um Die Häfte, -: 

Nahm ein Fuder, alter Schätze, er 
Manchen Sud voll gelduer Münzen, ne 
Fuͤllte manches Faß voll Thalen :  — ".- .., 
In verichied’ne lee Güde, 

Nahm auch wohl din. Dupend Sinn. 
Scheidemünze. nech Daruͤher, | 
Warf fih alles auf Die Car... .. : = 
Lud auch noch die drei: ze Zu: 
Auf das übrige Gepi, .. Ne oo 
Septe ih das Sihnipelbäthen - - 1. 
Auf den Kopf und rief dann Iufig:. 
„Heiße, Hütchen, mad’ geſchwinde! J— 
Bring' uns an Die Ansgangſpfortee 


Bo die Bretter liegen blichen!! 5 
In demfelben Augenblile :; :- 4 
Stand er an dem Hoͤhleneingang, , sit 


Wo der Keſſel unlangſt kochte. ,, 24 15 





Bierpenter. Orion 


Aber dieſer ſammt Ben: Röhm .: .:  : - 


Bar verfhwunden aus dem Lingang. . x 


Und nur einge Feuerbrändet 
Glimmten jebt. noch auf dem Hate. 


Als der theiwe Sahn des Aalem :... : 


Sie ein wenig ;nngebläjen, 

Daß fie wieder luſtig brannten, 
Warf er das geraubte Hütchen 

Mit Verachtung in die Flammen, 
Die es alſobald verzehrten. 


Ale drei Gefchwifter brachen. 


Weinend aus in diefe Bottes- : 
„Barum, ftarfer Sohn des Kalew, 
Haft du dieſen Hut vernichtet ? 
- Einen folder wird auf Erden, 
In der Hölle Niemand flechten. 
Mit ihm. Karben alle Wünsche, 
Alles Hoffen ift jept eitel!-“ R 

. Seine ®Borte Mn Derehnend 
Sprad der ſtarke Sahn des Anlem: -. 
*„Laßt das Weinen, liebe, Madden, : : . 
Klaget nicht," ibeigoldnen Kinder! r 
Sept ift feine Zeit zum. Frauern, i 


D 
- 


ft 


Schmerz; und Kummer find verſchwunden! a 


An des Sommers feine Tempib .. . ....‘ 


Pranget weitund breit Die Erde, : -;: 


Ruft der Kuckuk einen Burfhen, .— 


Singt die Lerche einen Kreier, F 
Wiehert einen Mann das Züllen 
Jedem Mädchenherzen zu. er 


Heitre Sonnenſtrahleu werden9 


Sich in euren Augen ſpiegeln/ 
Auf dem Blatterſchmuck des Waldes; 


Auf dem grünen: Bafen fchinimern. :-; - n 
„Liebe: Mädchen, junge Mädchen, 


Blondgelodte, zarte Böglain!: : "un . 


Legt euch: am die befſen Meder,  - _ 1:7: 


— 


Schmücket euch mit. vothen Bindenw: - - :::u." 


ure 


A 


Btenehnter Gefang. 


Und mit blauen Seidentuͤchern 

Und mit goldhrefatuen Röden! . 
Werde ſchon euch Freier ſchaffen, 
Bald für IufPge Hochzeit ſorgen. 
Brennen erft. der Burfchen Augen .. 

Bei dem Anblid eures Shmudes .: 
Und im Anfchaun eurer Schönheit, 
Wird fi bald das Freier finden, - 

Ein verführerifeher Burſche, 

Den die feidnen Kleider Toden 

Und der goldbrofame Rod 

Und die Roſen anf den Bangen 

Und der hochgewölbte Buſen; 

Wird ein Freier aus ber Zume,. : .: 
Wird der Sohn des Sulew — 
Oder auch der Sohn des Atem‘. r 
Und noch mancher. aus der Eippkaft. 
Sicher werden unſre Sreunde, . 7 
Werden unfre Anverwandten 
Kommen, um. euch zu gewinnen, ' 

Um im Ernſt nah euch zu freien. 

„Sept ift ans die Zeit der Trauer, " 
Sept die Sorgenzeit voräber; . = 
Lange heitwe Freudentage — 
Treten jetzt em ihre Stelle : -_ .,- 

Hierauf Ind ex fi die Breit .. :.. 
Zuftig wieder auf. die Schulter, .  ,. : :1: 
Warf die Beutel mit. dem Bewer: ° : 1.1. 
Und die Golds und Thalerſaͤcke —— 
Auf die Bretterladung bin +7; 7 
Und befahl den jungen Mädihen. 5. 
Auch Dort oben Plaß zu nehm; : 

Wo auch buld Die jungen Hühnchen. 
Heiter und gemäthlich ſchwagten. ri. © 
Au die Schweftern hatten Kich, 
Eh’ fie auf den Weg fi. machten, -' 
Aus den Samnıts uud er 34597 
Manches reiche: Altiderpaͤckchen, — 


| 


** 


Bierzehnter Belang. 


Und die jüngfte noch daneben 
Bon der Band die Bünfchelruthe 
Für den Notbfall mitgenommen. 
Ob fih auch der Sohn des Kalew 
Start genug beladen hatte, 
Ging er doch fo fchnellen Schrittes, 


Als ob ihm die Ferfen braunmm. 


Und die Böglein anf dem Fuder 
Sangen alle drei mit Zauchzen : 
* „Laßt uns fliegen in die Weite, 
Laßt uns unfer Schickſal preifen! 
Denn der Sommer ift gelommen, 
Eine frohe Zeit erfchienen, 
Sie ift da, die Zeit der Rice. - 
Wendet fi zum Herbft der- Sommer, 
Wellt fie hin, die Pracht der Fluren, 
Werden aus den fernen Dörfern; 
Aus der Fremde Buben kommen 
Und aus gaftlichen Gefinden, - 
Um mit den erlöften Sungfraun -: 
Einen Liebesbund zu ſchließen. 
Bo dad Glück ſich angefledett, 


Berden aud die Schweftern wohnen.n* 7° 


a Dee 


vu) 


Anuhzehuttt Gtfang u 


— — j 


Wi die. Dörfer mich nur hörte, 


Mich die Höfe nur verflünden, 

Die Gemeinden nur empfingen, 

Pas ich laut und fröhlich finge, . 

Ging wohl mancher Mutter Sohn 

Zu den ernften, ſchwazen Männern, 

Sie in Demuth anzuflehen: _ 

Daß fie doch in Gnaden ließen 

Sangeövöglein frei gewähren, 

Es nicht länger mehr verfolgten | 

Sperber famen ed zu würgen, 

Raben rupften’s, wo fie fonnten, 

—— plagten’& taͤglich 

Eh' das Kind noch war geboren, 

Eh' es noch das Licht des Tages, 

Noch des Angers Grün geſehen! 
*Sind's ja doch nur Hirtenlieder, 

Triller armer Fröhnerbuben , 

Hütermädchen Melodieen, 

Spinnerliedchen alter Mütter, 

Die die Klügeren verſchmähen, 

Die die Hohen nicht geheißen , 

Nicht die Oberen befoblen ! 

Kindesfreuden find’ und Leiden, 

Blümchen der verjüngten Fluren, 

Frühlings Abendrothgeftalten , 

Plauderei’n der Dämmerflunde.* 
Theurer Sohn des ſtarken Kalew, 


"40. : 


Bunfgehmter' Grſang. 905 


* Hätte dil'es ahnen koͤnnen, zii! 
Wie man deine Schritte Yenihen "©: - 30 
Dir den Weg vetlegen wide: 7 ·· : 
Traun, du hättft noch ungeboren, Be y 
Hätt'ſt vor: Augſt im Mütterleibe  - 
Did in's Walter frürzen mögen !® 
Benn im heitern Liederhatne 
Sich der Sänger erſt' ergangen, 
Iſt die Rüdkehr nicht mehr möglich, 
Geht er keine andern Pfade. 
Ihn vertreiben Zeine Hunde S 
Seine Rüden in die Bit a. en Be A 40 
Bellt der Hofhund aus dem Dürfe, 
Aus der Heerde ißn-der Viehhund,- - - 
Hinter'm Zaun ihn: an: das Moͤpochen, ne 
Bird der Mann den Kläffern niemals, * 
Niemals. ſeinen Neidern meiden. ' 
Laß't und gehe anf — a 
Zu des Kalcwiden Hügeln, 3 
Durch des Alewiden Fluren 
Und des Sulewiden Moore, 
Uns die Jungferntrift durchſttelfen, IT 50 
Holde Blümchen aufzuleſen ' - Er J 
Kaum erſt war der Sohn ber Ref * 
Hundert Schritte weit: Kegangen,; "0 — 
Höchftens tanfend: auf dem Wege, 2* 
Der in feine Heimath- führte, Der 
Als ein Trupp von Biderfahern ae 
Eifrig feine Spur verfolgte, > ei 
Seine Schritte aufzuhalten, je 
Seinen raſchen Gang zu Beiimats- = - 5 
Denn der Fuͤrſt des’ Sthattenreichez Pr 
Kam mit fiehzig Welferspeffern - -: — F 
Sich an Kalew's Sohn zu reiben, 
Wollte des befiegten Schwagerdd 572 
Des Gehoͤrntei Niederlage: - ° 3. ©. 
Blutig an dem’ Sieger tan 
Und ihm daufendfac dergelten. DE N 


100 


Sunfgehuler Befang. 


Als die jüngfle. Maid, bie ze 
Ihre Aeuglein aufgehoben, _ 
Sah fie die Verfolger, kommen 
Und ergriff die. Wunſchelruthe 
Ahr mit füßer Stimme ſchmeichelnd: 
„Schwanke, ſchwanke, Zauberruthe, 
Und erfülle unſte Wünſche! 
Wandle flugs das Land in Waſſer, 


Weit und breit in Meer Die Wieſen, 


Jeden Strauch in eine Welle! 


Bor uns lege Brüden nieder, u dei 


Hinter uns lafj Waſſer walen , 


Brüden für den edlen: Helden, J . j 


Für den Träger golduen Schaßes, 
Waſſer für die Widerſache, 
Des Gehoͤrnten Helfershelfer!“ 
Kaum nur haste fie geendet, 
Als die Macht der Wunſchelruthe 
Auch fogleih den Wunſch erfüllte, 


- Meer durchfluthete die Ebn— 


Und es wälzten breite Wogen : 
Schaulelnd fih im Frifhen Winde, - 
Eine Brüde feft und ficher ur 
Ließ den Helden trocknes Sub , , 
Die Gewäfler überfchreiten. _ 
Bor den Füßen wuchs die Bräde, _ 


Hinter'm Rüden ſchwoll das Waſſer, 


Und die ſchaumgelkroͤnten Wellen 
Hemmten der Verfolger Schrifte, 
Die wie Hühner von der Stange. ,.: 
Don dem Meexesufer zufahn, . : 

Wie der Habicht in den. Hängen 


Das geraubte Bögleim forttrug, = — 


Ohne daß fie ihn zu hindern 
Oder feinen Flug zu ſtoren1 
Rath gewußt, die dummen Teufel. 

Die Gefellen des: Sehöraten: . 
Sah'n verwundert. quf das Echaufpiel, 


Bankier Geſang. 


Denn fie konnten nicht begreifen, - 
Wo das Walſſer hergelodımen, 
Das die Fluren überfchmemntte. 


Und der Fürft:deu-Beere fragte: 


„Kalew's Sohn, mein goldney Bruder,  . 


Haft du unſers Haufed Hühnchen . 
Unfre lieben Pflepetöchter . 
Eigenmächtig mitgenemmen?* .. 


Kalew's Sohn verftand- u Brage - 


Und erwiderte ihm ſpoͤttiſch: 


„Habe gethan, :fo ſcheints mie ſeiber, 


Hab’ die. jungen Pflegetörkter 


Eigenmäctig aus dem Haufe —— 
In der Gile mitgenommen We 


An das heile Nicht des Tages, . 

Um den heizatheluf’gen Maͤnnern 

Schmude Bränte zumfähren!» — 
„Aber lieber Buuderr, fragke 

Wiederum der Fürſt der Leere, 

„Haft du meinen theuren Schwager 

Auf dem Anger ſeines Hofes. 

Erft im Wettkampf ‚Abermunden 

Und ihn dannwie einen Zarmpfahl 

In den Kiesgrund eingetrieben?“ — 


„Moglich,“ gab-der Kalewide 
Hoͤhniſch laͤchelnd ihm. zur Antwort, 


„Daß ich deinen theuren Schwager 


Erſt im Wettkampf üherwunden u $ 


und ihn dann wie eisen Baunpfahl- 


In den Kiesgrundireingettiehen I... --.: 


Daß die Busen. heil ihm blieben, - 
Iſt gewiß nicht. meine. Schuldl ⸗ 


Immer mehr noch, wiſſen wellend . 


Fragte jegt der Furſt der Leere: 


„Ralew’s--Gohn,. mein goldaer Brad. 


Haft du unfre- alte Mutter, . 
An der Kühe Kuchen: backend, 
Eingefperrt und ſitzen Infien. 


Bailsan ” 


110 


120 


180 


140 


150 


ut 


170 


180 


dunſzehnter Gefang:. 


Bie ein Maͤuschen ir der. Zallet« 
Hierauf gab der Sohn es Raten 


Wiederum mit Hohn zur. Antwort: \ ; 
„Ja ich habe, Lieber VBruder, 7. ...: 


Eine Alte Kuchen badend.  -: . .: 


In der Küche eingefäyloffen 
Wie ein Mäuschen in der Balke, 


Bo fie wohl im Erbfenfafen 


Heulend ſuh ihr Lager mirchte 
Und vielleicht noch Heute ſchlaät, 


— 
2 


Wenn ein. Fieh ſie nicht erweckte! :. : . 
Hierauf drang der Zürft der. Berre.: ' 


Weiter in den Helden, fragend: 


„Kalew's Sohn, mein geiiner Bruder) : - 
Nahmſt du auch das Schwert vom: Raget,! . :- 
Heimlih fort das gute Schlachtſchwert 
Stahlſt das Eifen des Gehörnten ?«' 


Kalew’d Sohn verfiand die Frage 


Und entgegnete ihm fpottend : 


„Werde wohl, mem lieben Bruder,  . : ' 


Auch das Schwert genommen haben, ı. “ 


Don der Band Die gute Waffe, - 


Deines theuren Schwagers Giſen. 
Darf ein Schwert am Magel Hängen, 
An der Band ein gutes Schlachtſichwerke 
Wer darf Mann und Waffe treuen 


Ohne Waffe gift der Mann, 
Ohne Mann die Waffe nis du 
Immer noch nicht muͤde fragte 


J 


1 


El er 
Des Gehörnten: Schwaget alfhı: 7 :..- 
„Kalew's Sohn, mein gofdner Brader, 


Nahmſt du meines Schwagers Hmchen, : 


Des Gehoͤrnten Wunſchelhͤnchen 


Bon der Wand an fſeinein Bette ®« - 
Hierauf:'gab Der: Sohn Bes: Kalew — 


Wiederum mit Hohn: zur Antworte 


„Ja ich glaube, liebet Bruder, 
Daß ich deines Schwaters Hätgen, -' 


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179 


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Sunfzehnter Befang. 


Des Gehörnten Wunſchelhütchen, 
Bon der Wand genommen habe. 
Diefes Hütchen wird mohl niemals, 
Niemals mehr fein Haupt bededen, 
Denn es ging im Zeuer auf, 
Ward zur Kohle in den Flammen, 
Ging als Afche in die Winde.“ - 
Weiter forfchend that der Alte 
Jetzt die Frage an den Helden: A 
„Kalew's Sohn, mein geldner Bruder, 190 
Warſt du in dem goldnen Zimmer, 
Meines Schwagers Schaß zu plündern, 
Seine Thaler wegzunehmen,  * 
Scheidemuͤnze zu verfohleppen, 
Altes Kupfergeld zu ftehlen %« 
Epöttifh gab der Eohn des Kalew 
Auf die Frage ihm zur Antwort: 
„War gelegentlich), mein Lieber, 
Auch wohl in dem goldnen Zimmer, . 
Um den Schag mir zu befehen, 200 
Ein’ge Thaler zu erwilchen, 
Etwas Gold mir aufzulefen. 
Scheidemünze, war’8 auch Silber, 
Hab’ ich nicht berührt, mein Lieber, 
Auch fein Kupfergeld geftohlen. ; 
Füllte Gold nur in die Säde 
Und die Thaler, ein paar Tonnen, 
Was ein Heines Fuder machte. 
Pferde fchleppen zehn ein foldyes, 
Ochfen zwanzig ohne Mühe. 210 
So viel nahm ich von dem Plunder, 
Sechs Lof Gold mit eingerechnet.“ — Ä 
„Kalew's Sohn, mein golduer Bruder," 
Fragte jebt der Fürſt der Leere, 
Um die Sache zu erſchoͤpfen: 
„Stahlft du feine Wünfchelruthe, 
Nahmſt ihn weg den Brüdenbauer ?- 
Hierauf gab der Sohn des Salem 
: 26 


370 


240 


Bunfzehnter Geſang. 


Wiederum mit Hohn zur Antwort: 

„Diefe Ruthe nahm vermuthlid) 

Eine Maid mit braunen Augen, 

Stahl gewiß den Brüdendaner. - 

Eine Ruthe wird kein Starker, 

Wird fein Kräft'ger jemals ſtehlen!“ 
Wieder fragte jept der Alte 

Sich in's Einzelne vertiefend: 


-„Kalew’8 Sohn, mein goldner Bruder, 


Tratft du auch die jungen Hühnchen % 

Haft die Kleinen du befchlafen, 

Ahnen audgerenkt die Hüften, 

Sie zerdrüdt, die armen Kinder ?« 
Kalew's Sohn verftand die Ftage 

Und erwiderte ihm fpikig: 

„Sicher werd’ ich, lieber Bruder, 

Dir ein andermal berichten , 

Was die Hühnden in dee Kammer, 

Was im Schlaf Lie lieben Kleinen 

In der Nacht zu ihrem Glücke 

Heimlich fih von mir erworben!” 
Endlich ſchloß der Fürſt der Leere 

Das Verhoͤr mit diejer Frage: 

„Kalew's Sohn, mein goldner Bruder, 

Wirft du einmal wiederlehren, “ - - 

Deine Schulden zu bezahlen 9“ 
Kalew's Sohn verftand die Frage 

Und erwiderte ihm fpöttifch : 2. 

„Wer kann wiffen, lieber Bruder,. 

Wie einmal die Sachen gehen 

Und die Winde wehen mögen! :- 

Wenn’ mir an Kopelen mangelt, 

Komm? ich wohl vieleicht noch einmal 

Wieder in das goldne Zimmer, 

God und Eilber mir zu holen 

Und zugleich die alten Schulden 

Mit der neuen Schuld zu tilgen.“ 
Hierauf 309 der Zürft der Leere 





Bunfgepnter Gefang. 37 


Mit den fiebzig Helferähelfern 

In fo großer Haft von dannen, 

Als ob ihm die Zafchen brannten 

Dder Bremfen ihn verfolgten. 20 


*»Wenn ich eigenſinn'ger Weiſe 
Bon den Pfaden holder Juugfraun 
Kalew's Schritte feitwärtö Ienfe 
Auf die Triften fremder Dörfer, 
Andrer Felder Aderraine 
Und in unbekannte Fluren, 

Muß ich, eb? ic) weiter ſpreche, 

Eh’ ich den Berlauf berichte 

Und mein Lied erichallen laſſe, oo 

Bittend erft an euch mich wenden ! 2.20 
Holde Kinder aus den Dörfern, 

Liebe, traute Lockenkoͤpfchen, 

Die ihr famt von Läne's Wiefen 

Und von Harrien's weiten Zriften, 

Auch von Wierland’3 Saatenfeldern 

Und aus Jerwen's ſchatt'gen Hainen 

Meinen Liedern froh zu lauſche:: — 

Ich beſchwoͤr euch, holde Sungfraun, 

Liebe, zarte junge Maͤgdlein, | 

In den Espenhain zu treten, | 230 

In den Birfenwald zu fpringen, 

In den Erlenbufh zu flüchten, _ 

Wo das Haufen in den Blättern 

Euch verhindert mich zu hören, 

Bis ich meinen gröbern Werg 

Don der Spindel abgejponnen ! 

Scheltet nicht darob den Sänger, 

Gebt niht Schuld dem Wortefteler: 

Schuld trifft nur den Worterfinder, : . 

- Nur der alten Sage Wurzel, * 7.990 

Noch im Scheiden ließ die Sonne | 
Sid der Bäume Wipfel röthen 
Und in goldnen Farben glänzen, - m 

26” 


379 


310 


Bunfgehnter Gefang. 


Ehe fie ihr Licht: verlöfchte 

An dem Schooß der Abendbämm’rung. 
Kalew's flarfem Sehne waren 

Heute mannigfache Sorgen 

Und verfhiedne Aergerniffe 

Dftmals in den Weg getreten ; 

Deshalb hatte auch die Kadung 

Mehr belaftet feinen Rüden, ' 

Mehr befchwert des Nadens Sehnen. - 

Zeitig warf er feine Bretter 

Auf den Boden bin und lehnte 

Ceine Schäße an den Hügel, 

Ließ fih nieder auf dem Raſen, 

Um ein wenig auszurnhen, 

Und erquidte, fih zu ſtaͤrken, ; 

Seinen Leib mit Trank ımd Speife. 

Auf Bereitung feines Lagers | 

Diesmal keine Zeit verwendend 

Blieb er auf dem Raſen fiegen 

Einen Feldflein unter'm Kopfe. 

Nur ein Beildyen wollt’ ex ruhen, 

Seines Rüdens Sehnen ſtrecken 

Und das Haupt, das ſorgenſchwere, 

Sid im fühlen Than erleichtern. 
Bas ihm heut berichtet worden, 

Waren lauter Höfe Sachen. 

Alew's Sohn bezeugte leider 

Selbſt die Wahrheit des Gerüchtes, 

Daß durch Hexenbam gefeffelt 

Und durch Zauberfpruh gebunden 

Er im unbewußten Schlafe 

Gieben Wochen lang gelegen. 

Schwerer Krieg war unterdefien — 

Blutbegier’ger Feindeswagen, 

Ueber Wierland Wehe bringend, 

Unglüd ‘über Alentaden — | 

Mordend durch das Land gezogen. ° ° 

Sechs entfeglihe Gerüchte, 


Bunfgehnter Belang. 


Sieben Unglückskunden waren's, 

Die den Mann auf ſeinem Lager 
Diesmal peinigten und quälten, 
Daß der Schlummer lange fäumte 
Seine müden Augenfterne 

Mit dem Schleier zu bededen. 
Endlich wiegte Doch des Abends 
Feuchter Thau mit, feiner Kühlung 
In den Schlaf des Mannes: Sorgen. 

Nur erft wen’ge Augenblide 
Bar der müde Sohn des Kalew 
Auf dem Rafen eingeichlafen, 

Al er's an den Seiten flrömen, 
An den Hüften plätfchern fühlte. 
Bald erhob der Hüften Näffe 
Höher fih hinauf am Körper, 
Drang allmählig bis zum Halfe 
Und erreichte fihon den Naden. 
Er vermochte nicht im Anfang, 
In des Schlafes erſten Feſſeln 
Die Gewißheit zu erlangen, 

Ob die Näffe, die er fühlte, 
Nur ein Traum fei, oder Wahrheit, 

Das wird Jeder fid) erklären 
Und als wahr beftät’gen können, 
Der es felbft an fich erfahren: 
Daß im Anbeginn des Edylummers 
Die Empfindungen des Traumes 
Aeußer'm Eindrud widerftehen. 
Deshalb ift e8 auch viel leichter, 
In der Nacht aus tiefftem Schlafe, 
Als im Anfang zu erwachen. 

In des Traumes heiter'm Spiele 
Hatte Kalew's Eohn, der Starke, 
Mit des Schattenreiches Mägdlein 
Scherz und Zändelei getrieben ; 
Deshalb blieb die Iaue Welle, 

Die ibm feine Hüften nepte, - 


373 


374 


370 


400 


Yunßehnter Gefang 


Unerflärt dem Sinn des Mannes, 
Den des Traumes Fefleln bunden. 
Schon begann die "Flnthenmaffe 
Ernftlihe Gefahr ihm drobend 
Ganz den Schläfer zu bededen, 
Da die Ströme warmen WBaffers 
Höher noch und höher fliegen. 
Da erwachte aus dem Schlafe 
Noch zum Glück der Sohn bes Mannes, 
Eh’ die wogenden Gewäfler 
Gaͤnzlich ihn erſticken konnten. 
Admovit manum mentulae, 

Num forte parvula inopinato 
Amnem efludisset. 

Sed amica innoxia, 

Nec quidquam mali ei acciderat. 

Als er aus dem Schlaf erwachend 
Sid) die Augen audgerieben, 
Ueberflogen feine Blide 
Die befremdende Erfcheinung, 

Um die Quelle zu entdeden, 

Der der laue Strom entfprungen. 
Und im Augenbitd gewahrte 

Auch der Freund die Schlenfenpforte 
Und in ihr die Quelle felber, 

Die die warme Fluth erzeugte. 

Una de magicis virginibus, 
Filia magi ventorum, 
Conquiniscebat in montibus 
Gignebatque ‘ex se undam calidam. 
Altero pede in hoc jugo, 

Altero virgo stabat in illo 
Cruribusque varicalis confornicabat 
Angustas fauces. 

Amnis effundi ore crinito. 

Aus der Mitte des Gewölbes 
Stürzte fih in's Thal das Bächlein 
Weit die Wieſe überſchwemmend 


Funßzehnter Geſang 375 


Und den Schläfer auf dem Raſen 
Ungeftün ertränfen wollend.. 

Kalew's edler Sohn, der Starke, . ı 410 
Aufrecht figend auf dem Lager 
Sah mit Unmuth und Erftaunen 
Auf die reihe Sprudelquelle, : 

Die den warmen Strom erzeugte, 

Quum puellae jocum adverlisset, 

Vir fortis secum ila: 

Si fontem cunearo 

Rimamque obturaro, 

Aquarum radios morabor | 
Effusionemque retardabo. 420 

Von dem Ungefaͤhr geleitet 
Kiel der Stein ihm in die Hände, 

Der ihm unter'm Kopf gelegen. » 
Diefen. mit den Fingern fafjend 

Bielte Kalew's Sohn ein Weilchen 

In des Waſſerſtrahles Richtung 

Und entfandte dann ihn faufend 

Nach dem vorgehaltnen Ziele. 

Und wo fiel der Wurfftein nieder ? 

Grade an dem rechten Orte, | 130 
In dem Mittelpunkt der Quelle. 

In ipsum os crinitum fertur 
Obseransque sic ostia 

Tamquam obturamentum clausit canales, 
Ne per aquarum porias 

Jam eflunderetur amuis. 

Filia magi tenera 
Exclamavit delore | | : 
Opemque quaerens hanc vocem mittit: 
»Accelerate, sapientes, 440 
Obturamentum mihi extrabite, 

Accelerate, medici, servate me |« 
Sed hie nec medicorum auxilium, 
Nec magerum sapientia 

Malo mederi potuit 


470 


Yunfgehnter Befang. 


Aut cuneum cunno emovere, 

Diuturnis cruciata miseriis 
Puella obturamento interiit. 
In flore aelalis marcescendum erat. 
Virginis corpus morluum, 
Quod nec lupo tangere dente, 
Nec corvo libebat rostro tundere, 
Sensim comedit pullilies muascae carnariae, 
Donec in pulverem dilapsum est. 
Sola pars media 
Corporis amnem gignentis 
Obturamento male mulcati 
Exstat eliam hodie 
Refertque rem. 

E nigra saxi rima 
Aquarum venae prodeunt, 
Quae olim cunni virginei laticem 
In campo diffuderunt 
Rivumque efliciunt, cui a ferro nomen est. 
lta, boni, ortus est 
Prisco tempore cunni rivulus., 





Als der theure Sohn des Kalew 
Abgeſperrt die Zluthenquelle 
Und gehemmt den Lauf des Stromes, 
Lehnte er den müden Nüden 
An den trodnen Fuß des Hügel 
Und entichlief fogleich von neuem. 
Hier erfchien fein Ruheſtoͤrer, 
Seinen Schlaf zu unterbrechen. 
Ruhig fchlief er 6id zum Morgen 
Ausgeſtreckt auf feinem Lager, 
Da des Hahnes Morgenenf 
Und der frühen Henne Gadern 
Erſt den müden Mann erwedten. 
Aus des Schlafes Banden fchlüpfend 
Nahm das Brüderchen ein Frühſtück 
Zur Erhaltung feiner Kräfte, 


Yunfzehnter Befang. 


Stapelte das Fuder ordnend 
Seinen Brettervorrath auf, 
Warf darüber feine Schaͤtze, 
Seine Gold» und Thalerfäde, 
Die er hergebracht von weiten, 
Hob das Fuder auf den Raden, 
Seine Beute auf die Schulter, 
Und begann in langen Schritten 
Seiner Heimath zuzuwandern. 

“War ja doch fein Haus nicht weit mehr, 
Hinter'm Wald nicht mehr fein Höfchen, 
Nicht mehr fremd fein Neft dem Vogel! 
Ihn begrüßten ſchon die Winde 
Und umfächelten die Lüfte 
Aus dem Waͤldchen des Gefindes, 
Des fo lang’ ſchon herreniofen. 
Möglich, daß vor feiner Pforte 
Längst ſchon Jemand feiner harrte !* 
Siebenmeilenfchritte fhwanden 
Unter feiner flinfen Ferſe 
Und entrollten feinen Zehen. 

Es erwuchs fortan dem Manue 
Nirgendwo ein Aufenthalt, 
Eine Hemmniß feinen Schritten. 

Als er fo Bis an die Hede, 

An die Pforte des Geſindes, 
Stüdlich bis zum Hof gefommen : 
Wer verfuchte feine Schritte, 

Seinen rafhen Gang zu hemmen, 
Ihn, den Eil’gen, aufzuhalten ? 
Angereift aus weiter Ferne 

Trat ein Fremder ihm entgegen. 
Kaum zum Gruß die Kappe lüftend 
Nahm er gleich dad Wort und fragte, 
Ohne lang? fih zu befinnen : 

Bo, geehrter Sohn des Kalew, 
Kaufteft du das Bretterfuder, 
Nahmſt du Her die folgen Planken? 


510 


a7. 


376 


5% 


Yunfehnter Gefang. 


Wo doch wuchfen ihre Stämme, 

Ihre umfangreichen Kronen ? 

Thürme könnte man aus ihnen, 

Könnt aus ihnen Schangen bauen, 

Sie zu Feſtungen verwenden, 

Wenn der Krieg das Land bedrohte.“ 
Kalew's Sohn verfland die Frage 

Und erwiderte mit Mugheit: 

„Wo die Bäume früher wuchfen, 

Ihre Schößlinge fi) wiegten, 

Früher ihre Keime ſchwollen, 

Ihre Samenkoͤrner fielen, 

Dort entſtanden große Wälder, 

Sproßten Forſte Dicht empor, 

Bo die ſchmuckſten Tannen wuchfen, 

Kräft’ge Eichen ſich erhoben 

Untermifcht mit folgen Fichten. 

Hier gab's Arbeit für die Aexte, 

Wurden Eichen abgehauen, 

Fichten krachend umgebrochen, 

Tannen ausgeführt in Menge. 

Unterſtuͤtzt von Waſſerkraͤften 

Schnitt die Säge ſie zu Brettern, 

Machte kurz und klein die dickſten. 

Dorther nahm ich meine Bretter, 

Bring' ein Fuderchen nach Hauſe. 

Daraus baut man keine Thürme: 

Thüuͤrme find von Stahl und Eiſen; 

Daraus maht man feine Schangen : 

Schanzen baut man nur aus Steinen.“ 
Darauf fprach der Fremde weiter : 

„Reihe mir, mein lieber Bruder, 

Reihe mir von deinen Brettern, 

Wenn du diefe feltne Waare 

Nicht etwa verkaufen wollteft ! 

Ich, ein Städtebauer- Meifter, 

Ich, ein Gründer feſter Orte 

Und ein Schöpfer ſtarker Thürme, 


Yımfschnter Befang. 


Bin fhon weit herum geweien, 
Hab’ die Welt mir angefehen, 
War in dreien Königreidhen, 
War auf vierer Jungfraun Zeldern 
Und auf fünfer Fremder Aeckern.“ 
Komme grad’ vom Taaraberge, 
Komm’ von großen Feftgelagen ; 
Wo man auf den Sohn des Kalew 
Mit der größten Sehnſucht harrte.“ 

Zange Zeit fich unterhaltend 
Und mit Anftand Worte wechfelnd ' 
Wurden beide Huge Männer 
Bald vertraut wie alte Freunde. 
Kalew’8 Sohn vernahm mit Freuden, 
Daß zum Glück des ganzen Landes 
Durch der Götter weile Führung 
Der berühmte Städtebauer, 
Der fo manchen: feften Ort, 
Manchen -ftarfen Thurm gegrändet, 
Olew's Sohn, der Bauverftänd’ge, 
Recht gefltfientlich gefommen, 
Um den Bruder zu befuchen. 

Als die Männer fich befreundet, 
Ward ein Handel abgefchloffen 
Und aufs bändigfte befefligt, 
Daß nicht fpäter Weiterungen 
Dder Streit und Zanf entflünden. 
Olew's Sohn, der Bauverftänd’ge, 
Hatte fich dazu. verpflichtet, 
Eine fhmude Stadt zu bauen, 
Sie gehörig zu befeft’gen 
Und zur Schußwehr einzurichten. 
*Ralem wollte Steine tragen 
Und dazu die nöth’gen Bretter 
Und erforderlichen Balken, 
Wollte ftarfe Eichenftänme, 
Gute, ausgefuchte Fichten 
Und die höchften Tannenbäume 


570 


3 


610 


Yunfzehuter Befang. 


Celber anf den Bauplap bringen, 
Außerdem den Lohn bezahlen, 
Namentlich in alten Thalern 
Und in Gold dem Meifter felber 
Und in Pfennigen und Groſchen 
Hoͤchſtens nur den Tagelöhnern.* 
Als nun Diem Glüdes halber 
Ganzer Tage drei gefaftet 
Ohne den geringften Imbiß, 
An dem Ufkoftein geopfert 
Und gebetet früh vor Zage, 
Auch am Abend fpät die Geifter 
Angefleht um Unterftühung, 
Machte er aus Fleinen Späuen 
An verfchiednen Orten Häufchen, 
Brachte Gaben dar zur Weihe 
Den um Hilfe angerufnen 
Weiſen himmliſchen Befchügern, 
Daß ſie durch's Geſchlecht der Ameiſen 
Ihm ein Zeichen geben möchten : 
Bo ein Wohnhaus für die Menſchen, 
Bo ein Stall für Vieh und Fafel 
Aufgebauet werden mäfle, 
Um als gut fi) zu bewähren. 
Olew's Sohn, der Bauverftänd’ge, 
Streng der Späne Zeichen achtend, 
Fing jet an die Stadt zu bauen, 
Stedte ab der Feſtung Gränzen, 
Rammte Balken in den Boden, 
Häufte Steine anf zu Manern, 
Maß die Winkel ab mit Schuüren, 
Nichtete die Stuebepfeiler, 
Dflanzte Säulen nad dem Lothe. 
* Mertet, merket, junge Männer, 
Zaffet, Fuge Frauenzimmer, 
Und erwägt verftänd’ge Buben, 
Bas an Mauern dort gezogen 
Und an Wänden aufgeführet 








Sunfgehuter Befang. 381 


Unter Wierland’s fjatl’gen Tamten, 
Zwiſchen Läne's Erienbüfchen 
Und in Harrien's Espenwaͤldern! 
Dort ward eine Stadt geſchaffen, 
Ward ein feſter Ort gegründet, 
Wurden Keller ausgegraben, 640 
Bo fi Greiſe bergen konnten, 
Baute man bequeme Häufer 
Und geräum’ge Baarenlager, 
Die man mit Gefhmad und Umflcht 
Wohnlich machte und verzierte. j 
Täglich waren Aexte fünf, 
Sägen hundert bei der Arbeit, 
Beile taufend in Bewegung.” 

Kalew trug die nöth’gen Bretter 
Zuderweife auf den Bauplatz 650 
Bom entfernten Peipnsftrande, 
Schieppte Nupholz unverdroffen 
Selbft herbei in tanfend Kloͤtzen 
Aus dem Eichenhaine Taara’d 
Und verfahb den Bau mit Steinen, 
Die er bier am MReeresftrande, 
Dort auf Aeckern aufgelefen 
Dder ausgegraben hatte. - 

Laflen wir die Werkgefellen ' 
An dem ſtolzen Städtchen bauen 680 
Und die Feſtungswerke gründen, 
Mo der König feine Wohnung, 
Schuß die alten Leute fänden 
Und von wo mit Kraft und Einflcht 
Kalew fein Gebiet verwalten 
Und für defien Wohlfahrt forgen, 
Den Zumult des Strieges hemmen 
Und die Zwietracht ftillen könnte, 
Daß fein Bolt ſich glücklich Fühlen 
Und fein Wohlſtand wachſen möge.* | 670 


700 


Bunlehnier Befang. 


Dreb’n wir unfre Eangesfpindel, 
Die fo manchen goldnen Faden, 
Manchen Silberdraht geiponnen, 
Einmal auf die andre Seite ! 
Laßt Durch Feld und Wald uns fchweifen, 
Po die Lockenkoͤpfchen weilen, 
Laßt mal fchauen, was fie treiben, 
Und ihr Thun einmal belaufchen ! 

Alle drei dem Schattenreiche 
Jüngſt entführte holde Mädchen 
Hatte Kalew’8 Sohn der Obhut 
Und dem Schuß des Alewiden, 
Seines Freundes, übergeben, 
Da er jegt die Unglückskunde 
Bon dem Jauberſchlaf erhalten, 
Der ihm fo viel Zeit geloftet. 
Alſo Hatte er geſprochen: 
„Nimm fie zu dir lieber Bruder, 
Nimm in deinen Schuß die Hühnchen | 
*Setz die Enten auf bie Nefter, 
Daß fie Menfchenföhne locken: 
Werden ja doch wohl die Freier 
Auch zu euch vor Zage kommen, 
Wierland's Burfchen um fie werben, 


. Sie umfhwärmen Harrien’s Anaben, 


Läne’d Buben fie erlöfen |-* 
Der geliebte Sohn des Alew, 
Ale Tage Hahn im Sorbe, 
Freite nach der dritten Schweſter, 
Nahm die jüngfte Ach zum Weibe, 
Züllig wie das Erbſenſchoͤtchen, 
Duftend wie die Bohnenblüthe. 
Sulew's Sohn, fein Anverwandter, 
Nahm die älteſte der Schweitern 
Sich zum ſchoͤnſten Abendglücke. 
Nur die mittelſte derſelben, 
Aus dem Schattenreich die ſchlankſte, 
Sand noch) Feine Liebesarme, 








Bunpehuter Belang. 
Sondern mußte ledig: trauern. 


* Wenn die Schweftern unter ſich, 


Wunderkinder mit einander, 
Ale drei in's Freie gingen, 
Sei e8 nad dem Eichenhnine, 
Dder nad dem Hafelmwäldcdhen, 
Forſchten fie einander aus, 
Eine junge Frau die andre; | 
„Wie gefällt das Leben, Schweſter, 
Dir in deines Liebſten Armen?“ 
Auf die Frage ward erwidert; 
„Herrlich, Schweiter, ift mein Leben, 
Schön in meined Liebften Armen ! 
Abends legt man krank fi nieder 
Und verläßt das Bett genelen; 
Unter’8 Bett verkroch die Krankheit, 
In die Streu fih ſchnell das Uebel. 
Herrlidy ift mein Reben, Schweſter! 
Golden fchlaf ich ein im Bette, 
Golden ruh' ich in den Kiffen | 
Golden fcheint mir jede Speife, 
Golden jeder Trank zu fein, 
Golden jeder Schritt im Zimmer !* 
Darauf that die andre Schwefter 
Ihr Belenntnig mit den Worten: 
„Herrlich, Schwefter, ift mein Xeben, 
Schön in meines Kiebften Armen ! 
Seiden bringt man mid zu Bette, 
Seiden fteh’ ich auf vom Lager. 
Seiden wird das Bett bereitet, 
Seiden aufgeflopft das Kiffen!- 
Herrlich ift mein Leben, Schwefter, 
Und ich fühle mich fo glüdlich : 
Goldchen werde ih gerufen, 
Werde Silberchen geheißen ! 
D ich fönnte viel noch fingen, 
Doch fo manches Lied vergaß ich 
Und verlor es von der Zunge. 


710 


720 


790 


384 


760 


770 


Yunfehnter Gefang. 
Mancher Ton ging aus dem Kopfe, 


Mancher Griff mir aus den Fingern.“ 


Thränen in den Augen Eonnte 
Nicht ein Wort die dritte fprechen. 
Aus dem Eichenhaine ging fie 
Meinend hinter ihren Schweftern. 
Wer wird ihren Kummer ftiflen, 
Sie mit ihrem Gram verföhnen?* 

An dem nahen Altentaden 
Lebte ein befannter Zaubrer, 

Den die Leute fchaarenmweile 
Seiner Weisheit wegen fuchten 
Und in Noth um Hilfe baten. 
Diefer war bereit die Thränen 
Der Berlaffenen zu trodnen. 

In der Mitte einer Ebne 

Hatte er fein Hans gebauet, 

Seine Bohnung anfgerichtet. 

* Eichen war das Haus des Weiſen, 
Ceine Eden NRordland’s Felſen 
Nach dem Hexenloth gerichtet 
Und mit Finland's Salz gefetet. - 


Rußgeſchwaͤrzte Zauberſchnuͤre 


Einten winkelrecht die Ecken, 
Schufen ſchnurgerad die Seiten, 
Machten, daß auch ktumme Balken 
Zu den übrigen ſich fügten. 
Foͤhren find die Unterflöge, 
Zannen alle Strebebalten, 
Thürenfchlängen Eberefchen, 
Schwellenbretter Laͤne's Erlen, 
Schwellenkloͤtze Kreuzdornpfoſten, 
Schlanke Linden Lagebalken, 
Darr⸗ und Badeſtufen Ahorn, 
Faulbaum Zimmerlagebretter. 
Alle Sparren gab der Nußbaum, 
Der Wachholder alle Latten, 
Ale Schindeln Birkenmaſer, 


Sunfehnter Befang. 


Apfelbaum die Raucfangsftengen, 
Feines Holz Die Strebeſtengen, 
Striefenftrauch die Hühnerftiege, 
Nüfter alle Richtebalfen. 

Urlehm, der mit Thymianftengeln 
Wohlvermengt gelnetet worden 
Und vom Binde gut gehärtet, 
Bildete den Stubenaftrid. 


Nordland fandte Murmelkund’ge, fi 


Läne alte Zauberweiber, 
Sufel Thule Segenfpender, 
Zinland feine Salzbeſchwörer.“ 
Diefer Windezuubrer felber 
Hatte einst auf feinen Reiſen, 
Wo er alles ſah und hörte, 
Auch die Kinderchen gefehen, 
Die wie Hühner auf der Stange 
Auf des Helden Bretterfuder 
LZuftig ihre Lieder trallernd 
Unter goldnen Schägen faßen. 
Unbenerft fie ſtets belauernd 
Hatte er ed wahrgenonmen, _ 
Wie fie fpäterhin der Obhut | 
Und dem Schug de& Alewiden 


Waren übergeben worden; a 


Sah die lieblihen Geſchoͤpfe, 
Wunderfinder mit einander , a 
Scherzend oftmals auf den Zeldern 
Unter munter'm Spiel fi fonnen _ 
Und ein heitres Xiedchen fingen ; -, 
Sah die allesliebften Mädchen, 
Wunderfinder. mit einander, 

Spät am Abend. auf dem Auger 
Ihre leichten Füßchen heben 


Dder auf der Schaufel Freifchend —— — 


Sid in Jugendluſt ergehez 
Sah die netten Mädchen. oftmals 
Ale drei im Mondenſcheige 


27 


435 


7% 


* 
* 
— * 
mn 





386 


Sunfgehnter Geſang. 


Sich dem ſüßen Schlaf ergeben 
Und auf feidnem Bette Thlummern; 
Sab die allerliebften Mädchen , 
PWunderfinder mit einander, 
Morgens auf bethautem Rufen 
Ihre rothen Wangen wachen 
Dder ihre feidnen Locken 
Fit dem goldnen Kamme glätten. 
Ahnen nahen, fie umfaflen, — | 
Nein, noch durft er Das nicht wagen! 
Gr verfuchte nur allmählig 
Die Geliebten zu umgarnen 
Und verfolgte unermüdlich 
Tag und Nacht die Spur der Midchen. 
Als bei zweien von den Maͤgdlein 
Züchrge Freier angefproden, 
»Saß im Dämmerlicht des Abends 
Die verſchmaͤhte Jungfrau einſtmals 
Einfam auf des Haufes Schwelle 
Und vor ihren trüben Bliden 
Hülte fih das Ertenwäldchen 
Und der Birkenhain in Trauer, 
Schmüdten fih die welken Blätter 
Zallend nody mit Gold und Purpur, 
Den zum Sceidegruß der Sommer: 
Bor des Herbſtes Füße ſtreute. 
Als die Goldnen nun gu zweien - 
Heim mit ihren Gatten’ gingen, 
Jedes Bold im goldnen Arme, 
Jedes Kieb mit feinem Liebſten, 
Blieb dem mittelften der Mädchen 
Keines Gatten Gold zum Schutze / 
Kein Herzliebfter, der fie waͤrmte. 
Ad, wo folte wohl das Hühnchen, 
Wo die Ente ander Kähre : mins £ 
Abends wohl ihr Köpfchen bergen? "' en 
An dem Stamme? an dem Baumſtrupff 
In des Beljen? falten: Armen? - ii. - 








Bunhehnter Belang. 387 


An dem Steinbruch? an der Fähre? 

Sn dem Schooß der fehlanfen Erledꝰ 

Sn der holden Pirke Armen ? 

Unterm Schuß der grauen Espe? 

Unter des Wacholder Mantel? 

Unterm Wedel eines Wolfes? 

Wem ihr Herzeleid vertrauen? 

Weſſen Troft im Echmerze ſuchen? 

‚Wen mit ihren Unmuth quäten , 

Shren Kummer wen gefleben 9 * F 870 
„Endlich,“ ſprach der Windezaubrer, 

„Iſt das Glück mir hold geweſen, — 

Führt mir zu die Heißgeliebte!“ 

Und fich aus dem Waldesdickicht 

Wie der Habicht auf das Hühnchen 

Auf das Mädchen ſtürzend padte 

Er fie an mit feinen Krallen 

Und verftopfte ihr den Mund, 

Daß das arme Kind nicht fehreien, 


Nicht um Hilfe rufen fonnte, EM 880 
Eilig floh der Zaubrer heimwaͤtts 

Seine Beute mit-fi führend, - - — un 

Um das- Mädchen einzufchließen, - 

Da er dann die holde Schöne F on . 


Dur den Honig feiner Worte 
Bald geneigt zu maden hoffte 
Eeinen Bitten nachzugeben. 

Als indeß die ſtarken Echwäger 
Aus der jungen Fraͤuen Weinen, - 
Aus der braunen Augen Thränen 20,8% 
Das Gefchehene erriethen, 
eEs errieiben, daß der Habicht — 
Fortgebracht das theure Böglein, - 
Gänschen an entfernte Quellen, 
An die fremde Fähre Entlein, 
Schwänlein nad entlegnen Meeren,"- -- 
Sandten fie ſogleich den Vetter, 
Den gewandten Hadenbuben, ° -:- -. = 

27° 


910 


Yunfgehnter -Befang- 


Maͤgdleins Spuren aufzufuchen. 

Nach der Bogelftimmen Weiſung 
Bar er fhon am dritten Abend 
Auf der fihern Spur des Mägdleins 
Und begab ſich daun nad Haufe, 

Es den Freunden anzufagen. 

Sulew's Sohn zog aus zum Kawpfe, 

Alew's Sohn auf Zeindespfade, 

Beide kühn dem Tod’ entgegen, 

Um das Mädchen zu befreien, 

Cie dem Habicht zu entreißen, 

Sie dem Diebe abzujagen. 

Als Gefahr dem Zaubrer drohte, 
Ließ der kund’ge Windeöweile. 
Durch die Kraft von Zauberipsüchen 
Einen mächt'gen See entfliehen, 

Um die Zeinde fernzuhalten. 

Die Erfheinung diefes Wunders 
Kar den Nahenden verdrießlid , 
Denn es war fein. Boot zu finden, 
Nicht einmal der Heine Nachen, 

Der fie übers Wafer braͤchte. 

Doch der theuse Cohn. des Alew, 
Der zum Glüd für alle Zölle 
Jene Meine Wünſchelruthe 
Auf die Kriegsfahrt mitgenommen, 
Ließ fie unverzüglich ſchwingen 
Selber alſo dazu ſprechend: 

„Kine Brücke vor die Füße, 
Für die Wandrer eine Brückel!“ 
Und im Nu war fie gefchaffen, 
Eine meilenlange Brüde. 

Auf der Brüde vorwärts eilend 
Ctürmten beide Rarfe Männer 
In des Zauberers Gefinde, 

Sie zerbrachen alle Schlöfter 
Und zertrümmerten die Zhüren, 
Tödteten den Windesweilen, 

















Sunfzehnter Befang. 


Löſten aus der Haft das Mägdlein 

Und verpflanzten zum Beſchluſſe 

Noch den rotben Hahn aufs Dad. 
Bon dem aufgebrannten Haufe 

Blieben feine Spuren übrig, 

Als die feuerfeften Mauern. 

Wer an eimem Sommerabend 

Diefen Ort betreten follte, 

Würde fiher Klagelaute 

Und ein leiſes Jammern hören, 

Das der windefund’ge Zanbrer 

Dem Berlufte feiner Habe 

Und dem Untergang des Haufes 

In dem Abendwinde nachhaucht. 





Olew's Cohn, der Bauverftänd’ge, 
Hatte fpäter fid) die dritte, 
Die die ftarfen Schweſtermaͤnner 
Einft den Dieb entriffen hatten, 
Zur Geführtin auserforen. ne 
Alfo waren denn die Maͤgdlein, 
Aus der Unterwelt errettet, | 
Durch des Schickſals günfl’ge Fügung 
Und durch Sorgfalt der Berwandten 
Starker Männer Fran geworden 
Und aus ihrem Schooß entfprangen 
Diele kräftige Geſchlechter, a 
Ueber die ung alte Sagen 
Hundert Heimtichfeiten fingen, 
Zaufend Stüdchen laut verfünden. 


— 35 


389 





10 


Sechzchuter Gefang. 


Der gewalt’ge Sohn des Kalew, 

Lodernd in Gedanfenfülle 

War zu dem Entſchluß gelommen — 

Weiſe Pfade zu erforſchen, 

Bis zum End' der Welt zu ſegeln, 

Ferne an des Nordens Grenzen; 

Wo zuvor man nie gewandelt, 

Wo fein Pfad noch vorgeireten, 

Aber wo des Himmels Wölbung 

An die Erde ward gefeltigt. | 
Und er ließ im freud’gem Liede 

Schallend folhe Worte wallen: 

* „Wenn ich auf mein Roß mich fange, . 
Meinen Grauen aus dem Hofe » - 
Zu geheimen. Wegen Iente, 

Weile Pfade laß betreten, _ 
Durch die eb’nen Flächen dringe, 
Durch die dichteften Gebüſche, 
Durch die Berge daun mich bränge, - 
Ueber tiefe Klüfte febe, 
Mood’gen Moors ein Stüd befchreite 
Und ein zweites dürrer Wiefen, 
Drittes dann von Haidefläden, 
Diertes unbewachſ'ner Wüften — 
Dann gelangt’ ich bald zum Ziele; 
See'en hemmten meinen Schritt nicht, 
Nur die Meerfluth koönnt' mich hindern“. 
„Hör mich Adler, fchöner Vogel, 





Sechzehnter Befang. . 


Foͤrdre mich auf deinen Zlügeln, 
Daß ich über's Wafler walle, 
Meeresflächen überfliege 
Weiter ftets, bis ich den Weltrand 
Mit den Händen kann erreichen, 
Mit den Fingern kann betaſten; 
Wo des hohen Himmelsdaches 
Traufe bis zur Erde reichet, 
Wo die blanen Seidenwände 
Auf den Strebebalken ruhen, 
Wo der Mond⸗ und Sonnenträger, 
Wo der ftarfe) Wolfenhalter 
Seine Ferſe angeflemmt bat, 
Zehen eingedrüdt dem Boden“. 
Als er fo zu fremden Pfaden 
Unternommen fi) zu wenden, 
Zollen Kopfes wollte wandeln, 
Wo zuvor fein Zuß geſchritten 
Und den Steg bezeichnet hatte, 
Sprach zu ihm ein Euger Vogel, 
Krächzte ſolches Wort der Rabe: 
„Wo dan blaues Waſſer blickeſt, 
MWeitgedehnte Wogenflaͤche, 
Schau ob Binfen an den Ufer, 
Woͤhhands Schwerdter an dem Baer; 
Etampfe mit dem rechten Fuße, 
Mit der Ferſe an den Zeifen, 
Dann wird fih der Erde Mund dir, 
Werden fireng bewarhte Thore 
Alle weit fih dir eröffnen, 
Und das End’ der Welt erreichft dus. 
Doch des Kalew Sohn erwidert: 
„Bin ich nicht im Glückeskaufe 
Früher wol fchon bundert Male 
Durch den Peipus merjehroden, 
Durd den Wirzjärw obue Wanlen, 
Dur den Kajn ohne Bangen, 
Feſten Schrittes durch die Weftfee : 


70 


100 


Sechzehnter Belang. 


Mit der Bretterlaft gegangen ? 

Kenn’ ich denn nicht ihre Furthen, 

Nah dem Lüngenmaaß-die Grenzen, 
Bon dem Wogenfall die Breiten, 

Die geheimverborg'nen Tiefen, 

Und von Achtis Sohn die Gruben? — 

„Mir zur Hüfte reicht? der Peipus, 
Wirzjärw wogte mir zum Gürtel, 
Muftjärw reiht zum halben Leibe, 

Kaju kam mir bis zum Halfe, 

Dis zum Kinn fam mir die Weſtſee 
Und das Weltmeer bis zum Munde, 
Nur der Ilmjaͤrw ganz allein blieb 
In der Mitte unbetreten, 

Seine Gruben unberechnet, 

Seine Tiefe ungemeflen, 

Sein Geheimniß unbefehritten.+ 

Und fo (odernd in Gedanfen 
Und geheimen Wunſch gebärend 
Ließ der Sohn des Kulewiden 
Diefe Sangesworte fliegen: 

„Wenn ih Wanderwege wähle, = 
Meine Schritte rüftig wallen 

Und die Zehen -eiten hieße, 

Müpt nach Finnland hin ich rudern, 
Bootes Spitze hin nach Norden, 

Nach des Wagens Weifung lenken. 
Fände wohl im Kelfenlande, 

Mir im Finnenland Berwandte, un 
Und in Zurja mir Befaunte, 

Auf den Anfeln alte: Freunde, 

Die mir richt'ge Wege wiefen 

Und die rechte Spur mir zeigten. * 

Und zu Dtew ſprach er alfe: 
„Nimm, 0 Olew, beiter Bruder, 
Städr’erbauer, Sinnesweifer, 

Ninm das Beil in beide Hände; 
Faͤll' die Eiche an der Grenze, e 





Sechzehnter Befang. 


Wirf den ftarfen Stamm: zu Boden, 
Bri die Wipfel aus den Welten, 
Een? den Stamm von feinem Stumpfe, 
Nimm zu Nupungsholz die Eiche, 
Die dort nahe dem Geböfte 
Auf dem hohen Hferhügel 
Uns der Bater hat gepflanzet, 

Uns die Mutter, groß gezogen, 

Und die dort am Meeresufer, 

Ueber weiten‘ Sandgeländen 

Shre hoben Wipfel fchuufelt, 

Alfo "breit die Zweige ſtreckend, 

Daß nıht Sonn’ noch Mondesleuchten 


Dort mehr Plag zum Durchgang findet, 


Sterne nicht mehr flimmern können, 

Wolken uns nicht Tropfen fpenden.. 
"Bring zu Fall fie, aoldner Bruder, 

Brich die hohe Eiche nieder | 

Laſſ' die Sonne wieder fcheinen, 

Und den Mond uns wieder Teuchieh ; 

La die Wolken Tropfen fpenden, 

Raum dem Schnee gieb ſich zu fenfen. . 
Baue- and dem Stamm —* Eiche 

Allerſtaͤrſſte Segelſchiffe | 

Zu geheimer Wegerforfhnung, - 

Zum Befahren meiler Pfade; 

Kriegesfchiffe aus dem Wipfel, 

Handelsſchiffe ans dem Stamme, 

Aus dem Wellholz Sklavenſchiffe, 


Aus den Spänen Kinderfiffe, ° 


Aus den Kloben Jungfraunſchiffe. 


„Bus da nachbleibt, laß nur bleiben, 


Laß die Scheite unvergeudet; 
Jerwens Butg bau'n dieſe Spaͤne, 
Riga baut man aus den Reſten, 
Lines Hauptſtadt ans den Schnuizeln, 
Wierland ſchafft ſich einen Schatzort, 
Eine Zufluchtsſtaͤtte Hafen, ©: 


2 ‚N ” 


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120 


130 


140 


ur, 


394 


150 


160 


170 


180 


Sechzehnter Gefang- 


Bölfa eine Rettungsftätte. 
„Was da nahhbleibt, laß nur bleiben; 
Zap die Späne unvergendet, 
Laß die Reſte unverdorben, 
Laß die Splitter ımgefammelt : 
Friedenshalle bau'n die Reſte, 
Schirm⸗ und Schußdach Waiſenkindern, 
Trauerkammern für die Wittwen, 
Klagekammern für Betrübte; 
Wierland baut ſich Wetterſchirmdach, 
Windſchutz baut fih das Geſinde. 
„Bas da nachbteibt, laß nur bleiben, 
Laß die Späne ımvergeudet, 
Laß den Abfall unverdorhen, - 
Ueberbleifel ungefammedt : 
Mögen Schug die Armen finden, 
Wittwen eine Trauerſtaͤtte; 
Wind bereitet ihre Stube, 
Waſſer hat gerollt die Balken, 
Hagel hat das Dach gededet, 
Nebel baut die neue Thüre, 
Schnee hat Bände weiß beworfen. 
„a8 da nachbleibt, laß es bleiben, 
Laß die Reiſer unvergendet, 
Zarte Zweige unverdorben: 
Zweige bauen Sklavenkammern, 
Neifer Armer Areudenlamueru, 
Für die Jungfrau'n Luſtgebände, 
Kür die Kinder Inbelkammern!“ 
Olew der's verſtand, entgegnet, 
Ließ im Lied es alſo ſchallen: 
„Wüßte wohl ſchon mas ich thaͤte, 
Wüßt und thär es Fieber Bıuder, - 
Wenn in unferm Land cin Mann wär, 
Nur ein wiffenstund’ger Starler, 
Der die Eiche miederfaͤllte.“ 
Auf der Zarme hoͤrt's der Rabe 
Und Erflärung gab der Kluge: 





Sechzehnter Geſang. 
„Gehet aus den Mann zu ſuchen, 


Geht den Starken einzufangen, 


Fern den Mächt’gen zu erfunden, 
Der die Eiche flürgte nieder, \ 
Ließ den Stamm vom: Stumpfe fallen.” 
Und man ging den Wann zu fuchen, 
Eilt den Starken einzufangen, 
Der die Eiche auf der Grenze, 
Maͤcht'ge Eiche niederfälle, 
Wipfel aus der Wolle braͤche. 190 
Männer holte man aus Turja, 
Bracht' aus Finnland Runenkund’ge, 
Und die weiſen Männer fprachen, - 
Runenkundige erklaͤrten: 
„Theurer Sohn des Kalewiden, 
Bon Gewaltgen anferzogen ! ' 
Wenn du Willens bift zu wandern | 
Um das Beltend’ aufzuſuchen, 
Dort wo einft die Hand Almaters 
Angelnüpft den Rand des Himmels, 20 
Ihn gefüget an die Erde, er 
Bo die Wölbung breit fih fenfet: - . 
Dann mußt da zum Nord did) wenden, 
Steuern bin zu Rordens Nagel, 
Alten Wagend Leuchte folgen. . 
Aber draͤngſt anf ſalchem Pfad dur, 
Walft du hin zum tiefen Norden, 
Wird ein Boot von Holz nicht ‚halten, 
Nicht ein Schiff vom Eicyenftamme : a, 
Nordfcheingeifter, mäct’ge Herrſchaft, 210 
Wenn im Kampf fie zückend blitzen 
Würden fehnell das Boot verbrennen 
Und das Schiff in Flammen fegen. 
Eifen dauert dort allein urw, 
Boot aus ſtarkem Blech gebogen 
Und von Schmiedeſtahl gefertigt, 
Und von Kupfererz grgaflen“ 
Und es ließ der Kalewide ; . 1: :n-, 


396 


220 


240 


Sechzehuter Gefang. 


Nun ein köſtlich Schiff Sereiten, 
Eine ſtolze Barfe hauen. 

Nicht von Holz war fie gebogen, 
Nicht von Knochenbein gezimmert, 
Nicht von Kupfererz gegoffen, 
Nicht ans. Schmiedeftaht gefertigt. 


Kalew's Sohn, der Mimer Stärkfter, 


Ließ bereiten eine Barte, 
Ließ ein Schiff aus. Silber ſchaffen, 
Ans dem beften Sitberbledye 
Und ans feinen Gilberplatten ; 
Schiffes Dede iſt von Silber, 
Silber find des Schiffes Dielen, 
Schiffes Maften find von Silber, 
Schiffes Tane Silberfetten: 
Lennof ward das Schiff geheißen, 
Das die Fluthen fliegend theilte. 
Und ein gold’nes Kleid gebot ex 
Fuͤr fih felbft zur Leibbedeckung, 
Und befahl dem Schiffesvolle 
Danerfleider anzufert’gen, 
Für die Höheren ans Silber, 
Und aus. Eifen fir das Schiffsvolk, 
Kür die Aelteften aus Kupfer 
Und aus Schmiedeftahl den Weifen ; 
Denn genaht dem Weltenrande 
Und des Nordennagels Grenzen, 
In der Nordſcheingeiſter Kampfe 
Und der Feuergeiſter Wehen: 
Würde GSifen nicht verderben, 
Nicht der Hurniſch ab ſich nußen." 


Als nun der Befehl gegeben: 
Auszurüften jept das Prachtſchiff, 
Speifevorrath für die Mannfchaft, 
Reichlich Sold für's Volk zu bringen, 
Da entſandt der Sohn des Kabew 
Botſchaft allen ſeinen Freunden 











Sechgehater Geſang 


Und den. thenern Pflegebrüdern 
Ließ es wiſſen allen Weiſen, 
Die zur Meerfahrt mitbernfen, 
Zu Gefährten auserlefen. 2 
"Und es fangen Wetterfund’ge ‚20 
Wetterkenner, Landesfpäher: 
Sauchzend ihres Gluͤckes Saͤnge, 
Weil fie mitberufen waren 
Und zu Helfen auserlefen. 
Aber die nicht miiberufen, 
Sangen folhe Klagelieder: 
„Bir die Goldnen fanden horchend, 
Wir die Armen ſtanden ſchauend, 
Ob man uns zum Mitgehn fordre? 
Doch man hat und nicht gerufen, 2170 
Nicht zum Mitgehn aufgefordert. 
Nur zu Sulew brach“ Befehl man, 
Trug den Kiebesruf zu Alew, 
Hieß den Kerfenbuben kommen, 
Mit den Wandergang zu gehen.” 
Und der flarfe Sohn des Salem . 
Ließ berufen Schiffesftund’ge, 
Dann ein Kähnlehi Kriegesfund’ge 
Und zum Dritten ‚freie Männer, — 
Der Gehöfte ſchlanke Söhne. ri. 
Auch nad Weifen man begehrte, 
Fordert auf die Sprubverftind’ges, 
Sorgte auch für Windeslund’ge, 
Bat zu fommen Manas Weife: 
Um auf. Ulfod. Stein ju. opfern 
Und der Reife Glück zu fchaffen.” Ä 
Als das Schiff nun vor der Dämsirung,. 
Als das Boot vor Tagesaubruch, — 
Lennok vor der Somenhelle ee 
Sn die Bafferpfade:rollte, J 200 
Auf der Wellenwiege wallte — er: 
Schwenkte fröhlid man die Hüte, 
Ließ man Lieder laut erſchallen; 





310 


320 


Sechzehuter Gefang- 


„Bon dem Haupt den Hut ich ſchwenke, 
Unten laß das Schiff ih fchaufeln ; 
Fahr’ auf ftreifgem Pfad dabinnen, 
Rol’ auf fremden Baflerwogen ; 

Nicht von Beerenfteng’tein find fle, 
Nicht von Silbergarn gewunden, 

Nicht gedreht von gold’nen Garne.» 

Als das Schiff im Meer gerichtet, 
Lenkt die Spige man nad Finnland, 
Kebrt fie Hin nach Nordens Grenze 
Zu des alten Wagens Gternen: 

Und der ftarfe Sohn des Kalew 
Setzte ſich als Heeresführer 
Zu dem Steuermann, dem weiſen, 
Hieß die Freunde rüſtig rudern, 

Und die Züngern Segel richten, 
Die Gefellen Zaue ordnen 
Und die Kabelſtricke ſtellen. 

Aber als das Schiff nun luſtig 

Hinflog auf der Wellemviege, 

Da begann der Kalewide 

Zuftgefänge auszubreiten : j 
„Bon dem Haupt. den Hut ich ſhwente 
Sonnenherrſcher zu begruͤßen, 

Der die Flitter auf die Wogen 
Goldenfarb'ge Saaten ſtreute, 


Daß, wenn Fluth das Schifflein Ppaltet, 


Gleich ein gold'ner Rain ſich hebe, 
Eine Silberfurche ſchaͤume. > 
Bon dem Haupt au IÄfl’ den Hut ih, 
Neigend mich zur Mondeshelle 
Und die Sterne al’ Begrüßend, 
Die und Stärke warfen laffen 
Und den Reilepfad uns weifen. 

” „Kaffet einen Gang md fingen, 
Alte Worte und bereiten, 
Laßt der Alüffe Kauf uns folgen, 
Auf des Meeres Wellen ſpielen, 





Sechtehnter Geſeng 


Laſſet uns die Felſen pflägen, 
Und die großen Inſeln furchen, 
Laßt und Meeredufer eggen, 
Laßt am Strand uns Aehren Iefen: - 
Dort wo Gold man anögefäet ‚hat, . 
Wo man Silber hat gepflanget, 
Zaarad Weisheit hat verſenket. 
„Einmal, einmal ward die Welt uns, 
Ward fie ſchoͤn uns .offenbaxet ! 
Einmal, einmal ward der Himmel, 
Ward er weislich aufgerichtet, 
Und mit Sternen ausgefchmüdet 
Und befäumt mit heilen Wolken.“* 
Und er fang noch lange Lieder 
Bon der Belt im Anbeginne: 
Bie dem Mond man wob die Halle 
Und ein Neft der Sonne machte. 


Lennof auf der Wogenwiege 
War fchon Tage lang geglitten, 
Nah der Sonne Licht am Tage, 
Nachts von Sternen uuterrichtet. 
Und es rollt das Boot zum Norden - - 
Immer näher hin zum Weltrand; 
Und der fprachentund’ge Weife 
DOrdnete die Fahrt am Steuer, 
Denn er kannte alle Worte, 
Zahllos viele Zungenlaute, 
Er verftand die Bogeliprachen 
Und er.wußt der Thiere Stimmen 
Alle weislih zu erklären. 
Auf Geheiß der Finnenzaubrer 
Rafeten jest ſtarke Stürme; 
Zornig hoch aufſchäumt die earth, 
Wollenduntel Hält den Tag ein, 
Dedt mit Nebel felbft Die Sonne, 
Bidelt ein des Himmels Sterne 
Und das AU in Dichten Rebel, :: :.: - 


406 Scetheehnier Geſang 


In thaufarbige Gewaͤnder, 
370 So daß Steurer nicht neh Schiffsherr 
Mehr den Lauf des Schiffes kannten. 
Und e8 forſcht der Sprachenkund'ge 
Von den Bögeln auf. den Fluthen, 
Die er nah? dem Schiffe fchaute. 
Als er Auskunft hatt’ in Händen, 
Ließ fein Lied er. alfo fingen: 
„Sunge Areunde, lieben Brüder, 
<heure Söhne der Gewalt’gen ! 
Laßt uns gehn die Fremde fchauen, 
380 Heimliches aus Finnland pflügen, 
Laßt und von den Fluren pflüden, 
Aus dem Haidektante rupfen, 
Aus des Meeres Boden ehren, - 
Aus der Fluthen, Tiefe taffen, 
Aus zeripaltnen Eteinen hebein, - 
Aus den Bergen felber brechen, 
Was fie Heimliches befchatten, 
Köſtlicheres offenbaren. 
Weinend fteht der Schmud der Suren- 
390 Und die Haidehalme Nagen, 
Selfenriffe rufen Weblaut, 
Selbft des Meeres. Höhlen fenfzen 
Und die Wogenwirgen weinen, 
Die nur Liebes früher hörten 
Und der Vorzeit Laut’ verfianden;“ 
Wellenwiege hob die Barke, 
Hob fie bald empor zur Höbe, 
Dräut fie bald zum Grund zu fehleudern, 
In die Fluthen zu verfenken; 
400 Nicht der Stenermann noch Schifftherr 
Wußten mehr den Lauf des Schifſes. F 
Still fich bergend ſank die Sonne, 
Ging zu Ruh' im Schooß des Abend 
Und um's Schiff des Kalewiden 5. 
Legte rings ſich naͤcht'ges Dunkel. 
Sieben Nächte, ſteben Tage 








Framabnier. efang. 


Schwantt das Schiff ſchoun umermübet, .:. ı 
In des Sturmes Indem Rafen, . 
Eine Möwe auf den. Sluthen, 
Als die Zinnenzanbver, müde - 
Bon dem Wehr, ur .Ruh’ ſich wandten. , 
Wieder konnt? die Sonne. fcheinen. , - 
Und die weite. Weit erhellen. 
Endlih Hob aus Waßerwogen . r. 
Fern ein Ufer anzuwachfen, —— 
Immer höher anzuſchwellen; en 
Und der Spradwerftänd’ge kündet;; 
„Fremd iſt mir der, Stmud, ihr —A 1 
Doch der arte Sohn des Kalem 
Sprang, als ße dem Alfer nahten 
Aus dem Schiffe in die Fluthen 
Und, beganu nun ſchnell zu ſchwimmen 


N ee 
er‘ ro,» 


ee 


Eitend nach der Uſerſeit 14 — 


Und er zog nun die Genpffen "5, 
Und das Schiff am: zmı zum Bande. -- — 
Nicht der Strand, vom Finnland war, es, - 
Nicht bekannter Strand von -Zwia, 2,7 
No ein Orxk-ber. fong.befahten, - - 7,,,:;= 
Und 26; ſotſcht der Gprachenfund’ge :.. . 
Wie geheißen ſei das Mies? : - — —,. .° sie 
Voͤgelchen mit Zmiskentene, - 
Schwalben huben mr zu Kunden, 4 2:52 
Alte Kräbe kraͤchzte Antwndtr . uns. 
„Das ift Zappinnds magres Ufer, ae 
If der arme Straud der--Dürf’genm. . 4 '-;.; 
In die Bucht eh lenlt nen. —E 
Silberſchiffchen hin zur Aufahrt; Ka 
Feſtigte es am. den Felſen, J— 
Knüpfte es an. le. Stämme, 
Daß es nicht vom Lande gleitend — N 
In die Bogen fliegen konnte.. 0. 
Und der Sahn der. Kalewiden. 
Waͤhlt des Sprahwenßänd’gen ‚Leitung, RT 
Hieß die Freunde diefem- folgen, - ;,; z 1 Ane 


4201 


410 


440 





408 


470 


Schzehnier Gefimg. 


Um die Feemde zu: euforfhen. > =: * :ir: . Z 
Alfo gingen fle felbwire : :.  .: 
Weite Wege, Landesftreden, : 
Bald im Haidemoor verfintend, 
Ueber Morafthügel frauhemd;  : 
Ueber endlos weite Flaͤchen 
Schritten fie durch moos'ge Room, 
Wanderten im Haidekraute — —* 
Durch die ungebahnte WBäfte, :- — 
Forſchend, ob nicht unverhofft wohl 
Ein Gehöft dem Aug’ fi hebe. 
Was entrollt ih da dem’ Blicke! 
Was dem Auge bebt empor. fh! 
Einfam hebt en Haus emwer- fi, - 
Ein Gehöft ans dem Verſtecke. ui 
Bor der Hausthär ſaß ein Brhnigen ? 
Auf der Raſenbank ein Mägdlein; 
Emflg ſchnurrte ihre Spindel, 
Zleißig wirbelten Die Faͤdenz  ..' 
An-der Spindel dreht der Bürger,“ 
Doch das Mündchen ordnet Worte, 
Stroͤmt in voller Luft ein Liedcheu: 
„Bar: ein Mat ein junges Weibchen, 
Melkt die Kühe vor: dem Ftührvth/ 
Mellte fie im Erlenhaine 1: 1: 
Seih't die Mil dann in der Auuhıer, : .:. - 


Ging darauf die Heerde litten, .:  ;. . . 
Bracht' fie in das Birkenwäldchen —. 
Trieb die Kühe: in. Den Erkhain, 2. 1, 


Kälber in Die Schattenbüſche. 
Bas am Weg der Heerde fand Hef', .::,.. 
Fand ein Huhn am Weg der Heerde . 5, 
Und ein Hähnchen auf demAngerzz 
Und die Henne ſcharrte Gede : 
Und das Hähnchen gold'ne Franzen, .: iv 
Weibchen eilt das Huhn zu fangen: .i :.- 

Und das- Hähnchen zu verfolgen. - 7 1... 
Hahn war über Wald geflögen, u .: Auıc, 





Sechzehnter Gefang. 


Ueber weitgedehnte Flächen. 
Hühnchen ward vom Weib gefangen.” 
Und im Schooße heimgetragen. 
Das im Hemdſchooß EEE 
An der Bruft gehegte Kühlen  - 3>° 
Trug man zur ©etraidelanmer, - Ä 
Bettel's auf dem Rand des — 
Soll' zum Pflegehuhn erwachſen, u 
Unterm Scheffel ftill gedeihen. sen 
Wohlbedeckt gedieh die Hente,“ :- - 
Dehnt das Küchlein fich verborgen. 
Einen Monat, zwei noch wuchs eb, —— 
Dritten Monats noch ein Viertel, ae 
Eine Woche noch im vierten, ::.. 0 ® 
Zwillingstage zwei dDumüberr 1. 1 
Junges Weib ſchaut in den Speicher 
Bas wohl aus dem Pflez'huhn wirde, 1. - 
Wie verftedt dag Kühlen wihfet "© 7 +: 
Aus dem Huhn ward eine Sungfec, Dr 
Eine ftolze Königotochter. vun. 
Sreier famen zu ber Jungfrau, a 
Biel Verliebte zu Dem Mägdlein, > "il 
Fünf und fehs Mat Wein in Krhgen, se 
Siebenhundert wohl mit Botfchaft 4 - 1°- 
Erft der Mond, der Sönnenfreier, 1... .5r 
Drittens Fate — — ne 
— — „der Malenlie) © ei nn 
Sreier mit den langen Schenkeln Tu 2. 
Alfo rief der Sohn des Halm, 3... 1. 3 
Auf die Schwelle plötzlich tietend, 7 Tall 
Doch das Mädchen floh im Schrecken ſd 
Und voll Angſt rief fie um Olfe. 1 "us 
Auf den SEchtei erſchien der Bater,46 
Um zu ſchauen was gefdcehen?.: 1 - sn * 
Was erzeuht' das Hitferufen 7 3°: 
Doch der Sohn a Aatebiden, ii! en 


AU, 


ALS den Hausherrn enihegräßen, .. 7 -ı12P, 


Ihn erkannt als Laßplauds Watfen; ' m; 5iT 
28° 


510 


46 


620 


Sehahnten :Melang: 


Sprach — um Ausfunft.ga erhalten... -.:.; 
„Rufe doch, dar fremden Kullu 
Singe, finge, ließen. Bogel, rn Gil 
Gieb mir Antwort, golduer en; En: 
Wo der Weg mich am gerad'ſten rn BEL 
Scharf gezielt zum-.WWeltend’: —2 
Daß nicht an'ren Wegebahnen 7 
Silberfarbig [hin gewobeen "int. 
Und gedrehet goldenfüdig, - . ©; td 
Zu verwirren uns gelänge — 
Und den Gang des Schritte. m hempten. : 2 
Weiſe mich zu jenen Breiten.. 4 
Bo des Himmels Hochgewölbee 7. 
Auf dem untern Rande ruhet2 
Und die blauen Seitenwände -. . 0 
Auf die Flaͤche hin ſich ſenken; BER 
Ro die Mondesleuchte austölsht. ı. In 2.‘ 
Und die Sonne hin ur Ruf? gebt, 1: 2°: 
Wenn fie die geſetzte Runde; . 2. :.. 
Tags fowohl ale Nachts, vollendet... ; = . 
Uns verfündgte-der, Habe: :: ; 2° men 
Und ein Mugen Vogel Made ı.: 1:7. v. 
vu 2B0 Dur blaue. Fluth erblickeſt, 21 — eo 
Weitgedehnter Mogemäläher... ©... 14 „9 
Shaw, ob Binſen ſtehn am. Stmmdez .,: 17,” 
Woͤhands Schwerdt am WBaflerrande;, ; 2.17% 
Mit dem rechten Fuß Dast.:Ranmpie,:. - - 
An den Feld. wik,farler Berker 1. 1 u ar, 
Dann wird fi — 17 tr 13? 
Und die ſcharfbewachte Pforte . zu 
Kühnen Meresfahrexn äüffnen, 7 2.3 1.» . 
Und ihr ſchaut ‚den Rand —— Gi: 
Fuͤhr' mich un, nach tener —A 
Leit? mich hin zum Bingennifer. I a mi 
Und der Weife :gab- ———— ET 
„Hier beginnen’ keine. Biade,ın ! 4097 
Keine folhe Banderilege,; ı:. au er E 
Die zum Weltenende führten: © ze tnlas 


— 








Sechzehnter Geſang. 


Denn das Meer hat keine Grenzen, 

Ohne Ende find: die Wogen, 

Dort wo der Altvater weife F 

Hut geſenkt das Dach deo Himmels 

Und die Traufe fügt' dem Boden > 

Wo die blauen. Seidenwände I 

Zu der Kläche hin fi neigen. 

Die nady ſolchem Ziele jagen, 

Treten mır in loere Winde: ZZ. 

Sanden auf der. Funkeninſel 

Tod für ihre große Kühnheit. 

Deines Heimatheraben Weifung 

Deutet auf den Bfad zur Hölle, - 

Zu dem Thor des. „Altenjungen«.: - 

Aber wenn zur Heimath wieder: u 

Du zurückzuwallen wänfcheft, 

Dann zu eigenem Vergnügen 

Will ich ‚führend dich geleiten“. . 
Doch des. Kalew Sohn erwidert: 

„Heim gelang’ ich ohne Fuͤhrer > 

Wohlbewußt » gefoemmne Wege, 

Wolle doch nur, Ifeber Bruder, : - - 

Führen mich ‚auf fremde’ Flächen! ": 

Bor das Thor des Weltenentdes, '- 

Bor des alten Baters Pforten: :ı >’. 
Und der Lapplands⸗Weiſe frugte:-- 

„Welchen. Kohn wirft du mir geben 

Wie des. Führers Muͤh' vergeltien 7 
Und des Kalew Sohn erwidert: 

„Was du fordern wirft, mein Lieber, 

Welchen Preis dar nenneft, Theurer, 

Wil zum Lohn ih bin die werfen, - 1" 

Gern für Führermühe ſchloudern. N. 

Nimm die Hälfte meines Schatzes, 

Frag' zehn Säle goldgefilllet, = - 

Eine Menge no an Silber, -: 

Bring’ mid) aber, lieber Bruder, : 

Bor des Belteuendes Pforet, — 


610 


Sechzehnter Aefang, 


Bor das eig’ne Thor Alwatero. 
Maaße von des Meeres Tiefen, 
Und der Hölle Kängengrenzen,. 
Diefe kenn? ih wie nad) Schhnüren, 
Doch des Weitallö lebte Wände 
Sind noch unbelannt bis Heute, . 
Nicht von meiner Hand betaflel”. 
Zapplands Weiler fang entgegen: 
„Füg' dazu, mir zum Gefallen, 
Sieb zum Lohn noch über'm Preiſe, 
Was daheim ift augefettet - 
An der Mauer fiehn geblieben". 
Und der Sohn des Kalewiden 


War bereit gleich zu bewill'gen 


Fremdem Mann dad -Angebund’ne; 
Was gelettet er vermeinie | 
Zuzugeben zum Gefallen. 


Lapplands Weiſer fang nun alfo, — 


Warral gab zur Antwort ſolches: 

„So geſcheh' Dir. denn nach Wunſche, 
In Erfüllung geh' dein Wille; 

Doch nicht Andern wachſe Schuld draus, 
Nicht Verantwortung für Fremde: 

Wenn du unverfehens Böſes, 

So Gefahren ald Verluüſſt 
Auf der. Fahrt beſtehen ſollteſt. 
Schuld bleibt dem, der es gewollt. Hat, : 
Laſt bleibt bem, der Rath ka: 

Auf das Schiff nahm man den Bonn, 
Warrak führte man zum Gtemer, 

Um des Ediffes Lauf zu lernten. . 

Auf der Wogenmiege fchaufelnd, 
Auf des Windes Klägeln eilend 
Schnitt das Schiff des. Kalewiden 
Furchen in das Waſſer fchäumend, 
Manche Nacht-und viele Tage ' 
Stets nad Nordens Grenzen fegelud. 





Sechgehnler Brfaug. 


Und das Schiff im Wogenfalbe 

Traf auf einen Meeresfirudel. 

Netten konnten nicht die Ruder, 

Segel nicht heraus mehr helfen 

Lennok aus dem: Waflerraben; . 
Zu verfchluden droht. der Meerſchlund 
Mit der Laft zugleich den Träger. 

Warraf nahm ein Meines Tönnchen, 
Rahm zur Hand fogleih ein Faͤßchen, 
Hüllte rings mit rothem Tuche 
Ganz des Faͤßchens Außenfeite; 

Band darauf.,nech rothe Bänder 
Reifenartig um die Zonne 
Und befeſtigt' fie mit Strängen, 


Ließ vom Schiffsbord dann fie fhwimmen, 


Daß ein Fiſch den Köder ſchauend 
Schnell dann käme ihn zu haſchen. 

Aus den Fluthen wogt ein Wallfiſch 
Rothen Köder ſich zu fangen, 2% 
Mit dem Maut das Faß verichlang er 
Und entfloh geichwind von dannen. 

Zog das Schiff fo aus dem Strudel, 
Rettet's ans dem Hoͤllenrachen, ER 
Bon der Thür des. Schattenreidhed, 
Bon der alten Zeindfchaft Thoren, 


Wo fon Biele früher fanken, wi 


Manche fihon in Noth geriethen. _ N: 

Auf der ſchwauken Wogenmwiege,- 
Auf des Windes Flügeln flürmend 
Spaltete nun Kalew's Prachtſchiff 
Schäumend Zurhen in. das Wafler,. 
Manche Nacht und viele Zage | | 
Nach des Nordens Grenzen. fegelnd: 

Und der ftarfe Sohn des Halem -: 
Lie die Worte alfo wallen, . E 
Lieb Geſang weithin efhallen: 
„Rath in Winkel wirft dev Maun nicht, 
Nicht Gedanken auf die Datre; 


640 


670 


“7 


-| 


408 


700 


Sechzehnker Geſang. 


Naht das Unglück uis zu drohen, ° - 
Müſſen Sangesweiſen fühnen | 
Weife Worte es bezähmen.“ nt... 


— — 
[ u 





Mit des Windes fehnellein Fluge 
Bar das Schiff in Waflerfintfen.: 

Lange Zeit ſchon hingeſegel, 

Hingewandt zu Nordens Gienten 


Als auf ferner Funkeninſe — 


Feuerſaͤulen fih erhoben, ': - : ©. 
Rauch in Wolken ſchwellend wogte. 
Und es drängt den Kalewiden 
Zu beſchaun die Funkeninſel; 
Warrak aber widerſprach ihm, 
Rieth ihn ab vom Schreckenspfade. 
Drauf der Sohn des: Sulew fägte : 
„Laſſet mich. allein ‘Dort hingehn, | 
Mid, den Feuerpfad betreten, ı, 


Mich des Rauches Weg beichreiten, , = 


. wo die. frühern Vandrer, 
Wo die Schwächen. Männer. fanfen . . 
Und die Feiglinge verdarben.* ._ :. 


Aus den Bogen lenft man Lenmok” 


Hin zum Strand der. Funkeniuſel, 
Bo ein Berg. mit Feuer fpielte, : 


Und dem zweiten Rauch .entfirönite. ©: 


Und dem dritten fledeud Waſſer, 


Flüß'ge Steine aus der Tiefe. ::; ° 
Etrömten zu dem Thale. nieder. :.: -. 
Sulew ſchritt — pom Rauch geleitet, 


Folgte jenen Zeuerzgeihen,, * im. 


Zrat hinan zum Höllenherdhe ne" 

Schaut des Wunders A ie 

Und belaufdhte das Geheimiiß. ° 
Scherben von den glühnden Steinen de 


Negneten im Rauche nieder, : . :: 
Rings herum nur :Afchenmwehen . 


ir 


v Tu, 
vw 1 1 34 


Auf dem Schnee der weiten Fläche, 








Seqchtehnter Qefarn. 


Hagel auf die wüſten Stege, m are 9a 


Raflelnd an Den Eiſerharviſch  : .Y- 
Eilten Gluthenſteine Desbend..- "23... 5% 
Sulew's Sohn den Tod zu hringen. . 7 
Aber furchtlos in Dem Unbeit: ::. 1.3 50 
Wandelt des Gewallgen: Erhe::, ae 
Hin zum Schfund: des. Höllenberdes, . ; ::, 7. 
Bis der Rod in Myand geratheni c ı' J— 
Schon den Leib gu röſten dxahte. 

Schon verſengt rollt ein "Die Bon - — 
Schrumpft ihm Haar uud Angenbrauen. 

Und der Sntewide fluchte:: : .. ui. 
„Hol der T— diefen Gluthberg, 

Welcher Riemen Vartheil hringet.! ı. ' 

Wär’ daheim ers Riegenheigerr‘ . ..- -.; .." 
Hüttenmannes -Seltempärmer, 7 7, >" 
Könnt?’ er mancher Stelle ühzen ı. .- : 
Wo der Klafter aufs Gefinde une. om 
Aus Erbarmen wird gegeben: : er, 
Hier ift Feuer doch vichte nuße — Sn 
Will die Pfeife, am. mir gändem le... v 

Und es bankigt: fans, Schritte .: 
Sulew und. heteat den -Müdwegs : 7°. 
Mühfam Tangs..en: am beim Schiffe, 1-5 A, 
Wunder Seiten Schmerz zu: ſtillen :: Aul! 
Und zu heilen Brandea Schadens ..,.,' Bi 

Und ed. fragt Dar-AnlemitesıZ 63 
„Sahſt du nicht den Euren re — 
Hinter dir iſt er geſchlichen,“ — ch 

Dod den Satleid' ek —* 


9 — 


Und man riefaus einem: Munde. = ä — 
Den verlornen Berkenbuben: :;  .. 4 137 :72 

Sieh, da fam ein. weißer Bagel,;-:.- 1::!7 
Sept? fih aufuden Leunok nieder st. 2 rt 


Und der Sprafhenkundge forſchte: :-;- 5“ 

Db den Jüngling, den ——æ ol 
Der Gefiederte geſehen .- Ze a 
Und es fprach der ;weiße u rg 


App 


720 


U, 


70 





48 


700 


Sechzehnter Gefag. 


„Hinter jenen Eisgebirgen 
Auf den ſchneebedeckten Flaͤchen z 
Iſt ein Frühlingsland- gelegen,’ 

Eine ew’ge Gommierflätie5 
Eier kocht man in der Erbe, 
Braten zeitigt man im Boden. 


Dort veriert’ ſich bin der. Anabe, 


Angelodt von Nixenjungfraun, 
Dort verlebt er immerwährend 
Sel’ged Dafeln, Freüdentage, 
Segelt weiter, weiſe Männer, 
Nimmer ehrt der’ Bm 





"Nun gelangten in em dd fe, — 


Bo die Hähne Gold nur fraßeny, 
Gold die Hähne, Erz die Hühner, - 
Gänſe blankes Silber Ichtürften, 
Krähenvoͤgel altes Kupfer, 

Brütevögel Pfennigftüde, 

Kluge Vögel Thaterftüde,; 

Wohl gediehen dort Die. Pflomgen . 
Und der Kohl zu Tannenhöhe.* 

Und der flarke Sohn des Kalem : 
Gab den Kuechten kluge‘ Weifmg 
Und gebot den Untergeb’nen, - 

Zu beſchaun die fremden Länder; 


Hieß den Sprachverfiänd’gen mtgehn, Es 


Zauberworte Zu erflären, 
Bogelweisheit aufzuldſen. 

Selber ſtreckt er: auf das Sf 15 
Hin mit Sulew um zu fhlummern, : 
In dem Sonnenfhein zu ruhen, 
Und befahl dem Atewiden 

Nah der Reife Wacht zu haktanı 


Rüſtig fehritt der Sprackenfund’ge 


Wandert mit den Knechten' weiter 
Ein Stüd Weges, Landesſtrecken/ 


Wo fein Voͤgelchen zu Hiren,.- ©: 














Gehypinnber Befang. au 


Nicht zu ſchauen wir Lebend'ges. — 

Hin zum Schaͤpfer rolkt’: die: Se, R 
Sant hinab.im. Merreswigen, : * . : . 

Und die Wegesmüden Wand’ver . :  . .... 
Stredten hin fih anf den Rüden: 
In den Schatten eines: Buſches. — 

An des audern Tages Gaumeee 
Weckte vor der Morgenroöͤlhhlhe 77090 
Eines Rieſen junge Tochter ee 
Aus dem Schlaf die Maͤnnerſoͤhme. 16 m 
Aus dem kohlbepflanzten Garten 
Wollt’ fie für. die Kühe Bldtee . .  .„. * 

Ab von einem Köhkkapf btechen.. 
Und die Riefin fah-die Männer, . 
That die Knaben in die Sihüre, - ° 7 
Zrug im Schovße fie nad) Hauſe. 

Und der Bater fragt dabeim — A 
Sage Töchterchen, was Bringft.du?.. . :. 800 
Bas im Kohl Hafl du gefaminelt 9“ » :. = 

Und die Maid die Schärze ſcütteiad, Gr” 
Streut die Männer anf den Boden. — 
„Väterchen, erklär' mir dieſes ; - 

Habe mir zum Spiel und. Scheyge: 
Diefe hier im Kyhl gefaumelt, . : ° 


Wo fie ale ſechs wie He - 1 
In dem fühlen Than erſtarret DR 
Unter einem Kohllopf ſchliefen“. a 
Und der Bater,:der erforſchte 1": 810 


Nun duch Räthſel dieſe Männden :: <: 13. 

„Ber iſt's des üngs Haknen  fhreitetyin : =" a 

An den Raud der Yämme bintrikt, 7 :° 

Kreifet um dea.Schälfrohte, Grenze =. : ... .E 
Und der Sipradjverfiänd’ge ſagte: 

„Bienchen iſt's, dad’jarte Vöglein, 

Das dahin am Halme ſchreitet, Ei 

An den Rand der Zäme binbeill, - : : 

Kreifet um des Schitfrohrs Grenzen, 2 
Weiter fotfihte:nun der Ridfe,  : 820 


yw 





rn‘ 


Nr, 


Beiigeguber.;Beferig. 


Lich die Männer Räthfel Ibfen: - F 
„Bas weht ſchlürſt dort. aus dem gluffe, 
Trinket aus des Dorfes Brunnen, 
Aus der Uferfirine Scherben Br: 

Und der Gprichueditänd’ge: ſagte: 
„Regenbogen ſchlürft im Fiufſe 
Trinlet aus des Dorfes Bruunen, 
Aus der Uferſteine Scherben . 200 

Weiter forſchte Higlas Weiler: .: -.. 
„Rathet, rathet, Heine BRänner, — 
Was kommt ſaufend von der Wleſe, 


Brauſend aus dem’ blauen Walde tn 


Und der Sprachverſtaͤud'ge ſagte: 
„Regen faufet. won: Der Wieſe, — 
Brauſet aus dem blauen Walde”. . 

Nun erkannt’. der weite Rieſe 

An der Klagheit Menſchenfoöͤhne. 
„Thu, fie, Tochter, in die Shine, - .: 
Sprach er, Bring’ fie ohut Sänmen.:... : 
Dorthin,:wo du Me gefunden. 71 .. 1 
Dbenlandes. Weibeafähne. .  . .- i:....7 
Sind’, fie gehn - auf Weisheitswegen er 
Sid Belehrung aufzufuchen-.- na 

Und die Maid that wie guheißen,  : 


Trug die Fremden de fehle. .. 7. 
Dort zuräd, wo ſie gele gen. .. 17 .o 
Doch der weile. Sprachenkennetr 
Redet alfo zu der. Riefin: 1. » 


„rag und, Jungfrau, wie im — —— 
Trag und.zm das Meeres here. ARE 
Und die Riefin that:e8 wilig, : © 
Trug die Männer: bin. zum Ufen. u... 
Die ein Dunien Wolkenpftiler 
Sing fie von der Himmeldwötbung } ..“.:: 
Mit des Donnergnit?d Trommeten — 
Eine Wolle Fenerſäubend Er ). 
Kam die Higlamaid ‚gefchwitten,. . ni: 1.1.1189, 
Flügelichnell dem Schiffemahtnd. :. 


= Sechzehnter Oeſantz. 


Und mit Demmergang zur Ufer4 = 
Und die Maͤnner aus der Schürze 11. 
Schüttelt ſie aufs Deck: des ;Schiffes, ::; — 
Und des ſtarken Athems Wehen. 
Blies den Lennbdlein die Wellen5 
Eine Meile in die: Meerfluth. :cı sin 2. 2 
Solden Wunders Offenbaruug . 5:7, nn: al 
Schreck erregt e&. ud Erflamin,:. 5. ar 
Nur der ftarte Sohn. des. Akkem- . ...; .:.”. 
Lachte über's Wollenmägdlen :. : . 11. 
„Habe Dank, du Liebe Siheine, ü ..: -.  :. 
Für dein unerbetnes Wafhenh : - : ..: 3.8 
Werde mic nun selber tresfuen, . :-. ann; 
Tropfen von Ben Wangen wilden": :, te a. 
Kalew's Sohn gab den: Beichl ame :i; £ 
Ale Segel auszubreiten, IE 2 2" am 
Denn er wollte weiter dringend : ..Ü 
Hin zu Nordend Grenzen merk. 137 u: 2 


Ob auch bitter war. die: Kälte: ;- > ee 


Und ſchon Eis die: Spuren deckte. : * 5; 
Dur das hohe Wis, rin: Hügeln .- u u; ©; 
Schnitt hindurch daß. Suba ſchichen Lea 
Segelte die: Bade nordwärts :. hin 
Sieh, da nahen Nordſcheingeiſter, 4 1.117) 
Die in ft'gein Sampf_ begriffen, «.. ls 
Blitzend Silberfpeere zudem; ! :; 35°. 31.5HP, 
Gold'ne Schilde fhimmerwd Ihwingen, . 31:7 
Daß der Schein Die Barke röthet:nm :..: 7 
Schon enffant:der Muth den Männern, 7:.."; 
Furchwoll ſchlottern ſchun Die. Maben, ı :ı1::77, 
Doch der, Sohn: bed. Sulewmiden.:ti ı 1 1,1% 
Lachte: ob: Deß Kitintenfieleß. 14 un 1:1 9 
„Laßt im Kampf die: Moxdfcheingeiften :.' :; Sul 
Mit der Silberfpeere: Bliken,'.;\ "1: 3:° 17? 
Und der gold nen“ Schilde Schimmein 1,5 Zur. 
Feuerbogen .uhs bexeitin; » .:... - ; Sul 
Daß wir bei dem hellen Rechten .3 . u :1,.:18, 
Unfre Bege beſſer ind ; 139 hört Zul 


483 


870 


we 





44 Goäigiinter Gefeng. ⸗ 


Nicht begleiten weile Der Mond uns, .. : 
2 Rängft verſteckt hat fich die Sonw, : . : 7: 
Uffo, der und amädig, hieß Die‘ => 


900 Nordfcheingeifter Heil uns leuchten⸗. 
Endlich ragt ein fremdes Uſer 
Hebt ein unbekanntes Volkeſich .. .u 
Unfrer Freunde ſpaͤh'udem Bildes -. 1... :. 
Menfhen halb wit:Simdeleibern, 1. :. ... 7 
Hinten lange Sumbefdwänze,.- * . 
Am Gebahren Tonis Wenofin, -:... :: .* 
Am Gefihte Menſchen Äbnih. . 
> Und die Hundeffwomggeielln.  . 1: -: 
Rotteten fich ſchnell izufammen, . Ba 
910 Zornerfült wis. Knüppeln — — 
Daß nis: Ener an das Ufer 
Von dem Schiffe konnte treten. a 
Doch der Sehn des ee 
Spranug vom Schiffe an das Uſer, ir 
Hundefchwänzler zu zerſtreuen 1... rn... 7 
Und die Feinde zu vernihden;i ; 1... u 
Hin zu Hunderten fie würgend :.. .. : "... 
ee Und zu Taufenden fe ddtnd. 1... ...: 
Glüdbegünftigt fand :ein Roß ey; ie 
920 Einen Hengft wur großer Stärle, 1.2 0... 
Schwang fih auf’ des Braunen 2 
Striegespfade zu beimeten, .-.' J 
Hundeſchwaͤnzler zu bekaͤmpfen ⸗* 
Doch ein fremdes Meines Wingiemn up 
Band dad. Heetiturms Feindichuftfixide: : 1... = 
Kreuzweis vor: des Gaules Schritte; — — 
Hoch empor bäumt ſich das. Streitrß, 
7 GScheut fi vor dem Strick der ‚Beindidafe: : — 
Und zuſanmmen ſftuͤrzt es ſtrauchelnd2 
0 Auf die weite Fläche nieder, — sur 2.20% 
Band den Kod.im Mosd’ger Mosre. 1 "ii 
Und des Kalew Sehe wall: Kranep: : -:2,, 
Klagte um dası gate: Streled: .* . im ci 
Und verfluhte den Umgarner, or... ri 





Sechhnter Ostens: 
Und verwuͤuſcht' den -Schlingenfteller.. :;: - 


ab⸗ 


Und er zog nun geimmen Mucheß R 


Mit der Wurzel aus dem Badan. : -.. :.. _ 
Eine von den: färffien Eichen, 
Wühlte auf die. Sümpfe ale 
Und durchpflügte alles Belland, . ;.. . -? 
Daß auf Nordlands Ackerboden. 
Nimmer Halme. follten wahfen, .- 1...‘ 
Nimmer;Achren Körner geben -: ::.. . 
Dortlandg Weifer aber zu. Pos 
Tadelte den zorn’gen -Pfülger : —— 


»Barum, Brüderchen, im. Grimme — ü 


Pflügft Du auf die Ende, fluchend 

Bandelft um bier unfre Heer. : .- 

Und verwünſcheſt fie zum Mentwaes, _.. 

Daß man gutes Weideland nit,..: :... 17. 

Nod für Kinder Brodland imdetts. --; © 
Doc. des Kalew Sohn erwidert: 

„Heerwurmſtrick bracht mich; um's EStreitroß/ 


Hat den Reitfuß mix getödtet,, . 
Eh'r ich meine Ribiewege. 2 7: 5 
Dis zum Ziel beenden kannte“. ...: u 

Und der Weife drauf eitgegnet: — 


„Wie willſt du die Wege finden, — — — 
Wie wohl Rath. auf deinen Pfaden; 1 
Wenn die Völker: du vermſteſſſ,, 
Rathertheiler von den Blumen: -.i .. nit 7 
Bor dir ber im Grimm vertilgeſt m: 4 7. 
Rewe, fühlt der Sohn des Kalew 
Ob der zornigen Bermänfchung,. -..i: 6, 
Die vernichtet daB, Bedeihen 1:.1,> 
Auf des Nordens Adermninems., _. . 1... :;.: 
In der Noth rief er zu. Up: 3; ru ı wi. 
„Gieb den Fiſchen Hier Gedeihen, 4 u 2 
Wachsthum gieb Din —————— 
Ueberfluß den Robheneheerden.:; ı: 1 wish S 
Reihthum allem :Quhigefteder,:. sw... ..: x: 5%“ 
Laß hier Holz auf Waffexfluüthen unniei :; 


KA, 





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. Und dem Zukumnſtevolke⸗ follew; ı::. Pa N 
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Seagate: @efang, 
An des Merres Mſer talden; i 1.11... 


tr 
de 


Segen die Gekhänts briügen⸗. 

Und der Weile drauf. gem SEEN 
„Beil du alfo Segen: winfheR,. : ': : 2 m 
Bil ih die num: Rede ficken . 1.3 2 
Und dir Rath und nn re 
Wie du weite Wege:wandelll”.. :.. sic. . 

Drauf der Sohn des Raten ſahter en 
„Mir zu Hauſeſprach der Babe, “..::,. 2 
Krächzte einft ein: Buger:Bugelz - :.: 9..." 2 
„vWo du ſchauneſt Hawe Jiuthhen 
Beitgebehnte Wogenflaͤchen, 21 — 
Binſen an dem Uſercande— — 
Woͤhands Schwerdter an Dem Ball; er 
Dort wird die geheiwe Pforte son.n ın.. . . 
Dir das Weltinende zeigen⸗v. EST. 

Doch der Weiſe gab zur Antwort : % 


RUE alst einlen Trug VRBÄRDEN 11:9. 


Hat zu Hauſe dir˖ det Aabez van 
Bo du blaues Waſſet Hude, , 
Beitgedehnte Bonenflähhen,: "1 =, 
Binfen an: Yen feerände, : '- 7%. 
Woͤhands Schwerbdtet m dem. Waſſer⸗ eich 
Siehſt du die zeheime Mündung iu 301 398 
Und die fireng bewachte Pfotte 2:7 578 
Die dich in die HöMe:Ahraf, 7 1... :::3:21.2 
In des Ne. Are U 
Nun bdegaun der Sohn dest’ Kulm“ 
Zu der Heimathhinzudvängeh, 5": 199 42 
Seinen Freunden es vetidendi iin: 31% 
Ließ ein Lied er: Tut ertunen 213% 2.2 1nl% 
„Laßt uns gehen, Nähen Brüder, 103% * L 
Laßt uns wallen, zolb'ne Freande, mi cu. 
Wenden arzt Mittag wieder, 1. 1icchr.üß 
Schneller hin zus: Geiniarhfeide,si. 1.5 Ailııadall 
Bo uns kennen Hanſes Hande,II in hist 
Wo Belannte uns: bearäpeh": ıc 5% sd AnY 





Sechzehnler Befang. 417 


„We 
Ausl 
Wen ' 


„At 

Der 

Bie 

Du 

Selb 10% 


Sege 


Auf 
Spal 
Schaͤ 
Hin 
Und 


Setz! 1030 
„Hoͤl 

Meh 

Als 

Unfe: 

Uner 

Unfen 


Ri 
Dort 
Wo 109040 


„Bei 
Noch 
Um I 
Muß 
Alle 

Gabe 
uffo, 








418 


1050 


1060 


1070 


1080 


Sechzehnter Befang. 


Srifhes bringen für die Wächter,. 
Opfergaben für die Hüter, _ 
Müßt’ den Vögeln fid verföhnen,- . | 
Und des Salem Sohn erwidert, J 
Ließ Dagegen dies erſchallen 
„Mit der Rüuͤckkehr waͤchſt die Weishein | 
Höher als fie war beim Hindand. 
Wüfte Wege ging verwirrt ich, 
Hab’ den Windesweg | 
Ging zur Luft auf wei 


Um den Wafferpfad zu 


Wollt’ die Hinterwand 8. 
Mit den Händen gleid | 
Und das Weltenende fı 
Mit den Fingern zu bi 
„Mögen nimmer andre Minner 
Andre Weiberföhne wollen, 
Was ich unnüg unternommen, 
Bas mir theure Zeit verwellte. 
Hoff? dag Bortheil mir exwüchſe, 
Mußte Schaden nur beffagen. 
Richt war fegiiend da der Vater, 
Nicht die Mutter, mi zu lieben, 
Keiner Schwefter warmes Wünſchen. — 
Aus dem Falten Grabeshügel, 
Aus des Kiefelgrundes Schooße 
Konnt’ der Vater nicht erſtehen, 
Nicht die Mutter Liebe ſpenden. 
„Reue kann uns, goldne Brüder, 
Aus der Irrfahrt nicht erwachſen; 
Höher wohl als Silberſchätze, 
Theurer noch als Goldestlaften 
If die Weisheit zu erkennen. 
Fanden wir nicht auf der Irrfahrt, 
Auf des Zuges Angerfiegen 


Sichre Zeichen, Wahrheltszeugniß: on 


DaB das Weltall ohne Ende, 
Taaras Weisheit ohne Grenzen, 
Denn gefeftigt find fie nirgends, 











ir 


Sechzehnter Befang. 


Keine Wehren find geftedet. 
„Was wir aber in der Fremde 
Bortheilbringendes entpflügten 
Und Geheimes ausgeadert, 
Daran bis an's Lebensende 
Hat des Mannes Sinn zu denfen. 
„Wen zu Glück der Schöpfer wählte, 
Wem er’3 in den Bufen legte, 
Wen er ftärker ſchuf an Geifte, 
Schärfern Sinnes und Berftandes, 
Ueberlegener an Kräften 


Sich hervorzuthun vor andern; . ... ... 


Diefer mög’ zur Fremde wallen, ., 
Um die große Welt zu fohauen, - 


Zaaras Weisheit zu erfennen, . 1 ... 


Um Die Wunder Bottos alle. 

Dann mit offnem Aug’ zu fehauen. 

Aber andre Nachgeborne, 

Schwädhlihere Weiberſoͤhne 

Mögen wachfen auf zu Haufe, 

Auf der Heimathswieſe blühen. — 
Nun nach Lalli lenkt man Lennof 

In die Bucht von Lindaniffe, 

Dort wo Olew Häufer baute, 

Wo er hohe Thürme pflanzte; 

Und man trieb das Boot zur Anfahrt, 

Trieb das Silberfhiff an’ Ufer. 
Und e8 landeten die Männer, 

Wallten weiter in die Heimath, 

Traten ein in die Gehöfte; 

Und im Erlhain fang ein Vogel, 

Goldner Kukkuk aus den Tannen: 

„Glück das blüht im eignen Lande, 

Beß'rer Vortheil wählt zu Haufe, 

Seder Hofhund kennt daheim ung, 

Grüßend nahen uns Belannte 

Und Berwandte wünfhen Gluͤck ung, 

Sreundlicher feheint uns die Sonne, 

Sceinen uns der Heimath Sterne !- 


1090 


1110 


1120 


419 





Der Drud wird unter der Bedingung geflattet, daß nach Been⸗ 
digung deffeiben der Abgetheilten Senfur in Dorpat bie vorihriftmäßige 
Anzahl Exemplare zugeſtellt werde. 

Dorpat, d. 9. Sept. 18600. 

(Nr. 132.) Abyethellter Genfor de Ta Grois, 





Siebzehnter Geſang. 


E.. reiche Zeit des -Glüdes 
Blühte auf der Eften Grenzen, 
Und des Friedens Wiege ſchaukelt 
Freundlich ihre Kinder alle 

Zart im mütterlichen Arme 

Sieben Sommer ungetrübet, 
Sieben Winter ungefährdet. 

Dlew hatt’, der Städtemeifter,. 
Stärfe Schanzen wachſen lafien, . 
Rings mit Gräben fle umgrenzend, 
Manchen Eckthurm aufgerichtet, 
Stattlich eine Stadt erbanet. 

An dem Grabeshügel: Kalews, 
Zür des Vaters Bett zur Zierde, 
Holder Mutter zum Gedächtniß. 

Zahllos ſah man Leute eilen 
Und Familien Schaarenweife 
Zu der feflen Stätte wallen; 

So wie Hennen vor dem Habicht 
Sich verfriechen im Verftede 
Bor dem Aug’ des biut’gen. Todes . 


Und der Furcht nor Noth und Drangjak: | 


Und der theure Sohn des Kalew 
Rief, die Menge überblidend :- 
„Lindanifa nenn’ die Stadt ich 
Zur Erinn’rung an die Mutter, 
Nährt die Stadt nicht ihre Kinder 


Reichlich wie die Bruft der Mutter? - 


30 


10 


421 


Stebzehnter Befang. 


Und der wadre Alewide 
Gründete ein zweites Städtchen 
Noch, in Harrien gelegen; 

Baut es in des Morafts Mitte 

Auf des Urwalds off’ne Fläche. 
Sulews Sohn, der Blutsverwandte, 
Ließ in Allentaden gründen 

Eine dritte fefte Stätte, 

Einen Schugort gegen Zeinde. 

Doch die langen Friedenstage 
Und die Blüthenzeit des Gluͤckes 
Droht der Krieg jetzt zu vernichten, 
Mit den Rädern zu zermalmen. 

An das Ufer Wierlauds ftürmten 
Hunderte von fremden Kriegen, 
Tauſende von Mordbegiergen, . 
Peiniger wie Wollkenzüge, 

Die von ferk. gebracht bie Winde, 
Waſſerfluthen bingewälzet. : 

Eil’ger Votſchaft Träger kamen 
Flieh'nden Schritts nach Lindanifa, 
Zu verkünden es dem Koͤnig', 

Daß der Krieg ſchon dräuend nahe 
Und des Streites Wagen rolle: 
„Komm, Gewaltiger,. zum. Kampfe, 
Mächtiger, verjag? Die Feinde . 

Und es fprang der Kalewide 
In den Sattel auf das Streitroß, 
Stürmte mit des Windes Braufen .. 
Eilig nach der Grenze .Wierlands, - 
Um den Kriegslärm zu verloſchen. 
Um des Kaupfes Zorn zu band’gen,. 
»Mit fich führt er Stetegeähelden, 
Serfenbuben von den Starten; . 
Fünfzig wählte. er: aid Wierlaud, 
Sechzig von dem. Kranichbeiland, 
Siebzig weitere aus Finnland; " 
Hundert and’re von den Inſeln. 








Giehzehnter Grfarig. 


Und des Kalewiden ‚Etreiteoß 1 :. 
Raffelte in blanken Münzen, i 
Zönte heil von laut'rem Golde. . 
Silbern glänzt am Hanpt die Halfter,  . 
Gold’ne Stangen am Gebiſſe, 
Thalergürtel an dem Echweife, 
Um den Körper Perlenketten. 


Und das Schwert. verräth den Krieger rn 
Und der Ferie Stahl: den Starten. : 


Und der gold'ne Schild den König: 


Wer den Sprößling des Gewalt’gen 


Auf des Krieges Pfad erbiicte, 
Wie er Kampfes Wege wallte, - 
Mupt in Wahrheit dieß befennen: 


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4 '€ 


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„Wahrlich, glänzend ſtrahlt der. Juͤngling, 


Hoch an Werth iſt dieſer Krieger! 
Unter ihm ein Roß von Silber, 
Gold'ner König in dem Sattel. 

Feuer blält ins Meer der Starke, :'. 
Fächelt Funken in die Bogen, 

In die Scyneetrift heile Flammen. 
Windesflügel ſeine Halle, 

Regenbogen ſeine Kammer, 
Wolkenmaſſen feine Sparten, 
Hagelfchloffen :feine Betten ! N 
Auf der Soune figt er felber, Er 
Lehnt fi) an des Mondes. Wölbung, 
Lagert feinen Verb auf Sterne; 


Aus dem Wind’ haucht er. eim Streitroß, 


Haut aus Thaugras ihn die Hufen, - 
Maienblumen find die Augen, 2 
Schlankes Schilftohr find die Ohren. 
Wo er mit dem Roß fih reget, .. 
Dort find Städte gleich erfianden ; 

Wo er in die Runde reitet, 

Dort erheben fh die Hügel; - E 
Wo er mit dem Noffe tanzet, ’ 


Heben tanzend fi) Gebirge - 1: 


äsR 


70 





423 


110 


120 


130 


140 


Siebrehnter Gefang. 


Und empor währt eine Höhe. 
Fahrend auf der Finnenbrüäde 
Raſſelt hin er Thalerwege. 
Harriens Fliefendiele ſchüttert 
Und der Grund von Wierland zittert. 
Unten flanımt fein Roß ein Dfen 
Und der Hengft gleicht einem, Sterne, 
Selbſt gleicht oben er der Sonne, 
Chön geſchmückt im Zwielichtsfleide,. 
Auf dem Haupt ein bunter Goldhelm, 
Drüber fonneubunte Bänder, 
Silberglängend iſt fein Gürtel, 
Gold’ne Sporen trägt die Ferſe. 
Wo er acht, ba glänzt der Himmel. 
Wo er wallt, da wanft der Himmel. 
Ale Sümpfe fhmüden blau fich 
Und die Wiefen fteh’n in Blüthen. 
Nachtigall ſchlägt aus dem Flieder, 
Kukkuk halt im Zannenwalde, _ 
Droffel aus des Waldes Dunkel, 
Singevögel von den Erlen, 
Wierlands Bräute fanden fchauend, 
Serwend Bräute augenblinzelnd, 
Läfänes Bräutchen Thränen floffen, 
Aber Harriens Liebchen feufzten : 
„Wäre diefer Mann doch unfer | 
Würd’ der Theure und zum Gatten, 
Wär’ der Freier und doch eigen !: 
Zaften wohten wir den Sommer, 
Ein Jahr ohne Biſſen bleiben, 
Einen Winter ohne Körnchen ; 
Wollten ihn mit fettem Zleifche, 
Ihn mit Eierfpeife pflegen — 
Und ihm Butterbrötchen bieten. 
gießen ihn auf Kiffen fchlafen- 
Und in feid’nen Betten ſchlummern, 
Und auf weichem Sanmet ruhen«. 
Doch der theure Sohn des Kalew 





Siebzehnter GBefang. 


Fuhr dahin auf Kriegespfaden, 
Ließ im Boden feine Spuren, 

Auf den Felſen Hnfeszeichen. 
Wenn Vernunft der Boden hätte 
Und die Steine eine Zunge, . 
Wenn der Fliesbruch reden fännte, 
Kelfenwände Worte finden — 
Würde manches Derterzebent, 
Zaufend Zungen Zeugniß geben, 
Wimmelhaft und Kunde ftreuen, 
Sagen zabllos zu und wehen — 
Bon des Kalemiden Fahrten, 
Seinem Gang auf Kriegespfaden.* 


Auf den weiten Flnren Wieland ° 


Standen ſchon geſchaart Die Strieger, 

Bluibegierige Gefellen, 

Einem Bienenſchwarm vergleichbar, 

Einem Ameishaufen ähnlich‘ 

Bei der Sonne hellem Scheine. 

Dod der Feind auf andern Wegen 

War gegangen um zu fengen, 

Und die Dörfer auszuplündern 

Und zu pein’gen die Gefinde, 

Hab’ und Gut dem VolP zu rauben 

Und die Männer zn ermorden. 
“Doc der Sulewide eilte 

Und der Alewide nabte, 

Biel dem Feinde in die Klanfe 

Und die Spiße bot ihm Olew. 

Und der ftarfe Kalewide — 

Auf dem Roffe hoch im Sattel — 

Sprengte in des Kampfes Mitte 

An das dichtefte Getümmel. 

Ließ fein Kampfroß mächtig fpringen, 

Ließ den Braunen weitansgreifen, 

Stürzen anf der Feinde Naden. 

Und fein Schwert in dem Gemetzel 

Spielte moͤrderiſche Weiſen, 


160 


160 


170 


180 


424 


425 


1% 


210 


Siebzehnter Befang. 
Und das Eifen Flammen ſpruͤhend 


Schyleudert Tod rings und Derdesben, .., 


Mitten in dem Kawpfplaß Freiland 
Schlug er Mannteshäupter wieder 
Wie im Erlhain fal’nde Blätter. : 
Und verwelftes Laub im Birkhain. 
Abgehau'ne Glieder flogen, 
Scenfelbeine hundertweife, , 

Armgebeine fuderweife, 
Wirbelbeine taufendweife, 
Rippenknochen zeben taufewd ! ., . 

Reihenweiſe Ingen Leichen, 
Haufenweife die Erichlag’nen, 

Und zu Bergeshoͤhe wuchſen — 
Auf dem Moor die Leichenmaſſen; 
Zehen tanfend von den Feinden 

Lagen Falt in Aſſamalla. 

Und des SKalewiden Etreitroß. 
Schwamm in einem Bad) von Blute, 
Bis zum Bauch' in den Geheinen. 
Abgehau'ne Arme, lagen 
Rings am Boden wie Die Meifer, 
Finger lagen von den Feinden Ä 
So wie Schilfrohr in dem Sumpfe, 
So wie Halme auf den Felde.* 

Bon den Feinden wäre, nimmer, 
Rebend einer je entfommen, , , 
Nicht entfloben and dem Drangfal, - 
Wenn nicht ſchwere Ungluͤcksbande 
Seflelten den Kalewiden, 
Auf dem Tod'sweg Wehren ftellten. 


Denn ald vorwärts Bin es fprengie 


Zeurig ungeftümen Laufes 

Und die Zliehenden verfolgend, 

Die zu Rettungsftätten eilten, , 

Holt’ mit ftarker Hand zermalmen — 
Und das Roß mir. Fühnem Sprunger 
Ueber Berg und Hügel feßte — 





| Siebzehnter Brfang. 


Immer läng’ve Saͤtze geeifend — . 
Stürzt’ e8 in der Berge Mitte. ... 


Und in eiuen- flüf’gen. Synpfmeor : -::: 


Fiel das Roß des Kalewiden; 

Und der Leib zerſchellt am Hügel, 

Huf und Beine tief im Sumpfe 

Santen in den Schlamm verloren. . 
Und der. figrfe Kalewide | 

Seined Rofles Sturz verwinfchend, - 


Hub im Mißmuth an zu fprechen: - — 


"„Mögeft, mögef,.alio fluch' ih — 
Mögeft du zu Moor vermodern 
Und zu Koth und Sumpf verweien 
Und zu feuchter Pfüge faulen, . 
Did in Gallen-Sumpf verwandeln, ı 
Werde Waſſer für die Krdten, 


Werde Giftfraß für die Matten la* _ 


Und der flarfe Sohn des Kalew, 
Als er nicht vermocht zu fangen 
Der entfloh’nen Feinde Scyaaren, 
Nief vom Kampfplag fort die Brüder, 
Don dem Todespjad die Freunde: 


„Laßt das Mordgefchäft, ihre Freunde, _ 


Laßt das Blutfeld, liebeu Brüder, 
Legt die Glieder. nun zur Ruhe, 
Stärfet eure müden Leiber«. 

Naben hatten heerdenweiſe, 
Waldes Wölfe baufenweife 
Weit des Kampfes. Blut gerechen, 
Und fie famen Theil zu nehmen ’ 
An des Zodes großer Beute, 

"Und es theilten nun die Männer 
Krieges Beute, Feindes Schätze, 
Unter fid) den Ansbeil ordnend: 
Größern Lohn gah man den Obern 
Und das Kofbarfte den Aeliſten; 
Gold das brachte man dem König, 


Theilt das Eilber aus dem Höhen, . : .. 


240 


427 


Siebzehnter Geſang. 


Kupfergeld gab man den Knechten, 
Pfennige den Ferſenbuben. 
Und der ſtarke Sohn: des Kalew 
Setzte feine Worte alſo, 
Wie der Rabe hatt’ verfündet, 
Kundgethan der kluge Vogel: 
„Nehmet, Freunde, werthe Brüder, 
Bon des heurgen Zages Kämpfen, : 
Bon der Schwerter blungem Streite, 
Nehmt ein Borbild für die- Zukunft. 
Männer follen fo wie Mauern, - 
Wie die Eifenwände ftehen, 
Wie aus Stafl gemachte Thürme 
Zupfer in dem Giegeslampfe ; 
Eichenfeſt fei ihre Stärke, 
Felſenfeſt fei ihre Haltung, 
Eine Veſte gegen Keinde. 
Wenn die Art dann drobend nahet 
Und der Zeind zu fangen ausgeht, 
Dann ift nichts von Krieg zu fürchten, 
Nicht vos Fremder Sieg zu bangen, 
Bon Berfolgungen der Schlimmften. - 
Eine Brant fei unfer Heimland, | 
Eine Erbin ew’ger Freiheit ! 
Koͤnig werde ſtets der Staͤrkſte 
Und der Tapferſte ſei Herrſcher. 
Höchſte Macht, ſie bleibe Einem, 
Sei das Reich in Eines Händen; 
Denn wo viele Sinne ſorgen 
Wächſt der Hader aus dem Winden, * 
Sept befahl er Kriegeömännern 
Auserlesnen aus den Heere, 
Nach der Heimath bin zu eilen, 
Siegesbotfchaft hin zu bringen 
Und den Dörfern es zu fünden. — ':: 
Selber fchritt ee mit den Freunden, 
Mit den theuren Bundesbrüdern 
Ueber weitgedehnte Flaͤchen, 





Stiebzehnter Geſang. 


Ueber große Möosmoräfte. — - 
Bei der Sonne :Niedergange 
Kamen die gewaltgen Männer 
An des weiten Urwalds Grenzen, 
Bo vorher man nie gewandelt, 
Bo fein Steg nöd) vorgezeiänet.: 300 
Und der flarfe Kalewide “ 
Drängt voran den Weg zu bahnen 
Und den andern Gang zn geben. 
Wo zu vieren fle gefchritten 
Durch des tiefen Urwalds Didicht, 
Dort entftand die breitfte Straße 
Und ein Hohlweg ward gefchaffen. 
Als fle weiter nun gedrungen, - 
Hub ſich eine Raudresfänle, 
Die wie Rödungsdampf der Dörfer, 310 
Weilerrauch im fernen Walde 
Hod zum Himmel fih emporhob. 
Als fie fchreitend näher famen, - 
Quollen Zeuerfunfen aufwärts 
Flammenwiederſchein in Wipfeln, 
Zannenfronen fehienen golden 
Und geröthet alle Foͤhren. 
Und die flarfen Männer wandten 
Ihren Schritt vom Rauch geleitet, 
Ihren Gang durch Fenerzeichen, 320 
Bis in einer Grubenhoͤhle 
Eines Wolfes Neft He fanden. 
Nicht darinnen Tagen unge, 
Nidyt der grauen Mutter Welpen. - 
Doch wer ſaß am Höhleneingang, 
Hütete das Haus des Grauen? Ä 
Eine Alte, runzelwangig, 
Saß als Hüterin der Höhle, 
Feuer unterm Seflel ſchürend 
Und den Schaum von oben fchlemmend, 330 
Mit dem Schlef mitunter koſtend, fd 
Ob auch ſchmackhaft fei die Suppei 


370 


Slebzehnter Oeſang 


Und des Alewiden Liebling 
Sucht gleich Auskunft zu erhalten 
Und befragt die greiſe Köchin: 
„Bold’ne ! fag’, was kocht im Keſſel? 
Sag’ was brodelt in dem Hafen? - 
Hebt fo koͤſtlich fig im Topfe ?" 


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⸗2* 


Und die Alte gab zur Antwort, u 


Sang ihm freundlich ſolcherweiſe: 
„Für bedürftige Magen koch' ich 
Nur ein mag’res Guppenträukhen, 
Koche Kohl nnd fiede Köpfe . 
Und erweich’ fie für die Söhne, 
Baͤhe fie zur eignen Speife." 

Und der Sohn des Sulew fügte: 
„Wirf dazu des Gaſtes Antheil, 
Füge unfern Theil Dazu noch, 
Zufhuß in den Suppenkeſſel. 


Wir find weit durch's Land gegangen, | 


Thaten heute fchmere Arbeit, 

Fühlen in dem leeren Magen 

Hungerzahnes böfes Nagen. 

Leg’ dich, Mütterhen, zur Ruhe, 

Sclafe dort in dem Gebüſche, 

Und wir werden nach der Reihe 

Deinen Keſſel Schon. behüten 

Und die Flamme forgfam ſchuͤren, 

Daß fie unterm Kefjel lohe; 

Wollen trod’ne Reiſer fefen . 

Und Dir Zannenzweige holen.“ | 
Gleich verftand die alte Sreifin . 

Schlau erwieberud gab fie Antwort ; 

„Wenn ich Euren Wunfch gewähre 

Und den Willen Euch, erfüle, 

Möge mir nicht Schuld ermwachfen, 

Keine fpätere Verleumdung ; 

Schuld ‚allein trägt nur der Biufher, 

Unglimpf der Erlaubnißfrager. 

Hört mi, meine gold'nen Säfte, 


. 
' 


— 


Siebzehnier Belang 


Seid recht wachſam, mad're Mänwer k .' 
Kim ein Fremdliag ungerufen, - 
Ungebeten ber eiu nähen, 
Unverhofft des Weges. gebend 
Und er wollt die Suppe koſten, 
Naſſes aus dam. Keffel naſchen: ,- 
Wachen Auges, lieben Männer, - 
Seht euch vor, daß nicht der. Fremde 
Euch den ganzen Keſſel Ieeret ,- 

Und des Hafens Boden trocknet. 
Denn ihr müßtet, ‚Heben. Kinder, - 
Dann ſchon Hungers Bein ‚ertragen !“ 

Drei von den Gewallgen waren 
Gleich bereit zu dem Geſchäfte, 

Nach der Reih’ den. Topf zu hüten, 
Wachen Auges zu bewahren. 

Doch der theure Sohn des Salem, 
Schlauer als die Bundesbrüder — 
Gab dazı nicht Wortgelöbniß, 

Band fich nicht Durch ein Verſprechen. 

Und die Alte, runzelwangig, 

Kroch nun ſchnell in das Gebüſche 
In das Neft des Wolfe zum Schlummer. 

Und der ftarfe Sohn des Kalew 
Zegte hin fih an das Feuer, 

Müde Glieder auszuftreden, 
Rückenſehnen auszudehnen. 

Sulews Sohn, der Blutsverwandte, 
Legt? ſich nieder auf die Seite, _ 
Um in Bufches Schuß zu fehlafen.. 
Diemd Sohn, der Häͤuſerbauer, 
Hoher Thürme Wudöhefördrer, : 
Streckt' gerad fid) auf: den Boden,: 
Um fein Hüftgebein zu biegen. 

Doc des Alewiden Liebling, - 
Der die Wache übernommen, - : 
Sept” ſich munter um das Fensr, 
Hielt die Augenlider offen, 








43t Siebzehnier Gefang. 


Facht bald am die helle Flamme, 
410 Schürt die Brander bald zuſammen, 
Sammelt reichlich trockne Reiſer 
Zufhuß für die Feuerflammen. 
Und nach einer furzen Belle 
Ward dreidräthig ſchoͤn gefponnen 
Schlummergarn im Erlenbaine, 
Und die Alte, runzelwangig, 
Spann dazu den vierten Faden, 
Gab dem Garne Die Ergänzung. 
Ganz allein der Alewide \ 
40 Saß am Fenerherde munter 
Wachen Auges da ale Wächter, 
Fachte an die Zenerflamme, 
Blies fie, daß fie heller brenne. 
Da, aus tiefen Rafengrunde 
Stieg hervor, von Furcht befangen, 
Mit geheimnißvollen Schritten 
Einer aus dem Zwerggefchlechte ; 
Mochte drei der Spannen meffen, 
Trug am Hals ein gold’nes Glöckchen, 
430 Kleine Hörner Binter'm Ohre, 
Unterm Kinn ein Ziegenbaͤrichen. 
Und der Sohn des Zwerggeſchlechtes 
Trippelt in des Feuers Nähe, 
Drdnet feine Worte zierlich, 
Redete mit glatter Zunge: 
„Willſt du, Lieber, mir erlanben 
Bon dem SuppensRaß zu ſchmecken, 
Vom gekochten Kohl zu Koften ?* 
Alews Sohn verftand die Frage 
440 Und entgegnet fpöttifch alſo: 
„Hüte dich nur, Sammerfliege, 
Hier im Löffel zu ertrinfen ! 
Deinen Wunſch will ich gewährten 
Bon der Suppe mapft du often.” : . 
Und der Sohn: des Zwerggeſchlechtes; 
Der’s verfianden, gab zur Antwort: - 2 








Giebeänier Gefang. 


„Möcht am Hafennand nur fhlinfen . 
Dhne Löffel. Hnhnedanthel, 
Wenn ich die Erlaubniß hätte.“ . 

Und nun hüpft er leichten Schwunges 
Bligfchnell auf den Rand. des Keſſels 
Um zu leden:von ber Suppe. . 
Doch wie redte fich Der. Unhold, 
Zing das Zwerglein an zu jchwellen ! 
Hob fi. bis zur Zannenhöhe, 
Schwoll bis in der Wolfen Nähe, 
Stredt fi) bis zu ſiebzig Klafter, 
Ein’ge Spannen noch darüber, :. 
Dann verfchwand..er wie der Nebel, 
Wenn die. Sonne heil füch hebet, 
Ward zum biauen Rauch verwandelt... 

Und ded Newiden Liebling 
Schaut hinein in feinen Keflel: 

Aber der war: audgefeget .. 
Nein geleert wie mit dem Befen. 

Und des Mewiden Riebling 
Trug nun Waſſer in den Keſſel, 
Füllt' mit friſchem Kohl den Hafen, ' 
Bönnt die Fopperei den Audern,. 
Und er wedt den Olewiden 
Um den Keſſel zu bewaden,  . 
Ging dann felber unter'm Strauche 
Seine Glieder auszuftreden. 

Da nach einer Heinen. Weile 

Ward dreidräthig ſchoͤn geſpounen 
Schlummergarn im Erlenhaine, 
Und die Alte, runzgelwangig, - ; 
Spann dazu den vierten Faden, 
Gab dem Garne die Ergänzung. - 

Ganz allein der. Diewide: 
Saß am Feuerherde munter, 
Wachen Auges da als Wächter, 
Fachte an Die Zeuerflamme, -: 
Blies fie, daß fie heller brenme . 


470 


510 


520 


Da aus Hefem Nafengeunde: . - 
Stieg hervor, von Furcht befangen, 
Mit geheimnißvollen Schritten ' ° | 
Einer aus dem Bwerggeichiechte, J 
Mochte drei der Spaunen meſſen, 

Trug am Hals ein gold'nes Giockchen, 
Kleine Hörner. hinter'm Ohre | 
Unterm Kian. ein Ziegenbärtchen. | 

Und der Sohn des Zwerggeſchlechtes 
Zrippelt in des Feuers Nähe, 

Drdnet feine, Worte zierlich, 

Redete mit glatter: Junge: 

„Willſt du, Lieber, mie erlauben 
Don dem Suppen-Nag zu ſchmecken, 
Dom gekochten Kohl zu. toften ?« 

Olew's Sohn .verftand die. Bitte 
Und entgegnete ihm ſpöttiſch: 

„Baugt dir nicht den Hals zu brechen 
Ueber'm LXöffelrand, du Mide, 

In den Abgrund zu verfinfen!. .: 
Dann fei die der Wunſtch gewähret, - 
Magft du von dem. Säppihen Loften.”. 

Und der. Sohn des Zwenggelchlechtes, 
Der’s verftanden, gab. zur Antwort: ı 
„Möcht' am Hafenrand nar fehlürfen 
Dhne Löffel Haͤhnchens Antheil,;- ° 
Wenn ich die Erlaubniß hätte,“ 2 

Und nun. bäpft. er leichten Schwunges 
Blipfchnell auf den Rand des Kefiels J 
Um zu lecken von der Suppe. 

Doch wie reckte ſich der Unhold, — 
Fing das Zwergtein an zu ſchwellen 
Hob ſich bis zur Tannenhoͤhe 
Schwoll bis in der Wollen Näbe, : 
Stredt fi bie zu ſtebzig Kinfter, 
Ein’ge Spanner. .noch-daräber, 

Danı verfehwand er wie dev Mebel, - 
Wenn die Sonne Keil ih hehe, .- 























‚tbzehnter -Befang. 


Bard zu blauem: Rau verwandelt, 

Olews Sohn, der — 
Schaut hinein in: feinen Keffet, 

Doc) der war wie audgefeget, 
Rein geleeret wie mit Befen. 

Diem Sohn der Banverftänd’ge 
Trug nun Wafler in den Keflel, - 
Füllt mit friſchem Kohl den Hafen, 
Goͤnnt die Fopperei den Andern ; 
Weckte dann den Sulewiden 
Um den Keffel zu beichägen, 

Ging drauf: felber ins Gebuͤſche 
Hin die müden Glieder ſtreckend. 

Da nad einer Heinen Weile 
Ward dreidräthig fchön gefponnen 
Schlummergarn im Erlenhaine, 
Und die Alte, runzelmangig, 
Spann dazu den vierten Baden, 
Gab dem Garne die Ergänzung. 

Ganz allein der Sulewide 
Saß am Feuerherde mnnier, : 
Wachen Auges da als Wächter, 
Fachte an die Keuerflamme 
Blies fie, daß fie heller brenne. 

Da aus tiefem Rafengrunde 
Stieg hervor, von Furcht befangen, 
Mit geheimnigvollen Schritten ' | 
Einer von dem Zwerggeſchlechte; 

Mochte drei der Spannen meflen, 

Trug am Hals ein goldnes Gloͤckchen, 
Kleine Hörner hinterm Ohre ie 
Unterm Kinn ein Ziegenbärthen. : °- 

Und der Sohn des Zwerggeſchlechtes 
Trippelt in des Feuers Raͤhe, 


Ordnet feine Worte zierlih, Da 


Nedete mit glatter Zunge: 
„Willſt du, Lieber, mir erlauben 
Bon dem Suppen⸗Naß zn fchmeden, - 


540 





435 


570 


Eithaheler Gelene. 


Dom gekochten Kohl zu Then?“ 
Sulews Sohn verfiaud die Bitte, 
Und entgegnete Ibm fpöttifch : 
„Wenn du, Knirps, nur nicht im Löffel, 
Nicht im Suppenmeer ertrinfeft! 
Deinen Wunſch wil ih gewähren, . _ 
Don dem Süppehen wagft du foften.“ 
Und der Sohn des Amwerggeichledhtes, 
Der’s verfianden, geb zur Antwort: 
„Nur vom Keſſelrande ſchlürfen, 
Ohne Löffel Katzenantheil, Ä 
Moͤcht' ich, wenn: es mir erlaubt wär! ta 
Und nnn. häpft er leichten Schwunges 
Blitzſchnell au den Rand des Keſſels 
Um zu lecken von der Suppe. 
Doch wie reckte ſich der Unhold, 
Fing das Zwerglein an zu ſchwellen! 
Hob ſich bis zur Tannenhoͤhe, 
Schwoll bis in der Wolfen Naͤhe, 
Streckt ſich bis zum fiebzig Klafter 
Ein'ge Spannen noch darüber. 
Dann verſchwand er wie der Nebel, 
Wenn die Sonne hell fich hebet . 
Ward zu blauem Rauch verwandelt, 
Und der wack're Sulewide 
Schaut verwundert in den Hafen, 
Doch der Hafen war gefeeret, 
Ausgefegt wie mit dem Beſen. 
Sulews Sohn, der Bundesbruder, 
Trug nun Wafler in den Keſſel, 
Füllt mit friſchem Kohl den Hafen, 
Goͤnnt die Fopperei den Anderen, 
Weckte dann den. Kalewiden, 
Um den Keſſel zu ‚befehügen, 
Ging dann felber im Gebüfche 
Seine Glieder auszudehnen. 
Und nad eineg Heinen Weile 
Bard dreidräthig. abgefpennen.. 








Sieb gehnter Gefnugz. 


Schlummergarn im Erlenhaine,, 
Und die Alte, rungelwangig,., . .. : ) 
Spann dazu den vierten Faden, . 

Gab dem Game bie Ergänzung. u 

Einſam faß der, Aafewide . -» . , . 
Munter an ‚dent Benerherde, . . a ge 
Offen Auges hielt er :Wade;... ı =... 
Und er brach :die Fichten. nieder, —— 
Wurzelte die Eichen nieder 
Riß die Tannenbaͤume nieder, 
Steckt' fie alle dann ins Feuer, * 
Blies es dann zu heilſter Lohe. 

Da, aus tiefem Raſengrunde 
Stieg hervor, von Furcht befangen, 

Mit geheimnißvollen Schritten 

Einer von dem: Zwerggeſchlechte, 
Mochte drei der Spannen. meffen, 
Trug am Hals ein geldnes Gloͤcchen, 
Kleine Hörner hinterm Ohre, 
Unterm Kinn ein Ziegenbärtken. . 

Und der Sohn des Zwerggeſchlechtes 
Trippelt in des Feuers Nähe, 

Ordnet ſeine Worte zierlich, 
Redete mit glatter Junge: 
„Willſt Du, Lieber, mir erlauben, 

Don dem Suppen⸗Naß zu fchmeden, ' 

Dom gefockten Kohl zu often 9« 

Doch der ſtarke Eohn des Kalew 
Bahr’ es gleich, und gab zur Antwort: 
„Sprid, was kannſt du erft, mein Männlein , 
Niederlegen mir zum Pfande, 

Als Geſchenk mir angeloben, 
Wenn ich di nach deinem Wunſche 
Bon dem Säppdhen’ toten laffe? 
Gieb als Pfand das Kinderfpielzeng. 
Goldnes Giockchen von dem Halſe; 
Sonſt erwachen unfie Maͤner 
Aus dem Schlafe fährt die Alte, 

31 





670 


Slebzehnter Befong. 


Ehr die Suppe auf deu. Tiſch Tommi, 
Ehr der Kohl fommt in die Schüflel.” 
Doc) es ſprach der Sohn des’ Ziwerges 
Honigzungig alfo ſchmeichelnd: 
„Theurer Sohn des fiarken Mannes, 
Zordre doch nicht von dem Schwachen 
Goldnes Gloͤckchen ifm von Halfe! 
Bor dem Frühroth kam von Haus ich, 
Heimlich band mir meine Mutter, . 
Ohm’ daß es der Vater mußte 
Der es die Brüder faben, 
Goldnes Glödchen um den Hals mir. 
Wenn auf fremder Flur der Kleine, 
Sid das Kind inı Buſch verirrte: 


Würd' das Gloͤckchen ed verfünden - 


Und dem Sucher Auskunft geben, ° 
Und den Forſchenden ein Zeichen.“ 
Doch der theure Kalewide 
Gab zur Antwort ſchlau dagegen: 
„Nur fo lange «18 du koſteſt, ke 
TRänntein, von der Suppenbrihe — 
Sieb zum Pfande wir das Glöckchen, 
Daß, wenn du den Leib gefüllet, 
Ohne Dank den Weg nicht gingeft; 
Wieder geb’ ih dir die Glocke, 
Bind fie felber um den Hals dir, 
Wie die Mutter did beim Scheiden 
Mit der Glocke zärttih fhmüdte“  : '. 
Und der Sohn des Zwerggeſchlechtes 
Band vom Halfe fich. das Gloͤckchen, : 
Gab dahin das felme Aleinod 
Als ein Pfand dem Kalewiden. | 
Als der Harfe Sohn des Kalew 
Kaum das Glötckchen hat befommuen, 
Reckt er etwas feinen Finger: 
Schnipfend an des Kleinen Köpfchen, : 
Klipp und Mapy ihm an die ‚Stiche, . F 
Da mit krachendem Gepolter, ve. 


Slrbgehntert Geſang. 


Gleich als käͤm der Donneralte, 
Als ob Akde ſelber draͤute, — 
Sank hinab dus AZuwerggebide - 
Donnernd in der Erden Tiefe, 
So daß weder Pfad noch Zeichen 
Seine Spuren deuten konnten. 


Blauer Rauch nur hob empor ih, 


Wo der Kleine war verfchmuntden. 
Und die ftarfen Männer alle 

Fuhren auf am Keuerrande, 

Aus den Schlaf erwacht die Alte, 

Um den Vorfall zu belugen ; 

Und fie famen zu erfunden, 

Was hier Eeltfames gefchehen? 

Und die Alte näher jchauend, 

Hat vorftanden gleich das Mätbfel 

Und was Seltiames geſchehen. 

Wohl erfannte fie das Gloͤckchen, 

Des Gehörnten Zauberwerkzeug, 

Das die Mannestraft vermehret, 

Wachſen macht die Mannesitärte. 
Und die Alte, runzelwangig, 

Ließ im Liede alſo tönend 

Ihre Worte luſtig wallen: 

Bar ich früher nicht die junge? 


Hob ich ſchwingend nicht die Ferſe, 


Meine Ferſe in die Höhe? 
Hundertmal fuhr ich zur Hochzeit, 
Zanfendmal ging ich zum Tanze! 


Stark zum Springen war mein Fuß wohl, | 


Drehte mic, amf leichter Sohle, 
Ale Jünglingsaugen brannten 
Auf die Rothe meiner Wangen, 
Schouten auf die fohwarzen Augen, 
Auf die blanen Seidenſchleifen 
Und auf meine rothen Bänder. 
Kalews Sohn bot feine Hand mir, 


Sulew wollt’ den Mund mir küſſen; H 


31* 


4238 


700 


710 





‘439 


72 


740 


750 


Siebgehmer Oeſang. 


Zluchtig ſchlug des Kaens Sohn ich, 
Tüchtig ſchlug des Sulews Sohn ich! 


Brach ich Damals meinen Hals nicht, u 


Reckte mir nicht aus die Arme 
Und verenft mir uicht das Häftbein, 
Und verftaudt mir nicht die Ferſe: 
Dann zerbriht wohl nit das Eichen, 
Nicht verdreht den Hals das Hühnchen, 
Scwingt es heute fih im Sprnnge,-? 

Alfo heile Lieder Elingend 
Sprang die Alte, rımzelmangig, 

Bon der Höh zur Schlucht bimunter, 
Dorthin wo im blauen Rauche 
Bar der Däumliug erſt verfhwunden, 
Bo der Zwerg hinab gefunfen. 

Und der ſtarken Mäuner Söhne 
Lachten alle vier, buwundernd 
Solchen Zanz der alten Mutter. 

Und beim Mahle ward erzählet, 
Wie es allen war exgangen, 

Als fie nach der Reihe wachten; 
Wie das kleine Zwerggeſchoͤpfe 
Ausgeleert Ben großen Keſſel; 

Wie fich der Gefelle redte, 
Pie das Stnäblein dann gefchwollen, 
Spottend bis zur Wollen Nähe. 

Und es fprady der Sohn des Kalew: 
„Legt euch, Brüder, vor dem Morgen 
Eine Weile noch zur Ruhe, 

Um den Körper euch: zu ſtärken. 
Wenn den Rüden ic) geredt mir, 
Sculterfnochen mir gedehnet, 
Waͤhl' vielleicht xb andre Pfade 
Und befchließe weifre Wege, 
Slüdesbahnen für den Morgen, . 

„Gehet ihr auf eurem Wege, . : :: 
Wallet, Brüder,. nach der. vn. 
Eure Frauen liebzukoſen 


Siebzehnter Befang. 


Und zu fiherzen mit: den Kindern.“ “ 
Darauf firedten fi die Männer .' 

An dem Feuerfchein zur Nube, BE 

Brodesfegen den Gebeinen. Az 





* Sieh da famen — — 

Kamen Fremde, fie zu ſchauen, 

Murueides junge Töchter, | 

Springend auf dem leichten Thaue,.. . . -: 

Kamen in das Gras zu fpielen. — 
„Schweſtern, hoͤret mich, ihr Holden, 700 

Laßt uns luſtig gehn zur Schaufel - z 

Auf der Gräfer zarten Palmen, 

Auf der Stauden fhwanfen Stengel, :, 

In der Slodenblumen Kelchen! - 

Denn ſchon fangen Abendhähne 

Und ſchon fönten Zwielichts Heunen 

Bon Altvaterd Blumenwiefen,. | 

Bon dem Zweig von Taaras Eiche, 
„Sieh, was fchlummert hier im Rofeu!- 

Auf dem Raſen ruhn' vier Männer. 770 
„Schmückt, o Holden, diefe Brüder, 

Mit der Sonne Roth die Knaben, 

Macht den Männern Nebelmügen, 

Nödlein aus des Thanes Fäden. 
„Schwefterleun, o Hört, ihr Holden, 

Laßt und gebn den Schlummer mweben, - 

Zraumgefichte ihnen zeigen, 

Bilder weben vor dem Frühroth. 

Laßt mit Freudenſchleiern ſchmücken 

Uns das Haupt des Kalewiden! 780 

Webt ein Stüdchen von der Wahrheit, 

Zwifchen Diefe Luͤgenzeichen, 

Zrugeszeicden in die. Maſchen; 

Laßt dem Mamn in feinem Schlummer 

Nun des Glückes Zeit exblühen, 

Goldnen Kuffufs Ruf ihn hören 

Und des Silbervogeld Stimmen: 





441 


7% 


810 


Stebgehnter Veſeang. 


„Ruft ver: Kukkuk Tranerkunde, 
Singt das Vögelchen Betrübniß; 
Bleib im Tannenhain Betrübniß, 
Trauer all im Erlenbeine. . 
Theurer Sohn des ftarfen Mannes! 
Wenn du wirft anf deinem Gange 
Fahren hin auf Zodeöpfaben, 


Schmüde dann dein Roß mit Perlen, - 


Deinen Reitergaul mit Münzen, 
Zäum das Roß mit goldner Halfter, 
Schmüde «d mit Silberfohnallen, 

Putze ed mit ſeidnen Bändern, 
Geidenband um Roſſes Augen, 

Silber an des Roſſes Hufen; 

Bind’ die Mähne reich mit Bandern, 
Flechte Thaler im die Zöpfe, 


Bind den Schweif mit Sammnietbändern. 


„Stalewide, wackrer Knabe! 
Willſt du gehen Himmelpfade, 
Bleib nicht bei den Sternen fteden, 
Straudle auch nicht an dem Monde, 
Und berühre nicht die Sonne. 
Laß die Eonne doch nur feinen, 


Rab den Moud doch immer leuchten, 


Sterne laß deu Weg une weilen. 
„Kalewide, theurer Knabe! 
Willſt du gehen Hoͤllenpfade, 
Nicht vernicht der Hoͤlle Thore, 
Nicht erſchüttre Höllenthüren. 
Laſſe ſtehn der Hölle Winde, 
Laß die Thürme imvernihtet, 
Und die Pforten unzertrümmert, 
Lab die Wände nur am Pliatze. 
„Gehſt du hin zu Striegesfährten, 
Willſt zu Rampfen hin du wallen, 
Laß die Schwachen unerſchlagen, 
Lafle unberührt die Knaben, .: 
Ungefüllt der Kinder Väter, 


Siebzehnter Befang. 


Fülle Wittwen nicht mit Trauer, 
Mägdlein Augen nicht mit Thränen, 
Waifenfinder nicht mit Schmerzen.“ 
Aus dem Erihain fang der Vogel, 
Aus dem Zannhain rief der Kukkuk, 
Haljas Tochter aus den Espen 
Und es girrt des Frũhroths He |, 
Murueides junge Töchter 
Endeten ihr Zuftgelage, 
Sprangen nieder von den Halmen, 
Bon des Ziegenbartes Stengeln,. 
Bon des Kranichskeſſels Kelchen, 
Eilten bange bin zur Heimath. 
Murueides Stimme tönte . 
Und die Böoſe hört man rufen: : 
„Kommt ihr Mägdelein, ihr Schlasden, 
Komnit, die Arbeit zu verrichten, 
Schöne blaue Seide binden 
Und die rothen. Bander fledbten; . 
Denn ſchon fangen Schöpfers Hähne, 
Sangen vor der Thür von Üfle, 
Bor dem Thore von ‚Altyater.« 
Scwefterlein, ihr zarten Holden, 
Laßt uns eilig gebn nah Haufe! 
Unfer Glücksjahr it zu Ende : -: 
Und das Luftgelag gefchloffen.“ * 


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Adtzehuter Geſeng. 


N. dens Adler, grimmer Vogel, 
Leih’ dem Sänger deinen Fittich! 
Schwingen gieb dem: Wortefüger 
Um tie Harfe zu beflügeln! 
Daß ich mit des Windes Wehen, 
Wie mit wilden Sturmes Raſen 
Kalews Fahrt zum Schattenreiche, 
Sein Befchreiten öder Pfade 
„Nah der Wahrheit kann berichten, 
Ehe meines Sinnes Bilder 
Und die nadhgebornen Sagen 
Sich in Nebelwolten löfen, 


An des Schattens Schooß zerfallen! 


Wanemuine, Sangesweiſer, 


Spende mir von deinem Goldgarn, 


Deinen Silberdraͤht'gen Fäden 
Für die Knäule des Berfünders, 
Auf die Spuhle des Erzählers, 
Daß ich fpielend meine Worte 
Dann zu glatter Seide fchürze 
Und zu buntem Goldftoff webe! 


Endlas Tochter, fchlaufgebaute, 
Leibe heut? dein Ne dem Schwane, 


Das Bergangne heil zu fchauen ! 
Gieb mir deinen Zanberfchleier , 


Daß der Schattenwelt Erinn’rung - 


Schöner ftetö ſich offenbare 
Und lebendiger erwache! 


Achtzehnter Grſang. 


Dunkles Nachtgewöll unſaͤumet 
Lichte Flur mit Nebelſchleiern, 
Wenn den Fuß zur Unterwelt Du. 
Auf der Höfe Grenzen ſetzeſt. 
Dort am Tag” ſcheint feine Sonne, 
Nicht erhellt der Mond die Naͤchte, 
Grüßend fommen nicht die Sterne, 
Leuchtend feine Nordfcheingeifter. ' 
"An des Morgenrothes Grenzen - 
Säumte firablend fchon Die Sonne 
Wolkenwangen, hoch fie röthend. 
Voͤgelzungen aus dem Haine 
Eilten ſchon mit ihren Zrifern 
Zuftigen Gefang zu zwitfchern. 

Kukkuk rief tm Tannenhatne, 
Brütevögel aus Gebuͤſchen: 
„Brüderchen, erwach', erwache!« 

Und der theure Sohn des Stufen - 
Hob fein Haupt beim Sonnenaufgang, 
Nichtete den Leib dann aufrecht 
Und dann ſprang er auf Die Ferfen, 
Kämmt dad Haar fih mit den Fingern, 
Schleuderte den Schlaf zum Walde, 
Und dann fchöpft er volle Kellen 
Bogeltäufhung aus dem Keffel 
Für den flarfen Leib zur Stählung. 

Doch die drei Gefährten fihliefen 
Alle noch den Morgenſchlummer, 

Und fie dehnten noch die Glieder 
Nach der ſchweren Abendwarhe. 

Und der Stalewide ſchaute 
Und betrachtet? das Geſcheh'ne, 

Da der fleine Glockentraͤger 
Nachts zur Tiefe war gefunfen: 

Dort wo geftern blanem Ranch gleich 
Wolfen von dem ‘Zwerg fih hoben 
Und hinauf zum Hinmel fliegen, 

Dort erblidt er blaues Waſſer, 


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70 


100 


Achtzehnter Neſang 


Weitgedehme Wogenflaͤche 
Auf der Ebne ausgebreitet, 
Sah dort Binſen an dem Ufer, - 
Woͤhands Schwert am Waflerrande. 
Kalews Sohn hub an zu fprechen:- 
„Unverhofft And? ich die Stelle, _ 
Treffe auf der. Hölle Grenzen, 
Wo den Pfad gefauns der Weiſe 
Und zur Unterwelt. gewiefen.“ 
Mit dem rechten Zuße ftampft ex 
Mit der ſchweren Zerfe drößnend; 
Und nun fand der Tiefe Thüre, 
Die geheim bewachte Pforte V 
Weit aufklaffend vor ihm offen. 
Und der ſtarke Sohn des Kalew 
Spähte von dem Rand der Spalte 
In die tiefe Kluft der Höhle: 
Dbwohl irgendwo ihm Drinnen 
Gangbar ſich ein Fußſteg zeigte. 
Schwarze Wolken aber hüllten 
Dicht mit Rauch des Spähers Blicke 
Und der Schlund erſchien entjeglidh. 
Heißer Danıpf entiteigt dem Boden, 
Rauch und Ruß dem Mann ind Ange, - 
Der gebüdten Rüdens fchreitet, 
AltensZungens Kampfpfad wandelt. 
Und der ftarfe Sohn des Kalew, 
Rauch ven feinen Augen blaſend 
Hub in Mißmuth an zu fprechen: 
„Pfui doch, pfui Doch, Rußgeborner, 
Willſt Du denn, Du Wegelag’rer, 
Mir mit Rauch die Augen blenden ?“ 
Da, herab vom Tannenwipfel, 
Gab ihm Eugen Rath der Rabe: 
„Rab das Glockchen gleich erklingen, 
Laß’ Die goldne Zunge tönen.” 
Und der ftarfe Sohn des Kalew . . 
Achter? auf des Raben Worte, 








antzebater Otſeng⸗ 


That des klugen Vogels Willen. 
Nahm zur Hand das kleine Glöckchen 
Und begann damit zu klingeln. — 

Nun begab ſich Wunderliche,, 
War Erſtaunliches zu ſchauen: N 
Bon des goldnen Glöckleins Toͤnen ..:: 110 
Fortgetrieben eilten Nüchtend - . 
Alle dicken Rauches Wolfen; — 
Schneller als wie dichter Nebel, er = 
Wenn die Sonne. hell hervortritt, 
Auf die Flut herab ſich fenket 
Schmolz der Rauch des grimmen Sarwil. 

Und der. ftnrke Sohn des Aalew - 
Schickt ſich an nun vorzufchreiten 
Und den fchweren Pfad zu wandeln. 
Und der Raum war fchuell verſchwunden 120 
Bor des großen Mannes Schritten, 

Eine. Zeitlang ſchimmert belle 
Dämmernd Licht vom Sonuenfdheine 
An den tiefen Schlund der Höhle, 

Weiter hüllte Sades Dunkel 

Und umgarnten Finſterniſſe 

Ganz den Gung des Salewiden, 

Daß er mit den Händen taflend 

Nun der Zinger Leitung folgte! 

Ob der Morgenrötbe Schimmer _ 130 
Hier am Mittag erft beginne, = | 
Dder ew’ger Nächte Dunfel 
Zange Tage bier beharte: 

Unbelannt blieb es den Geber, 
Nirgends fand das Auge Zeugniß. 

Da ertönte eine Stimme 
Und im Dunkel ſprach ein Mäushen:- . 

„Rap dein Gloͤckchen gleish erklingen, ER 
Laß die goldne Zunge ſchallen.“ gs 

Und der ftarfe Sohn Des ae © ... 140 
Achter auf das Work des Mirshens, . 
Nahm zur: Hand Das galdue Olddean .: - 





MT. 


160 


170 


Wätzehmter. Sifeng.- 


Und begann damit zu Mingeln. 
Nun begab fi Wunderliches 
Bar Erftaunlihes zu ſchauen: 
Denn dem Ton des goldnen Glöckcheus 
Wichen alle FZinfterniffe i 
Und des Dunkels nächt'ge Hüflen, 
Wie der Schatten weite Dede 
Bor des jungen Tages Leuten 
Eiligſt in ein Nichts -verfchwinden ; 
Alfo ſanken hier die Schatten. 
Und der ſtarke Sohn des Kalew 
Schickt fih an um vorzuſchreiten 
Und den fhweren Pfad zu wandeln; 
Und der Raum war ſchneil verſchmunden 
Bor des großen Mannes: Schritten. 
Aber anders war das Keuchten, 
Nicht dem Sormenfheine glich es, 
Noch des Mond's erſchaff'nem Lichte, 
Das voll Trauer anf dem Erlhain, 
Bleichgefärbt auf Birkenhaine 
Sich in Fühler Nacht ergießet. 
Aber hau die Wundemepe ! 
Diefe Fädchen einer Spinne, 
Die geftellt hier auf dem Pfade - 
Aus dem feinften Drath von-Goldbort 
Und aus zarten Silberfaͤdchen 
Hundertfältig fett geflochten, 
Zaufendfältig find gewoben.: an 
Und der flarfe Sohn dee Kalew 
Riß die Straͤnge gleich in Stüde, 
Schüttelt nieder ale, Netze, 
Doch je kräftiger der Mann nun 
Hat? zertiffen alle Stride, : - .- 
Defto reichlichet erfchienen , 
Defto ftärfer wuchfen wieder 
Zaufend andre Fadenwehre 
Und zehntaufend neue Hammer; 
Daß der Starke feinen Schütt mehr: : 





Ungehindert fchreitem. lͤnnte. 
Seine Kraft droht’ zu ermuden, 
Schon erlahmte feine Staͤrke. 


Und der theure Sohn des Kal. 


Sprach bedenklich alfe bet ſich:“ 


„Mannhaft brach. ich monde Manern, 


Hob empor wohl. Felſenhůüge 
Und zerriß fonſt Eifenfelten,, : .;: _ 


Nun vermag ich Scherzes Bande, .. — 


Nichtiges nicht zu vernichten.“ 
Sieh, da. quackte eine Krote 


Gab ihm weisliche Erklärung: ° \ . 


„Laß das Glöckchen glei erklingen, 
Laß die goldne Zunge tönen !». 
Und der flarfe Sohn des Kalew 


4 


Achter auf das Wort dee. Kroͤte 


Nahın zur Hand das Fleine Glöckchen 

Und begaan damit zu ſchellen. 
Da geſchah wohl. Wunderliches 

Bar Erftaunfiches zu fchnuen!- .. - 


Bor des goldnen. Giͤdchens Klingen - - 


Flohen alle Zaubetnee, .. :.; 
Niffen alle Hexenſchnürchen 


Waren Augeublicks verſchwunden. — 


Und der ſtarke Sohn des Kalten " . 


Schickt' fih an um vorzufchreiten 
Und den ſchweren Pfad zu wandeln; 


Und der Raum war. jchnell’verfihwunten . 
Bor des großen Mannes Schritten. ı. ° 


Und der ſtarke Sohn de&.Kalem:. . 


Kam zu eines Bades Ur. .: 


Nicht war breit das Meine gictßchen, 


War auch angenfcheinfich tief nicht, : 


Breit vielleicht zwei Spanmen war e&ı 1. . 
Und dazu noch einen Schritt.wohl. " ı.:7 ° ": 
Furchtlos trat der Kalewide::.; :. 


Bon dem Ufer grad himäber, : ::; . 


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Fi 
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Dachte mit gewaltigen Schritte  :.:: . 


180 


210 


Wertgehnter‘;Befang. 


Wohl das Ufer zu etreichen. — 
Doch um einen Schritt nur fehl’ er, - 
Trat ind Bafler mir den Zehen - 
Und die Ferſe ſteckt im Schlamme. 

Und der flarfe Bohn des Kalen 
That den Schritt wohl hundertmale, 
Hob den Zuß wohl taufendmale ; 

Dod der Schritt miklang dem Manne 
Und das Ufer floh die Ferſe; 

Mit der Hand war’ zu erreichen, 
Doc der Fuß Tome nicht den Hügel, 
Nicht den Raſengrund betreten. 

Anne hielt Der Katewide 
Um Gedanken anszaflunen: 

„Durch den Beipus kam ich leichter — 
Penn auch ſchwer mit Laſt beladen, 
Als hier über dieſe Pfüge." 

Hoch, da rief ein Krebslein Warte, 
Sprach verſtaͤndig aus dem Schlamme: 
„Laß das Glöckchen gleich erklingen 
Laß die goldue Zunge gellen.= 

Und der ftarte Sohn des Kalew 
That, was ihn der Krebs geheißen, 
Nahm zur Hand das kleine Glädchen 
Und begamı damit zu klingeln. 

Da gefhah wohl Wunderliches, 
Bar Erfiaunliches zu ſchauen: 
Gold'nen Gloͤckeleins Geklingel 
Trug den Fuß aufs andre Ufer 
Und den Schritt auf trock'nen Nafen. 
Augenblicks verichwand das Flüßchen, 
Schwand dad Wafler an das Ufer. 

Und der flarfe Sohn des Kalew 
Shit ih an um. vornefchreiten 
Und den ſchweren Pfad zu wandeln, 
Und der Raum mar ſchuell verfchwunden 
Bor des großen Mannes Schritten. 
Zängs dem Höllenpfade fchritt ex . . 





Achtzchuter Geſang 


Und betrat die Welt der Schatten. 

Keine Schäpung hat das Zeitmaaß 
Und der Tag bier keine Grenzen, 
Denn bis in. den Schooß der Tiefe 
Kann die Sonne nimmer dringen, 
Kann des Mondes Licht nicht leuchten, 
Nicht der Stern die Zeit bezeichnen, 
Ob das Morgenroth im Wachſen 
Oder Abendzwielicht dammıert. 

Ein betrügerifches Scheinen, 
Eine lügnerifhe Helle 
Dauert fort in gleicher Weife. 

Webte bier fein Kleid der Nebel? 
Schwellte hier der Than die Wollen? 
Zeugte Regenſchauer Schatten 
Auf den Gang des Kalewiden ? 

Nicht wob hier fein Kleid der Nebel, 
Schwellte nit der Thau die Wolfen, 
Zeugte nicht der Regen Schatten 

Auf dem Pfad des ſtarken Mannes, 
Schaaren find's von Eintagsfliegen 
Schwärme winzig kleiner Mücken, 
Die den Weg bedecken drohend 

Und des Maımed Auge trüben. 

Und der Harfe Sohn des Kalew 
Scheucht' dahin die Eintagsfliegen, 
Tödtet Taufende von Müden; 

Durch die Schwärme drängt es, boffend: 
„Einmal wird ein Ende fommen !’ 
Schneller eilt dee Mann nun weiter 
Und befchleunigt feine Schritte ! 
Doch je ſchneller bin er fchreitet 
Defto Dichter ſchwellen Schaaxen, 
Und je fihleuniger die Schritte, 
Defto zäher das Gefchmeiße. 

Und es flrömen dichte Schwärme 
In das Ohr des Kalewiden, 
Hundert drängen in die Augen 


270 


441 


310 


Achtzehater Oefcg 


Tauſend ſtühmen in den: Mund ihm, 
Stürzea in die Rafennäftern. 

- Und der tbeure Sohn des Kalew 
Fühlt bereits die Kraft exfehlaffen, 
Leerer Arbeit. ũberdrüffig 
Ruht er eine Meine. Weile, . 
Ueberlegend fpricht er alfo: . 
„‚geinde Tonnt ich einft befiegen, 
Höllengeifterbrut zerſtreuen 
Und dies Neft von Eintagsfliegen 
Droht mein Leben zu vernichten 
Und dem Mann die Kraft zu rauben.“ 

Plögli rief im Gras die Brille 
Kluge Worte, Rath ertheilend: 

„Laß das Gloͤckchen gleich erktingen,, 
Laß die goldne Zunge tönen.” 

Und der ſtarke Sohn des Kalew 
Achter? auf. dad Wort der Grille, 
Rahm zur Hand dad Fleine Glökchen 
Und begann fofort zu Mingeln: 

Da geſchah wohl Wunderliched 
Bar Erftaunlices zu fihauen. 

Auf des goldnen Gloͤckleins Klingeln 
Floh'n der Eintagsftiegen Schaaren 
Und die Müdentänze fchwanden 

Bie vom Binde fortgeblafen. 

Und der theure Sohn des Kalew 
Sehr ſich auf den Nafen nieder 
Eine Weile audzuruhen, 


- Die erfchöpfte Kraft zu ſtaͤrken. 


Ueberlegend fich die Sache, 
Ueberdenkend ſie im Sinne 

Fand er, feinen Kopf zerbrechend, 
Endlih glüdliche Entfcheidung: 
„Möge was da wolle kommen 
Und das Schlimmſte mir begegnen, 
Diefes theure Zaubergiödiein 

Bil mit fefter Hand ich Kalten. 


Ichtzehnter Befang. 


ge dann des Unheils Netze, 

Der Verſuchung Strick und Bande. 
Auf Das Haupt mir unvermuthet, 
Dann’ift Hilfe ‚gleich mir nahe 
Und zu jeder Stunde Beikand.» F 

Und. aun:band ex feſt das Glädchen, " 
Knotet's an.den kleinen Zinger; . — 

Nahm auch Speiſe ſich zur Labung, 340 
Dem erſchöpften Leib zur Stärklung, 

Etwas Brod für die Gebeine . . wu 
Und er ſchlummert wohl ein Stuͤndchen. 

Und der ſtarke Sohn des. Salem — 
Schickt ſich an um vorzuſchreiten 
Und den ſchweren Pfad zu wandeln; 

Und der Raum war fchnell verfpmunden. | 
Bor des großen Mannes ‚Schritten, 
Längs dem Hölenpfade ſchtit @.  ... ; 
‚Und betrat die Welt der Schatten. .. 350 
ALS des. Hoͤllenherrſchers Schauen  - 
Und des alten Sarwik Suche . ,, 
Kalews mähr’gen Gang vernehmen, - . ,. 
Das Geräufh von Mannes Schritten, .. . 
Singen heimlich fie zu fraben, es 
Das Befreimdende zu fshauen: . 
Was den Arieden. bier zu flören 
Und zu fchädigen bedrohte. — 

Als den Sohn des Kalewiden —— 

Sie von ferne kaum exblicet,, 360 
Eilten fie auf Windes Alägeln,. .. - : -,. 

Als ob Zeuer jun. den Zajchen,. . , .  _- vu 
Als ob Bremfen in. dem — Raden —.. 

Böfe Botſchaft, zu verkünden: . — 

„Kalews Sohn, der Maͤnner Stichfer, —— 

Eilt den Frieden zu zerſtoͤren 

Und erreget Kriegsgetoͤſe⸗ 

Da befahl deu. alte Sarmil! , 
„Schickt yon unſern: tapfern Mämerm ,. | 
Schleunig in ben, Beg;die Gtärkiten,, .; ..... 370 

32 





453 


achtzehntet Gefang. 


Um den Feind zur Flucht zu treiben 
Und des Kalews Sohn zu zuͤcht'gen. 
Und der ftarfe Sohn des Kalen 
Schickt fih an um vorzufäreiten 
Und den ſchweren Pfad zu wandeln. 
Und der Raum war ſchnell verfhmnnden 
Bor des großen Mannes Sitten. 

Aus der Ferne fang ein Haushahn 
Und Gebe von Hunden tönte 
In das Ohr des KHalewiden, 

Als er trat des Schattenreidhe® 
Dede, unbelannte Pfade. 

Und bevor die Hoͤllenſchaaren 
Noch dem Rahenden fich zeigten, 
Kam ein breiter Fluß entgegen 
Hochgeſchwellt mit breiten Wogen, 
Denen weder Quellenbrüfte, 
Noch die Wolken Wachsthum gaben ; 
Harz, geſchmolzen, floß im Strome 
Und es wallte Theer im Bache. 

Bon des Flufſes Flammenwellen 
Weh'ten heiße Feuergluthen 
In die Augen blanen Rauchſtrom. 

Eine Brücke war zu ſchanen 
Und ein Bang von Stahl geichmiedet, 
Gifern war der Grund begrenget 
Und die Pfoften waren ehe. 

Auf den ſchweren Steg von -Eifen, 
Anf den Pfad von Stahl geſchmiedet 
Stellte man die beften Männer, 
Um den Feind Hier zu empfangen, 


De voll Grimm, Berderben dräanend, 


Gilt die Höfle zu zerirümmern. 
Und des Höllenherefhers Bub 
Sammelten fi) Heerdenweile 
Hier auf das Geheiß des Herren, 
Um zu fämpfen auf dem Schlachtfeld/ 
Ein Theil auf der Brüde Mitte, 


Uchtzehntet Belang. 


Andre Schaaren in der Tiefe, 
Eine dritte Schaar am Ufer, 
Weiter noch zurü die vierte. 

Und der flarfe Sohn des Kalew, 
AS Die Krieger er erblidte, 

Hemmt er feine eil’gen Schritte 

Und begann zu fpotten alſo: 

„Seht doch diefenr Schwurm von Froſchen! 
Der ſich auf der Brücke brüſtet! 

Und er ſchritt ſogleich zum Angriff, 
Zog das Schwerdt aus ſeinet Scheide, 
Machte einen Schritt und zweie, 

Nähert' ruhig ſich der Bruüͤcke, 

Und mit lauter Stimme rief er: 
„Eilt nach Haufe, ihr Befpenfter, 
Wählt die Flucht, ihr Hoͤllenhunde! 
Eher als ich euch erreiche, 

Nieder auf den Raſen würge; 
Rabenfchnäbeln hin zum Futter, 
Fettes Treffen für die Wölfe.“ 

Doch die Höflenbuben riefen : 
„Preife nur nicht übermüthig 
Tages Glück noch vor dem Abend! 
Mancher Hahn, der früh fein Lob ſang, 
Hat beim Zwielicht ſchon gefeufzet.“ - 

Doch der flarfe Svhn des Kalew, 
Unberührt von ſolchem Spotte, 

Trat noch ein'ge weitre Schritte 
Naͤher zu der Brückenfeite, 
Sich die Feinde zu beſchauen. 

Und die Armbruftſchuͤtzen fpannten 

Nun am Ufer ihre Bogen, 

Und die Bolzenpfeile flogen 

Sauſend wie die Hagelſchlofſen, 

Und die Schleuderer nifenden 
Steine in gewalt’gem Schwunge, 

Daß fie hundertweife fliegen ' 
Alle gegen Einen Fremdling; 
— — 32 


470 


Achtzehnter Geſang. 


Und fo trachten fie zu treiben 

In die Flucht den Kalewiden. 

Borne dDräu’n die Ranzenträger, 

An den Eden. Keulenſchwinger, 

And’re drängen zu mit Aexten, 

Alles drängt zu grimmem Streite, 

Alle wollten ihn vernichten. J 
Doch der ſtarke Sohn des Kalew 

Nahte furchtlos dieſen Kriegern, 

Diefer Höllemfühne Drängen ; 

Eine Band von Eifen fland er, 

Einer Eiche gleih im Winde, - . . 

Wie ein Feld bei Sturmes Wüthen. 

Und er ließ jetzt mit der Schärfe. 

Seine Eifenflings tanzen, 


Ließ fein Schwerdt gar froͤhlich ſpielen 
Und zerſchmetterte die Feinde, 


Und zermalmte ſeine Gegner, 
Warf die Zornigen darnieder 


Und zerſtreut' der Hölle Schaaren. 


Wo er einmal nur im Kreiſe 
Ceine zorn’ge Waffe fchwenfte,. 
Da hat er Den. Zod .gebaxen, — — 
Wo er.einen Schlag ließ fallen, 
Stürzten dutzendweis die Männer 


sAuf den Nofen bin zum Sclummet ; 


Wo des Schwerdies. Biffe parte, . - » 


Sanken hundert Den Geſellen F i — u 


In des Todes Schooß banieder, . 
Neue Kriegerſchaaren trateır.. 


* 


An die Stelle der Gefallnen, er | 


güllten wieder aus die Lücke 
Und die Reihen, die gelichtet, 
Aufs Geheiſche des Gehörnten - .. .-, 
Mußten ſchon Die Buben gehen. . - 


2 Be 


—E 


Doch nit Schaden bracht's dein. Siegen, 


Nicht Gefahr dem Kalepiden, Bee 


Sup Band von Eifen fond er,.. 


— 


— 
. 
w. 


— 


I- 





Aqtzehnter Befang. 456 


Eine Ei? im Windeswüthen, - 7 
Wie ein Feld im Sturmesbraufen 
Widerftand er feinen Beinden.- 
Und er bob die flarfe Rechte 
Wiederum zum Schwerbdterfpiele, : 
Und die Eifenklinge tanzte. 490 
Keinen Schlummer Hatt? der Tod da, 1 
Zeit das Blut nicht Talt zn werden. 
Wo tie Stirne nit von Eifen, - 
Köpfe nicht von Stahl gefthmiedet, 
Dder ehern Halfes Sehnen : 
Da ward Männern feine Gnade 
Und den Buben nicht Befinnung; 
Und der Hölle Schaaren fanfen 
Fallend auf der Eiſenbrücke. i 
Sarwik, der Gehörnte, trieb jetzt 500 
Neue Schaaren Todeswege, 
Heißt die Allerſtärkſten fämpfen 
Mit dem Sohn des Kalemiden 
. Und den Gegner zu erfchlagen, 
Bietet reichen Lohn den Buben, 
Hohen Blutpreis für den Sieger, 
Der den Sohn des Malewiden — 
Ob lebendig, ob gefunfen 24 
In des Todes fchweren Schlummer — 
Nur in feine Hände brachte. e 510 
Ausgefuchte Arndruftfehärken 
Und erlefne Lanzenwetfer 
Wurden in den Kampf befohten, 
Wurden in den Streit ‚befördert, 
Um des Kalews Sohn zu drängen. 
Unterm Heerzug wanft die Brüde 
Schaukelnd unter ſchweren Laften; 
Hunderte mit fchnellen Säritten, 
Zaufend mit des Fußes Sohlen 
raten laftend auf Die-Brüäde, 30 
Daß ſich alle Balken bogen. SE — 
Doch der ſtarke Sohn des Kaley, 





467 Adtzehnter Geſang. 


In dem Schuß des gold'nen Glddchens, 
Unermüdet, fraftgewaltig 
Steht mit einer Ferfe furchtlos 
Harrend an der Brüde Eingang, 
Mit dem andern Fuß am Ufer; 
Steht wie eine Band von Eifen, 
Eine Eich' im Windesmwüthen, 
30 ° Wie der Fels im Sturmes Braufen 
Gegen wilder Wogen Schäumen. 
Und die flarfe Hand des Helden 
Läßt fein köſtlich Schwerdt nun. vafen, 
Mäht Nihtswürdiges Dort nieder, 
Haut fie ab wie fchwanle Graͤſer, 
Wie das Rohr in öden Steppen, 
Binfen an des Fluſſes Ufer, 
Schmwadenweife wellen bin fie, 
Wüthend bricht das Schwerdt die Reiben, 
540 ZTödtet Krieger hunderweiſe; 
: Und des gold’nen Gloͤckchens Klingen 
Wirft fie nieder tauſendweiſe 
In des Todes Schooß zum Schlummer. 
So wie gelbgewordne Blätter 
Sortgeweht im Herbfl vom Sturme 
Bon den Wipfeln niederfallen,- 
Bon den Zweigen nisderriefeln : 
So verwellten diefe Echaaren, 
Des Gehörnten Kriegsgeſellen 
650 Auf der Lagerftatt des Todes. 
Aber die noch aufrecht flanden 
Prüften ihrer Ferſen Schnelle 
Und entfloh’n zu Retiungsftätten. 
Sarwik fand auf glühn’den ‚Kohlen 
Und er fühlt Berzweillungsdräugen,- 
Und die Beine: fehlottern bebend. 
Noch verfuht er neue Krieger 
Und die fortgefloh’neu Buben 
Bieder in den Kampf zu führen, 
500 Suchte Hilfe bei den Adltften, 2: 





Achtzehoter Belang, 


Schugwehr bei den Alterfühnften, 

Um fein Heimatbshaus zu halten; 

Stellte Wehren auf Die Wege, 

Hinderniffe auf die Stege, 

Wälzte vor die Angerpforte 

Allerſchwerſte Steingerölle, 

Baut’ aud großen Felfenblöden 

Eine zweite Gegeumauer, 

Bälzte andre bin zur Stüpe: 

Um dem Sohn des Halewiden 

Zu verbau’n den Weg der Hölle, 
Als den Weg er fo verrammet 

Und den Eingang batt? befekiat, 

Wahlte er von feinen Zapfern 

Hundert auserlefne Srieger, 

Welche Träftiger wie Bären 

Sich in Hegenbädern ftählten, 

Sid) in Zauberbädern feiten. 

Doc der ſtarke Sohn des Kalew, 

Unbeflegt und unermfidet, - . 

Steht wie eine Wand von Eifen, 

Eine Eiche in dem Binde, 

Wie ein Feld in Sturmes Schüttern 

Gegen wilden Wogen. Schäunten. 

Und er zauste nun die Buben 

Und zermalmt’ die Hößenfchaaren, 

Fegt' fie ſort wie Mintagsfliegen, - 

Und er ſchonn nicht eines Kiw’gen, 

Der die Botfchaft bracht nach Hanſe 

Und das Unglück meiden könnte. 
An dem Schattenarm des. Todes 

Schlummerten die Kriegsgenoflen, 

Schliefen nun die Höllerſchaaren; 

Und der ftarfe Sohn des Kalew 


Sept? fi auf den Rand der Brücke, 


Eine Beile anszuruben 
Und den Kampfichweiß abzutendnen.. 





Ab8 


570 


459 


610 


620 


Uhlgeinier Orfang. 


Und der ftarle Sohn deo Salem, 
Als er nach dem Kampf gerubet, 
Räumt die Zodten von der Brücke, 
Die er alle im Gemetzel 
In den Staub getreten hatte; 
Wirft fie von der Hoͤllenbrücke 
Beithinein in Flammenwogen, 
Wirft fie baufenweif auf Wieſen, 
Häufet Hügel an dem Zluſſe, 
Häufet Berge an der Mündung, 
Baut ein Denkmal. der Derweiung. 
Wieder dann die Schritte förbernd 
Drang er weiter leichten Fußes. 
Unter feinen fihweren Zritten 
Dröhnte laut die Gifendräde, 
Donnerten die Strebebalfen 
Und die Seitenpfoſtru wanften. 
Kalew überfchritt die Brücke, 
Spannenhoch im Blute :fchreitend, 
Und gelangt an's andre Ufer. 
Ballte dann vom Fluſſe weiter, 
Eilte vorwärts auf dem Stege, 
Schritt gerade hin zur Pforte 
Dort wo Sarwit Wehren baute, 
Bo den Wall er aufgeworfen, 


Bo er vorgewätzt die Felſen. 


Und der flarke Sohn des Kalım 
Führt erſchütternd einen Yanftichlag 
Auf das. Thor der Höflenpforte. 

Und der erfte und der zweite 

Und der Drifte Fauſtſchlag dröhnet 
An das Thor der Höhenpforte. 
Spiitternd flogen hin die Pfoſten 
Und die Stüßen in die Winde 
Und die Trümmer in die Kerne. 

Mit der ſtarken Zerfe rdumt er 
Aus dem Wege alle Wehren, il 
Sedes Hinderniß vom Pfade; 





mynehuter Beten. 400 


Und nun deingt er durch den Hohlweg 
In den Hof mit fämellen Schritten, 
Graden Weges zu dem Hausthor, - ” 
Donnert einmal: mit der Fauf dran, 
Sieht der Zhüre einen Fuüßtritt: 640 
Und das Thor, zuſammt den Bfeiten, - 
Und mit Angeln und mit Hängen, j 
Stürzt zertrümmert vor ihn nieder,’ 

Und der flarfe Sohn des Kalew 
Ueberfchreitet nun die Schwelle, 
Und fein Fuß betritt Die Zenne. 
Da erzittert’ jeder Edftein 
Und des Haufes Bände wanften, 
Es erbebten Kammermauern 2* 
Und des Daches Sparren ſchwankten 660 
Und die Dede droht zu reißen. u 

In der Hafle faß:der Schatten ' “. 
Eines laͤngſt verblich'nen Weibes, 
Linda ähnlich in der Trauer; 
Der entſchwund'nen Mutter Bildniß 
War dem Ang’. des Sohn's erſchienen. 
An dem Spinnrad ſaß die Mutter, 
Trat das Mad mit Windeseile, 
Daß die Spindel raſch ſich drehte. «. 
Füden floffen aus dem Wode » 660 
Eilig in den Schlund der Spuhle, 2; 
Und fo glättete fie Garne “ ’ 
Goldnen Flachs und Silberwolle, 
Nept?. die Finger in der Gchkale 
An dem rechten Spinnzadpfoften, 
Angefüllt mit Lebensfeuchte, 
Mit dem Zanbertranf der Stärke. 
Doch am linfen Spinnradpfoften 
Hing noch eine andre Schaale 
Mit dem Waſſer der Verwelkung, 0 
Das die Manneöftärfe bändigt. 
Ber mit Dem die Zunge negte, 
Wellte hin in Todesſchwaͤche 


“il 


700 


710 


Ahrebater Oelang 


Milde beit der Mutter Schatten, 
Deutete dem Sohn die Pfade 
Zu der Schaale, die zur Rechten. 
Und der thenre Sohn des Kalew 
Achter auf der Mutter Lehre 
Ohne Worie und Erklärung, 
Nimmt zur Hand die goldne Schaale, 
Schlürfte von der Lebensfeuchte, 
Um den ſtarken Leib zu flählen; 
Dann ergreift er Zelfenfteine, 
Wirft fie mit gewalt'gem Saufen 
An die tiefgeheime Halle. 
Und es dröhnt’ der Grund der. Erde, 
Hoch auffhäumte weiß das Wafler 


Und der Tief entfiegen Funken 


In das Aug’ des Kalewiden ; 
Und der Halle Wände berfteub 
Stürzten um zu Trhmmerhanfen. 
Des Gebörnten. alte Wutter 
Sag geihäftig in der Halle, u 
Trat den Webſtuhl mit den Ferſen, 
Ordnet emfig au den Schlichtern ; 
Schlag um Schlag wob fih die Leinwand, 
Zug um Zug der Höllendrilih. 
Und der Alten Spähernuge 
Hat erkannt das goldne Glädyen 
An der Hand des Kalewiden, 
Und fie fprach jeßt zungenfertig: ° 
„Sich? doch, wel ein hübſches Splelgeng 
An des Freundes Finger glänzet ! 
Gieb mir doch das feltne Kleinod, 
Schenfe mir das goldne Gloͤckchen; 
Um den Hals der Hape band ich's, 
Um die Mäufe zu erfihteden — 
Um die Wiefel zu ergößen.“- 
Kalews Sohn, die Lift durchſchauend, 
Gab mit Schlauheit ſolche Antwort 
„Zeit noch hat der Slockenhandel, 








Schtzeinier Brfang. 403 


Länger wol’n wir. ihn beiprechen ; 
Sept erzähle, golbne Mutter, 
Gackle mir, du Hauſeshenne, 
Ob daheim der Herr des. Haufes, 
Ob das Hähnchen in der Kammer? 
Hab’ ihm mancherlei zu fagen, 
Groß’ und Kleines zu befprechen, 
Was das Mütterchen nicht angeht 
Und die Mägdlein nicht berühret.“ 720 
Und die Alte gab zur Antwort : 
„Fort vom Hofe flog der Haushahn, 
Ehegeftern ging der Bater. 
Früher wird er heim nicht kehren, 
Nach der Heimath Seite wallen, 
Als mit nächften Tages Abend 
Dder früh am dritten Zage. F 
Wenn bis dahin du hier weileſt 
Als ein Freund mir und Gefährte, 
Daun getob' ich-dir ein Gaſtmahl, 7330 
Will dir Allerbeſtes kochen; 
Doch zuvor als Zungenfeuchtung 
Prüfe unſers Methes Süße 
An dem Webſtuhl aus der Schaale 
Koͤſtliches Getränk zur Linken. 
Doch der ſtarke Sohn des Kalew 
Wußte wohl, daß jene Shale - u. 
In fi hielt Verwelkungsfeuchte, 
Und die Bändigung der Stärle; 
Darum gab er folche Antwort: 740 
„Habe Dank, verehrte Mutter, 
Keinen Durft zum Trinken fühP ich.“ 
Und nun warf er Späherblide 
Und befhaut die fremde Stätte, 
Ob vielleicht ein heimlich Pförtchen, 
Irgend ein verftedted Thürchen 
Ihm ins Auge fallen follte, 
Da erblidt er an der Tiefwand 
Eine Heine Thuͤr verborgen, 


750 


760 


770 


780 


Wlizeheter Orlang. 


Eilte einen Schritt ihr näher, 

That die Flachhand an den Stender, 
That die Finger an die Angeln, 
Wollte faffen an die Klinke. 

Doch noch eh? der. Kalewide 
Zaften Fonnte an der Klinke 
Deffnete fih mit Gepolter, 
Dröhnend ſchon das Thor von felber. 

Und hervor aus tiefer Höhle 
Kamen mit des Windes Saufen 
Kriegesfhaaren des Gehoͤrnten, 
Seine TZapferften zum Streite, 
Die der -Böfe fih gefammelt, 

Zu Beihügern hatt! erforen. 

Ber dem Waidwerk obgelegen, 
Der vielleicht hat es geſcharet, 

Wie der Hunde wilde Audefln 

Einen Honigpföter drängen 

Und den griamen Bären zaufen, 
Ihm den zorn’gen Sim zerrütieln; 
Wie der Hnnde ſcharfe Fahne 

Einen Waldesſohn zerfleifgen. 
Braun der Bar anf einem Ziede 
Sitzt gehodt auf einem Hügel 

Und behätet: feine Gloͤcklein; 

Hin und wieder fhlägt er. einmal 
Taͤppiſch mit der breiten Zape . 

AN den KHläffern um die Ohren ; 
Und wo niederfällt die Pfote, 

Wo der kleinſte Hieb "getroffen : 

Da verfchwindet fohnell ein Hündtein,.. 
Sinfet lautlos bin der Schwächling 
In des Todes Arm zum Schlummer. 
Ber ein ſolches Spiel geſchaut bat, 
Solche Kurzweil Hat gelehen, 
Weiß das Schaufpiel fi) zu denken 
Kann es vor fi felber ſtellen: 
Wie der flarle Sohn des Kalew 


Aqtxehnter Orfung. 


Höllenbunde in die Flucht bieb. 
Ro der Hieb des Kalewiden 
Mit gewalt’gem Schwunge hinfiel, 
Bo ein leichter Schlag getroffen — 
War tin zweiter: nicht mehr wöthig: .; 
Seine Hiebe graben Gräber, 
Seder Schlag macht' Todesfchaiten 
Und aus Sriegern flile Männer. ı 
Und nady einem khurzen Spiele 
Dampften alle auf der Datre, 
Und wie Garben tigen. dreibig. 
Auf der Tenne hin zerfireuet. 


Und es rief voll Aengſten Samit, | 


Hinter Mauern Hug fi 'haftend 
„Halte ein, du kecher Bude] ° . :: 
Denn du, Thor, nicht Echerg veriichefi, 
Machen wir den Streit zur Wuhrheit! 
Ich trag’ feine Schufd am Gtreite, 
Hafte nicht für .‚Biwetvnergießen. - '- 
Du, mein Befter, bit: der Dieb hier, 
Biſt der Plünderer und Mänber ; 

Legft die Hand an fremd. Vermögen, 
Willſt entleeren andre Xafhn! . - 


Biſt ein Dieb, wirft Dieb: auch Bleiben :- - 
Und ein Räuber ab ein Pländ’reri 


Oder willft mid Lügen: ſtrafen 


Und den Diebſtahl gar vertäugun®®. .: :: 


Haft du neulich nicht genommen, 
Diebeskrallig fortgetragen,.. . 2 .":. 
Mir mein Eigenthum geſtohlen -- 


Mir mein theures :Bünfheläppigen ti 


Stahlſt du nicht. die Jauberruthe? 


I _ = 


Nicht die Hemmer aus der Kammerß 


Nicht die Liebchen aus der ‚Studer: 


Haft du nicht mit langen Aral: 15. 


Meine Truhen ufgriften® °—  . -. 
Gold und Silber mir entwendet 


Iſt mein koſnichſtes der — — 


an 


8i0. 


820 


Aba 





830 


Bigjuirr Seſg. 


Nicht in deiner Hand zu Schauen? 
Weſſen ift das geltme Glockchen, 
Das dir jegt am Finger blinfet? 
BiR du, Hund, etwa fein Räuber. 
Kaunſt du wohl den Diebflahl Täuguen 9- 
Wohl verftand’s der Kalewide 
Und er fprag mit Schlauheit alis : 
„Bozu bringt due Borigjähr'ges, 
BDorvorjähr’ges in's Gedaͤchmiß ?. 
Eines großen Maules Kriege, 
Breiter Kiefer Klappermuͤhlen 
Galten fonft ald Weibermeife, 
Sühnen ſind's im Kinderſtreite. 
Bar ein Männerfirdit im Spiele, 
Bar ein Unrecht anszugleichen, 
Da veriämäbl man Wortgezänfe. 
Und der Kieferknochen Alapperm. 
Stärte wur’ in Kraftwerfuchen 
Jedes Bortgefecht zu ſchlichten. 
Barum floh da, Jaͤmmerlicher, 
Bargft dich in der Erde Ziefen 
Früher als: der Steeit entfchieden ? 
Rachtbeſchattet Tau Du, Hohler, 
Männer in dem Bald zu foppen, 
Wie ein Döfer Zwerg geſtaltet 
Unfern Keſſel zu: bedrängen. 
Tritt hervor dort hinterm Dfen, 
Komm, verlafle gteich die Kammer, . 
Laß uns draußen auf der Fläche 
Unfern angefangnen Bettlanpf 
Ehrlich nun gu Enbe führen. 
Darum wandte ich meine Schritte . 
Auf den Pfad des Schattenreiches, 
HWandert wallend ans der Heimath.. 
Und daß gleiches Recht uns bleibe, 
Stärke gleich und zugewogen: 


Sted’ das Schwerdt ich in die See / | 


Zöfe von der Hand. das Gloͤkchen.“ 


- 





achtzehnter Befang. 


Alfo feine Worte fepend, 
Loͤſte er des Gloͤckchens Bande, 
Legt zur Ruh’ es in die Zafche, 
Stieß das Schwerdt dann in die Scheide. 
Sarwil aber bangen Schrittes 
Kam hervor mit bleichem Antlitz, 
Schneeweiß trat er auf die Schwelle 
Und in Schreden eingewindelt 
War der Sohn des Höllenalten, 
So daß er nicht fand die Pfade 
Und nicht wußte was zu thun mar. 
Bon des Lebens⸗Fenchte Foften 
Wollt das Maͤnnchen, fi zu ſtaͤrken 
Und die Körperkraft zu fählen ; 
Doch die Hand traf unverfehens 
Durch die Angft auf irren Pfaden 
Auf die zweite Zauberfchante, 
Drinn der Sträftebänd’ger wohnte 
Und die Feuchte der Berwelfung, 
Die die Meberlegung mindert 
Und das Haupt des Mann’s vermirret. 
Doc der flarle Sohn des Kalew, 
Das Gefcheh’ne ſchnell erwägend, 
Griff fogleih zur andern Schaale, 
Nebte feine trod'ne Kehle. 


Und der mädhtge Stirfungsbalfam, » 


Mannesftärke Krafterzgenger 
Fachte — eine Feuerflamme, - 
Gluthen in die Lebensſswogen. 


Doc des Wettlampfs Kunde bleibe 


Einem neuen Sang behalten, 

Mög’ auf neuen Spindeln rollen. 
Hat der Kampf doch auf der Bruͤcke 
Und der Unterwelt Befchreibung 
Schon Gefpinnft genug vergeudet 
Und die Epindel ſchon ermüdet. 


466 


870 





10 


—4 
I a „os 
F7 * ” 
i . 
o NUennzehnter Geſang. 
* Fr 
e — — u 
* 


A, der alten Zeiten Grenze 

Sind vom Kampf und von Gefechten 
Nachgeblieben dichte Spuren | 
Reicher wie in unfern Tagen; 
Aber von den Katewfahrten - 

Leuchtet wie,die beilke Some _ 

Am berühmteften der Wettkampf 

Und am mächtigen das Ringen . 

In des Höllenberren Haufe-- 

Wald und Berg vernahm das Kämpfen. 
Und die Zellenziffe hörten’s, 


Moor und Sumpf erhielten Nachricht, J 


Waſſerwogen ward die Kunde; J 
Denn der Erde Rinde Droͤhnen 

Und des’ Meeres weiße Schaumfluth .. . 
Hatten mährge That nerlündet: 


Auf dem Anger, auf dem: Hofe , al 
Ward ein eb’ner Plap. bereit - _ .-:. 
Zur Erprobung ihrer Kraͤfte. ::. 


Und nad alter Weile faßten. - 

Sie einander bei den Weichen, 

Tasten fi beim Hofenbunde _ 

Mit der Kraft von zehen Nägeln, 

Zeibesftärke zu erproben. — ,.. 

Blut rann unter ihren Nägeln 

Und es ſchwollen ‚blau. die Finger. 
Zwar das Wafler, das entkräftet, 

Trank aus dem Verwellkungsbecher, 


en 











Neungehuſer efang. 


Hatte ausgeſeiht dem Böfen 

Alle Körperkraft und Stärke, 

Und dem flarlen Sohn des Kalew 

Hatte Trank, der zwiefach ftärket, 

Seine Koͤrperktaft geftäbfet : 

Dennoch dauerte das Ringen 

Und der flarten Männer Wettlampf 

Sieben Tage unanfbörtic, 

Eieben lange Naͤchte endlos, 

Ehr die klareſte Entſcheidung 

Und des Sieg's Gewißheit wurde. 
Zwar der Höllenatte heimlich 

Suche feinem ſtarken Gegner 

Züdevoll ein Bein zu ftellen ; 

Doc der ftarfe Sohn des KRalem 


Glich dem feſten Eichenſtamme, 


Glich dem ſchwerſten Eiſenſteine, 
Und er ſchwankt' nicht von der Stelle. 
Wechſelsweiſe hoben ſte ſich, 
Schwenkten ſich empor vom Grunde, 

Stampften ſich ſodann mit Krachen 
Auf und ab zur Erde wieder; 
Und wie Koͤus Donnerrollen 
Schütterten die weiten Felder, 
Bebten alle Felſenriffe, 
Schäumten auf die Meeresfluthen. . 
Doch der liſt'ge Sohn des Aalen 
Wußte wohl fih zu bewähren ; 
Bie die Schlange oben gleitend, 
Bie ein Aal von unten ſchluͤpfend 
Wich er,aus den Höllenfäuften. 
Buß und Ferſen ſtark gebogen ' 
Stemmt er an mit allen Kräften; 
Aber alle feine Stärke 
Drohr’ zulegt fhon zu ermüden. - 
Doch der Mutter Schatten: [hante 
Baden Blick's des Sohns Ermatten, 
Nahm den Wockenſtock zu Handen, 
33 


469 


410 


100 


Seunghaler Geleng. 


Schwenkl' ihn zehnmal woht im Kreife 
Ueber’ Haupt im Wirbeldechen, 

Und warf krachend ihn zu Boden ; 
Borbild war’s dem Kalewiden. 

Und der Harfe Sohn tes Aalen 
Wußte glei der Mutter Meinung 
Sich verfländig ansındeuten, 
Fuß’ den Feind am Weadenbande, 
Hörmeralten an dem Kriequirl, 
Hob ihn danı mit Windeseile 
Bie den Wocfſtock in die Höhe, 
Drehr‘ ihn zehnmal wohl im Kreiſe 
Bie ein Bündel Werg den Alten, 
Worf ihn mit gemalt'gem Schwunge 
Klatſchend nieder an den Boden. 
Stemmt’ die Knie ihm auf die Bruft dann, ° 
Faß Die Gurgel mit den Käuflen, 
Sucht' den Alten zu erwürgen ; 
Griff nach feinem Gurt am Leibe, 
Um den Böfen feſt zu fchnüren. 
Und er fchleppte den Beflogtem 
An dem Strang’ zur Eiſenlammer, 
Schlug die Züße ihm in Zeflel, 
Legte ihn in Keitenbaude 
So an Füßen wie an Händen, 
Band fodann die dritte Feflel 
Reifenartig um den Hals ihm, 
Vierte Zeffel um deu Leib ihm. 
Und ex fefligte die Enden 
In die ſtarke Felſennauer, 
Roll!’ herbei dann einen Feldftein 
Wie ein Häuschen groß als Thüre, 
Und er band.ded Halſes Feſſel 
An den Stein mit ftarlen Knoten, 
Zeftigt’ fie mit Eifenklammern, 
So daß nicht aus Sub’ und Kanmer 
Schreiten fonnt der Höllenalte: 

Und der. Banle. Sohn des Kalew 





Reumgehnier Geſang. 


Wiſcht den Schweiß ſich von den Bangen 


Und hub fpottend. an zu fprechen : 

„Laß dir, armer‘ Tranerpogel, Ä 
Hähnchen — das am Kup gefeſſett —¶ 
Laß die Zeit dir lang nicht werden, 
Als Gefang'ner nun zu wachen! 

Klag' dein veid den Felſenriffen 

Und den Wäldern deinen Summer, 

Was dich drückt, den- harten Steinen - 
Und dein Unglück Stapelreihen; 


Schick dem Moosmeor deine Münfehe, ns | 


Deine Eeufjer fend’ den Dornen, . - - 

Deine Klagen dem Wachholder. 

“Unfre Schuld ift nun getilget 

Und das Krumme ift geebnet, 

Recht geſprochen hat das Schichſal, 

Hat der Kraft den Sieg verliehen.“ 

Und e8 ſprach der Hörneralte : 

„Wenn gewußt ich das doch hätte, 
Wenn voraus ich es geiehen, 

Wenn geahnt ich den Erfolg nur 

Und im Traumgeficht erblidet, 

Welch ein Schickſal auferlegt mir, 

Daß in Unglück ich geriethe, — — 

Nicht wär ich aus meiner Kammer 

Hinter'm Ofen nicht gewichen, 

Wär’ nicht deinen Spuren folgend 

Auf die Ebenen gegangen, . 

Auf die Felder zur Erforſchung. 

Zheurer Sohn des Kalewiden, 

Du Gewaltiger iur Siege! 

Jauchze doch wicht vor dem Abend, - ' 

Rühm' das Tageswerk micht früher 

Eh? die Sonm’ zu Rüfte gehend 

In der Dämm'rung niederrollte. 

Gluͤckesei hat zarte. Schaale, 

Zähe ift das Herz des Unglücks. 
Bor dem Abend Inn das Unheil 


33* 


471 


110 


120 


419 


140 





478 


10° 


160 


170 


189 


Krungehnter Belang. 


Schufa noch: Gefahren drohen. 
Hab’ Erbarmen, lieber. Bruder, 
Laß die Schuld mitt Gold mich tilgen 
Und mit Siblderſchatten decken.“ 
Als der Starke dies. vermehrte, 
Sing der Alte au zu fluchen, 
Dife Worte rief er fehmähend. 
Doc der wad'te Sohn des Kalew 
Wand die Schritte. nun vergnüglic 
Zu des Alten Thalerfinbe, 
Zu der goldnen Schäßelammer, 
Wo das Gold in. weiten Truhen, 
Silberhaufen aufgeſpeichert 
In Gewahrſam heimlich lagen; 
Dort begann er Geld an ſcheffeln 
Und die Silberfchäge plimdernd 
In die Säde aufzufanımeln, 
Füllt' den Sack und füllte zweie 
Füllte auch den dritten Sack noch, 
Und zum Scherze auch den vierten. 
Als er nun den fünften füllte, 
Rief ein Mäuschen aus dem Loche: 
„Raffe doch nicht lieber Bruder, 
Tollen Sinn's im Uebermaaße! 
Lange Wege hat der Wanderer, 
Schwer find Laſten für den Träger.“ 
Wohl verftand’s der Sohn des Kalew, 
Nicht den fünften Sad: mehr füllt er, 
Barf ihn auf den Rand der Tonne. . 
Baud die andern Dun zu Paaren 
Mit der Deffnung an einander, 
Um bequem fie auf der Schulter, 
Auf dem Naden fortutragen. 
Groß nicht waren dieſe Säcke, 


Aber Tlein auch. nicht zu nennen; 


Wohl der Tonnen dreie mochte, 
Sehfe Rig’iher Scheffelmaaße | 
Leder von den Säden halten, — ee 


Neunzehnter Gefang: 


Und der Kalewide Ind mwun ' 
Bon den vollgefühten Saͤcken 
Ein Paar auf die verhte Schulter ::.' 
Und das zweite.auf ‚die Linde, 

Laſten für die Sehuiterblätter, 
Und begann nun heimwaͤrts wandernd 
Seine Schritte fchnell zu. fördern... 

Donnernd Fracht’ die Eifenbrüde 
Und die Strebebalken dröhnten, 

Und der Ede Steine wichen 
Bon des Kalewiden. Goldlaſt. 

Nun begann die Höflenalte . - 
Hinter'm Ofen an zu: belfern, 
Hinter'm Keſſel an zu kläffen 
Und aus weitem Maul zu fluchrn: 


„Mög’it du — mög’ du ! — dich verwünſch' ich! 


Mög du auf!dem Wege fterben ! 
Auf der Fläche gleich erftiden, 

In dem Erlenhain verenden, 

In dem Birkenhain zerfallen, 
Hinter'm Jamne gleich erfalten ; 

An des Weges. Nand gerinuen, 
Hinter'm Buſche mögR du modern, 
In dem Waldesfampf verfaulen, 
Auf dem Wiefenmaß verfäuern; 
In dem Didichte vernafen, 


In dem Moso des Moore TESTER | 


Mög’ dein Leib zu Köder werden 
Und zu gutem Fraß Für Wölfe, - 
Schnabelfpeife für die Raben, 
Sreflen für des Waldes Welpen !« 
Doch der flarfe Sohn des Kalew, 
Ungefällt von ſolchem Fluche, 
Wandert hin die ſchweren Wege 
Mit den Schritten emſig rudernd, 
Ob die Goldesiaft den Naden, 
Silber gleich die Schulter dDrüdte, 
Als er fo ein Städ geſchritten, 


190 


210 





47% 


Wenmgehnter Ocſand. 


Unterweltenpfad geeilet, a a 
Nach dem Rand der Lichtwelt⸗Seite, 
Gab er Zeit fih auszuruhen 
Und den müden Leib zu flärken. 
Ob er Stunden lang gefhtummert... 
Dder einen Tag geichlafen, | 
Wut’ er felber kaum zu ſagen, 
Konnt es nicht Durch Zeichen wiſſen. 
Hemmniß hatte..nicht, noch Unheil, 
Keine Fefieln der Verfuchung . . 
Starker Sohn des Kalewiden 
Auf dem Hoͤllenweg erfahren. 
Mittlerweile drang ein Leuchten 
Aus der Oberwelt hernieder, 
Sept’ der dunklen Racht ein Ende 
Und zerfiseut die Finfternifle. 
Und der flarfe Sohn des Kalen 
Acchzte unter goldnen Laften, . 
Hitze röthete die Wangen, 
Lieb den Schweiß nom Kopfhaar fließen, 
Bracht den ganzen Leib zum dampfen ' 
Und mit trod’ner Zunge lechzend 
Blies hervor ex heißen Athem. 
Doch der theure Sohn des Ale 
Liebevoll des Freundes harrend 
Saß allein am Rand der Tiefe, 
An dem Schlund des Höllenrachens, 
Dort wo Kalew dreiften Schrittes 
In die Unterwelt gefliegen. 
Alew harrt mit Xiebesforgen, . 
Harrt am Abend und um Morgen, 
Dffnen Aug’s bei nächt’ger Kühle. 
Wie ein Jahr erfchien die Zeit ihm, 
Da er in Gedanken weilte; 
Denn es konnt der Freund ein Unheil 
Schon den Zod gefunden haben. 
Einft, als ſpaͤt der Tag ſich meigte 
Schallte gleich ald wie von weiten 








Rennzehnter Brfany 415 


Des Gewalt’gen Gang erdeöhnend 
In das Ohr des. Aewiden ; 
Aus der Tiefe kam ein Raſſeln, 
Aus dem Grunde klaugen Schritte. : .. - 280 
Alew überlegt die Sache, 
Lauſchend dem gehörten Lauten Ze. 
Schaut er fpäßend in die .Ziefe, - 
Ob des Stalewiden. Aufgang, 
Sein Erftehn wär. zu erfunden. . 
Bon der Dämm'rung war die wacht fon 
An den Arm des Thau's ‚geleitet, 
Da erft tritt der Kalewide 
Auf den Rand der Lichtwelt nieder : - 
Wirft zu Boden Säcke Goldes 2700 
Silberfäde von den Schultern, 
Stredt ſich felber anf die Flaͤche 
Rüdenjehnen auszuruhen, 
Müden Körper auszudehnen. 
Alews lieber Sohn begann num | 
Waſſer fchnell herbei zu tragen — 
Zur Erfriſchung, Zungenneßze 
Für des Schatzes theuren Träger. 
Und der Sohn des Kalews fragte: 
„Offenbar' mir, theurer Bruder, 20 
Ob ich lange fort gemefen, 
Lang’ verweilt im Neid der Schatten? .. . 
Und der teure Sohn des Alew 
Kündet ihm den Bang der Dinge, 
Daß die Wand’rung zu vollenden. 
Wohl drei Wochen hingegangen. 
Und des Kalew Sohn. begaun nun : 
„Nicht vermochte das zu wiſſen 
Eine Seele der Kebend’gen, ze 
Noch ein Sinn es auszudenken, j 290 
Nicht der Klügfte zu berechnen. 
Dort find feine Zahlenpfoiten, 
Keine Kunde flieht am Himmel, ur 
Um zu meflen Tageslänge, 


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300 


310 


320 


330 


VNermehuter: Geſang. 


Nächte Dauer zu berechnen. 
Sonne fehlt dem Tag der Hoͤlle 
Und der Nacht fehlt Mondestenchten, 
Sternenlos if} dort der Dimme, 
In dem Erlhain ift kein Bogel, 
Nirgends hört man Kukkuls Kunde ; 
Rod des Nebels fehlt dem Mafen 
Und des Thaues [höre Feuchte,‘ 
Die ald Nachts und Tagesgrenzen 
Dem Erfnäher Kunde gaͤben.“ 


Und er findet nun -ausfühtlih: 


Wie es unten ihm ergangen, 
Bie er fuͤnffach Hinderniſſe, 
Sechefach Feſſeln hatt? gefunden, 
Die den Gang ihm aufgehalten; 
Wie zuletzt im Siegeskampfe 

Er den Böfen hatt? gebunden 
Und mit Kettenlaft gefeffelt. -. 

Alew fhlacdhter einen Ochſen, 
Tödtete den Waldesbollen, a 
Der nody nie im Joch gewefen, 
Sieben Sommer nit den Pflug ſah, 
Nicht in zehn die Exde fürchte, 
Früher wollte man den Bollen 
Jaͤhrlich zu den Feſten fangen, 

Zrieb ihn anf den Hof alljährlic 
Wollte ihn (zum Feſte) ſchlachten 
Und den großen Bollen tödten, 

Und dem Stier das Keben nehmen. 
Zaufend hielten ihn am Nacken, 
Hundert Männer an den Hörnern, 
Zehne an des Stieres Glocken, 
‚Siebzig an dem Schweif des Bollen. 
Keinen Mann in unfern Landen, 
Keinen Starten im der Fremde 

Hand man ihn vor's Hanpt zu ſchlagen 
Und den Ochfen zu.detäuben, - 

Und den großen Stier zu tödten« 


r 
+ 








Doch des Alewiden Liebling 
- Tödtete den großen Ochſen, 
Schwang fi auf des Stieres Raden, 
Packte feſt ihn an-den Hörnern; 
Und nun ſchlug das Beil gewaltig, 
Hieb die Ayt aufs Haupt hernmieder, 
Kigelt ihm am Hals das Meſſe. 
Hundert Zonnen fammeln Blut fi, 
Zaufend Faß ergab. au Fleiſch fih. ": 
Und die beiden flarfen Maͤnner 
Schickten fih zur Abendmahlzeit, 
Ihre Leibeskraft zn Märkten. 
Und der ſtarke Sohn des Kalew 
züllte feinen Bau zum Berften, 
Und der Leib ſchwol mie ein Haufen; 
Legt' ſich nieder auf den Rafen, 
Daß das Brod die Knochen -fülle, 
Doch der junge Sohn des Alan 
Sept fi) auf des Goldes Säde, 
Auf der Silberfäde Bipfel, 
Um die Schäße zu bewachen, 
Daß kein Räuber kim fie plündern' 
Und kein Dieb um fie zu fehlen, ... 
Dieb mit langen Fingern nahte. 
Und der ſtarke Sohn des Kalten _ 
Ruhte aus vom Höllenärger, 
Bon der großen Kampfermüdung, 
Bon dem Drud des ſchweten Schaßes, 
Ruht die Nacht und einen. Tag no, 
Zweiten Tag im Schooß des Schlummers, 
Dritten bis zum hohen Morgen. 
Meilenweit erſchallt fein Schnarchen, 
Schallt das Rauſchen feines Mhmens, 
Wie wenn Pferdes⸗Huf Gepolter, 
Wie ein Heeresdzug auf Brücken; 
Und die Raſendecke zittert, 
Und fo Baum als Buſch bewegt fich. 
Am des dritten Tages Mitte 


47 


Temyiekr: Ofen 


Eilien anf den Bes die Mümmer, 
Und der theure Sohn 6 Au 
Rahm cin Gädtpen auf den Waden, 
Drei behielt der Aalenide. 


Bieles ſchuf der Sehn des Aalen 
Jeht na feinem GHöllengange, 
Manches Gute unferm Lande, 
Grändel er zu Aber Rupen; 
Selber ſaß in Lindanifa 
Er mit feinen Gtreitgensfien. 

Diew hatf‘, der Gtädteweifer, 
Drei der Städte noch erbanet, 
Eine nach des Nitlags Seite, 

Und die andre gegen Abend, 

Und die dritte unter'm Frühroth; 
Bo die Alten Schut erhielten 

Und die Breife Ruhefkätten. 

Und der Sohn des Kalewiden 

Hatte einen Sad mit Golde 

Zu drei Städten ausgebraudst ſchon; 
Drei noch lagen in der Kammer, 
Die beſtimmt für andre Werke. 

Ale Freunde wuu zufammen 
Daten jept den Sohn des Kalew: 
„Nimm den Berbefeng, o Bruder, 
Steck Gefhhenke in die Gäde, _ 
Liebesgaben in die Kober, 

Geh’ nad Kungla um zu freien, 

Um ein Beib dir ausjuwäblen. 
Kungla heget Hanfeshühner, 

Hat der ſchoͤnen Jungfraun viere, 
Laßt und gehn die Bögel fangen 
Und fie fammen von der Wieſe, 
Schlingen ftellen in den Exihain. 
Kunglas Zungfrau’n weben —— 
Birken goldenes Gewebe, 

Schaffen Zeug and Silberfaͤden, 


Glaͤtten es mit Beidenglange, ...  ..1 1. 


Flechten rothe Schmuckgewiade.⸗ 


Kalews Sohn verfiaud die Rede — 


Und hub ſpottend an zu ſprechen: 
„Laßt und eine Stadt erbauen,  - 
Rings herum die Wähle ‚gießen, . 
Sreierfammern laßt ums ſchmücken, 
Seidenbetten laßt mm&-ordue, - - 


Bau’n die Stadt wir Doch aus Blumchen 


Und aus Faulhaum hohe Thürme, 
Und aus Ahorn, rings die Wähle; 
Stuben dein ans Kichelnäflen, 
Kammern dann aus: Hühnereiern, 

Daß wenn fie von weitem kaͤmen 
Fremde flaunend ftehen bleiben, . 

Die Verſtändgen überlegen 

Und die Weiſen es begreifen: 


Weshalb Kalew ſolche Stadt baut, 


Solche Waͤlle er gegoſſen? 
Kalew baut ein Freudenſtaͤdtchen 
Und errichtet Freierkammern. 
Hat ein Bett aus Gold gegoſſen, 
Hat ein ſeidnes Bett gebunden. 
Koͤnntet ihr hinein doch ſchluͤpfen 
Und die Luſt von innen ſchauen! 
Drin aus Seiden iſt's geflochten, 
Silberborten ſind getrieben, 
Sammet find die Ränder alle, 
Dreifah rings mit Gold gewirlet 
Und mit Nüffen rings befhlagen, .. 
Aepfelförmig ausgefchmüdet ; 
Zwiſchen bligen Kirſchbaumzweige, 
In der Mitte Edelſteine! — 

„Laßt ein Roß uns jept beſorgen 
Und ein Reitpferd koͤſtlich pflegen, 
Einen Sattelträger füttern, 
Braunen Wallach ſorgſam hüten. 
Vor den andern führt's zum Grafen, 


43 


410 





470 


mennzehnter Veſangz. 


Bor dem Fruͤhroth anf die Wiſe, 
Ganz zuerſt zum Quell zur Tednte, 
Bor dem Tage auf den: Feldtain. 
Füttert heimlich auf das Neitroß, - 
Scheffel gebt ihm vor der Helle, 
Maaße um die Morgenröthe, 
Doppelmaage ihm am Morgen, 
Reichlich Scheffel dann zu Mittag. 
Pflegt es einen Mond und zweie, 
Pflegt es noch den dritten Monat, 
Eine Woche dann vom vierten; : 
Dann ifl’8 Zeit das Pferd zu zäumen 
Und den Schimmel einzufpannen :- 
Dann befahr ich Yreierpfade, 

Eile auf die Jungfernſtege, 

Zu der Perlenhälschen Kammern, 
Zu der Haubenköpfhen Stuben. 
Morgenthau legt an den Pelz ſich, 
Auf den neuen Rod der Nebel, 
Negentropfen auf den Leibrock, 
Hagelkoͤrner auf Den Kttel. 


. Dann geht Kalew auf die Freie‘ 


Sich ein junges Weib zu bolen.“ 


Kalews Sohn, der’ vielgefchägte, 
Saß gefellt bei feinen Freunden, 
Jubelklang erfchallt vom Zöfche, 
Lautes Scherzen amd der Kammer; 
Rings im Kreife gingen Kannen, 
Methgeſchirr in Männer Händen. 
Jubelnd jauchzten die Gefellen, 
Warfen weihend auf den Eftrich 
Weißen Schaum, die Becher fentend, 
DOpfergabe Hanfes Beiftern, 

Für die mächtigen Beichtemer, 

Friſche Brühe ward getragen 

Auf des Ukko Stein zum Opfer. - 
Hintertm Tiſche ſaß ein Sänger, 








8 


Neungehater Seſeng. 


Harfenfpieler in der Mitte, - 
Ließ ein Lied. bes Borzeit: fliegen: 


„Fünf im Feld aus alter Borzeit, 


Sechs in Gold im. TZannenhaine, 
Sieben Heimliches im Mosſe, 
Aber acht find’8 in der Haide: 
Worte wand ich mir aus allen, 
Sammelte mir. alte Gage ; 

So vernahm ich die Berfündung, 
Holt mir SitberrDffenbarung. 


„Vogel Siuro, Taares Toter, 


Vogel Siuro, blaugeflügeit, 
Seidenſchillernden Gefieders, 


Ward nicht durch des Vaters Bülen, 


Ohne Mutterbrüten wuchs es, 
Wider feiner Schweitern Bänfee, 
Wider feiner Brüder Willen. 
Ohne Neftchen war der Bagel,; 
Schwalbe ohne Brüteftätte, 

Bo den Flaum ed wechſeln konnte, 
Slüggefedern bluwoll bilden. 

Ulfo aber forgte weiße 

Und der alte Bater ſchenlte 
Seiner Tochter Windesflͤgel, 
Windesſchwinger, Wolkentiuger, 
Für die Tochter hinzugleiten, 

In die Weite hinzufchweben. 


Vogel Siuro, Taaras Tochter, 


Vogel Siuro, blaugeſtedert, 
Schwebte lange glitt zur Ferne, 
Schwebte fliegend gegen WMittag, 
Kehrte ſeitab dann jum Rorden, 
Schwebte über drei der Welten: 


Eine Welt war die der Iungfraun, 


Dann die Welt der Lockenkoͤpfchen, 
Endlih lall'uder Kinder Heimath 
Kleiner Kinder Pflegefkätte. 


Vogel Siwrn ſtreckt die Flͤgel 


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488 


auagehutes Getang: 
Dehnte aus den Seibenfittig, 
Schwebte gleitend mmierm Himmel 
Nahe ſchon zur Burg der Sonne, 
Zu des Mondes. fidhter Halle, 
Zu der Heinen Kupferpforte. 

Bogel Siuro ſtreckt die Zlägel 
Dehnte aus den ‚Seidenfittig, 
Schwebte lang und glitt zur Ferne, 
Kehrt' am Abend dann zur Helmath; 
Und der Vater fragt die Tochter: 
„Bo bift gleitend du geflogen, 

Bo bift ferne du gemeien, 
Was erblidt dein Marderange ?- 

Siure, die's verftand, entgegnet, 
Gab zur Antwort unerſchrocken: 
„Bo ich gleitend hingeflogen, 

Ließ ich Flitter niederfallen; 

Wo ich ſchwebend mid gewendet, 
Ließ ich feidne Federn fliegen; 

Wo die Flügel ich gefchüttelt,. 
Streut ih aus dem Schweife Spubien. 
Was mein Marderaug geſehen, | 
Gaͤbe ficbenfache Sagen, 1 
Acht verſchiednes zu erzaͤhlen, 

Zange ging ich Donnerwege, 
Regenbogens Kieſelbahnen, 

Zängs des Hagels ſchweren Pfaden, 
Lange ging.ich leishten Sinnes, 
Schwebte forglos in die Weite 

Bis ih auffand Drei der Welten; 
Eine Welt war. die: der Jungfraun, 
Dann die Welt der Lodenföpfe, 
Endlich Talln’der Finder Heimath, 
Kleiner Kinder Pflegeftätte. 

Dort erblüheten die Schönen, 
Wuchſen ſchlank Die. Seidentöpfhen.“ - 

„Bas du hörte, das verfünde, . 
Was du fpähteR, laß uns ſchanen 9“ 





Nemgchnier Mehesg. 


„Bas. ich börte, goldner Ahne, 
Bas ich ſah, o Heber Bater?,.  - 
Zungfrau'n Scherze hab gehört ich, 
Scherze hört ih md Betrübniß, 
Nederein der Lokenköpfchen 
Und der Windelfinder Winuern. 


Barum wohl die Jungfrann (bean, PR 


Lockenkoͤpf'ge Pflegekinder. 
Ganz allein und einfam wohnten, - 
Ohne Brüteringen wuchfen ? 
Fragte man an allen Orten. 
Hat der Ahn nicht Sternenfnaben, - 
Sternenfnaben oder andre, _ . 
Um die Jungfraun zu erlöfen, 
Lockenköpfchen zu erfunden 7” 

Zaara merkt e8 und erwidert: 
„liege Tochter, gleite Tochter, 


Schwebe Tochter hin zum Mit, 


Gleite ſchlüpfend gegen Abend, 
Seitab fchwebe daun zum Norden, 
Schlüpfe dort vor Uftes Thäre, 
Bor der Abendmutier Schwelle, 
"Zu dem Rain von Rordensmutter; ; 
Forſche dort nach Freierknaben, 
Nah Erloͤſern für die Mägdlein.- 
Kalews Sohn, der vielberühmte, 
Saß gefellt: bei feinen Freunden, 
Jubelklang erſchallt vom Tiſche, 
Lautes Scherzen aus der Kammer; 
Rings im Kreiſe gingen Kannen, 
Metbgefhirr’ in Männer. Händen. 
Jubelnd jauchztem. die Geſellen. 
Und der junge Sohn des Alew 
Ließ ein Lied der Luft erſchalen: 
„Netzt die Gurgel euch, ihr Goldwen, 
Weiht den Schaum den Hauäbefchirmern ; 
Trinket Meth, ihr jungen Doänner, 
Zeeret aus die vollen Kannen, : 


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Reunsehuker Befang. 


Daß fein Tropfen bleib am Boden, 
Nicht des Thaues Nah im Beer! 
Auf Das Feld bin mit den Meifen ! 


- Kannenbretter in den: Etlwald, 


Handgriff? zu den Eberefhen! — 
Bo die Reifen ich geworfen, 

Da entſtanden große Eichen; 

Wo die Bretter ic) zerftrente, 

Dort erwuchfen welie Gichen; 

Wo der Handgriff hingeworfen, 
Dort am Plap entfkanden Wellen ;' 
Bo ein Tropfen hingefallen, 

Laſſe ich die Meerflush .fwiehen 

Und die weiten Wegen glänzen. 
Was wohl wählt dort ans dem Meere? 
Meer entwadyien And zwei Bäume, 
Apfelbaum des Glücks der Kine, 
Und der Weisheit Eich‘ der Andre; 
Und auf jedem AR ein Eichhorn, 
Auf den Blättern Bingevögel, 


Sn der Mitte Adlerhorſte, 


An der Wurzel floſſen Quellen, 

An dem Ufer fpichten Fiſche, 
Großer Dorfche ſchwarzer Rüden, 
Breite Brachſe, ſtirngeftreiſet; 
Weiber kommen zum Vergnügen, 
Stehn im Meer bis zu den Waden, 
Halb in Wellen blonde Koͤpfe 

Und im Fiſchlaich Lockeuldpfe, 


Was nun fiſchen jene Maͤdchen ? 


Pas erangeln dort die Theuren? 
Fiſch, der fing die Fiſcherinnen 
Und der Lachs. Die Lockenköpichen, 
Waſſer nahm den jungen. Bruder, 
Wellen braten Tod dem Kinde. 

„Suchen ging ich meinen Bruder, 
Um den Jungen meint die Mutter. 
In die Wellen ging:ich offen, 


Meunzehnier Geſaug. 


In den Fiſchlaich bis zum Halſe, 
An die tiefen Gruben trat ich. 
Mas entdeckt ich in den Wellen? 
Fand em Schwerdt dort in den Wellen, 
Blankes Eifen in den Wogen. | 
Als das Schwerdt ich fallen wollte, 
Rief die Schwefter von dem Ufer : 
„Komm nad) Haufe, lieber Bruder, 
Komm nad Haufe, eile, eile! - 
Auf dem Zodtbett liegt deu. Bater 
Und die Mutter iſt im Sterben, 
Und der Bruder im Berfcheiden, 
Auf das Stroh Hob man die Schmweſter, 
Legt’ das Mädchen auf die Diele.“ 
Weinend wandte? ich mich nach Haufe, 
Klagend eilte ih zur Heimatb. 
„Ah du Lägnerinn, Du Leichtſtun, 
Trägerinn der Doppelzunge! 
In der Embe ſitßzt der Vater, 
Mit dem Bierkrug in den Händen; 
Seidenfchäfchen fiheert die. Mutter, 
Goldne Scheere in den Händen; 
Schweſter knetet Hefenbroͤdtchen, 
Mit dem Silberreif am Finger; 
Auf dem Brachfeld pflügt der Bruber, 
Kiuda zieht mit krummem Rücken, 
Kiuda pflügt gebognen Rückens, 
Walli zieht, der Kopf ihm zittert. 
Kinda holte Schillingsſtücke, 
Altes Gold und alte Thaler 
Bälzte Walli aus den Schollen, 
Eine Mebe voller Schilling’ 
Und ein Sceffel after BRünzen, 
Eine Tonne voll mit Thalern.“ 
Kalens Sohn, der vielberühmte,. 

Saß gefellt bei feinen Freunden, 
Jubelklang erfchallt vom Tiſche, 
Lautes Scherzen ans der Kammer, 

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710 


Nenngchnier Gelaus. 


Rings im Kreiſe gingen Kamwen, 
Methgefhirr in Männer Händen, 


Jubelnd jauchzten. die Geſellen. 


Saulews Sohn, der hübſche Knabe, 
Kieß ein jubelnd Lied erfhallen: 
„Hopfen, ftoger Zweig des Strauchts, 
Mit den Trauben hübſch gewunden, 
Wenn er ringelt in die Höhe, 

Zieht er dehnend feine Ranken, 
Um die Stange ‚feine Schlingen. 
Seid behende, junge Männer, 

Ihn zu fammeln an den Stangen 
Und zu.pflüden feine Trauben ; 
Laßt ihn trocknen auf der Darre, 
Stapelt an Die Riegenwand ihn; 
Dorther jhwilt er bis zum Steflel, 
Drängt fich grade in die. Toumg, 
Kriecht ins Bier im halben. Zafle ; 
Stiehlt Verſtand aus Männerfönfen, 
Halb den. Sinn ans Weiherkoͤpfen, 
Und betrügt feibſt junge Mädchen. 

„Als mein Liebling war gegangen, 

Bruder auf die. Fre? gefahren, 

Ging er über meite Ebnen, 

Wanderte durch Haideflaͤcher. 

Ihm begegneten vier, Bräutchen, 

Vier geſchmückte Lockenkopichen; 

Und der Freier that. die Frage: 
„Barum auf fo ferne Fluren 

Seid ihr, Mägdlein, hergefommen Tu 
Und die Maͤgdlein, die's verſtanden, 
Gaben ſolches gleich. zur Antwert: 
„Sn die Stadt hin gehn wir Vögien, 
In die VBorftadt geha wir Liehen, 

Hin zum Marlkte gehn wir Daudchen, 
Auf die Gaſſe wir Verwegunon. 
Auf dem Feſte ſchmͤhten einmal : 
Knaben uns die belden Bräutchen, 








Weungehnier. Befang, 


Böfe Zungen gehn im Dorfe, 
Diele Lügner im Gebiete; 
Diefe find’, die und beſchimpfen 
Und die arnıen Täybchen: iüemäßen. R 4 
„Und die Mägdlein woht ih fmgm. «-.: 
Und den Kindern Schlingen fielen: 
„Zeige den Geficht, o Jungfrau, 
Und den Saum der Wangentöthe!“ 
Eitigft flogen fort die Mädchen, 
Flogen über weite Flächen 
Schnellen Schrittes fie zum: Dorfe. 
Ich beſchleunigr meine Schritie, 
Lief mit angeſtrengter Ferſe; 
An der Pforte blicht hinein ich 
Lauert durch der: Wände Mitzen! > 
Sah die Kurzgefüßten ſchlummernd, — — — 
Doch bei ſolchem Anblick fühlte ER: 
Ich mein Herz gefihwind erfalten, . . 
Und im Binterfroft. erftarzen, + - 
„Hopfen, ftolzes Zweig des Strauches, 
Der in Trauben hübſch geonnden, - 
Hüpfe nicht in Mädgentöpfe ! . 2 
Biſt gefaͤhelich Für die Jangfraun, 
Und dem Jubel folgt die Thräne.“ 
Kalews Sohn, der: vielberähmte, . 
Saß gefellt bei ſeinen Sreunden, 2 
Jubelklang eridmilt-vom Tifiche,. . ..: : = 
Lautes Schurzen aus der Sammer, | 
Rings im Kreife gingen Kannen, N 
Methgeſchirr' in Männer Händen, Ä 
Jubelnd jauchzten die Gefellen ! . Se 
Nicht voraus zu fehen war e#, Ra 
Nicht durch Scharffinn zu esrnthen, er 
Und fein Aluger fount bexechnen, u: 
Was auf ihrer Scherge Fexſen J 
Für ein Unglück ſchon am⸗Mortgen 
Bor dem Frühroth ſoln erwächten. 
Unterwegd war eil ge Botſchaft, 
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Kriegesfunde nahte keuchend, 
Gtreitroff waren ſchon gefchirret, 
Braune ſchon in Baͤrenfellen, 
Sliegen bin nach Lindaniſa, 

Um dem Könige zn künden 

Bon dem Striege ſchwere Botkhaft. 

Diesfaus Grenzen ſandten Boten, 
Lettenland entfandt den zweiten 
Jenſeits Taaras Cichenhainen, 

Böfe Botſchaft zu verbreiten 
Und das Striegsgefchrei zu künden. 

Schiffe landeten in Lettland 

Bie der Hagel Eifenmänmer, 

Ueber'n Peipus andre Gchaaren 

Bon der Wenden weiten Fluren, - . 
Bon der Grenze der Poladen, 

Die das Gut zu rauben nahten 

Und den Frieden zu zerſtoͤren, 
Lebensfreude zu vernichten. 

@itet, eilet, Botenfüße, | 
Mit der böfen Mähr im Ranzen, 
Aeltften Botichaft in dem Koller: 

Kalews Sohn, der vielberühmte, 
Saß gefellt bei den Genoſſen, 
Lärm erfüllte alle Hallen, 

Und er ließ wit feohem Jauchzen 
Sol ein Iuftig Lied erſchallen: 
„Laßt uns trinfen, Brüder, trinken 
Und des Methes ESuße koften, 
Uns beraufchen in dem Hopfen, 
Laßt und jauchzen bei der Kanne, 
Bei des langen Feſtes Bechern! 
Leeren wir die Kannen alle, Ä 
Schuͤtteln wir den Schaum zu Baden, 
Schätten wir ihm auf die Diele; - 
Dann wird uns das Glück erblühen, 
Eine lieb’re ‚Zeit beginnen ! 
„In die Kirſchen mit dem Reifen ! 











NRennzehnter Geſang. 


Kannendeckel in den Birkwald, 
Brettchen in den weiten Erlwald, 
Kannenboden auf das Feld hin! 
Morgen geb ih auf fie ſuchen, 
Bor dem Frühroth nach zu ſchauen: 
Was aus Reifen in dem Kirſchen, 
Aus dem Dedel in dem Birkwald, 
Breithen in dem weiten Erlwald, 
SKannenboden auf dem Felde 
Bor der Dämmerung gewachſen, 
Bas erblüht im Fühlen Dunket? 
Reifen ward zur Kinderwiege, 
Dedel ward zur Dorfesfhaufel, 
Brettchen wurden Sängertifche, 
Boden ward zu. Seherbänten. 
Und die goldnen Dorfesdirnen, 
Perlenhaͤlschen gingen fchanfeln, 
Bingen Freudentieder fingen: 
So daß Bogen an zu wallen, 
Schiffe an zu ſchaukeln fingen. 
Stießen in die Fluth im Schiffchen, 
Um zu fingen auf den Wellen: 
Rofenkränze an die Weiden, 
Perlen bängten He an Schwaden, 
Ketten auf den langen Steinblock, 
Bänder legten auf den Sand fie, 
Zingerringe auf den Kiesgrund. 
Hechte famen aus den Fluthen, 
Schwalben famen über’ Waſſer, 
Schwarze Rüden aus dem Echlamme; 
Erbten Kränze von den Weiden, 
Erbten Perlen von den Schwaden, 
Ketten von dem langen Steinblod, 
Erbten Binder von dem Sande, 
Singerringe von dem Stiesarund. 
„Und die Mädchen riefen aͤngſtlich 
Blehendzüngig um nad Hülfe: 
„Komm zu Hülfe, Harrjens Bube, 


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Aeumehnter Gehen. 


Komm errett’ uns, Bernaus Anabe!*... 
Weder hört fie Harriend Bube, 
Noch vernahm ed Pernaus Knabe... : 
Hülfe bracht' der Felſenknabe, 
Spieler auf der Schwedenharfe: 
„Barum weint ihr, armen Mädchen? 
Warum llagt ihr fo, ihr Holden? 
„Stiegen in die Fluth im Schiffchen 
Um zu fingen auf den Wellen, 
Um zu fpielen im den Wogen; 
Perlen hängen wir auf Schwaden, 
Nofenfränze an die Weiden, .: 
Ketten auf den langen Steinblock, 
Bänder thaten auf den Sand wir, 
Fingerringe auf den Kiedgund. 
Hechte kamen au& den’ Fluthen, 
Schwalben kamen übers Waſſer, 
Schwarze Rücken aus dem Schlamme; 
Erbten Kränze von den Weiden 
Bänder von dem weiten Saude, 
Fingerringe von dem Stieögrund.« 
*» Und der Felſenknab' entgeguet, 
Spieler auf der Schwerenbarfe : 
„Weinet nicht, ihr boden Mädchen, 
Nicht betrübet euch, ihre Goldnen! 
Fangen wird man ſchon die Diebe, 
Räuber in die Feſſel ſchlagen.“ 
Und er ließ die Harfe tönen, - 
Ließ erklingen Harfenſaiten, 
Sang dazu die Liederſage: 
Wie erſchrocken horcht die Meerfiuth, - 
Zange fhauten Wolken nieder. | 
Hechte tauchten and den Fluthen, 
Schwalben famen übers Waffer, | 
Schwarzer Fiſch entkiieg dem Schlamme; - 
Alle brachten jene Zierden, 
Gaben fie den Mädchen wieder. un 
„Seine. Hand bot nun der Sänger 


Beunyegnter Grfang, 


Und er bat ein junges Mäddien:: 
„Komme, Taͤubchen, mir zu eigen, 
Jeder Tag ift und ein Feſttag, 
Jahrelange Feiertage. 
„Kann nicht kommen, Zeiſentnabe, 
Kann nicht kommen, lieber Bruder! 
Freier haben wir zu Hauſe. 
Lafl’ zum Herbit den Sommer werden, 
Dann wohl beilen Dorfeß Hunde, 
Und die Gifenhände nahen, 
Führen mit fih) Wein in Kobern. 
Bielen Dank für deine Hülfe, | 
Nimm den Dank für deine Wohltäat, 
Weiter kann ich dir nichts geben.“ * 
Als der Sohn des Kalewlden 
Jauchzend fo beim Luftgelage 
Seine Freude ließ erfchnilen, 
rat zur Halle Lapplands Weiler ; 
Und des Kalems Knie umfaſſend 
Sprach er folhe Schmeichelworte.: 
„Möge Ukko Olück Dir geben 


Und der Himmel Weisheit ſchenken —- 


Dir und deinen Bundeshrüdern ! 
Freude wallet in der Halle, . 
Beithin wogt das Lufigelage, 
Drum geftatte, daß beim Scheiden 
Ich auch freudig weiter wandıe . . 
Und den Heimathspfad betrete. — 
Sn der Rumpellammer räusıend 
Und durchfpähend alle Winkel. 
Nupte ab ich lange Zeiten, 

Bis ich mwerhofft gefunden 
Ehegeftern in dem Thurme, . 
Unterm Steingewälb der Halle 
Angelettet jene Gabe, 

Das Geſchenk, das angefihmiedet. 
Nun erlaub’ es mir gm eigen, 
Daß ich morgen Heanwärts elle». 


401 





910 


Neunzehnter Belang. 


Und des Kalewhs Sehn erwidert: 
„Weiß ich doch von keinem Stiere 
Hinter Roß und hinter Riegel! 
Angefeſſelt auch kein Hündlein! 

Keine Schaͤtze eingekerkert, 
Keinen Sklaven angeleitet. 
Drum erkläre, was im Thurme 
Unter'm Steingewoͤlb der Halle 
Du Befonderes gefunden ?« 

Warral, der’s verfiand, entgegnet : 
„Hab Gefchriebenes gefunden 
Und ein Buch im Kifendedel 
An der Kette feſtgeſchloſſen. 

Run geftatte mir das Kleinod, 
Mir die feltne Schrift zu eigen.“ 

Doch der ſtarke Sohn des Kabew 
Kannte nicht die Schrift. im Eifen, 
Wußt fi) auch. nicht gu entfinuen, 
Konnt die Sache ſich nicht deuten, 
Wie der alte weile Klemm - - 
Seines langen Lebens Tebſqaft, 
Allerweiſeſte Erfahrung 
Hatte aufbewahren laffen, 

Und Gefepe aufgezeichnet, 

Und das Recht genaw gelehret, 
So dem Könige verkündet, 

Als den Schwachen offendaret. — 
Koftbarer als Gold und Sitber 
Bar der Inhalt dDiefes Buches : 
Freier Stund der alten Zeiten 


Und der Landesſoͤhne Rechte, 


Und der ſchoͤnſte Schaß der Schwachen. 
Warrak forderte dies Kleinod 
Seiner Heimath zur Beglückung. 
Und im Rauſch des Freudenfeſtes 
Sprach der Sohn des Kalewiden? 
„Nimm die Schriften, alter Warrak, 
Zeitvertreib den Winternächten, 


Nennyehnter Belang. 


Lied darin beim. Rauepenfcheine; 
Kannft vielleicht: manch Wunderliches, 
Manches Stüdflein alter Mährchen 
In den alten Blättern finden.“ 

Sulemd Sohn ſetzt fish dawider, - 
Olews Sohn begann zu bitten: 

„Laſſ' ed doch vorher beprüfen,. 

Eh du fortgiebte, was dein Eigen! 
Kann im Ead den Ehweinebandel 
Jemand blindlings fchließen wollen ? 
Hütte wohl dein weiter Bater . 
Angetettet diefe Schriften 

Und geheimnißvoll behütet, 

Wenn nicht Vortheil draud erwüchſe 
Und nicht Nutzen ſich ergaͤbe?⸗ 

Doch der thenre Sohn des Kalew 
Achtet nicht der Freunde Warnung, 
Sondern luſtig ſang er alſo: 

»Wenn darin ˖auch Theures ſtuͤnde, 
Mancher unbelannte Rutzen, 

Müßt ich mein Verſprechen halten. 
„„Fafſſ' den Ochs an feinem Horne 
Und den Mann am Worte," heißt es !« 

Und er gab Befehl, das Büchlein - 
Gleich an Warrak auszuliefern, 

An drei Kerken angeſchloſſen 
‚ Und befeftigt mit drei Schlöffern 
Standen die geheimen Schriften. 

Doc fein Schlüffel war zu finden, 
Um die alten roft’gen Ringe 
Bon den Edhlöfiern abzutrennen. 
Warrak wußt ed, mo die Schlüffel, 
Doch der Kluge kündet's Seinem. 

Und es ſprach der Sohn des Kalew: 
„Brecht die Mauerwaͤnde nieder, 
Reißt herans die Felienfteine 
Insgeſammt mit Ring. und Miegel, 
"Die fie hallen an dee Mauer.“ 


494 


1000 


1010 


Neunzehnter Befang. 


Und der ſchwere Stein, gebrochen 
Mit dem Buche aus der Mauer — 
Ward gewälzt auf einen Wagen, 
Und ein Ochfenpaar im Soße 
Mußt die Laft des Schatzes ſchteppen. 
Alſo ſandt man ihn zum Hafen, 
Ließ ihn bringen auf die Boote, — 
Bo ſchon fruͤher Goldes Säde Da a 
Warral hatte tragen Taffen. 


® Iinterdefien ellten Boten, 
Nahten über Brüden reitend, 
Kamen zu den Thoren fliegend, 
Und der Brüde: Balfen dröhnten 
Und e6 zitierte das Stadtthor. 
Und der Sohn des Halew ftagte: . 
„Ber ift kommen angeritten, 
Daß der Brüde Balken dröhnten 
Und gezittert hat das Stadtthor? 
Und man rief der Botfchaft Träger 
In des Kalewiden Kammer, - — 
Wo ſie gleich die Kımde gaben: 
„Rudernd iſt der Krieg genahet 
Und es rollt der Feindſchaft Wagen, 
Fahnenſänge kommen gleitend 
Und der Speere Spigen glänzen, 
Scharfer Beile Schneiden drohen.‘ 
Eifenmänner fand das Meer aus 
Und in Schaaren Höllenföhne 
Unfern Frieden zu zerflören, 
Unfer Land zu unterjochen, 
gitternd flehen unfre Greiſe, 
Weiber weinen in dem Winkel 
Und in Thränen ſtehn die Maͤdchen, 
Boller Trauer find die Mütter.“ · 2 
Und e8 fragt der Sohn ded Kalew: 


„Und was thun die jungen Minnee? 


Sind denn Starte nit im Wachſen 


Neunzehnter Geſang. 495 


Und Gewaltge im Entſtehen 
Als Beſchuͤtzer für die Alten, 
Friedenbringer für Die Greiſe?“ 
Und die Boten gaben Kunde: 
„Muthlos ftehn die jungen Männer, 
Sorge drängt die Männerföhne; — - 
Mit dem Schwerdt bricht man nicht. Eifen, 1020 
Spaltet Stahl nicht mit dem Beile.« - 
Und der Sohn des Kalew fagte: 
„Nehmet Speife, lieben Brüder, 
Nept die Zungen au, ihr Tbeuien, 
Um den müden Leib zu flirten. 
Und die Männer hieß man ſchlafen 
Sännt anf Kiffen ihnen Ruhe, a 
Ließ auf feidnem Bett fie ſchlummern 
Und im Nebelbette ruhen. . . 2% 
Doch des theuren Kuleniden.. | 21030 
Auge nabte nicht der Schlummer, ar 
Keine Dede von den Brauen, 
Auf den Anger ging hinaus er 
Mißmuth an die Luft zu fragen, — 
Unbehagen auszuloöſchen. 
Zu dem Grab des Vaters ſchritt er, 
Gept fih) auf den Rand des Hügels. 
Doc das Grab giebt, feine Lante, - 
Kalmas Hügel giebt nicht Kunde. 
Klagend rollten Meereswellen, _ 4090 
Seufzend flieg des Windes Sanfen, 
Zrübe war das Kleid des Thanes, 
Thränen an deut Wollenauge. en en 
Geiſterſchatten traten warfen», 
Hoben fi) in Windes Wehen, 
Und der ftarte Sohn des Kalew 
Wandelt wehmuthsvoll zur Wohnung.“ 


10 


Zwanzigſter Geſang. 


no 


| PORN Dunkel hält die Haine; 
Rings umdedt ein Nebelfähleier 

Mit des: Schreckens bleicher Karbe 
Bilder von den goldnen Hügeln. 
Meereswellen find gebrochen 

In betrübnißvolle Falten, 


» : Und das holde Gonnettantiig 


Iſt verhüllt von Nebelwolken: 
Raufcht vielleicht ein Regenſchauer, 
Sind es Scloffen, -die da Mitren 
Nieder auf die ditren Fluren? 
Hat vielleicht das Schild des Kalen 
An die Felſen angefchlagen? 
Dder hat biutfchmeres Kämpfen 
Grimmen Mord bereits geboren? 
Singe, finge, Vogelzunge, 
Töne, töne, Silberfähnabel, 
Goldner Kuckuk, komm und künde: 
Bas dort Trübes ward gefäet, 
Was Todtbringendes geboren? 
Tiefes, Miles Thal des Todes, 
Blutbegier’ge Flur des Kampfes: 
Sammelft Taufende von Leibern 
An des Staubes Schooß zur Ruhe — 


Und zum Schlaf im Arm des Raſens! 


Theurer Sohn des Kalewiden! 
Biſt du von des Abends Flügeln 
Heut’ gekommen zu bekennen 


Zwamugſer Befang. 


Deines legten. Unglüds Nurben? - h 
Bift du bergeeilt zu bringen a 0 
Kunde aus der Zeitenmiege, 


. Deines Leidens Schinßgefänge? 


Nicht befiegt' dich Feindes Heerkraft 

Und nicht fonn® der Krieg dich: tödten, 

Doch des Kummers Kettenbande z 

Brachen vor der Zeit die Kraft dir. - 

Alter Fluch des Schmidts von Finuland 

Und die eignen Unglücksworte . 

Unbedacht dem Schwerdt geſprochen — 

Haben dir den Tod bereitet. Be a 40 
Als der fine Kalewide 

Kriegestunde hatt! vernommen, £ 

Konnt er weiter nicht mehr weilen, -. 

Nicht dus Feſtgelag' verlängern; . 

Neiten ließ er Sendebbten— 

Um den Kriegern zu bhefehlen— 

Die Gewalgen aufzufoxdern, 

Sih zum Kampfe zu beyeiten. 


Und bevor er felber aufbrach a 
Sprad er fo zum Alewiden,. ee 50 
Nedet’ er zum Sulewiden: x 
„Nicht ift Gold in feften Kammern, . y 


Silber unter'm Truhendeckel 

Bor dem Raub im Kriege ficher, 

Noch der Diebeshband unnahbar. — 

Bringt den Schap in fihre Hoͤhlen, 

Berget: ihn in Stanbeöbufen, 

Wo der Dieb ihn nicht betaften, 

Richt der Räuber kann ihn raffen. 

Wird die Sonne ſchoͤner fcheinen,  , 60 

Blüht die Zeit des Gluͤcks uns wieder: 

Dann den Schatz aus feinem Kerfer, . 

Aus dem Hügel holt das Gold man. 
In dem Kies ward eme Grube. : 7. 

Am geheimen Drt gelegen ee 

Bon den Dreien ausgegraben; — -  :.. 


70 


Boangigſter ‚Defang. 


Dort verfentte tief das Geld: man 
Und verbarg die Sulbrtſchaͤtze. 

In der Nacht: geheimen Schatten 
Sprad der Sohn des Kalewiden: 
„In des Kuſens tiefen Buſen, 
In den Grund:von dichtem Kiesſand 
SenP ich unter tiefſte Lehmſchicht 
Süßes, bitter mir erworben, 
Berge ich den Hut, den goldnen, 
Und verſteck' die Kriegesbeute, 
Die im Kampf ertungnen Gpangen 
Und im Streit erlangten Preiſe; 
Silberperl im Schmuck der Mutter 
Und die ſchweren Haksogeſchmeide, 
Alte Kreuzer, Kubelſtücke, 
Henfelmünzen,: Ränderthäler, 
Scherbengold und Scheidemäinze, 
Meines Baterd Batererbe, 
Fern geſammeltes Gepraͤge. | 

„Drei mit ſchwarzem Blute Wähler. 
Ohne jedes weiße Häärchen ! 
Drei Lebend'ge fol) du würgen: 
Schwarzen Hahn mit feaufem Kamme, 
Schwarze Kuße, oder Hundchen, 
Und der dritte fei der Schwarze 
Unterirdfhe blinde Raumwurf. 
Wenn Johannie⸗Fener ſteigen, 
Leuchte Hott des Kalewiden 
Kommt ein Mann dann mit den Schwarzen 
Um die Blutkvaft zu vergießen, | 
Hebe fih zwet Buß der Keſſel 
Eine Fauſtgroß noch darüber, 
Höre auf das Wortgemurmel 
Hinter Taaras Schloß verborgen. 
Denn des Mannes Mutter fehlte 
Ob mit Fremden oder Eignen, 
Dann foll nicht, was bier gafeit iſt, 
Ihm in feine Hände fommen! : 1" 


Awavagſter -Gefang. AM 


Nur für veiner-Mütmer Kinder, 
Schlichtem Sinne hebt der Schaß fh. — . 
Jetzt den Mund dem Stiesgrund — 
Murmelt' ar geheime Worte, 
Fluͤſterte er Zauberſpruͤche, 
Unverſtaͤndlich andern Menſchen, 110 
Unerforſchlich jedem andern u | 
Als des Städes: Pilegelinde, 
Dem als Gunft es ward gemäbret 
Und ald Vorzug zugewiefen, 
Goldnen Keſſel auszugraben 
Und verborgnen Schatz zu heben. | 
Doch der Mann ift nicht geboren, 
Noch der Glücksſohn unerſchaffen, 
Der das Gold des Kalewiden, i 
Silberblante Glückeöhente 1420 
Aus dem Hügel konnte heben, — 
Aus geheimer Hoͤhle erben. 
Als das Fruͤhroth, kaum entglommen, . 
Nöthete des Himmels Bangen, .. 
Griff zum Kriegesfhmerdie Kalew, 
Nahm den Spieß, den farfgesähnten, 
Holt den Schild. daun aus der. Kammer, 
Führte aus dem Sta das Reitroß 
Und den: Streithengſt von der Kripfe. 
Und er hieß den Sohn des Men -» 130 
Hinter ihm den Schild zu tungen; u 
Septe an die Kriegsdrommete ne f 
Und begann in's Horn gu blafen, “ 
Um von weiten Ball zu ſammeln 
Und den Kriegern zu befehlen, 
Sich zur Heeresfahrt zu rüflen, .. 
„Zuftgstnitu, Tuͤttu⸗Luttu!“ 
Aljo rief das Harn des. Kalew. 
Wald erwmedt’ es, Berg erſchredt «8 3 
Windeshauch begann zu ſchlummem, 140 
Meeresraufchen nad zu: finnen #; 
Auf den Ruf des Kalewiden. 


500 


150 


100 


170 


180 


Bfoanzlgftet Sefanz. 


Antwort gaben fle vor. Schrecken, 
Den Befehl noch weiter tragemd. 


Und der Straud von Wierland hört' os, 


Serwens Grenzen, Harrjens RR 


‚ Laͤaͤnes breite Waflerwiefen, - - %:-. 
Dernau weit im Zindenlande ; ' 


Allentaden hört’ die Stimme 


Und den Ruf hört Dorpatä Brenge. 


„Zuttus®nttu, Tuttu⸗Lnttul⸗ 
Alfo rief das Horn des Kalew, 
Wald ermedt’ ed, Berg erſchreckt' es 
Windeshaucd begann zu ſchlummern, 
Meeresraufchen nachzufinnen 
Auf den Auf des Katewiden; 
Antwort gaben fie vor Schreden, 
Den gehörten Ruf verkärfend- 
Halfen fie ihm weiter tragen. - 

Und das Bolt entfandte Krieger, 


Sie zum Todespfad geleitend, - 


Auf den Kampfpfad vorbereitend. 
Bruder badet auf dem Ofen, 
Mutter rollt ein weißes Hemde, 
Dater ruͤſtet aus: das Roͤßlein, 
Oheim ordnet an dem Sattel 


Und die Sporen putzt der Hausfeemd;, : : 


Und die Klinge fchleift ein zweiter, 

Schaͤrft fie wegend an dem Schleifſtein. 

Auf dem Hofe weint die Schweſter, 

Auf der Diele weint die Zweite, 

Die Geliebte in der Kammer. 
„Tuttu⸗Luttu, Zuttusßnttit le : 

Alfo rief das Hosm des Kalerw 

Wald erwed es, Berg erſchreckt es, 

Windeshauch begann zu fchlumimern, 

Meeresrauſchen nad) zu finnen, 

Bellen ſchreckend aufzuhorchen 

Auf den Ruf des Kalewiden. 

Antwort gaben fie vor‘ Schrecken, 


Zwanzigſter Geſang. 


Des Befehles Ruf vergroͤßernd 

Ward er weiterhin getragen. 

Und des Kalews Stimme ſchallte 

Bis auf Wierlands ferne Grenzen, 

Schallt nach Jerwen und nach Harrjen 

Und auf Läänes weite Wieſen, 

Bis zu Pernau’s Lindenbäumen, 

Allentaden hört die Stimme, 

Die zum Hain von Zaara hindrang, 

Längs den Grenzen Pleskaus tönte. 

Eilig famen nun die Krieger, 

Schnell herbei die Fahnenträger, 

Um den Pfad des Krieg's zu fhreiten 

Und den Weg des Bluts zu wandeln. 

Boten eilten bin und wieder 

Ringsherum im ganzen Lande, 

Um die Säum’gen anzutreiben. 

Und die Schwefter lehrt den Bruder: 

„Meinen theuren Bruder ſchmück ich, 

Schmücke ihn und rüfte aus ihn. 

D mein vielgeliebter Bruder ! 

Wenn du Todespfade reiteft 

Und dem Schlachtgefilde naheſt, 

Reite nicht voraus den Andern, 

Bleibe nicht zurüc als letzter, 

Denn die Erften ſchlägt man nieder 

Und die Lepten wärgt man wieder. 

Halt’ zur Mitte did des Haufens 

Nahe zu dem Fahnenträger, 

Denn die Mitte kommt nach Haufe.“ 
In ‚dem Winkel weint das Weibchen 

Und die Gattin in der Kammer: 

"Ber wird mid) mit Liebe brüten 

Mich, umarmend, Goldne nennen? 

Erlenbaum wird mid nicht tröften, 

Ahorn nicht die Schmerzen ftillen, 

Birkbaum mit der Goldnen Fofen“. 
„Tuttu⸗Luttu! ZuttnsLuthı 1“ 

35 


210 


59 


Zwanzigſter Belang. 


Alfo rief das Horn des Kalew, 
Wald erwedt es, Berg erichredt es, 
Windeshauch begann zu Ihlummern, 
Meeresraufchen nachzuſinnen 

Und die Kelfen hörten ſchreckend 
Auf den Ruf des Kalewiden. 
Antwort gaben fie vor Schreden, 
Des Befehles Ruf vergrößernd 
Ward er weiter bingetragen. 

Und es eilten nun die Strieger 
Raſtlos über weite Flächen 

Kalews Rufes Ferien folgend, 

Um dem Todesgang zu wallen. 

Und der ſtarke Sohn des Kalew 
Ritt dahin auf feinem Steeitroß, 
Sprengte hin zu Taaras Eichwald, 
Wo das Heer ſich fammeln follte ; 
Ließ fein Tuttu⸗Luttu ſchallen, 

Aus dem Horne laut erklingen: 
Daß die Schaaren nicht vom Wege, 
Männer in den Wald geriethen. 

Kluger Vogel aus dem Eihwald 
Kündete dem Kalewiden : 

„Schleife deines Schwerdtes Schärfe, 
Wetze zeitig deine Waffe, Ä 
Hänmre deines Speeres Spike, 
Wenn du gehft die Männer morden, 
Die Gewaltigen erwärgen 

In dem offnen Schlachtgetümmel". 

Und der ſtarke Sohn des Kalew 
Merkte, was der Vogel meinte: . 
Eilt zu fuchen einen Schleifftein, 
Zordert Hämmer von dem Schmibte: 
Und er fchärfte nun fein Schlachtſchwerdt, 
Weste feine gute Waffe, 

Hämmerte des Speeres Spipe. 

An des Mutterbaches Ufer 

Trafen fi) die Kriegerſchaaten 


Bmongigfier Belang. 


Auf Geheiß des Kalewiden. 
Und der Sohn des Sulew nabte 
In Geſellſchaft wieler Freunde, 
Diews Sohn wit all den Seinen. 
Dort erfchienen ſtarke Männer, 
Sammelten fih die Sewalt’gen ; 
Wierland fandt’ ein halbes Tauſend 
Und ſechshundert ſandte Oeſel, 
Siebenhundert ſchickte Finnland. 
Und der Sohn des Kalew zaͤhlte 
Und berechnet auf der Flaͤche 
Seiner Krieger Einzelihaaren, 
Streiterzahl in Schwarzen Röden. 
Als des fünften Abends Kühle 
Hatt? den Rand des Tag's geſäumet, 
Da erfhienen noch die LXehten, 
Trafen ein die NRachgeblieh’nen. 
Und der ſtarke Sohn des Kalew 
Ließ ein Lager auf der Fläche 
Bon dem Kriegeßvoll errichten, 
Ließ es einen NRafttag halten, 
Ließ es rüßen fih am zweiten; 
Doch am dritten vor dem Srühroth, 
Zeitig noch vor Tageshelle 
Eilt das Heer fih aufzumachen 
And den Ariegtpfad zu beihreiten ; 
Und vom Berge Taaras rüdend 
Schritt dad Heer nun gegen Morgen. 


Schon bei zweiten Tages Sceiden 


Loderte des Krieges Flamme 
Und es vafte das Getümmel 
Mit der Rittern, flahlgepanzert, 
Die auf Schiffen aus der Ferne, 
Bellen uns zum Unglück brachten, 
Spielend an das Ufer trugen. 

Und der flarle Sohn des Kalew 
Hüthet einen halben Tag lang 
Unermüdet, unnerdrofien 


36* 


m 


310 


Zwanjigſter Geſang. 


Sn den Reih'n der Eifenmänner. 
Schon am Morgen flel fein Streitroß 
Und es ftürzt das theure nieder 
Bon der Eifenmänner Streichen. - 

Bon den Schwähhern fielen Fenftlos 
Hunderte ins Bett des Todes, 
Und der Ritter ſchwere Streiche 
Braten ihnen graufes Sterben, 

Wo fie auf den Raden fielen, - 
Dder auf das Haupt ſich fentten.. 

Und die Streitart, blut'ges Berkzeug, 
Tödtlich treffend, niederfihmettend, 
Zraf des Sulewiden Hüfte, 

Schnitt das Fleiſch bis an den Knochen. 

Und der Bruder fanf zu Boden 

Und der Mann flürzt? auf den Rafen, 

Und das Blut, das romgleid, finthet, 

Droht fein Leben zu vernichten. | 
Eilig fam der Runenkund’ge, - 

Um dem But Die Kraft zu nehmen 

Und die Schmerzen zu befpredden : Ä 

* „Blutfirom, Blutſtrom! biſt nicht Waſſer, 

Blutſtrom, Blutſtrom, Lebenshonig! | 

Wohin geht du von der Quelle 

Und verrinnft vom Brunuenraude ? 

Schließ dich, Ader, feft zum Steine, 


» Blut gerinne du zur Ciche 


In des Steine enger Adern, 
Zaara I laß das Blut erflarren“. 
Dem Befehl gebert das Blut nicht, 
Hüfteßader nicht der Bitte! 
Und der Runeuſprecher lieg num 
Höh’re Zauberworte rubern, 
Ließ ertönen Eifenworte, 
Drüdt zu kräftiger Begegnung 
Dann die Ader mit dem Finger, - 
Wand um’d Glied dann rothe Käden, 
Hauchte blafend auf die. Wunde; — 


Zwanzigſter Gefang. 


Und er ftillte fo die. Blutung, - 
Salbe kocht der Runenfpredher 
Auserlef’ne für die Wunde 
Aus neun Kräuserart bereitet, 
Die er felber im Geheimen am 
Nachts im Kühlen, Mond befchienen 
Auf der Haide hatt! gefammelt, | 
Don der Fläche hatt? gepflüdet 30 
Und im Zannwald aufgeleien. 
That die Salbe auf die Wunde, 
Schmerzenftiller: auf den - Schaden, 
Band die Wunde dann mit Knoten 
Und umwidelt fie mit Binden. 
Und der ftarle Sohn des Kalew 
Brad) die Reih’n der Ritter nieder 
Und zerſtreut' fie anf der Flaͤche, 
Bracht des Feindes Macht zum Banken, - 
Schlug fie in die Zucht behende. 
Zodtenhaufen anf dam Schlachtfeld 
Lagen wie das Heu in Schwaden, 
Hagel gleih auf wüften Stegen, 
Lachen Blutes auf den Flächen 
Glichen Regenwafferpfuͤtzen, 
Die auf trock'nem Acker ſtehen. 
Hundertweiſ' erſchlag'ne Männer, 
Tauſend abgehau'ne Glieder. — 
Doch das biut’ge Mordgetuͤmmel 
Und der Sonne Sengefirahlen 360 
Peinigten den Kalewiden, = 
Und ermüdet war. der Sieger, 
Steif geworden war die Zunge 
Und fie trodnet an dem Gaumen 
Bon der Qual des langen Durſtes. 
Und er ging vom Schlqchgefilde 
An den See die Zunge neben. 
Als er nun fi zur Erfriſchung 
Und zur Stillung heft'gen Durftes 
Aus den Wellen Zungennegung - - | 370 


50 


Roenzigſter Gefang. 


Gurgelnd in den Leib gegoflen : 

Blieb im See Tein einz’ger Tropfen, 

Blieb im Grund nur ſchwarzer Moder. 
Unter'm Rafen num begrub man 

Um den See in langen Reiben 

Der erfchlag’nen Männer Leiber, 

Die im Kampf geblieb'nen Krieger ; 

Daß, wenn finde Regenſchauer 

Und geheimer Quellen Zufluß 

Wieder breiteten die Wogen 

In der leer geword’nen Stätte : 

Stimmen von verwandten Geiſtern 

In der Waflerwogen Rauſchen 


. In der Mittmadht flüſternd ſpraͤchen. 


Ein'ge Tage goͤnnten Ruhe 
Sich die Krieger nach der Arbeit, 
Heilten die empfang'nen Wunden, 
Sprachen Zauber über Schäden; 
Die. Gefunden ſchliffen Schwerbter, 
Wetzten wieder ihre Aezte, 
Hämmerten der Speere Gpigen, 


Schnitzelten fih neue Pfeile. 


Bei des dritten Tages Daͤmm'rung 
Lud man wieder auf die Ranzen, | 
Kriegsgeräth auf Männerrüden ; 
Dann begann man neues Wandern, 
Ging auf biufgem Pfade-weiter — 
Kalew auf den Ferſen folgend, 

Der mit feinem Waffenträger 
Ging voran als Heeresfühter. 

Zu des heifgen Fluſſes Grenzen 
Kam nad Wöhanda die Kriegsmacht; 
Kalew trug herbei jebt Steine, 

Brach im Walde Bäunte nieder, 
Allerftärkite Eichenbäume 

Und die allerbeften FZöhren. 
Diew ordnete die Brücke, 
Feftigt fie wie eine Fähre. ' 


Zwanzigſter Befang. 


Und hinüber ging die Kriegsmacht, 
Und die Strebebalfen droͤhnten 
Und die Edenfteine wichen. 
Polenſchaaren mnabfehbar 
Und Zartaren, Mordgefellen, 
Und ein Lithauifhes Faͤhnlein 
Hatten Kundfchafter geſehen 
An den Grenzen Plesfaud harten. 


Und die Schlacht begann von nen, 


Und. des Krieges Wagen rollte ; 

Und der ftarle Sohn des Kalew 

Hieb hinein nun in die Feinde, 

Trieb zur Flucht raſch die Poladen, 
Mepelt nieder die Tartaren. Ä 
Und es fraß das Schwerdt die Männer, 
Maͤht' fie nieder auf die Haide, 
Schlug herab der Polen Köpfe 

Beeren gleich auf weiter Haide, 
Schättelt fie herab wie Rüffe, 

Hagel auf die wüften Stege. 

Eine Klafter hoch bedeckten 

Todte Körper rings die Erde, 

Und fünf Spannen hoch entriefelt 
Rothes Bult dem Leichenhaufen. 

Tag's darauf zum Zodentanze 
Ging's dann hin mit den Tartaren, 
Und der ſtarke Sohn des Kalew 
Beihte von dem Heer der Feinde 
Hunderte dem Zodesfchlummer, 

Und es würgte wie ein Mörder 
Kalews Schwerdt die Feinde nieder. 

Sieben Tage eilt das Kämpfen 
Wechſelweiſ von Ort zu Drte, 

Und e8 mindert fi) die Die Heerfchanr ; 
Biele Häuptlinge des Kalew 

Lagen todt ſchon unter'm Hügel, 
Sulews Sohn fand feinen Tod Bier, 
Welkte früh in dem Gefilde. 


40 


607 


470 


Zwanzigſter Geſang. 


Kalews Sohn der ſtarke ange r 


Sammelte die Veberrefte, 

Führt den Wenden fie entgegen 

Um den Todtentang zu ſtampfen, 
Und befahl dem Alewiden 

Feindes Vorhut zu vernichten 

Und die Mitte zu zerfprengen. 
Und der Alewiden Xiebling 
Stürmte mit des Windes Saufen 
Dem Befehl des Freund's zu folgen, 
Um die Zeinde zu vernichten. 
Würgend mit dem Todesſchwerdte 
Stechend mit dem langen GSpeere, 
Mähend mit der böſen Senſe 
Tanzend mit dem Todesbeile. 

Diele ftürzten auf die Fläche 

Und verwelften auf den Fluren. 
Blutgeröthet war. Die Heide 

Und es färbten fih die Straͤucher. 


Und der ftarfe Sohn des Kalew 


That dem Würgen jetzo Einhalt, 
Ließ das Blutbad jet beenden, 
Bis er feine todten Freunde 
Unterm Rafen hatt? gebettet. 

Zu des Sulewiden Denkmal 
Häuft' man einen hohen Hügel, 
Stellte eine Todtenurne 


Steinumringt an’d End’ des Hügel; . 


Drin des Todten Staub und Aſche 
Zum Gedähtnig ward beftattet, 
An dem zweiten Tage würgte 
Zwar der Kulewide zahllos 
Don den Wenden und Zartaren, 
Aber dennoch fielen Freunde, 
Manche tapfre Eitenföhne. 
Die noch blieben, die entflohen 
Und die Furcht trieb fie von dannen. 
Olew mit dem Alewiden . 


Zeanzigfier Gefang. 


Und dem Kalew, diefe Drei nur 
Standen, eine Eifenmauer 
Feſt wie Zelfen unerfchüttert, _ 


Kräftig wie die Eihenlimme 7 


Feindesfchaaren gegenüber, . 
An des Unglüdstages Abend ; 
Und der Sonne ſcheidend Antik 
In der Abenddämm’rung Kühle 
Sandte nun den Krieg zum SORMERL) 
Endete die bkuf’ge' Arbeit. | 

Und die drei gewalt'gen Männer 
Bingen auf die flahe Eb'ne, 
Um ein Waſſer anfzufwhen,. 
Wo zu ihrer Zunge Netzung 
Aus der Fluth fie ſchoͤpfen komten. 

Und im Thale fand ein See. ſich 
Rings mit Hügelhohen Ufern, “ 
Weithin Teuchteten die Wellen 
Himmeldglanz dem Männerwege: 
Und zum Stand gehn die Gewaltgen, 
Um den Duft im. See zu fühlen: 
Und der Alewiden Erbe 
Beugte fih vom Ufer nieder, 
Aber glitt mit müdem Zuße - 
Und er flürzte in- die Fluthen 
Und verſank fogleich zur Tiefe. 
Helfend nahten gleich die andern, 
Doc fie lonnten ihren Freund nicht 
Aus des Zoded Rachen reiten ; 
Nur den flarren Körper trugen 
Sie an's Ufer auf das Trod’ne, 

Wo fie einen Hügel hänften ; 
Für den Freund zum. Schlummerbette. 
In dem hellen Sonnenfcheine 

Nur dem Aug’ des Glückes ſichtbar 
Blänzet durch die weite Woge 

Des Gewaltg'en Eiſenhaube 

Und fein Schwerdt mit dreien Schneiden, 


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Ywanzigfier Geſang. 
Die dem See zum Angedenten 


. Blieben von dem Alewiden. 


Tiefe Trauer fühlte Kalew 
Ob der lebten Unglüdsfälle 
Und des Tod's der Anverwandten. 
Keine Ruh’ am Tage fand er 
Und des Nadıts nicht Glüdesfrieden ; 
Srühroth Idfchte nicht die Klage 
Damm’rung nahm ihm nicht den Summer, 
Und der Drud der böfen Laune 
Laſtel' auf dem Kalewiden. 

Und er ließ nun Worte wallen 
Alfo zu dem Diewiden: Ä 
„Blüthen von der Zeit des Glückes, 


Blumen von dem Tag der Freude 


Sind verfehwunden von den Wieſen, 
Sind verwelfet auf den Fluren, 
Sind verloren von den Zriften, 
Miefelten dahin vom Anger, 
Stühmten von dem Faulbanm nieder, 
Wehten von dem Kirſchenbaume, 
Fielen von dem Erlenwäldchen 
Mitten in der Frühlingäwende, 
Mitten in des Brachfelds Pflugzeit, 


Eh' der Sommer noch geboren 


Und der längfte Tag erfchienen ! 
Darum hallt der Kulkkul Zrauer, 
Bogelwittwe fingt vol Kummer, 
Nachtigall verfhwund'ne Wonne. 
„Welle Eich’ auf jungen Fluren 


‚Und im Lenz vergilbte Birke, 


Zaublos im belaubten Walde — 
Steh? vermaift ich ohne Freunde, 
Arm geworden ganz an Brüdern — 
In des Kummers harten Banden. . 
Freudentage find gefchieden 

Und dem Gluck ift Abend worden. 


Zwangigſter Gefang. 


Zafle, Olew, lieber Bruder, 
Faffe du die Macht der Herrfchaft 
Und die königliche Höhe, 

Sei Beſchützer du von Wierland 
Und behüte Harrjens Fluren 
Sorgjam mit Beſchutzerhänden. 
Fliege ſchnell nach Lindaniſa 

Zu der Kalewiden Heimath, 
Sud’ der Feſtung hohe Walle 
Gleich in beſten Stand zu ſetzen; 
Baue ringsum tiefe Gräben, 
Widerſtand den tapfern Feinden, 
Schutzesſtaͤtte für die Alten, 
Eifenmauer für die Greiſe, 
Zrauerballe für die Wittwen, 
Thränenwinfel für die Jungfrau'n 
Zährenkanmer für die Mägdlein ; 
Welche jept in Kummerbanden 
Wittwen um die Freunde trauern, 
Um die Gatten weinend Hagen, - 
Die geblieben in dem Kampfe : 
Daß der Quell der Brauen nimmer, 
Thräne von den Wangen ſchwindet. 

„Aber ich muß fürder ziehen, 
Wie der Tranervogel fcheiden, 


Gleich dem Schwan zu andern Wellen, 


Wie zu fremdem Fels der Adler, 
Wie im Schilf fi) birgt die Ente: 
Möcht' ich in das Didicht flüchten, 
Stilles Schattenthal zu fuchen, 

In dem Raub der Zrauerbirke 

‚ Um Bergangenes zu lagen 

Und die Schmerzen zu berub’gen 
Und mein Unglüd zu vergeflen. 


„Sei Beherrſcher du von Wierland, 


Frieden bringe den Bewohnern, 
Snädig fei die Hand den Niedern; 
Set beglüdet als Beherrſcher, 


570 


&11 


Ziomtztefter Grfang. 


Glücklicher als. ich geweſen“. — 
Und der theu're Sohn des Kalew 

Wandte alſo fih voll Trauer 

Nah ihm weinten alle Fluren 

Und die weiten Wieſen Hagten. 

Eine Höhle fih zur Zuflucht 

Sucht' ex, eine Siedlerfkätte 

In des tiefen Waldes Mitte, 

Wo ihm nicht der Wand’rer Züge . 

-Und der Kommenden Gedränge 

Seinen Frieden flören mochten, 

Ihn von feinem: Kummer abzieb’n. 





Ats der theure Sohn des Kalew 
Sp in Kummerbanden liegend 
Manchen Tag im Wald gefchritten. 
Und das Hügelland befreien‘ 
Und durch Moosmonr war gegangen, 
Und auf Wüften war gedrungen : 
Kam er duch des Glückes Führung 
Und geheimer Wüuͤnſche Leitung 
An des Koima Stromes Ufer 
Wo er ein Berfte gefunden ; 
Wo er in der Tannen Schatten 
Und verhüllt von Fichtenbaͤumen 
Eine Hütte ſich erbaute, 
Drinnen, bei des Regens Rieſeln 
Und bei ſchwuͤler Tageshitze 
Und des Sturmwinds wildem Toben, 
Die zerſchlag'nen Glieder mochten 


- 


Eine Beile Ruhe finden. 


Dort, von Bliden unbeläfigt, 
Haufete der Kalewide 
Armem Manne gleich. zu achten, 
Lebt in Qual er feine Tage n 
Und die Unglüds ſchweren Nähte — 
Unbefchattet blieb das Auge 





‚ Und die Lider fenften we fh; °.n.  : 


Zwanzigſter Befang. 


Zange Zeiten, viele -TZage - 

Nahm er Feine Speife an ſich, 

Lebt' allein vom Wind erhalten, 

Wuchs vom Than allein geſtaͤrlet; 

Nur vom Sonnenfchein gedich’ ex, 

Ward vom Regen mild: gebadet.: | 

Wenn des Hungerd Pein Ihn nabte 

Griff er nad) der Angelenthe, 

Krebste mit der Köderflange, 

Seflelte des Stromes Fiſche, 

Nahm gefangen junge Krebſe. 
Eifenminner famen einftmals 

Bon dem Stsaude drei gegangen, 

Kamen von dem Glück geleitet 

In des Koiwa Stromes Ufer, : 

Wo der Sohn des’ Kalewiden 

Einen Zufluchtsort ſich baute; 

Und es fchmeichelten die Fremden 

Ziftig fo dem Kalewiden: 

„Theurer Sohn des Kalewiden, 

BWierlands früherer Beherrſcher! 

Komm ale Freund zu uns herüber, 

Denn in deiner Hand liegt Stärke, 

Iſt Gewalt in deiner Macht Doch; 

Weisheit ruht in unfrer Zafhe 

Und Berftand ift umfer Reichthum. 

Wenn zufammen wir nun hielten 

Und im Bruderjoche pflügten ; 

Könnte uns fein Feind befiegen, 

Könnt der Krieg und nimmer tödten. 

Gieb du nun die Macht der Herrſchaft 

Dem, der Alugheit hat zu ſchützen“. 
Und der flarfe Sohn des Kalew 

Wandte auf die fhöne Rede 

Seine Augen bin zum Fluffe, 

Seine Lider Fin zur Belle, : 

Bande den Rüden den Betrügern, 

Ohne felbft ein Wort zu fprechen.- - 


64 


700 


Deanugſter Gefang. 


Sieh’, da zeigt der Waſſerſpiegel 
Klar dem Aug? des KHalewiden 
An dem Strand das Bild der Sprechen, 
Wie fie ihre Moͤrderſchwerdter 
Nach gepflogener Berathung 
Aus den Scheiden plöglich zogen, 
Mörderifcher Weile Willens 


Hinterruͤcks ihn zu erſtechen. 


Und es fprach der Kalewide 
Diefe Hinterlift gewahrend : 
„Unverfauft ift ja das Schwerdi noch, 
Scharfes Eifen ungefchmiebet, 

Und die Hand ift nicht erwachlen, 
Zingerglieder ungeberen: 

Die den Mächt'gen meinsagleichen 
Auf fein Blut beihäd’gen .Tänaten,; 
Ahr verdammten Hoͤllenfoͤhne, 
Hinterä’ge Mordgefellen !" 

Und fo ſprechend faßt ſogleich er 
Einen lügnerifhen Fremden 
Mit den Händen an dem Helme, 
Drehte mit des Windes Saufen 
Rings herum den Stahlbededten 
Bie von Werg ein Flockenbündel; 
Saufen hob fih in den Rüften, 

Als ob Nordens Adler gornig 
Hinter wuͤſtem Rachtgefieder 

Auf des Windes Flgeln ſchritte. 

Mit der Hand nun fhättelnd warf er 


So den Hoͤllenſohn zur Erde, 


Daß er halb im Boden ſteckte. 

Drauf erfaßt? den andern Freund er 
Mit den Händen an dem Kragen 
Drebte mit des Windes Saufen 
Ringsherum den Stahlbedeckten 


Wie von Berg ein Zlodenbündd ; 


710 


Saufen bob ſich in den Lüften 
Und im weiten Walde rauſcht es, 


Imemigker Befang. 


Al ob Stürme braufend wehten 
Und die Wind’sbraut ſich erhübe, 
Hoher Tannen Gipfel ſchaukelnd 
Und die ſchlanken Föhren beugend, 
Mit den flarken Eichen tangend. 


Mit der Hand un fchleulernd warf er 


Diefen Zweiten an der Grde 
Dis zur Wange in den Boden. 


Und nun faßt? den deitten Hund er 


Mit den Händen an dem Rüden, 
Drehte mit des Windes Saufen 
Ringsherum den Stablbedeckten 
Wie von Berg ein Flodenbündel ; 
Saufen bob fih in den Lüften 
Und im weiten Walde raufcht e8 
Und die weiten Bogen brauften 
Und es knattert läͤngs den Wollen, 
Als ob auf der Eifenbrüde 

Mit dem fupferrädertn Wagen 
Pilker felbft der Alte rollte, 

Als ob Aike zornig drohte. 

Mit den Händen ſchlenkernd warf er 
Nun den Dritten an den Boden 
Und begrub ihn ganz in Erde. 
Eine Deffnung nur im Rafen 
Dlieb und gab vom dritten Kunde. 


Abermals erſchien ein Tluger, 
Keder, lügneriſcher Bube, 
Und verſucht' den Kalewiden. 
Ausgefandt vom Stande war er 
Bon den Rittern Handels halber. 

Als er nun auf liſt'ge Weiſe 
Zängre Zeit geredet hatte, 
Honigzungig hatt? gefchmeichelt, 
Gab der Kalewide Antwort: 


„Barum, Männchen, ſoll'n die Zeit wir 


So mit Plauderei’dn verlieren ! 


516 


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Ss gwamgigſter Giſang. 


Knurrend fängt der Magen an mir 
Seine Leere zu verfünden. & 
750 Gebe hin zum Fluſſesufer, 
Zieh’ heraus Die Kodrrſtange, 
Schaue nad, ob rrichlich Krebſe 
Mit den: Scheeren an ſich bangen ? 
Wenn ich erft den Magen fühte, -- 
Wil ich dir auf deine Fragen 
Beſſeren Beſcheid ertheilen. 
Und zum Fluſſes Ufer ging nun 
Schweren Schritt's der Eifenrittet 
| Nach dem Krebsgang auszufchanen 
760 Und den Spieß heraus zu nehmen. 
Närrifcheres hörte. Niemand, 
Droligeres fah man wiemals 
Als fih hier dem Ange zeigte. : 
Salem mit gemalt’gen Händen 
Hatt? die allerlängfte Fähre 
Sammt der Wurzel ausgerifien, 
Brauchte fie ala Koͤderſtange, 
Steckt' das Stödchen in das Waſſet. 
Und dem ſchwachen Elfenmanne 
770 Sehlte Kraft die lange Foͤhre 
Aus dem Wellen. zu bewegen: 
Dder gar heraus zum ziehen. - 
Und der Kalewide felber 
Ging zu ſchau'n nach der Verzög’rung,. 
Bas den Schritt des fremden Mannes - 
Unverfehns gefeflelt Bielte. \ 
Als zum Ufer er getreten, 
Hob empor mit einer Hand er 
Aus dem Fluß die Köderftange, 
790 Bob den Wipfel aus den Wellen 
Dreimal höher als ein Zuder. 
Sieh! was hängt dort an dem Spieße ? 
An dem Spieß hängt eine Mähre, 
“ Eines RKeitpferds todter Köryer, 
Rur die Haut war abgezogen. 











Zwanzigſter Belang. 


Und der ftarfe Sohn des Kalew 
Hub nun fpottend an zu fprechen : 
„Beh? nad) Haufe, gutes Männchen, 
Eile ſchnell es zu verkünden, 

Was du von dem Mann gefchauet 
Und von feiner Kraft erkannt haſt. 
MWeit’res Merkmal fchau im Raſen: 
And’re deutlichere Zeugen 

Bon des Kalewiden Stärke, 

Seiner neu'ſten Händearbeit. 

Bis zur Bruft erfäuft iſt Eimer, 

Bis zur Wange hier der. Aud’re, 
Stirnbegraben liegt der Dritte, 

Hat die Grube bier gegraben 

Als ein Denkmal der Beftattung. — 
Mächtiger bin ich an Kräften, 
Meberlegen Euch an Stärke, 
Ueberragend Eud an Länge; 

Sole That taugt nicht zum Dienen, 
Solide Größe nicht zum Knechte, 
Solche Länge nicht zum Sklaven, 
Solche Kraft will keinen Herren, 
Lieber will allein ich leben 

Nach der Weife eines Armen, - 

Als mich dem Befehle beugen 

Unter eines Andern Herrſchaft; 
Denn des Kalew's ftarten Hals wird 
Nie ein Strang darnieder halten, 
Wund des SHaven Koch nicht drücken 


Ale diefe Späherfahrten, 

Diefer Fremden laͤſt'ges Kommen, 
Dieß Befchreiten leerer Bfade 
Regte Zorn dem Kalewiden. _ 
Bon der Sorgenlaft gedrüdet 
Sing er fohlendern in dem Walde, 
Seinen Mißmuth auszumettern, 
Wo nicht Ferſen je gewandelt, 


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Siwanpigfter Belang. 


Zehen nie gerollt zuvor noch. 

Als er feinen Mißmuth Fühlend 
Einen Zag und zwei gewandelt, 
Und dazu den dritten Tag noch 
Durch den Urwald war gegangen, 
Da gelangt er weiter ſchweifend 
Zu des Peipus Seegeftaden 
Die er anf dem Pfad des Glüdes 
Früher oftmals hat betreten ; 

Doch dem Auge feines Kummers 


Schienen unbelaunt die Ufer. 


Und nun immer weiter dringend 

Zrat der Sohn des SKalewiden 

An des Käpajögi Ufer, 

Bo er auf der Fahrt nah Pleskau 

In der Zeit des Blüthenglüdes 

Den geraubten Biutgefellen, 

In den Schlaf das Schwerdt gefungen, 

Zum Beftrafen für den Zräger 

Und zum Unheil für den Bringer. 
Theurer Sohn des Stalewiden, 

Wiſſen konnteſt du's voraus nicht, 

Ueberlegend es nicht deuten, 


Nicht im Traumgeſicht erkennen, 


Und es nicht im Schlafe ahnen: 
Wie dem Schwerdte ward geheißen 
Durch den Fluch vom Schmidt von Finnland, 
Des Verfertigers Verwünſchung, 
Dir den ſchnellen Tod zu geben, 
Blut'gen Lohn dir zu bereiten! 
Riefſt du nicht beim Frendengange, 
Sangft fo fröhlich in die Wellen 
Und befhworft das Wogenbette, 
Riefft zur Tiefe Bannesworte : 
„Wenn dereinft auf Zufalldwegen : 
Der die Zerfe in die Zluth fenkt, 
Der vorher Dich ſelbſt getragen, 
Dann, mein Schwerdt, Du mir befreundet, 





Ziwanzigiier Befang. 


Brich ihm beide Beine nieder.“ 

Was dem Schwerdte war geheißen, 
Das war zugedacht dem Zaub’rer, 
Sollt’ das Schwerdt dem biutig lohnen, 
Der e8 felber mit der Diebshand 
Hatt? in's Waſſer hingetragen. 

Doch des Schwerdted Weberlegung 
Hatt' der Fluch des Schmidts vemwirret. 

Als der Sohn des Kalewiden 
An den Fluß die Ferſe fentte, 
Ueberlegt das Schwerdt Gedanken, 

Legt die Meinung ſo zurecht ſich: 

„Trug der Mann nicht ſelbſt mich früher? 
Ging ich ihm doch an der Seite). 

Kam nicht jept die Zeit Der Rache?“ 

Und vom Fluche angetrieben 
Brad das mörderiihe Schwerdt nun 
Kalew's beide Unterfchentel, 

Schnitt herab ihn beide Füße, 
Riß fie fort bis zu den Knien. 

Und der ftarfe Sohn des Kalew, 
Don dem Todesſchmerz getrieben, 
Schrie laut auf in Todesnöthen, 

Rief nah Hülfe, und zum Ufer 
Kroch er auf den Händen mühfam, 
GStürzte nieder auf die Fläche 

Und aufs Feld ergoß das Blut fid. 

Ob die Füße gleih im Fluffe 
Bis zum Knie hin abgerifien, 

Dedt der Leib doch des Gewalt'gen 
Einen ganzen Morgen Laudes. 

Das Gefchrei des Salewiden, 
Cein gewalt’ged Hülferufen, 

Seined Todes Schmerzendlante 
Schwollen an bis in die Wolfen, 
Hoben ſich von dort noch höher, 
Stiegen bis zur Himmelswölbung 
An des hoben Vaters Halle. 

36 * 


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gwanzigſter Geſang. 


Das Geſchrei des Kalewiden, 
Seiner Qual erpreßte Laute 
Schallen ſtets noch unauslöſchlich, 
Dauern fort noch unaufhoͤrlich 
In dem Ohr der Eſtenſoͤhne 
Und der Eftentöchter Herzen! 

Und noch hunderte von Jahren 

Werden ſie die Sage fünden, 

Bis des Raſens grüne Dede 

Letztem Sproß der Runenfänger, 
Voͤgelchen mit gold’nem Schnabel 

Einft im Tod den Mund wird ſchließen. 

Himmlifche Genoflen Tamen, 
Um den Bruder zu befuchen, 
Kamen feinen Schmerz zu flillen 


Und die bitt're Noth zu löfchen, 


Legten Balfam auf die Wunden, 
Schmerzenslind’rung auf den Schaden. 
Doch der Tod trat aus. den Wunden 
Und das Blut befiegt den Starken, 
Macht verweilen Jugendfriſche. 
Kalew kämpft' in Todesbanden, 
Kenchte athmeud noch gewaltig, 
Und vom Blute, das geronnen, 
Möthet fich die weite Fläche. 
Starr und kalt ift ſchon der Koͤrper 
Und es fohweigt-des Blutes Fliegen, 
Und des Herzens Schläge floden, 
Doch das Aug’ des Kalewiden 
Slänzet noch umd leuchtet helle 
Hingewandt zu Zaaras Halle, 
Zu des hohen Ahnen Kammer. 
Seine Staub entrüdte Seele 
Hob fi) freudig wie ein Vogel 
Weiten Fluges in die Wolfen, 
Schwang empor fih in den Himmel. _ 
Und ein Leib, der ganz volllonmen, 
Hüllt' des Kalewiden Seele, 








Zwanzigſter Befang. 


Und beim Spiel der tapfern Sieger, 
Bei der Ew'gen Feftgelage 
Jauchzte er nun Glüdestage, 
Koftete ein führes Dafein, 
Ruhte aus von Staubes Kummer. 
Und am Fenerfcheine faß er 
Mitten unter Taaras Starken. 
Auf die Hand geftüßt die Wange 
Horcht den LKiedern er der Sänger, 
Die von feinen tapfern Thaten 
Und Begebenheiten feltfam, 
Wundern in der Welt verrichtet 
Bei dem Feuerfcheine fangen, 
Kündeten mit gold’ner Zunge. 


Und Nltvater, Selberweifer, 
Zühlte wohl des Kummerd Schwere. 
Und fein Haupt zur Ruh’ zu legen 
Diele Nächte nicht vermocht er; 

In Gedanken lange weilt er: 

Was er dem gewalt’gen Manne 
Für ein Amt im Himmel gäbe, 
Welche Arbeit ihm vertraue. 

Taaras Sproß im Staubesftande 
Als er noch auf Erden weilte, 
Hatte Thaten viel verrichtet 
Und Gewaltiges vollendet, 

In der Schlacht befiegt die Feinde 
Und den Höllenheren gefefjelt. 

Solch ein Starker durft nicht feiern, 
Konnt’ nicht ohne Arbeit bleiben 
Und im Himmel müffig weilen. 

Und Altvater, Selberweifer, 
Nief herbei des Haufes Söhne 
Um geheimen Rath zu pflegen, 
Weile Pläne auszufiunen, 

Zaaras bimmlifche Genoffen - 
Sagen alle nın beifamwen 


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622 


1000 


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Awansigfter Befang. 


In der tiefgeheinten Halle, 

In der Ede der Berathung, 
Und fie uͤberſannen ruhlos 
Diele Tage, viele Nüchte 

Im Geheimen, unermüdet: 
Welche Arbeit nun im Himmel 
Man dem Katewiden gäbe. 

Taaras himmliſche Genoſſen 
Dachten alle eines Sinnes 
Und fie wurden endlich einig: 
Daß der ftarfe Sohn des Kalew 
Waͤchter fei im Schattenreiche 
Und die Unterwelt behüten 
Und das Thor bewachen fellte. 
Den Gehörnten auch bedräuen, 
Duß aus Banden und aus Feffeln 
Der Gefell nicht weichen möge. 

Himmelwärts aus flarrem Leibe 
Flog die Seele wie die Taube, 
Aber dort ward ihr geboten 
In den falten Leib zu fehren 
Neue Wohnftatt zu bereiten. 

Und der Leib des Kalewiden 
Nichtete empor fih mähfam 
Bon dem Haupt bis zu den Knien ; 
Doch die Füße in dem Flufſe 
Und die abgehau'nen Schenfel 
Kounte nicht die Macht der Götter, 
Nicht die hohe Weisheit Taaras - 
An den Körper wieder fügen. 

Und man fest’ den SKalewiden 
Mittlingd auf ein weißes Reitroß, 
Sandt' ihn auf geheimen Wegen 
Zu des Höllenreiches Grenzen, 
Um die Thore zu bewachen, 

Den Gehörnten zu bedräuen, 
Daß aus Banden und aus Feſſeln 
Der Geſell nicht weichen möge, 


Zwanzigſter Geſang. 


Als der ſtarke Sohn des Kalew 
Zu dem Felſenthor gelangt war 
Bor die Thür des Schattenreiches, 
Rief von oben eine Stimme: 
„Sthlage mit der Fauſt den Felfen !« 
Und die ſchwere Hand erbebend 
Schlug er mit der Kauft den Zelfen, 
Daß fie fvaltend tief hineindrang : 
Und die Rechte blieb gefüngen. 

Dort auf feinem Roſſe reitet 
Heute noch der Kalewide 
Handgefeffelt an dem Zellen, 

Und bewacht am Höllenthore, 
And’rer Fefleln, felbft gefeflelt. 

Höllengeifter ſuchen emfiq 
Doppelt angebranntes Kienholz, 

Um die Ketten zu zerbrödeln, 
Um die Feſſeln zu zerreißen, 
Deren Ringe um die Yul’eit 
Schrumpfen ein zu Häärchendide. 
Aber ruft der Hahn im Zrühroth 
Bon des alten Vaters Thoren 
Um das Jul'feſt anzufünden : 
Werden jener Kette Glieder 

Ale plößlich wieder dicker. 

Kalew's Sohn verſucht die Rechte 
Mit Gewalt von Zeit zu Zeiten 
Aus der FZelfenwand zu reißen, 

Und mit Schütteln und mit Rütteln 
Macht den Boden er erbeben 

Und die Hügel zitternd ſchwanken, 
Und das Meer fängt an zu ſchäumen; 
Dod ihn Hält die Hand von Mana: 
Daß der Wächter nicht vom Thore, 
Der Beſchützer nicht entweiche. 

Einmal wird die Zeit beginnen, 
Wo die Spühne von zwei Ceiten 
In gewaltigen Flammen brennen, 
Und die offnen Gluthen fchmelzen 
Daun die Hand auch von dem Zelfen. 
Dann fehrt Kalem auf die Erde, 
Geinen Volle Glück zu bringen, 
Eine neue Zeit der Eften. 





1020 


1040 


1006 


623 


Anmerkungen. 


Anruf. 


1) Ranemuinens, des Geſangesvaters, Pflegetochter Jutta fand, 
über ihres Geliebten Endel Hinfcheiden trauernd, in Tem nah ihm 
benannten Gndla = See ihren Tod. Ihr Geift birigirt die Reife ter 
anfommenden und abziehenden Bugvögel und wird bidmweilen in der 
Johannisnacht geweihten Augen in den aufiteigenden Nebeln des 
See's fidtbar. 


2) Der Kucuk fpielt die Role eines Leichen and Trauervogels. 
Sein ominöfes Rufen im Frühling, zum erſtenmal gehört, beſtimmt 
die Bahl der nod übrigen Lebensjahre, während feine Annäherung an 
die Wohnſtätten als fichere Todesbotſchaft gilt. Selbſt fein Erſchei⸗ 
nen im Traum fol benorfiehenden Schmerz und Kummer andeuten, . 
Wenn er im Früblingsconcert und anderweitig futdne kaͤgu (goldner 
Kuckuk) genannt oder angerebet wird, fo will man damit nicht ſowohl 
feine Verehtung für ihn ausdrücken, als vielmehr an ſchmeicheln und 
ſeine Gunſt zu gewinnen ſuchen. 


Zum Verſtaͤndniß. 

9 
geweſe 
haua 
thum, 
haua! 
niſche 
wana iſa, abs rinen die Ernten und die Fruchtbarkeit befhügenden 
Bott verehrt zu haben. uch beichügte Ufo mit feinem Fittig oder 
ta feinem Schooße (Weines - mit. ülm bezeichnet) die in Den a 
ten Schlummernden., — 


_ 


b26 


I} 


2.69. Aaw, die @spe, Heißt auch warga puu, Diebs⸗ 
baum. Es ſoll der Sage nach einſt ein arger Dieb, als er in der 
Klemme war und zu Kreuz kroch, von ſchützenden Göttern in die 
Espe verwautelt worden fein. Das hörbare Bittern der Blätter such 
beim geringften Lufthauche giebt ein Bild Davon, wie der Arme bei 
der Enttedung feiner Uebelthat gezittert und gebebt Hat. 

V. 102. Kile mar eine Gewittergottheit, denn Aikeſe wihm 
und Hilefe pilwed werden noch heutiges Tages Gewitterregen und 
Gemitterwolfen genaunt. Dem Donnergotte, Kön, Pilne, Pils 
fer, wird eine Armbruft zur Waffe gegeben, vermitielft deren er feine 
Pfeile abſchießt. Bisweilen fchlägt er aber auch raud nuiaga (mit 
eiferner Keule) auf die böfen Geiſter los. Nach Eaftren bieß Ukko 
bei den Lappen Aija, Aije, Xijele Eetzteres Diminitivum von 
Aife), verwandt mit dem Finniſchen Aija, Großvater. Vergl. 

über die Fimiſche Mythologie p. 47 seqq. 
fi p. 12 segq. 

E us iſt eine Geiſterſtimme im Walde, die der - 
ner am fliflen Abenden beflagt. Vergl. Boec⸗ 


ter gegenwärtig vorkommenden Benennung 
)e, möchte ih m dem Zauts, mie er fi in 
Volksliedern erhalten Hat, einen Beherrfcher der Eeuchen erfennen. 
V. 218. Hallifad in Verbindung mit mets find Waldnixen, 
mi weſi Waſſernixen. Die: jungen Züchter ‚der exfteren fommen ge 
wöhnlih in Schaaren vor, mährend die eigentliche Waflerjungfras, 
nat, nar einzeln erfcheint. Die Embachſsnixe war früher baufig 
fichtbar. Diekteicht Haben die Mufenföhne Dorpat's fie eingejchlichtert, 
daß fie jept zurüchaltender geworden iſt. 
B. 263. Jaani-lin iſt eine alte Eſteuburg tief im Walde 
und von Moräften umgeben iunerhalb des Gränzen bes Gutes Poll 
im Rijfifhen Kirchipiel. Ich habe fie im Jahre 1819 beſucht. 


Geſang 1. 


D. 15. Wiker, nah Gfögren mit Piker, dem Dounerer, 
identiih. Wilerlane und Wikerlaſe poeg wird nicht jelten als 
ehreuder Beiname von Helden gebraucht. 

Zuule ema, Windesmutter, Beherrfcherin der Winde. 
Tuule ema uutab, vergl. Voecler p. 147. Die wintefundigen 
Bauberer, die Wintfahrer, die mit Stürmen und Wirbelwinden reilen, 
heißen tuule ema poead, Eöhne der Windesmutter, fonft au 
tünlestargad, die Windwelfen, die Windekundigen. 
6. Kalewallas, von Kalewald, das Heimathelond 
der Riefen. 
V. 90. Bone kothas, des Rotdens Kar, haͤufig in Sagen und 
Liedern vorfommend, wird als eine unheilbringende. böſe Macht. gedacht 


687 


B. 126. Die Wiekſchen Een ruͤhmen fi Heutiged Tages noch: 
meie oleme ema poolt Kalemwi poea fugnlafed, wie find 
von mütterliher Eeite ber mit dem Kalewsſohn verwandt. Darand. 
fießt man, wie beitimmt die Meinung im Volke wiirzelt, daß die 
Mutter unferes Helden in der Wiek ihre Heimath hatte. 

V. 170. Sula neitfi, mwörtlid die flüffige Iungftan, mis 
Libe meitfi, die glatte Jungfrau, können im weit bervorgeluchten 
mythologiſchen Sinne als Beherſcherinnen oder Pertonificntionen des 
Wafſfers und des Gifed, des Plüffigen und des Etarsen, aufgefoßt 
werden. 

2. 341. Muru eit, die Rofenmutter, eine Schuggöttin des. 
Saufes, deren Obhut befonters der Hofraum und Garten anvertraut 
war. Ihre Töchter, muru eide tütred, Dürfen nicht mit metia 
piigad, Waldfungfrauen, verwechſelt werden, melde. Leßtere Ten 
Mets⸗hallijas, ven Waſſernix, zum Vater hatten. 

2. 499. Kungla funingas, der König von Kungla, von 
deſſen Reichthum und Edägen in Sagen und Liedern viel Aufhebens 
gemacht wird, ſcheint ein Mächtiger Ted Rordens gewelen zu fein; 
ob in der Wirklichkeit, oder bloß in einem fabelhaften Eldorado, das 
läßt fih nicht mit Sicherheit beitimmen. Ju einem Liete wird er 
fpecied als Infelfönig angeführt. Vergl. Mythiſche und magijche 
Lieder p. 30. 

DB. 843. Daß die nach kurz vorher ald Freier aufgeführten 
Sonne und Mond jest als Oheim und Bater der. Linda 
auftreten, gehört wieder einmal zu den räthſelhaften Wunderlichkeiten 
und Inconfeguenzen, zu denen der Eſtniſche Sunger fi Hinreißen läßt. 
Vielleicht fol Dadurd die höhere Abitammung der dem Birfhuhngei 
Gntfproifenen angedeutet werden, mobei man freilich wieder nicht bes 
greift, in welchem Sinne die Birken Brüder und Bettern der Linda 
genannt worden. 


Geſang U. 


V. 26. Der an eines ſtarken Mannes Bruft gelegte Säug- 
ling fol bejonders ftarf werden. Vergl. Boecler p. 54. 

V. 66. Diefer-Rame (Sohni) unferes Helden findet fi in 
den von Dr. Fählmann aufgezeichneten Eagenbrugftüden ; im Munde 
des Volkes if er mir nie vorgefommen, 

V. 136. Tühi und wana Tühi, wörtlih: der Leere, dev 
alte Leere, Nichtsbedentende, ift eine Bezeichnung Ted Böfen, nämlich 
bed perfonificirten Böen, des chriſtlichen Tenfels. Vergl. Mythiſche 
and magiſche Lieder der Eſten, p. 88. Das Wechſeln der Schuhe 
Schwangerer findet fi in Boecler p. 46. 

V. 218. Eit panz fdle fündemaie, die Mutter ließ die 
Spange rudern, war eine dem Arpu⸗löma verwandte Wahrſagerei. Ging 
Bruffpange wird .an einem Zwirnfaden enfgehangt und in freifende 


628 


Bewegung gefegt. Während ber langſamer werdenden Bewegung 
jtellt man Die Frage, deren Beantwortung man wünſcht und die ents 
weder bejahend oder verneineud verlangt wird. Hoͤrt nad) der geſtell⸗ 
ten Frage die Bewegung auf, fo ift die Antwort eine verneimende, 
Dauert fie noch fort, eine bejahende. Des Erlenkäfers Flug prädicirt 
einen günftigen @rfolg, fobald er nad Süden gerichtet ift, nach Nor: 
den gerichtet einen ungünftigen. 

V. 295. Targad, Heilkünſtler, Bauberer und Weile, werben 
je nad ihrer Macht in verſchiedene Klaſſen getheilt. Ihre Reihen⸗ 
folge iſt hier im Original unrichtig zuſammengeſtellt. Auf der un⸗ 
5 Stufe ſtehen nämlih die Söna⸗, Soola⸗ und Tühja— 
Targad, die vermittelſt ihrer Bauberfprüche Krankheiten hindern, 
aber auch Menfhen und Vieh böjen Echabernad fpielen Fönnen. 
Ihnen folgen in der Rangordnung die Tuule⸗-Targad, die Winds 
weifen, deren oben in der Anmerkung zu V. 30 des erſten Gefanges 
bereit8 Erwaͤhnung geihehen. Eie find in Allem mächtiger, als die 
Söna⸗Targad und können mit der Schnellpoſt des Windes Lans 
ter und Meere durdfliegen. Die dritte Klafie, Mana⸗Targad, 
bilden Die Häupter der ganzen Bunft. Ihnen ift gegeben alle Macht, 
fie können jeglichen Bauber binden und löfen. Rah Caftren ift ihre 
Benennung verwandte mit der der Finnifhen Gottheit Mana. Bergl. 

27 seqg. 

u tupa, Windeägott, tritt im 
it der bei den Eften berrfchenden 
Krankheiten und Echmerjen Hei⸗ 
jl. Boecler p. 105—109. Der 
an verfchiedenen anderen Stellen 
m und Neugeborenen ſchützende 
2, 43, 53 und 104. 


V. 539. Der Bang durch die verfhiedenen Haine fteht im 

Bufammenbange mit der Vorftellung der Eſten, daß man gewöhnliche 
Schmerzen, Zahnweh und dergl., Durch Anwendung von Bauberfprüden 
in die Bäume ableiten und bannen könne. Die Schmerzen der 
freißenden Linda waren aber ganz anderer Art, fie waren natürliche 
eben, und darum balf die Hier angewandte Procedur nichts. 
V. 656. Nutumdtiad, auch lapfe raugnutajad, von 
rauguma, befänftigen, ſtillen, beſchwichtigen, wurden Weiber ges 
nennt, die ed verftanden, fchreiende Kinder mit sanmung von Zauber⸗ 
fprüchen zu beruhigen. 

V. 659. Kiſa⸗-kun, Gcreimonat, und — — 
Thraͤnenwochen, nennt man des Kindes erſtes Säuglingsalter, wo 
das Kind gewöhnlich am Tage ſchläft und in der Racht ſchreit. 

V. 727. Tamme kaswatama, die Eiche. wachſen laſſen, 
ein bekunntes Bubenſpiel, bei dem man ſich mit Kopf und Händen 
auf den Boden ſtatzt und die Beine nach oben kehrt. 





- 


629 


V. 734. Sakſa faanid, zierliche Meine Schlittchen, und 
kasſi märsſikeſed, Katzenkörbchen, ſind aus Grashalmen und 
Weidenrinde geflochtene Kinderſpielſachen. Der Kalewi⸗Knabe bedient 
ſich dazu ganzer Bänme ſammt den Wurzeln. 


Geſang VIII. 


Vers 228 ff. Am Saadjerwichen Eee, unweit Dorpat, hatten 
die Brüder wegen der Laudesherrſchaft gelooft; der vom füngften 
Bruder geworfene Stein, an dem man nod jegt die Kingereindrüde 
erfennen will, liegt unfern des Ufers. Dieſem Denkſtein wurden 
vormals häufig Opfergaben gebracht, und es war Sitte, wenn man 
über den See fuhr, einen Silberweißen (höbe walget) für den Waſſer⸗ 
geift in die Wellen fallen zu laſſen, wie unfer Held V. 620 thut. 


Bers 650. Die Furchen von dem Pfluge Kalew's treten in 
der Nähe des Saadjermihen Sees, wo ziemlich gleihmäßig fortlaus 
fende Hügelfetten enge Thäler einfchließen, befonders deutlich in's Ange. 


Ders 726. Der von unferm Helden während der Mittagsruhe 
zum Kopfkiſſen benugte Hügel iſt ein fogenannter Zinne-mäggi, etwa 
1" Werft von der Et. Katharinens Kirche bei Wejenberg entfernt. 
Die vom Haupt eingedrüdte Vertiefung ift deutlich erkennbar; aus 
dem Hügel entipringt eine vortrefflihe Quelle mit kryſtallklarem 
Waſſer, die des Helden Schweiß erzeugte. Ein @efinde am Fuße 
des Hügeld, „Mäce-otſa pere⸗, war vor vierjig Jahren weit und breit 
durch feinen ergiebigen Kirfchengarten bekannt. Dem Duell wurden 
Damals noch Opfer gebradt. 


Wenn man von diefem Gefinde nah dem Jömperſchen Dorfe 
Aruküla den Weg einfhlägt, kommt man auf die Huflpuren des in 
Spannkette gelegten Roſſes, die mit geringen Unterbrechungen mehrere 
Werſt weit auf Borfholmfhen Gebiet im Simonisſchen Kirchſpiel 
fortlaufen. Es find Gruben in faft gleihmäßig abgemefjenen Ent» 
fernungen, die in einer Reihe neben einander liegen. Dem Anjcheine 
na find e8 Ausgrabungen, von MenjchensHänden bewerfftelligt, doch 
wird es immer räthſelhaft bleiben, zu welchem Broek diefe ungehente 
Arbeit ausgeführt wurde. 

Ders 852. Laiwere heißt der Drt, wo das Pferd, von feinen 
Verfolgern eingeholt, verblutete. 

Ders 808. Makſa⸗mägi, Leberhügel, wird eine Anhöhe genannt, 
die aus des Roſſes Leber gebildet wurde. 

Vers 860 ff. Gin Meiner Moosmoraſt, unmeit. des oben ges 


nannten Dorfes Arufüla, wird als der Drt bezeichnet, wo des Roſſes 
@ingeweide verfaulten. 


Hie und da zerfireute Kleine Huͤgel heißen Kalewi poea hobuſe 


* 


kontide afemed, Spuren von den Knochen des Kalew's⸗Roſſes. 


530 


Geſang IX. 


Vers 9. Lehe wöimus wilistelema Heißt pfeifen mittelft eines 
Laubblättchens zwiſchen den Lippen. 

Vers 136. Zwiſchen dem Gefinde Mäerotia und tem Dorfe 
Aruküla liegt eine ziemliche Fläche, melde den Namen Kalewi poea 
bobufe naha afe — die Stelle, wo die Haut vom Kalew's⸗Roſſe 
gelegen — führt. 

Ders 347. Der räthielhufte Gaſt wird in einem Bruchftüde 
Ukko genannt, überhaupt die ganze Begebenheit mannigfaltig erzählt; 
bier tritt fie vor uns, wie Pleskauſche Lieder fie aufbewahrt haben. 


Gefang XI. 


Ders 14. Liunupete, liſtige Verwahrung gegen die von gewiſſen 
Bögeln zu füschtenden Nachtheile. Der unter freiem Himmeb Echlas 
fende muß unmittelbar nah tem Erwachen einen Billen Brot zu fi 
nehmen, Tamit er nicht von einem nedifchen Singvogel betrogen werde, 
Der aber nur dem noch Rüchternen etwas anhaben kann. Selbſt wer 
im Haufe die Nacht zugebradht Hat, muß, um ganz ficher zu fein, 
diefe Vorfihtsmaßregel beobachten, vorzugsweiſe im Frühling, fo lange 
der Kuckuk ruft, Dec dem Menichen am verderblidhiten if. Die Nach⸗ 
theile, die dem nicht gehörig Befiherten vom dem Kuckuk zugefügt 
werden, find mannigfaltig und uuzäplig und erſtrecken ſich über Die 


ganze Beit des Eommerd und, wenn der Betroffene fi nicht vor 


— 


dem St. Georgentage des folgenden Jahres durch gewiſſe Ceremonien 
Dagegen geſchützt hat, aud anf mehrere Jahre. Vergleiche auch Dr. 
Kreugmald, „der Eſten abergläubijhe Gebräuche u. f. w. von Boee⸗ 
ler“ pag. 85. 

Ders 96, Ueber das Anloden des Windes vergl. Dr, Kreutz⸗ 


- wald, „der Ebften ꝛe. von Boecler« pag. 105—109. 


Ders 113. Köhumwoolmed, Darmframpfe, die durch geſchicktes 
Kneten und Kueifen des Bauches bejeitigt werden. 

Ders 120. Köheru oder kidur laps, ein verfümmertes (ges 
wöhnlid ffrophulöied oder chachitiiches) Kind, Tem nur durch Bauber> 
mittel geholfen werden kaun. Vergl. Dr, Kreugwald, „Boecler“ p. 69. 

Ders 134. Nurjawötja, ein Baubrer, ter die junge Frau 
von Leiden des Heimwehes, der Giferjucht u. f. w. befreit und bie 


Schwer muth während ber Schmwangerfhaft verſcheucht. 


Vers 18. Tuuſelduſi tembutoma, nichtiges Herenmwerk treiben, 
leeren- Wind machen. 

Ders 349. Kaetisrohi, wilder Thymian. 

Vers 350. Nöiakollad, Bärlapp (Lycopodium clavatum.) 

Bers 361. Sooramarjad, Binbeere (Paris quadrifolie). 

Ders 362. Ednajalg, Farrenkraut. 

Vers 356. Nimetis ſörm, eigentlich nimeta ſorm, der nament⸗ 


loſe Finger, an welchem der Ring getragen wird. Die audern Finger 


631 


beißen pdial (Daumen), efimene (Beigefinger), keſtmine (Dittelfinger) 
und weile fürm Cder kleine Finger). 
Bers 572. Kolladilmed, Hahnenfuß (Anemone ranunculoides). 
Ders 577. Metshumur, milder Pfeffer (Asarum europaeum). 
Ders 663. Kard, eigentlih @ilenbled, dann aber auch, beious 
ders in Bolköliedern, ECiſen überhaupt. Kardue fuub, kardne wam⸗ 
mus, eiferne Rüftung, eijerner Beuſtharniſch. 


Geſang XU. 


Vers 65-180. Der Schauplatz des Kampfes, den der Sohn 
des Kalew bier zu beitehen Bat, ift in den Gränzen des Gutes Tar⸗ 
raftfer belegen, wo ſich unter dem noch gangbaren Namen Kalewipoea 
fang in einem Moraft auch der Hügel befindet, deu er fih V. 284 
u. ff. zufammenträgt. 

Ders 688—702. Der vom Helden nah dem Wolfe gewors 
fene Etein, unter dem Namen Persjesfiwi befannt, it in der Nähe 
des Dorfes ;u fehen, das man nach demielben benannt bat. Die 
Bindrüde von ten fünf Fingern an dem Steine find fo groß, daß 
in jeder Vertiefung ein Menſch fi verbergen Tann. 

Ders 710 ff. Das zum Brüdenbau erforderlihe Holz wurde 
aus dem Zellerhofihen Walde geholt. Gin Eteinhaufen am Peipus 
kennzeichnet die Stelle, an der die Brüde geftanden Bat. 


Gefang XI. . 


Ders Ab u. ff. Bei der hier angedeuteten Kur wird der Ders 
leste in der Schwitzbadſtube mit einem gefeiten Badequaft unter lautem 
Abfingen von Bauberfprüchen gequäſtet. 

Ders 72 u. ff. Diefes Bett liegt in einem Moraft in ber 
Nähe von Ludendof. Der Hügel ift nicht fo wegelmäßig geformt 
wie die andern Edlafitellen des Helden, fondern bat an der einen 
Eeite einen Ausjchnitt, als fehle ein Stück daran. Gin anderer, 
fleinerer Hügel in geringer Entfernung davon fol aud dem verlor; 
nen Eante gebildet fein, welcher durch die Lüde im Pelz riefelte, 
die Der zur Bekleidung des Igels ausgeriſſene Zappen zurückgelaſſen hatte. 

Ders 165 u. ff. Ilmajärw, Wetterſee, it ein Pleiner von 
Hügeln umfcloffener Eee, etwa 28 Werft von Dorpat, dicht an der 
Landſtraße. Nach dem Volfsglauben übertrifft er an Tiefe alle übri⸗ 
gen Gewäſſer des Landes. 

Vers 214 u. ff. Der Schauplag, den die alte Bauberfchweiter 
bier unter einem Weidenſtrauche einnimmt, iſt in der Schlucht von 
Cardis zu ſuchen. 

Ders 310 u. ff. Beim Wäggewaſchen Kruge theilt ſich bie 
Landſtraße in zwei Wege. Der eine führt nad Marien-Magdalenen, 
dee andere nad Weſenberg. Zwiſchen beiden Wegen iſt die von Wald 
umgebene Fläche belegen, wo unjer Held feine Mittageruhe hielt. 


632 : 


Vers 346 m. ff. Der Gingang in die Hoͤlle foll im Gränzs 
gebiete des Gutes Cabbal im Pilliſtferſchen Kirchipiet befindlich ge⸗ 
weſen fein. Ob dort noch jetzt Spuren davon übrig geblieben find, 
ift mir nie befannt und ſcheint auch Fähtmaun unbekannt gewefen 
zu fein, da er Deſſen nirgend Erwähnung thut. - 

Ders 950. Die Begebenheiten mit den Pflegetöchtern der Höfe 
werden verichieten erzählt. Im der hier mit Auswahl aufgenommenen 
Schilderung it Tuch Weglaſſung aller Anftöffigkeiten, an denen bie 
nachgebliebenen bezüglihen Fragmente jo überaus reih find, das De: 
corum möglichft gewohrt worden. 


Gefang XIV 


B. 30-50 hat ber Ueberfeger den Sinn mißverftanden, der 
im Deutſchen alfo lauten dürfte: 
& did, Sangedmorgenrdthe, . 
eb’ dich, tote der Strahl der Sonne 

An die Augen meines Geiſted, 

Und beieuht die alten Tage, 

Daß aus Dunflem fie erwaden 

Und aus diden Wolfen foheinen! 


Nicht enteilt dem theuren Kalew 
Freude, auf dem Strome gleitend, 
uſt, auf goldnen Bergen wallend; 
rende weilt die lange Nacht durch, 
uſtgelage dauert endlod. 
Unter Luft und frohen Spielen 
Ward die Zeit nicht lang em Zängting, 
Und es zog ber Scherz den Mägpdiein 
Scylummerdede don den Augen 
„ad, wenn doch die ı =  fehreden 
Nicht die Sonne wieder fäme!“ 
Alfo weint: ſchon manches Mädchen, 
Die entſchwund'ne Lieb bereuenb: 
Als der Kaden, fein gefponnen, 
Auf dem Webſtuhl fam zum Wirken. 


Ebenſo müßten meines Erachtens V. 174—180 getreu im 
Deutſcheu alfo wieder gegeben werden: 


Diefeb iſt ded Sartwil Alten 
Stättelein für gefedtage, 

Stube für die Zuftgelagen, 
zu Kämmerlein der Freude i 


u ruht er an der 
genieht das führe Defeln, 
Seine ® ot lichſte der Zeiten. 
V. 374. — (nicht warjuliſed) ſi ud Bewohner des 
Schattenreichs. 
V. 375. Hingede aeg, die Beit der Gerlen, wurde bei den 
a Eiten vom Winter » Solftitium beginnend 9 Tage lang 
gefeiert. 


633 


V. 379. Zöusöhtude pidud — die Feier der Jul: Abendes 
— war darım etwas anderes, ald unſer Ueberfeger duch feine van 
dem Seite aller Seelen» wieder gegeben hat. 

V. 427. Tühi, in wörtliher Bedeutung der Leere, wird bier 
und auch auderweitig ald Schwager des Earmwif angeführt, man 
ſollte dieſem nad denken, daß die infernaliihe Welt mehr wie einen 
Herrſcher gehabt haben müſſe. 

V. 487 —493. Heißt wörtlich; „Taara's Güte fehenfte uns 
unverwelfte Jugendtage, Frühlingsalter des Glüdes und dauerhafte 
Röthe auf den Wangen, fo lang als der Köcher rein,- die Echote 
unzerbrochen und des Keimes Kern noch leblos iſt.“ — Dieje bitdliche 
Daritellung von der jungfräulichen Unfchuld ift vom Ueberjeger total 
verwifcht worten. Warum? 


Was die andere Schweſter B. 496-510 fagt: „non nie ver: 
blübtem Lenze, Purpur der Wangen, Reiz der füßen Unſchuld, keuſch 
bemahrter Ehre, wenn das Herz nad Liebe dürſtet und kein Zrunf 
verftattet wird 2.0 — ach die Armen! . von allen diefen bübjchen 
Saden fommt im Eſtniſchen Driginal nichts vor. 


Die Beichreibung der Unterwelt, wie fie im diefem Geſange nad 
Liedern und Eagen zufammengeftellt ift, entfpricht den Morftellungen 
der Eſten; e3 werden dafelbft, wie im Himmel, fieben Abtheilungen, 
befondere Welten — angenommen, die nad einer gewiſſen Rang- 
ordnung fämmtlic bewohnt find. Eben fo werden die dortigen Vers - 
hältniſſe ten irdifchen ahnlich gedacht, indem ed Diftricte, Dörfer, 
Höfe ꝛc., ja ſelbſt Frohnleiſtungen der Seelen Ddajelbft giebt. Ob 
aber die heidnifchen Eiten einen doppelten Wohnfig der Berftorbenen 
fannten, das iſt zweifelhaft, Hier ſcheint der fpatere Einfluß Des 
Chriſtenthums eingemwirkt zu haben. - Rad den, einem Beritorbenen 
mitgegebenen Lieblingdgegenitänden zu urtheilen, wurde das jenfeitige 
Leben als eine Fortſetzung der irdiſchen gedacht. 


V. 73 u. weiter. Keris durch Kamin überfegt, giebt eine 
‚falsche Vorſtellung. Der Eite hat und kennt keinen Kamin in feiner 
- Bohnung, der Kerid bildet einen Theil des roh conjtruirten Zimmer: 
ofend, wo man die fehlenden Luftzüge dadurch erfegt, Daß eine Menge 
runder Eteine über das Gewölbe placirt wird, die, wein fie echigt 
werden, fpäter Wärme ausftrömen. Auc werden dieſe Steine häufig 
als Rofte zum Braten benugt, desgleihen zum Dampfbate, wenn 
Waſſer Drauf gegojien wirt. Gluthſteine oder Higheerd wäre 
für Keris entiprechender gemefen. 


B. 610. Küünelaastuft über, ein Hut aus Fingernägelfpigeln. 
Letztere fol der Teufel ſammeln, fie in ki, verwandeln, um draus 
den Wünſchelhut zu formen. Manche abergläubifche Eiten ſuchen noch 
gegenwärtig ihre abgeichnittenen Nägel forgfältig zu verbergen, Damit 


der böfe Feind fie nicht auffinde und zu feinen Zwecken verwende. 
37 


634 
Gefang XV. 


Kalewi Sohns Abenteuer mit der wallerreichen Riefentochter Ders 
396 u. folgd. fand dort Statt, wo gegenwärtig der Raudoja- Krug 
an der Piepfchen Straße ſteht. Der in die Duelleumündung gewors 
fene Stein iſt heutiges Tages in dem Hügel noch fitbar, Hinter dem 
Etein quilt Wafler hervor. 


2. 603. Die üblihen Gebräuche des Faſtens, Riederfegens der 
Spähne sc. beim Beginn eines Reubaus find ansführlicher befchrieben 
in Boecler pag. 138. 


Gefang XVI”). 


n V. 53. Wöhands Schwerdter für Kalmus, nach dem Eſtniſchen 
amen. 

- 8. 72. Achtis Sohn, kommt auch in Eſtniſchen Volksmärchen 
vor, ift offenbar die Finniihe Waflergottheit Achti. 

8. 79. Der Ilmjärw, deilen Ziefe dem Kalews⸗Sohn ver» 
borgen blieb, ift ein ganz Bleiner, zwiſchen Sügeln gelegener Se, circa 
30 Werk von Dorpat, an der Revalfchen Straße. 

2. 191. Turfa wolle manche für Norwegen halten. 

V. 203 und folgd. Daß man das Weltende am nächten in 
nördlicher Richtung finde, glauben noch heutiges Tages viele Eſten. 

B. 210. Rordfheingeifter, d. h. Rordliht, wird ale 
Wiederfhein von kämpfenden feurigen Geiftern von den Giten gedacht; 
ihr Kampf gilt als Vorbote eines Krieges. 

V. 576. Alterjunge, bildlicher Name des Böſen. 

V. 578. Funkeninſel, ohne Zweifel Island. Die heidni⸗ 
ſchen, ſeefahrenden Eſten waren ſo weit wohl nicht vorgedrungen, 
doch konnten ſie durch Normannen und andere Seefahrer Kunde 
erhalten haben. 


V. 904. Menſchen halb mit ihn: find nach dem Volks⸗ 
glauben die legten Wächter, die den Reifenden nicht geſtatten bis an's 
Eude der Welt zu gelangen. 


V. 925. Der Heerwurm, im Eſtniſchen waenu köis — Feind⸗ 
ſchaftsſtrick — von einem Zauberer in den Weg geſtellt, bringt 
alle Mat große Gefahr, der Kalewide verliert fein eroberted Roß, 
fommt aber noch mit dem Leben Davon, wie's einem minder kräftigen 
Helden gewiß nicht gelungen wäre. 


*) Die Ueberfezung der erften 15 Befänge IR tom Hm, 6, Rein- 
thal, die der 5 Ieten bom Hrn. Dr. Bertram. 


6365 


Geſang XVII. 


V. 30—35. Unter den beiten — bier als von Alew und 
Eulew gegründeten — Schupörtern find Jaanislin in Harrien (ſ. Die 
Anmerkung zur Einleitung) und Xloslin, im Luggenhuſenſchen Kirch— 
fpiel, in Allentacken, gemeint. Vergl. über legteren meine Mittheis 
lung im Inland 1838 Ep. 583. 

B. 61 u. folgd. Diefe auserlefene Schaar von Ferſenbuben 
fcheint des Königs Leibwache gebildet zu haben. 

2.64. RKranidseiland — Eftuifher Name für die 
Inſel Deiel. 

B. 196. Affamalla, ein zum Gute Borfholm geböriges 
Dorf, wird übereinftimmend in allen Sagen für den Schauplag einer 
großen Schlacht bezeichnet, wo der Kalewi poeg mit feinen Genofien 
ein feindliches Heer vernichtet. Man foll auf den Dorfsfeltern häufig 
Stüde von fleinernen Waffen beim Pflügen gefunden haben. 

8. 220 0. flgd. Nah Dr. Fählmanu's Mittheilungen follen 
in dem angeführten Meinen Moraft, in ziemlid regelmäßiger Ent- 
fernung von einander, vier Wailergruben vorkommen, welde die Eage 
als Etellen bezeichnet, wo des Roſſes Beine eingebroden find. 

V. 757. Morvdeides Toöchter. Vergl. die Anmerkung zum 
1. Sefange V. 341. Der Ueberfeger hat den @fnifchen Namen beis 
behalten, weil er dem Ohr gefälliger klingt, als die wörtlicht Ueber⸗ 

fegung im Deutihen: Raſenmutter. 


Gefang xvm. 


V. 1. Rordens Adler, auf deſſen Flügeln ter alte Kalew 
in unſer Land gelanget, ſpielt in Eſtniſchen Sagen und Märchen eine 
bedeutende Rolle. Jedenfalls ein mythiſches Geſchöpf, das in der 
Naturgeſchichte nicht exiſtirt. 


V. 22. Endlas Tochter iſt eine häufig vorkommende Be⸗ 
zeichnung für Wanemuines Pftegetochter Jutta. Vergl. Anmerkung 
1 im 1. Heft. Sie war im Beſitz eines von Ilmarinen verfertigten 
Zauberſchleiers, der die Eigenſchaft beſaß, die Ereigniſſe der Vergangen⸗ 
heit in lebhaften Bildern als Wirklichkeit dem Auge vorzuführen. 


. BS. 418 — 660. Die Schlacht auf der Höllenbrücke iſt bruch⸗ 
ſtücklich weit verbreitet unter dem Volke; fie heißt ſilla ſöda — 
» Brüdenfhlaht”. In meinen Kuabenjahren hörte ih Epifoden 
darans fingen. 


V. 652 u. folgd. Linda's, der veritorbenen Mutter, Schatten 
in der Höllen Vorhalle fcheint die Rolle eines Ecjuggeiftes zu fpielen, 
denn unfer Held erhält von ihm durch ſtumme Beichen guten Rath, 
wie er fih im Kampfe mit dem Serwik zu verhalten babe. 


636 


Geſang IR. 


B. 477 — 481. Bei Feftgelagen mußte für die Schutzgöttin 
des Haufes von Epeife und Geträuk immer etwas geopfert werden, 
um die Beichirmer in guter Laune zu erhalten. Beim Zrinfen wurde 
aus den Kannen etwas auf den Fußboden gefchüttet und von der 
aus friihem Fleiich gefochten Euppe auf den Ukko⸗Stein eine Schaale 
zum Opfer gebradt. 

B. 493. Vogel Siuro. Ueber die Bedeutang biefes ufythis 
hen Vogels ift nichts Genaueres bekannt. 


Geſang XX. 


B. 71-106. Kalew's Schaß liegt wie ter berühmte Niebe⸗ 
lungen Hort noch unendeckt, aber einmal wird das Gluͤckekind geboren 
werden, der ihn Holen fann. 

V. 240 u. folgd. Unfer Held bleibt feinem Charakter getreu, 
au Hier muß er wieder von einem Mugen Vogel daran erinnert wer: 
ten, daß es nothwendig fei, vor der Schlacht die Waffen zu fchärfen. 
Im Rappelihen Kicchipiel fol ein großer Etein unter dem Namen 
Kalewi poea luiſukiwi — „Kalewi Sohnes Echleifitein” vorkommen. 

V. 367. Der Durſtſee — fäuun färw — liegt im Grenz 
gebiet des Butes Alt» KRölig, im Kannapäh'ſchen Kirchipiel, mo der 
Held feinen Dur ſtillte. Wie er fpäter das Waſſer wieder von fid) 
gegeben Hat, iſt auf ten Rath eines Recenfenten des Manuſcripts 
ausgelaſſen. 


Kreutzwald. 





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